Features

„Ach, das ist jetzt so peinlich.“—Wir haben mit den Produzenten des Lugner Wahlkampf-Remixes geredet

„Im Moment darf es nicht zu kasperlig werden, das ist nach dem Wahlkampf das natürlich kein Problem mehr.“
20.4.16

Alle Fotos vom Autor

Richard Lunger ist ein Phänomen der österreichischen Politik und der österreichischen Societylandschaft. Wenig verwunderlich wurde er schon mit Donald Trump verglichen, da auch er ein erfolgreicher Industriemagnat ist, der jetzt (wieder) in die Politik quereinsteigen will. Lugner hatte sich schon 1998 der Bundespräsidentschaftswahl gestellt und 9,91 Prozent erreicht. Nachdem am 18. April der Remix des 2016er Richard Lugner Wahlkampfsongs veröffentlicht wurde, waren nicht alle Stimmen positiv. Es gebietet sich immer, auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, deshalb habe ich mich in das private Büro Richard Lugners in der Lugner City begeben und mit dem zentralen Wahlkampfhelfer Thomas Dolina und dem Produzenten des Songs Wojtek Grzymala geredet.

Der Remix des Wahlkampfsongs

Thomas Dolina

Thomas Dolina ist kein unbeschriebenes Blatt in der österreichischen Politik. Er hat bereits den Wahlkampf für das BZÖ geleitet und wollte selbst schon Bundespräsident werden. Inklusive Wahlkampfsong. Jetzt leitet Dolina die Geschicke Lugners und ist der Kopf hinter den meisten Social Media-Aktionen des Baumeisters.

Noisey: VICE berichtete schon über den Remix des Wahlkampfsongs.
Dolina: Ihr habt aber etwas falsch gemutmaßt—Dominik Kamper hatte weder mit der musikalischen Direktion, noch mit der Idee des Songs etwas zu tun.

Woher kam das Konzept, welches doch sehr, sagen wir mal, eigen ist?
Es ist natürlich zugeschnitten auf den Herrn Lugner. Die Idee, die Bundeshymne technoid zu verarbeiten, gab es ja schon lange, aber es gab noch keinen wirklichen Anlass dazu. Daher lag diese Demo schon länger in der Schublade und jetzt hat es funktioniert. Es ist auch etwas in diesem 90er-Stil gehalten, damals haben DJs ja alles verwurstelt, was rechtefrei war.

Wird Gigi D'Agostino klagen?
Wir waren damals natürlich große Gigi-Fans und diese Art zu rappen—Herr Lugner ist ja kein Sänger—passt nur zu diesem Musikstil. Die Aufnahmen haben nur 20 Minuten gedauert und wir haben schon vier Fünftel vom Text weggelassen. Wojtek hat dann viele Stunden im Studio verbracht und der Track hat dann sehr gut funktioniert.

Wird es Richard Lugner DJ-Sets geben?
Es gibt ja Discoauftritte. Er wird gebucht und dann gibt es überall Besucherrekorde. Wir waren im Waldviertel im Apollon und es war gesteckt voll. Man brauchte ein Stunde von einem Raum in den anderen. Das war sicher auch eine Motivation, den passenden Sound dafür zu liefern und auch etwas für die Jugend zu machen—die Kandidaten sind ja doch alle schon recht alt. Vom Bekanntheitsgrad aller Politiker bei den Jungen ist Richard Lugner wahrscheinlich Nummer eins.

Ist die politische Message des Videos nur als Anprangerung gedacht?
Es ist ja alles relativ modern gemacht, auch die Art der Animation. Mit dem Hintergrund, dass Herr Lugner beim ORF ausgeladen wurde. Wir haben das thematisiert, überspitzt natürlich, im Comic-Style und es sollte natürlich auch witzig sein, damit es öfter geteilt wird als die fade Wahlkampfrede. Wir hoffen natürlich, dass dann auch die „fade Wahlkampfrede“ öfters geklickt wird. Es ist als Zugpferd, um die echten Botschaften zu verstehen.

