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Interviews

Parris Mayhew gibt uns Einblicke in die Geschichte der Cro-Mags

Der Ex-Cro-Mags-Gitarrist hat unglaublich viel Scheiße zu erzählen.

von Rod Glacial
28 Mai 2014, 3:00pm

Parris schaut in jedem Bild der Cro-Mags in eine andere Richtung, als die anderen. Symbolisch.

Ruhm, Erfolg, Ärger mit Skinheads, Krishnas, Junkies, Plattenfirmen und Veranstaltern, richtige Reunions, falsche Reunions, Allianzen, Verrat ... Die Cro-Mags haben alles gesehen. 1982 gegründet, war die Band Teil der New Yorker Hardcoreszene der 80er und 90er Jahre und hat sich zu den Erfindern des Hardcore/Metal-Crossovers emporgeschwungen, der inzwischen überall gespielt wird. All dies verdankt die Band den mächtigen Riffs ihres früheren Gitarristen Parris Mayhew. Dieser Typ will nichts verkaufen, nichts gewinnen, er haut niemanden in die Pfanne und will auch seinen alten Bandkumpels nicht in den Rücken fallen. Der frühere Gitarrist und Mitbegründer der Cro-Mags hat einfach nur all die Fragen beantwortet, die wir ihm darüber gestellt haben, wie es ist, in der berühmtesten Hardcoreband aller Zeiten zu sein…

Noisey: Warum, glaubst du, werden die Cro-Mags nach all den Jahren immer noch so sehr geliebt und respektiert—sogar außerhalb von Hardcore-, Punk- oder Metalkreisen?
Parris Mayhew: Die Leute lieben und respektieren die Cro-Mags einfach noch immer wegen der Musik, wegen der Songs. Gute Songs sind einfach zeitlos. Das, was wir gemacht haben, war zeitlos. Wenn du dir heute Age Of Quarrel anhörst, klingt es so, als wäre es gestern aufgenommen worden. Natürlich ist für die Menschen auch das Image wichtig und das war zweifelsohne auch ein wichtiger Faktor bei den Cro-Mags, aber glücklicherweise transportierte sich unser Bandimage über die Musik. Ohne die Kraft der Musik auf die Menschen wäre das Image bedeutungslos gewesen. Und du solltest auch bedenken, dass die Menschen meinen, uns persönlich zu kennen und zu wissen, worum es bei uns geht, die ganzen Geschichten über die Gewalt und die bekloppte Religion zeigen das. Die Wahrheit ist aber einfach, dass alle Bands, wirklich jede, mit der Zeit nur eine Sache und wirklich nur diese eine wird: die Summe all ihrer Aufnahmen. Das ist es, was übrig bleibt und was letztendlich eine Band ausmacht. Egal wie sehr Ozzy immer mehr vor den Augen der Öffentlichkeit verfällt, Black Sabbath wird in den Augen der Fans immer Sabbath Bloody Sabbath oder Vol. 4 bleiben. Wenn sie „Sweet Leaf“ hören ist das Black Sabbath und wird es für immer bleiben. Genauso sind die Cro-Mags The Age of Quarrel und Best Wishes. Diese Verbindung ist unzertrennlich und hat sich in die Köpfe der Fans eingebrannt.

John kann 10 Jahre lang mit diesen ganzen Nobodies spielen. AJ kann rumerzählen, dass er einer von den Cro-Mags ist, aber er wird es niemals sein. Er hatte nichts mit der Entstehung, mit den Einflüssen und der eigentlichen Entdeckung der Cro-Mags zu tun. Und damit meine ich die Musik und die Songs.

Gute Songs sprechen jeden an und das spiegelt sich auch in unserer Fanbase wieder. Immer wieder haben mir Fans gesagt: „Wenn die Cro-Mags in der Stadt gespielt haben, dann sind alle hingegangen: Skater, Punks, Skins, Metaller und einfach normale Kids. Das sieht man sonst nie.“ Solche Kommentare haben mir immer viel bedeutet, weil ich nie zu irgendeiner dieser Gruppen gehörte und mich auch nie mit einer davon identifiziert habe. Die Cro-Mags haben mit ihrer Musik Genregrenzen überwunden. Du musstest kein Hardcore-Fan sein, um die Cro-Mags zu lieben.

