Rudis Brille

Rudis Brille: Ein neuer Frühling in Wien—Und was passiert mit dem Hades?

Die ersten warmen Tage haben Wien erreicht und die ganze Stadt rüstet sich für den Frühling—was auch irgendwie mit einer Ruhe vor dem Sturm verglichen werden kann.
7.4.16

Foto: Sebastian Rossböck

Die ersten warmen Tage haben Wien erreicht und die ganze Stadt rüstet sich für den Frühling—was auch irgendwie mit einer Ruhe vor dem Sturm verglichen werden kann. Da werden auf Facebook Frühjahrsputze veranstaltet, weil man im Winter zu viel gefeiert hat und nun unbedingt sein Leben ändern will. Da werden aber auch große Pläne geschmiedet, drinnen wie draußen:

Wenn man dieser Tage zur Pratersauna fährt, sieht man von weitem eine Staubglocke, die auf rege Arbeiten hinweisen, die mit Spannung—auch von uns—erwartete Eröffnung der „neuen” Sauna mit dem viel größeren Garten steht an, die Facebookevents sind fertig und die Zusagen schnellen in die Höhe. Ein Phänomen des Frühlings. Apropos Facebook: Die ersten „Open Air”-Zusätze haben wieder einmal das (künstliche?) Interesse für diverse Events in fantastische Dimensionen hochgepusht. Mit all den Vor- und Nachteilen, das so etwas mit sich bringen kann.

Egal ob „unter der Brücke” oder „am Dach”—Open Air ist ein Quotenbringer. Dabei gehts am ehesten darum mit vielen Gleichgesinnten draußen zu feiern. Die letzten Jahre haben aber schmerzvoll aufgezeigt, dass die gerade bei uns alles andere als einfach sind. Entweder wird die Sache zu groß—siehe Tanz durch den Tag—und frisst sich selbst auf, oder es ist zu dilettantisch und wird schnell Opfer der Exekutive. Dem könnte nun eine findige Idee zweier junger „Kreativveranstalter” entgegen wirken, die eine App entwickelt haben, mittels derer man selbst Dinge, von groß bis klein, selber starten kann: BLOOM.

Foto: VICE Media

Bloom ist eine App, mit der jeder User spontan etwas am eigenen Standort starten kann. Man erstellt einen sogenannten „Bloom” auf einer Karte (mit einem Titel, einer Beschreibung und einer Dauer von maximal 12 Stunden), den dann alle Nutzer sehen können. Je mehr Menschen in den Radius des Blooms kommen, desto größer wird er auf der Karte angezeigt. Ein Bloom kann zum Beispiel ein Open Air, ein spontaner Flohmarkt, ein Foodtruck, eine Wasserschlacht oder eine Austellungseröffnung sein.

Foto: Sebastian Rossböck

Was nun Spontan Techno so treibt, wollte ich natürlich auch wissen und man darf auch hier seine Erwartungen freudig gießen. Es sollen einige große Events bis zum Sommer an neuen Orten stattfinden. Wo, werden wir hoffentlich an dieser Stelle zuerst erfahren.

Die Techno Sonntag-Community hatte letztes Wochenende den Scheißmirnix-Mut und hielt ihr Open Air einfach gegenüber vom Flex am Donaukanal ab—und das gar nicht so leise. Die Polizei hielt sich zurück, am Abend drehte man freiwillig ab. Hut ab vor der Aktion. Das würde ich mir von den Tel Aviv Beach-Betreibern manchmal auch wünschen. Dort ist selbst das Monitoring so leise, dass man es nicht mal mehr am Nebentisch hört. Wenn das die Vorschrift der Magistrate sein soll, dann sollte man bald auch Hundegebell oder Babygeschrei limitieren, denn das ist einfach lächerlich. Ob hier vielleicht nicht auch aus Angst—man könnte seinen eigenen Fame in der Stadt bekleckern—zu vorsichtig agiert wird, kann ich aus der Ferne schwer beurteilen. Für das Tel Aviv Beach-Opening haben jedenfalls wieder alle Schönen und Reichen zugesagt. Musik wird man wohl eher am eigenen Player hören müssen.

Foto: VICE Media

Ein anderer Club hat hingegen mit einigen Erschwernissen zu kämpfen. Das „Hades” wird im Sommer eine nicht ganz freiwillige Zwangspause einlegen müssen, denn rund um das Künstlerhaus wird heftigst renoviert, sodass ein Fortbetrieb unmöglich erscheint. Man macht nun ab 11. Juli eine Pause. Wo die Unterwelt dann weiter ihr Unwesen treiben wird, ist offen. Betreiber Thomas Thurner versicherte mir jedoch, dass es den Gott der Unterwelt in jedem Fall weiter geben wird, am selben oder an einem anderen Ort. Die „anderen” Orte suchen ja viele verzweifelt, da ja die Wiener Innenstadt mit ihren vielen Investitions- und Spekulationsobjekten derzeit wohl ein wenig an Goldgräberstimmung erinnert. Ähnlich wie Berlin übrigens, nur natürlich in viel überschaubarerem Rahmen. Es könnten noch einige temporäre Projekte auf uns zukommen—ähnlich der „Kantine”, die auch noch immer „dran” ist.

Am Wochenende startet auch die nächste Ausgabe des Electric Spring. Kuratorin Katharina Seidler hat ein—für viele überraschend (für mich weniger)—sehr hochglanzbefreites LineUp gebucht, in dem sich viele Bands und Acts wiederfinden, die man zuvor noch nicht so oft gesehen und gehört hat und über deren Werdegang es schon einiges an Recherche bedurfte. Es war in jedem Fall das Bemühen und der Wille zu erkennen, hier etwas Neues zu kreieren, das sich von der Alltäglichkeit und Gefälligkeit sonstiger Events abhebt. Vielleicht mag es manchen zu spaßbefreit sein, wie teilweise mit Hinterfragungen umgegangen wird. Schließlich hat dies ja eine ernste Sache zu sein. Vielleicht ist gerade das Unbekannte aber auch eine Herausforderung. In jedem Fall sollte man das Resultat selbst bewerten und sichten, denn gerade das Museumsquartier böte so viele Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Hinzu kommen die hirnverbrannten, alten Mietverträge, die es offenbar einfach nicht zulassen, dort größere, stadtdienlichere Projekte zu starten. Einige wollen dort tatsächlich ihre „Ruhe” haben. Das ist nicht der Platz, wo Pensionisten ihren Lebensabend verbringen müssen. Das ist, verdammt nochmal, ein öffentlicher Raum, der sich perfekt anböte, Kunst in allen Schattierungen und Ausformungen stattfinden zu lassen. Wenn die Stadt so lebenswert bleiben will, wie sie vorgibt zu sein, dann sollte sie es auch für jene sein, denen die Ruhe und Gemütlichkeit nicht das oberste Gut ist. Dafür gibt’s nämlich die Schrebergärten.

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