Ist also jeder Aspekt des Videos kalkuliert?
Nein, es ist auch viel Spontaneität dabei. Wir wollten das Video schon zur Radioversion des Songs machen, das war aber genau dann, als die Unterschriften zu sammeln waren. Wir wussten ja bis in der Früh nicht, ob jetzt genügend Unterschriften beisammen sind. Herr Lugner wollte im Endeffekt gar kein Video machen, da Social Media nicht wirklich ein Interesse von ihm ist.

Man muss einmal betonen, dass Richard Lugner es immer schafft zu einem zentralen Thema zu werden, wenn er etwas veröffentlicht. Auch wenn er, wie er selbst sagt, kein Interesse an Social Media hat, schafft er es immer „viral“ zu gehen.
Es gibt einfach Personen des öffentlichen Interesses, zu denen er gehört. Es ist lustig, weil er selbst kann nicht viel mit dem ganzen Internet anfangen, er aber ein Star dieser Generation ist.

Warum war Cathy Lugner nicht im Video?
Zeitmangel, wir hatten fünf Auftritte jeden Tag und haben das Video schnell am Abend eingeschoben. Wir haben dann auch alles in zwei bis drei Stunden abgedreht in einer Greenbox, auch die Szenen mit den Mädels.

Apropos Mädels, man hat sich in der Öffentlichkeit auch etwas an der Oberweite gestört, ich würde das Wort Sexismus in den Mund nehmen.
Das wird die Cathy vielleicht etwas geärgert haben, weil sie gerne selbst eine größere Oberweite hätte, aber das ist einfach gängig in Musikvideos. Wenn man sich einen Sean Paul oder so ansieht ist das normal, dass da immer hübsche Mädels im Video sind. Wir haben im Video Mädels mit großen Brüsten und Mädels mit kleinen Brüsten, etwas für jeden Geschmack.

Vielleicht regen sich die Leute eher auf, weil Richard Lugner Politiker werden will—der von Ihnen erwähnte Sean Paul ist Entertainer.
Ich finde Bundespräsident ist kein klassischer Politikerposten wie Minister oder Kanzler. Aber politische Inhalte möchte ich hier auch gar nicht groß diskutieren, er ist der Kandidat und hat die letzte Entscheidung über alles. Wir versuchen ihn so gut es geht mit unserem Mini-Team von drei bis vier Leuten zu unterstützen. Natürlich schlagen wir ihm immer wieder etwas vor, wie dieses Video. Wir haben sogar vor, dieses Musikprojekt mit ihm vielleicht fortzuführen, mit einem EM-Song. Im Moment darf es nicht zu kasperlig werden, das ist nach dem Wahlkampf das natürlich kein Problem mehr.

Letzte Frage, zu ihrer Person Thomas Dolina. Wenn man Thomas Dolina bei Google eingibt kommt als erstes BZÖ und Sexhotlinebesitzer.
Natürlich BZÖ, ich habe für das BZÖ viele Wahlkämpfe organisiert, mit der Sexhotline, da weiß ich jedoch nicht, was gemeint ist.

Wojtek Grzymala

Wojtek Grzymala ist Geschäftsführer einer kleinen Medienagentur und arbeitet als Produzent und Mischer mit Stars wie Avi Benedi zusammen. Er war für die musikalische Direktion und den Misch des Wahlkampfsong-Remixes verantwortlich.

Noisey: Wird Gigi klagen?
Wojtek Grzymala: Das müsst ihr Gigi fragen. Gigi war aber für diesen Song eine gute Inspirationsquelle, der originale Song heißt ja „Bla Bla Bla“. Sehr viel in der Politik ist auch einfach nur „Bla Bla Bla“ und daher war es sehr passend, diesen Song als Inspiration zu nehmen.

Wurde der Sound der Zielgruppe nach ausgerichtet?
Der Sound… es gab Kritik, dass der Sound der Radioversion veraltet wäre und das war dann schon ein Ansporn, dass man beim Club-Edit zeitgemäß ist. Die Zielgruppe sind natürlich schon die Jüngeren. Richard Lugner fährt ja auch auf Discotour.

Das Studio in dem der Wahlkampfsong entstanden ist.