Du scheinst AJ Novello nicht besonders zu mögen. Wenn es aber um die New Yorker Hardcoreszene der späten 80er Jahre geht, sind diese beiden Namen einfach unzertrennlich: Cro-Mags und Leeway. Standet ihr euch nahe?
Leeway haben Mitte der 90er mal als unsere Vorgruppe gespielt. Ich erinnere mich nicht wirklich an ihre Musik. Das war nicht mein Geschmack. Und was das ‚unzertrennlich’ angeht, ich höre das gerade zum ersten Mal. Damals waren die nicht besonders von Bedeutung. Es war eine Trittbrettfahrerkapelle. Das ist auch der Grund, warum AJ heute meine Musik spielt und nicht seine eigene. AJ ist ein Mitläufer. Er hat die letzten zehn Jahre damit verbracht, meine Musik live zu spielen. Was sagt dir das über den Wert seiner Musik? Noch nicht mal er findet, dass sie gut genug ist, sie zu spielen.

Findest du auch nach 30 Jahren noch, dass The Age of Quarrel eine gute Platte ist?
Natürlich, es ist ein großartiges Album. Ich kann zwar die 27 Jahre an manischem Fanatismus für dieses Album nicht ignorieren, aber mir gefallen die Age Of Quarrel-Demos aus diversen Gründen noch mehr. Einer davon ist, dass Johns Performance auf dem Album schwächer als auf dem Demo ist. Als wir es aufgenommen haben, stand ich zusammen mit John im Aufnahmeraum und habe ihm die Melodien und die Takte beigebracht. Er hatte Probleme mit dem Rhythmus und den Gesangsmelodien. Er hat es nicht gut hinbekommen und so musste ich einspringen und ihn anleiten. Er folgte meinen Anweisungen nur widerwillig, aber letztendlich hat er es wirklich super gemacht. Es war tatsächlich seine beste Performance bis heute und viele Fans sehen das genau so. Als John zu der Band stieß, hatte er fast kein musikalisches Verständnis, er war einfach ein Typ aus der Szene, der sich gesagt hatte: „Ich werde Sänger“. Er hatte aber keine Ahnung, was Musik machen wirklich bedeutete und war auch nicht gerade das, was du als „Naturtalent“ bezeichnen würdest. Du konntest sehen, wie frustriert er war, als er selbst dahinter kam, aber leider war er nicht weise genug, um Harley oder mich um Hilfe zu bitten. Aus Unsicherheit und Ignoranz stellte er sich nur stur und wurde sauer. Wir griffen ihm schon früh unter die Arme, aber mit der Zeit wurde er unkooperativ und als wir dann Best Wishes aufnehmen wollten, hatte sich sein Gesang immer noch nicht verbessert, also schmissen wir ihn aus der Band. Sein Einstieg bei uns war leicht, da er einfach ankam und die Songs von Eric Casanova sang. Das erweckte den Eindruck, als ob die Dinge sich schnell weiterentwickeln würden, aber die Songs waren halt einfach schon für ihn da. Versteh mich nicht falsch, John hat wirklich großartige Texte für Songs wie „We Gotta Know“ und „Seekers of the Truth“ geschrieben, aber sein Fortschritt hat sich nach Age of Quarrel noch einmal dramatisch verlangsamt. Noch einmal: Ich finde seine Performance auf dem Demo wirklich gut, sie kam Erics Vision der Songs sehr nahe und John hat den Songs auch nochmal seine eigene, großartige Note verliehen. Meiner Meinung nach war „Malfunction“ sein bester Beitrag.

