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Was ich gelernt habe, als ich komplett nüchtern auf einem Festival war

Würde ich die Musik noch so genießen wie vorher?

von Reisa Shanaman
31 Mai 2016, 8:43am

Ein Festival ohne Alkohol und Drogen—geht das? I Foto via Flickr | Hypnotica Studios Infinite | CC BY 2.0

Nüchtern ein Musik-Festival zu verbringen, soll ja angeblich keine bahnbrechende Vorstellung sein. Einige Leute sehen es sogar—angeblich—als den Normalfall an. Ich hab niemals zu diesen Menschen gehört und ich kenne auch keinen von ihnen. Festivals bezeichnete ich gerne als "Facetivals", weil man sich gerne so sehr mit allen möglichen Alkoholika abschießt, dass man stets in Gefahr war auf die Fresse, also das face, zu fliegen. Nüchternheit war für mich so reizvoll wie eine Nacht mit High Heels in einer Mainstream-Disco mit separierten VIP-Tischen, auf denen etliche Flaschen Champagner oder Wodka stehen. Wenn ich ausging war es nicht untypisch, dass mein Finger schon komplett in irgendwelchen weißen Pulvern verschwunden war, bevor die Party überhaupt nur los ging.

Vor einiger Zeit kam ich jedoch in Konflikt mit den Gesetzeshütern, was mir keine andere Wahl ließ, als erstmal auf illegale Substanzen jedweder Art zu verzichten. Egal auf welchen Veranstaltungen. Keine Intoxikationen mehr für mich. Auch nicht auf Festivals. Selbst wenn der Gedanke dabei nüchtern sein zu müssen, massiv abschreckend war. Die Alternative wäre noch schlimmer.

Rückblickend muss ich sagen, dass diese Erfahrung nicht gänzlich unerfreulich war. Jedoch gab es definitiv Momente, in denen ich mich unwohl und frustriert gefühlt habe. Ich habe einige Lektionen durch meine Abstinenz gelernt. Und die meisten davon waren Gute. Hier sind sie:

Tolle Musik braucht keine Verstärkung durch Substanzen

Es mag albern klingen, aber ich hatte wirklich große Sorgen, dass ich die Musik nicht mehr so genießen könnte wie vorher, als diverse Substanzen durch mein Blut jagten. Ich war positiv überrascht, dass es nichtmal annähernd so weit kam. Im Gegenteil. Es war schön zu sehen, dass ich unverfälschte und aufrichtige Freude für die Musik aufbringen konnte. Auf der anderen Seite konnten mich allerdings Auftritte, die ich musikalisch einfach nicht gut fand dann auch nicht begeistern. Sie trugen nicht den Schleier des Alkohols, hinter dem sie sich verstecken konnten, wie es vorher häufig der Fall war.

Koffein statt Kokain I Foto via Flickr | Stab At Sleep | CC BY-SA 2.0

Die Reaktionen der Leute sind sehr positiv

Wann immer ich gestand, nüchtern bleiben zu wollen, gab es positive und couragierte Reaktionen, bei denen man mir zum Beispiel sofort ein Wasser anbot. Meine Freunde hörten auf mir ihre Aktivitäten fernab des gemeinsamen Feierns zu verschweigen und wollten mich während des gesamten Wochenendes dabei haben. Es gab auch ein paar wenige, die anscheinend meinten, ich würde etwas verpassen, weil ich mich nicht mehr mit ihnen abschießen konnte, aber diese Leute sind dann offensichtlich ohnehin nicht wirklich meine Freunde.

Dir wird unterstellt, du wärst drauf

Obwohl das Festival an einem Montagabend endete, hatte ich noch nicht genug. Ich musste weitertanzen. Also suchte ich am Dienstagmorgen mit einem Freund nach einer weiteren Möglichkeit um einen letzten ekstatischen Schlusspunkt zu erreichen. Wann immer ich diese Geschichte seitdem erzähle, wird mir unterstellt, dass ich auf jeden Fall irgendwelche Uppers genommen haben muss, um so lange durchzuhalten. Offensichtlich scheint es für einige Leute schwer zu glauben zu sein, dass man wirklich eine so lange Zeit enthusiastisch sein kann. Oh, und wenn du dir an die Nase fasst, ist das natürlich immer höchstgradig verdächtig!

Die Nachtzeit ist nicht die beste Zeit

Mich tagsüber bei guter Laune zu halten war sehr einfach. Mit dem Sonnenschein, der meine Haut und die Umgebung erwärmte, kam das Tanzen bei der entsprechenden Musik scheinbar von alleine. Wenn ich allerdings nachts in den rappelvollen Club des Festivals zur Prime Time stand, wurde mir auf qualvolle Weise mein nüchterner Status bewusst gemacht. Das war die größte Hürde am gesamten Wochenende.

Du wirst der Herausforderung zunehmend mehr gewachsen sein

Es gab wenige Situationen in meinem Leben, in denen ich mehr Entschlossenheit und Kraft verspürt habe, als an diesem Wochenende. Es wäre so einfach gewesen, der Versuchung nachzugeben. Aber entschlossen Nein zu sagen war für mich lohnender und befreiender. Je länger das Festival dauerte, desto mehr fand ich meinen Frieden mit meinen eigenen Restriktionen.

Das (Festival-)Leben kann nüchtern so schön sein. Foto: imago/ZUM

Adrenalin und Koffein können Wunder wirken

Koffein war das einzige erlaubte Hilfsmittel, welches mir durch das Marathon-Wochenende helfen durfte. Ich hatte vorsorglich einen größeren Lagerbestand an Mate angelegt. In Kombination mit meinen ohnehin schon hohen Adrenalin- und Aufregungshaushalt konnte ich so problemlos mit allen anderen mithalten, die nicht nüchtern blieben. Wichtiger Bonus: Keine durch Dopamin-Mangel induzierte Depression am nächsten Tag!

Es wird auf lange Sicht besser für dich sein

Natürlich kann es sehr viel Spaß machen, den wochenendlichen Spaß durch die verschiedenen Substanzen mit den Initialen K, E und wieder K oder aber LSD zu verstärken. Aber wenn du ein Festival ohne diese Substanzen als sinnlos und wertlos ansiehst, solltest du einen Schritt zurück gehen—und nachdenken. Alle Beziehungen erfordern von Zeit zu Zeit ein gewisses Tuning. Ein Festival-Wochenende nüchtern zu verbringen war für mich eine Möglichkeit, meine Verbindung mit der Musik und—noch viel wichtiger—mit mir selbst wiederherzustellen.

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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