Meint ihr dass der Song ankommt? Finden das Leute auch geil oder halt nur lustig?
Ich habe mir natürlich Feedback durchgelesen. Wenn man so marktschreierisch um Aufmerksamkeit buhlt—wie mit diesem Video—ist das echte Problem, dass man die generierte Aufmerksamkeit dann auf die wichtigen Themen lenken muss. Die Botschaft ist auch sehr stark verkürzt auf „Rot, Schwarz, Proporz—abschaffen“ und „wenn die Regierung scheisse baut, wird se ausse ghaut“. So etwas soll polarisieren.

„Rot, Schwarz, Proporz“ ist aber eine gelungene Hook.
Natürlich kommt ein Kasperltheater dabei heraus, wenn man eine Botschaft so stark komprimiert, wie wir es hier gemacht haben. Aber es ist auch zurecht eine Beobachtung des Herrn Lugners gewesen, dass eben zu oft über Befindlichkeiten gestritten wird, anstatt Probleme anzugehen—oft auch nur aus wahltaktischen Gründen. Ob er die Regierung raushauen könnte als Präsident? Müsste man schauen. Viele finden das jetzt natürlich lustig. Manche haben auch gesagt, man sollte sich wohl dafür schämen. Aber muss man sich wirklich für die Botschaft im Video schämen? Ich habe gerade den neuen Spot von Van Der Bellen gesehen in dem jemand zwischen Bio-Bauer-Schweinen herumläuft. Verdächtigerweise kommen auch keine Menschen mit dunkler Hautfarbe vor und keine mutmaßliche Migranten vor. Sozusagen nur Bio-Österreicher. Statt den Vereinigten Staaten von Europa also doch lieber Heimatliebe wie die FPÖ? Wärs besser, dasselbe für Richard Lugner zu machen, wenn er sich hinstellt mit den Schweinderl im Hintergrund? Nein das wäre dann erst richtig peinlich. Natürlich hat Lugner ein gewisses Trash-Image, ist halt so, wenn man eine Soap auf ATV hat, aber das heißt jetzt nicht, dass er nicht klar sieht, wenn etwas falsch läuft.

Das heißt, die Art und Weise der Produktion der Songs und des Videos ist kongruent zum Image Lugners und nicht wie böse Zungen behaupten „Das sieht aus, wie wenn es ein 16-Jähriger schnell zusammengeschustert hat“?
Das behauptet immer jemand. Die Übergänge sind immer eine Katastrophe und das Video hätte tausendmal besser aussehen können, laut YouTube-Kommentatoren. Man muss halt immer mit der Zeit und dem Geld arbeiten, das man hat. Das Ziel war mit den einfachsten Mitteln den Maximalerfolg zu erzielen. Natürlich kann man hier keine Heimatliebe transportieren.

Radau hat es im Internet ja gemacht.
Ja, es hat Radau gemacht und darum fühlen sich wohl auch viele auf den Schlips getreten. „Ach, das ist jetzt so peinlich“. Peinlich ist im Grunde der ganze Wahl-Radau. Die anderen Kandidaten haben auch ganz andere Budgets, welche von den Parteien zur Verfügung gestellt werden. Wir mussten da kleinere Brötchen backen und auf Effekt setzen und hoffen, dass es Richard Lugner schafft, diese Aufmerksamkeit, die wir bekommen, im persönlichen Gespräch zu nutzen und die Leute zu überzeugen. Ich glaube, dass es noch viele Unentschlossene gibt.

Ist Richard Lugner der Protestkandidat?
Wenn man sich anschaut, wie die FPÖ versucht hat, ihn von der Kandidatur abzuhalten—auch mit einer angedrohten Klage zu den Unterstützungserklärungen—sieht man schon eine gewisse Angst, dass Lugner viele Protestwähler von der FPÖ abgräbt. Manche Wähler sind halt Wutbürger und wählen deshalb den Lugner. Manche würden Lugner wählen, aber sagen „Warum hat er die Botschaft jetzt nicht seriös rübergebracht“. Nur wie kann er seine Botschaft seriös rüberbringen, wenn er nicht einmal zu den TV-Duellen eingeladen wird?

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.