Bei den Aufnahmen zu dem Album war John dann aber erkältet und es klang schwach und daneben. Zu der Zeit war er zu einem Problem geworden. Er hatte schon angefangen, zwischen Harley und mir Zwietracht zu sähen und versuchte mich generell rauszudrängen. Er nahm deswegen keine Anweisungen mehr entgegen, als wir den Gesang aufgenommen haben. Ich versuchte auch, ihn dazu zu bekommen, den Gesang noch einmal aufzunehmen, als er wieder gesund war, aber er weigerte sich. Der Gesang war also nie so gut, wie er hätte sein können. John trat den Cro-Mags extrem naiv gegenüber. Als er in die Band kam, schaute er sich nicht wirklich um, was eigentlich los war und sah nicht, dass Harley und ich diese ungewöhnliche Musik schrieben, die uns letztendlich ausmachte. Ganz im Gegenteil, er sah unsere Verbindung als Gefahr, da es etwas war, an dem er nicht teilhaben konnte und so tat er alles, um mich wegzuschieben.

Die musikalische Darbietung auf dem Demo gefällt mir auch besser. Das Schlagzeug war auch dort um einiges besser, denn Mackie war mit der Zeit auch zum Hindernis in der Entwicklung der Band geworden und hat die Drumbeats jedes Mal aufs Neue verändert. Das lag vor allem daran, dass er sich nie an etwas erinnern konnte und er fing an, es einem übel zu nehmen, wenn man ihn daran erinnerte, was er spielen sollte. Als er mit uns anfing, hatte er einige gute Ansätze, aber keine Ideen. Harley setzte sich mit ihm hin und zeigte ihm, wie man jedes Stück auf Age Of Quarrel spielt. Harley ist selbst ein ganz guter Drummer. Zu Beginn nahm Mackie alles bereitwillig auf und spielte, was wir ihm sagten. Als wir dann aber anfingen, das Album zu machen, hatte er schon so viel Lob für sein Drumming eingeheimst und wollte jetzt so tun, als ob das alles von ihm kommen würde. Er fing an, auszurasten, wenn Harley ihn daran erinnerte, was er spielen sollte. Er spielte manchmal sogar das genaue Gegenteil von dem, um was man ihn gebeten hatte, nur um ein Arschloch zu sein. Als Resultat ist das Drumming auf Age Of Quarrel alles andere als tight und natürlich waren die Aufnahmen mit Mackie die Hölle. Er wurde dann auch kurz nach Age Of Quarrel ersetzt. Er war einfach untragbar geworden. Mir ist, trotz meiner persönlichen Gefühle dem Album gegenüber, auch klar, dass die Fans nicht hören, was alles fehlt. Sie hören nur das, was da ist und sie lieben es. Das reicht mir an diesem Punkt auch vollkommen aus. Ich könnte wirklich den ganzen Tag über das Album sprechen. Für mich war es einfach nicht zufriedenstellend, aber es hätte auch viel schlimmer sein können. So wie das eine Mal, als John und ich uns gegenseitig angeschrien haben, als er „Hare Krishna“ über den ersten Part von „Life Of My Own“ singen wollte. Ich haute auf den Tisch und sagte, „No fucking way!“ Natürlich kam es niemals dazu, aber das ist nur ein Beispiel dafür, wie die Dinge gelaufen wären, wenn ich mich in der Band nicht durchgesetzt hätte.

