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Interviews

Wie zum Teufel werden eigentlich Goldene Schallplatten hergestellt?

Wir waren bei Deutschlands größter Schmiede für Goldene Schallplatten und haben uns alles über Preise und Sonderwünsche von K.I.Z, Rihanna, Kollegah und Co. erklären lassen.

von Julius Wußmann
17 Juni 2016, 12:42pm

Im Mai durften sich K.I.Z für ihre drei Alben Hahnenkampf, Urlaub fürs Gehirn und Hurra die Welt geht unter endlich drei Goldene Schallplatten ins Wohnzimmer hängen. Stolz posierten sie auf Instagram mit den edlen Rahmen, in denen die Trophäe auf rotem Samt eingebettet liegt. Ehre, wem Ehre gebührt ... Also der Band, den Produzenten, dem Management und ja, wem eigentlich noch? Wer bekommt denn eigentlich alles so eine Auszeichnung? Und wer bezahlt das eigentlich? Wie teuer wird das und vor allem: Wer zur Hölle stellt denn wie überhaupt Goldene Schallplatten her?

Da Unwissen schmerzt wie ein Nagelstich unterm Nagelbett, sind wir nach Berlin-Friedrichshain gefahren und haben die Reinsberg Werbeagentur besucht, um uns von Ronald Reinsberg und Timo Urbschat durch ihre Werkstatt führen zu lassen. Hier hängen an fast jeder Wand Schallplatten und CDs aus Gold oder Platin. Schnell stellen wir fest, dass solche Awards längst nicht so altmodisch wie die von K.I.Z daherkommen müssen, sondern so gut wie jede Form annehmen können—und sei die einer riesigen Torte für Meghan Trainors „All About That Bass“.

Noisey: Wie erhaltet ihr denn einen Auftrag, Goldene Schallplatten herzustellen?
Ronald Reinsberg:
Die Plattenfirma ruft uns an und sagt: Der Künstler XY ist Platin oder Gold gegangen—wir wollen eine Awardverleihung machen. Meist gibt es eine Veranstaltung, zu der auch Presse eingeladen wird. Dort bekommen die Künstler und alle, die am Erfolg mitgearbeitet haben, wie zum Beispiel Management, Promoter oder Medienpartner einen Award als Dankeschön überreicht.

Zu jedem Produkt gibt es ein Artwork, das meist der Ausgangspunkt für die Awardgestaltung ist. Unabhängig vom Artwork, versuchen wir bei jedem Thema eine Umsetzung zu finden, die speziell ist und zum Charakter des Produkts und des Künstlers passen. Manchmal werden die Awards aber auch einfach und puristisch gehalten, wenn es so gewünscht ist oder schnell gehen muss.

Lasst ihr eure Idee dann nochmal gegenchecken?
Ja klar, wir machen oft mehrere Vorschläge—je nachdem, was das Material hergibt. Das wird dann abgestimmt und dann gibt es natürlich noch die Budgetfrage. Erst wenn alles geklärt ist, bauen wir los. Da brauchen wir so zwei bis drei Wochen.


Timo Urbschat (links), Ronald Reinsberg (rechts) | Foto: Aljoscha Redenius

Wie viele Ausführungen gibt es dann maximal?
Das ist unterschiedlich. Bei internationalen Acts wie Madonna oder Robbie Williams bauen wir nur so drei bis fünf Exemplare. Da bekommt dann oft nur der Künstler und das Management einen. Aber bei deutschen Künstlern kann es auch mal passieren, dass es fünfzig werden. Da bekommt dann auch jeder einen, der Anteil am Erfolg hat. Und manchmal sind das eben sehr viele.
Timo Urbschat: Bei den Fanta Vier haben wir auch schon mal 120 gebaut, welche mit Vinyl und welche mit CD.
RR: Manchmal gibt es teure Awards mit goldener Vinyl und eine etwas einfachere Variante, mit einer CD—aus Budgetgründen. Dann bekommen die Künstler Vinyl und die anderen die CD.

Wenn sich also für eine Auszeichnung mit einer goldenen Schallplatte oder einer goldenen CD entschieden wird, ist das immer eine Kostenfrage?
Auch eine Geschmacksfrage. Viele finden das mit der Schallplatte cool, weil es das Original ist, „Goldene Schallplatte“ eben. Mia beispielsweise haben darauf Wert gelegt, dass das genauso aussieht wie in den Achtzigerjahren. Ganz schlicht, Schallplatte, roter Samt dahinter: fertig.
Timo: K.I.Z wollten das auch so.

Wie viel ist denn so eine reine goldene Schallplatte wert—ohne den Rahmen und so?
RR:
Ungefähr 200 €. Das ist der Herstellungspreis. Die Scheiben werden 24 Karat vergoldet.

Wird dafür die eigentliche Schallplatte einfach in Gold getaucht?
Nee, das passiert durch galvanische Beschichtung. Das wird nicht besprüht oder lackiert, sondern durch Elektronenströme setzen sich die Gold-Partikel daran fest.