Hörst du dir deine alten Platten noch an?
Nein, die ich höre mir nicht an, niemals. Sie bergen für mich zu viele schlechte Gefühle und Schmerz darüber, was sie hätten sein können. Revenge höre ich, trotz Harleys Stimme (eine schlechte Erinnerung), das mag ich. Ich bin stolz auf das Album. Ich bin zwar auch stolz darauf, dass die Leute die anderen Alben so sehr mögen, aber das ist eine andere Art von Stolz. Bei Revenge bin ich auf eine echte persönliche Errungenschaft stolz. Ich musste dafür hart arbeiten, ich produzierte und schrieb mal wieder den größten Teil der Musik, wie auch bei Age Of Quarrel, aber dieses Mal wurde die Musik nicht von belanglosem Rumgezicke und schlechtem Spiel beeinträchtigt. So nah bin ich meinem eigenen Verständnis einer großartigen Platte nie gekommen. Ich hasse es, darüber nachzudenken, wie gut das Album noch hätte werden können, wenn Harley sich nur halb so sehr dafür eingesetzt hätte wie ich und wenn ich nicht so viel Energie dafür hätte aufwenden müssen, mich um seine Emotionen, Unsicherheiten und Bedürfnisse zu kümmern. Wenn man aber alles in Betracht zieht, ist es bis heute meine beste Arbeit. Als wir das Album fertigstellten, wusste ich auch, dass es kein weiteres geben würde. Es war einfach zu schwer. Ich habe alles gegeben, was ich hatte. Das Label hatte uns einen unglaublichen Haufen Kohle gegeben und wir hatten die Freiheit und die Zeit, um uns um Harleys Verzögerungen und seine unglaublich negative Einstellung zu kümmern. So eine Möglichkeit würden wir nie wieder haben, außer wenn wir mit dem Album das große Geld gemacht hätten. Und selbst dann könnten wir es wahrscheinlich nicht machen, weil uns einfach niemand diese unglaubliche Verschwendung an Studiozeit durchgehen lassen hätte, die diese Platte uns gekostet hat. Aber auf solch einen Erfolg hatten wir nicht mal die leiseste Aussicht, da uns Polygram im Zuge einer Fusion gekickt hatte und das Album nie wirklich rausgebracht wurde. Ich presste 20.000 Kopien und verkaufte die meisten davon auf Shows, Stück für Stück, und das war das Ende vom Lied. Wirklich schade.

Wie seid ihr eigentlich an den Polygram-Deal gekommen?
Dieser Polygram-Deal kam über meine Connections zustande, die ich durch das Drehen von Musikvideos gesammelt hatte. Einer dieser A&R-Typen sagte, „Wenn ihr Jungs wieder zusammenkommt, werdet ihr sofort unter Vertrag genommen.“ Das taten wir dann.

Bekommst du Geld von den unzähligen Age Of Quarrel-Reissues?
Von diesen Reissues bekomme ich kein Geld. Das sind John Js Bootlegs.

Du hast weder Alpha Omega noch Near Death Experience erwähnt, wohl aus dem Grund, weil du dort gar nicht mitspielst, auch wenn die Riffs deinen sehr ähnlich sind. Was ist deine Meinung zu den beiden Alben?
Die Riffs auf Alpha Omega sind nicht „ähnlich“, es sind meine Riffs und Rob Buckleys Riffs. Ich habe darüber schon ausführlich auf der Cro-Mags-Webseite geschrieben. Diese beiden Alben sind ein Beispiel für die größte Sünde, die ein Künstler gegenüber einem anderen begehen kann, nämlich sein Werk zu stehlen. Es ist einfach nur beschissen. Künstlerisch gesehen ist der Gesang furchtbar und die Geschwindigkeiten passen nicht. Ich habe mir beide nur einmal angehört. Near Death Experience ist einfach nur peinlich. Furchtbarer, stümperhafter Müll.

Was ist mit White Devil?
White Devil waren einfach die Cro-Mags mit einem anderen Namen. Die Namensänderung war aber sinnlos, da die Veranstalter uns immer als White Devil/Cro-Mags ankündigten und eigentlich waren wir auch immer noch die Cro-Mags und nachdem wir das Album aufgenommen hatten, war klar, dass es eigentlich ein Cro-Mags-Album war. Ganz einfach. Wir änderten unseren Namen also wieder zu dem zurück, was wir eigentlich waren.

Wie denkst du generell über die Reunions der ganzen alten Hardcorebands?
Was Reunions an sich angeht, dann bin ich voll dafür, wenn es sich denn um echte Reunions handelt—also wenn sich die eigentliche Band wieder zusammenschließt und eine neues Album mit dem Ziel macht, neue Musik zu kreieren. So wie Harley und ich uns für Revenge wieder zusammengetan haben. Da ging es nur darum, neue Musik zu machen. Wir wollten es ursprünglich ja noch nicht mal Cro-Mags nennen. Wir wollten nur diese ungestüme Energie wieder einfangen, die vorher immer entstanden ist, wenn wir zusammen Musik geschrieben haben, und die war auch immer noch da. Wenn aber ein Typ eine Band zusammenkratzt und sie dann „Die Band“ nennt, ist das falsch. Black Flag, Misfits, Cro-Mags, Journey—diese ganzen Pseudoreunions machen mich traurig. Sie mindern den Wert von dem, was es ursprünglich mal war. Ganz egal, wie gut die Ersatzmusiker auch sind, die auf die Bühne gehen und versuchen, Cro-Mags zu imitieren, indem sie einfach nur die Songs nachspielen, sie werden nie die Musiker sein. Es sind einfach nur Papageie. Harley hat es am besten formuliert. Er sagte: „Was passiert wohl, wenn du John Joseph, AJ und Mackie zusammen mit Instrumenten in einen Raum steckst, um Songs zu schreiben? Die Antwort lautet: nichts.“ Und das beschreibt wunderbar die Fake-Cro-Mags. Sie spielen jetzt seit fast 20 Jahren zusammen und haben in dieser Zeit keine neue Musik geschrieben. Sie spielen nur Songs von Age Of Quarrel, aber natürlich können weder John, noch irgendein anderer von den Möchtegern-Cro-Mags, kaum etwas von dem Material ihr Eigen nennen, da sie nichts davon geschrieben haben. Es ist eine Coverband, ganz einfach.

Die Cro-Mags sind berüchtigt für den ewigen Streit zwischen John und Harley und wir haben dazu noch nie deine Meinung gehört. Als ehemaliges Bandmitglied musstest du wahrscheinlich Partei ergreifen, oder? Hat sich deine Sicht nach dem Vorfall in der Webster Hall geändert?
Natürlich habe ich Partei ergriffen: Für mich selbst. Ich und Harley haben die Band gestartet, wir haben die Band zu dem gemacht, was sie ist, und wir haben die Entdeckungen gemacht, die das ganze Phänomen definiert haben. Harley war dabei mein Partner. John kam zu uns, nachdem das alles schon gelaufen war und wurde ersetzt, als er sich für untauglich erwies. Wir haben ohne ihn Best Wishes aufgenommen, von dem zweimal so viele Exemplare verkauft wurden wie von Age Of Quarrel. Das ist eine einfache Frage. Ich hielt ihn immer für so etwas wie Staffage—für jemanden, der halt in die Rolle passte. Cro-Mags hätte es zweifellos auch ohne John gegeben. Außerdem muss man auch anmerken, dass John sich wirklich gut als Sänger bei den Cro-Mags hätte machen können. Er hinderte sich allerdings selbst daran, indem er sich nicht an die beiden Musiker in der Band wandte, die ihm dabei hätten helfen können, seine eigenen Grenzen zu überschreiten. Und natürlich auch, wenn er nicht versucht hätte, meine Beziehung zu Harley zu sabotieren. John benutzte seinen Hare Krishna-Kram, um Leute zu manipulieren. Harley fiel voll darauf rein und John hatte ihn an der Angel. Als John aber das Gleiche bei mir versuchte, bekam er gar nichts. In seinem Hare Krishna-Rekrutierungshandbuch gab es keine Hinweise dazu, wie man an mich herankommt. Ich war kein einsames Kind mit Verlustängsten. Ich brauchte keine Familie, deren Teil ich werden konnte, ich hatte schon eine. Als John also erkannte, dass er mich nicht in einen gewandtragenden Krishna verwandeln konnte, wurde ich für ihn zum Feind. Wo er nur konnte, säte er Missmut und versuchte, mich aus der Band zu drängen. Das war wirklich dumm, weil wir etwas hatten, das funktionierte, das großartig war und er zerstörte es von innen. Folgende Worte von Carl Sagan fassen es gut zusammen: „Ein Organismus, der gegen sich selbst Krieg führt, ist dem Untergang geweiht.“ John hatte mir den Krieg erklärt, als er sah, dass er mich nicht mit seinem Hare Krishna-Ding überreden konnte, und von dem Moment an waren wir dem Untergang geweiht.