Foto: Aljoscha Redenius

Ist das dann die Schallplatte, die da beschichtet wird, oder ein Metallrohling?
Wenn du Schallplatten herstellst, sind das ja Pressungen. Das dafür benötigte Original ist die „Mutter“, die aus Metall besteht. Mit so einer Mutter kannst du ca. 25.000 Vinyls pressen, danach brauchst du eine neue. Wenn in den Achtzigern Westernhagen oder Grönemeyer Gold gegangen sind, haben sie 250.000 Platten verkauft. Dann benötigten sie zehn Mütter, um die Plastikdoubles zu pressen. Diese Mütter wurden dann vergoldet. Das ist der Ursprung. Für mich ist das vom ideellen Wert her maximal: Die Mutter aller verkauften Schallplatten wird vergoldet.

Heutzutage werden zwar wieder viele Vinyls produziert—selbst für Schlageracts—, allerdings nicht in diesen riesigen Auflagen. Der Markt entwickelt sich zum Download- und Streamingmarkt, die CD sackt immer mehr ab. Vinyls werden wieder mehr, da sie bei Sammlern sehr beliebt sind, aber längst nicht so viel, dass wir daraus zehn Mütter bekommen, die wir vergolden könnten. Deswegen lassen wir extra Mütter mit einer Leerrille, also ohne Musik in der Rille, im Presswerk herstellen. Optisch sieht das aber identisch aus.

Von wegen Streaming: Gibt es da Überlegungen, auch goldene Play-Buttons zu verleihen?
RR:
(schmunzelt) Haben wir schon gemacht—für YouTube. Da gibt es den goldenen oder Platin-Play-Button.

Aber für Musik noch nicht?
Nein, noch nicht. Aber die Plays und Downloads zählen in die offizielle Statistik mit rein. 100 Streams zählen als ein Download.


Foto: Reinsberg

Wie teuer kann das denn generell werden, mit Rahmen und allem drum und dran?
Timo:
Theoretisch sind nach oben keine Grenzen gesetzt.
RR: Wir haben schon sehr aufwändige Sachen gebaut—riesige Awards für Elton John oder David Garrett.
Timo: Jüngst für André Rieu, fast in Lebensgröße.
RR: Das kann dann schon mal bis zu 2.000 Euro kosten. Aber da machen wir nicht zehn Stück von, das sind exklusive Einzelstücke. Eben ein ganz besonderes „Danke“ an den Künstler.

Die Bezahlung übernimmt dann für alle das Label?
RR:
Meistens ja, aber nicht immer. Manchmal sind es auch Produzenten, Verlage oder Autoren, die noch zusätzliche Awards haben möchten. Dann muss die Plattenfirma erst ihr OK geben, und sie bezahlen die Herstellung selbst … Es geht dabei nicht nur um die Kosten, sondern man muss es sich in der Regel auch verdient haben, einen Award zu erhalten.

Dafür gibt es die Echtheit-Zertifizierungen vom BVMI [Anm.: Bundesverband Musikindustrie]. Die Plattenfirma meldet den Gold- bzw Platinstatus beim BVMI, und wie viele Awards dazu verliehen werden sollen—nur dafür gibt uns der BVMI die Echtheits-Hologramme. Es soll möglichst keine Entwertung der Awards durch Menge stattfinden.

Aber weil du vorhin wegen dem Wert gefragt hast: Die Sony hat mal ihren Keller aufgeräumt und diverse Auszeichnungen für einen guten Zweck versteigert. Ein paar sind ganz ordentlich weggegangen—Scorpions und so—, aber Awards von DSDS-Künstlern, an die man sich nicht mehr so richtig erinnern konnte, liefen dann auch nicht so gut.


Foto: Reinsberg

Ihr stellt diese Auszeichnungen nur für den deutschen Markt her?
Hauptsächlich, aber wir hatten schon ein paar Aufträge aus England—beispielsweise für Take That und Snow Patrol für den englischen Markt. Für die Schweiz und Österreich machen wir auch viel.

Dann hat eine Musikerin wie Rihanna ja echt eine extra Halle für alle ihre Goldenen Schallplatten aus den verschiedenen Ländern.
Genau. Die Stückzahlen für eine Auszeichnung sind in jedem Land unterschiedlich und auch so, dass du, wenn du ein Superstar wie Rihanna bist, überall deine Platinplatte bekommst. In Finnland brauchst du für Gold nur 10.000 verkaufte Einheiten. Bei uns eben 100.000.
Timo: In Österreich sind es mittlerweile nur noch 7.500 Alben.

Gab es denn Zeiten, in denen weniger Auszeichnungen verliehen werden konnten, weil eben
generell weniger verkauft wurde?
RR:
Das ist recht stabil. Die letzten fünf, sechs, sieben Jahre hatten ein ähnliches Niveau, da der BVMI immer die Stückzahlen für den Gold- und Platinstatus anpasst. Seit ca. einem Jahr gibt es auch einen offiziellen Diamant-Status für eine Million verkaufte Einheiten in Deutschland.

Warum eigentlich das alles? Wofür sind diese Awards eurer Meinung nach gut?
In erster Linie ist es ein Dankeschön und ein Zeichen der Wertschätzung von der Plattenfirma an den Künstler—aber ich glaube, den größten Wert entfalten die Awards, wenn der Ruhm und das Geld verschwunden sind. Dann ist die Goldene Schallplatte an der Wand das, was von all dem bleibt. Und hoffentlich das ewige Souvenir einer guten Zeit.

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