Was den Webster Hall-Vorfall angeht, das war ganz klar Harleys Fehler. Die ganze Geschichte hatte aber eigentlich schon Jahre, bevor er nur einen Fuß in die Webster Hall setzte, begonnen. Harley hatte dieses Umfeld erschaffen, indem es für die Fans akzeptabel war, eine Fakeband als die unsere spielen zu lassen. Das begann alles als Harley zum Außenseiter in der Szene wurde und die Fans dazu brachte, ihn so sehr zu hassen, dass sie sagten: „Scheiß auf Harley, ich unterstütze John“. Vielleicht aber auch schon davor, als er sich von mir abwand. Als wir auf unserem Höhepunkt waren, hätte niemand diesen Haufen Nobodys unterstützt, die so taten, als wären sie die Cro-Mags. Niemals. Harley machte es möglich, sich mit so etwas abzufinden—mit seinen peinlichen Wutreden im Internet, Verraten und Egomanie.

Die Sache ist, dass Harley im Recht war, als er sich gegen die anderen in der Webster Hall stellte. Der Zeitpunkt war allerdings zu spät. Das Timing war wirklich idiotisch. Er hätte diesen Gig und jeden davor und danach mit einem Telefonat stoppen können. Er hat die Rechte an den Cro-Mags Liveauftritten, aber er hat das nie gemacht. Was die Leute nicht verstehen, ist, dass Harley dort auf einer Mission war. Er war an einem Tiefpunkt angekommen. Seine Band war von ein paar Pappaufstellern gekapert worden und er war eine Witzfigur. Harley wusste aber die Wahrheit, nämlich dass, egal was alle anderen über ihn dachten, er noch immer der einzig Wahre war. Und er ist tatsächlich noch der einzig Wahre, egal was für ein Clown er auch geworden ist: er ist immer noch der Mitbegründer der Cro-Mags und nichts wird das jemals ändern. Ich glaube, Harley dachte tatsächlich, dass, wenn er in der Webster Hall auftauchen würde, allein seine Präsenz diesen Haufen Poser als das entlarven würde, was sie tatsächlich sind: nur Poser. Er fragte John, ob er mit ihnen spielen könne und John verweigerte ihm das. An dem Punkt traf Harley eine Entscheidung. Alles, was Harley noch machen konnte, war die Legende, die er selber erschaffen hatte, zu beenden. Ich glaube aber nicht, dass er das im Vorhinein geplant hatte. Es war eine Kurzschlussentscheidung. Er war in Rage, stand mit dem Rücken zur Wand und so handelte er aus Frustration und Hilflosigkeit heraus. Er würde zur Legende werden und John umbringen. Er würde dafür in den Knast wandern, aber er wäre wenigstens wieder diese Legende.

Harley hat eh nicht lange zu leben. Was für einen Unterschied würde es also machen, wenn er im Knast stirbt, solange er wieder geliebt werden würde. Ich weiß, dass sich das verrückt anhört, aber ich kenne Harley und das ist seine Denkweise. Ich glaube wirklich, dass Harley davon ausging, dass dieser Angriff als heroischer Akt wahrgenommen werden würde. Er versuchte also, sich John zu packen, aber wurde von den Niemanden aufgehalten. Er schlitzte die falschen Typen auf und brachte niemanden um und alles ging bergab. Hätte er nämlich John getötet, hätte das alles ein Ende gehabt. Er hätte alles erreicht, was er wollte. Es würde keine Fake-Mags mehr geben und er hätte sein Ansehen wieder zurück. Stattdessen hatte er einen Niemand aufgeschlitzt. Und natürlich wollte er die Typen nicht umbringen, er hatte sie ja nur etwas angeschlitzt und nicht abgestochen. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ein Stich ist etwas sehr Überzeugtes, ein Schnitt hingegen ist etwas Zögerliches. Im Englischen nennt man Schnittverletzungen auch „Hesitation Wounds“. Ich weiß ganz genau, was eine Messerstecherei ist, glaub mir. Harley hatte es also alles versaut, weil die ganze Mission schief ging. Du kennst das Ende der Geschichte ja, die ganze Szene ist wegen der Aktion sauer auf ihn. Er ist nicht der Held geworden, der er gehofft hatte zu werden, und es rettete garantiert nicht sein Ansehen. Es war eine komplett nutzlose Aktion.

Ich war ziemlich enttäuscht, als ich hörte, dass niemand Anklage gegen Harley erhoben hatte, weil Harley, auf der anderen Seite, wirklich immer wieder damit durchkommt, das größte Arschloch auf der Welt zu sein, ohne dass er dafür irgendwelche Konsequenzen tragen muss! Letztendlich verstehe ich aber, warum Harley getan hat, was er nun mal getan hat. Würdest du in mein Haus kommen, um meine Sachen zu klauen, würdest du auch Gefahr laufen, abgestochen zu werden. Und wenn diese Typen auf die Bühne gehen und so tun, als ob sie wir sind, dann bestehlen sie uns. Sie stehlen unser musikalisches Erbe und unser Einkommen. Und natürlich gebührt uns eigentlich auch der Applaus.

Dieser Ego-Krieg hat die Tatsache etwas in den Hintergrund gerückt, dass die Cro-Mags ursprünglich eine Band aus fünf Musikern war. Wie seid ihr aus den verschiedenen Hintergründen und mit den verschiedenen Erwartungen zusammengekommen und miteinander ausgekommen?
Es war die Musik. Bei Harley und mir hatte es musikalisch sofort Klick gemacht. Wir hatten eine Chemie und gegenseitige Unterstützung. Ich liebte seine Riffs, er liebte meine und er nahm meine Musik voll auf. Sogar so sehr, dass er oft behauptete, meine Musik geschrieben zu haben, was mich zu einer anderen Albtraumstory führt, die ich mir aber für ein anderes Mal aufhebe. Wenn Harley und ich mit unseren Instrumenten zusammensaßen, waren wir wirklich verbunden. Es war sehr schwer, Menschen zu finden, die spielen, was du denkst, und die deine musikalischen Ideen so vervollständigen, dass du dir denkst: „Ja, das ist genau das, was ich meinte.“ Und genau diese Beziehung war der Schlüssel für das Cro-Mags-Phänomen. Unsere Fähigkeit, miteinander über Musik zu kommunizieren und eine klangliche Geschichte zu erzählen, die in sich geschlossen und logisch war. Harley und ich erschufen zusammen einen Sound, der andere Leute bewegte. So was entsteht durch persönliche Erfahrung und Entdeckungen. Es beginnt alles damit, dass du alleine in einem Raum sitzt, dir einfach aus Vergnügen deine Gitarre schnappst und dann einfach die Klänge erzeugst, die dich zufrieden stellen. Dann fügst du hier und da noch einen Akkord oder ein Riff ein, bis das Teil so klingt, dass es dich glücklich macht—so wie ein Klangpuzzle, bis das Bild dann fertig ist. Diese persönliche Entdeckungstour ist das, was Songwriting ausmacht. 20 Jahre später kann nicht einfach jemand ankommen, die Akkorde lernen, sie dann auf der Bühne spielen und sagen: „Das reicht, um ein Cro-Mag zu sein.“ Das ist einfach nur lächerlich. Das ist der Grund, warum Harley und ich uns so gut verstanden haben. Wir respektierten uns gegenseitig. Wir schauten auf den anderen, um uns selbst zu sehen. Und ich fand mich selbst in einer komischen Situation wieder, das kann man wohl sagen. Ich liebte es, mit Harley Musik zu machen—mehr als mit jedem anderen, mit dem ich je gespielt habe. Punkt. Ich hoffe aber auch, dass ich ihn nie wieder sehe.

Du bist in der Bronx aufgewachsen. Wie war das damals?
Die Bronx war ein großartiger Ort, um dort aufzuwachsen. Das war eine echte alte New York City-Nachbarschaft. Dort sind schon Generationen im gleichen Umkreis von fünf Blöcken aufgewachsen. Ich ging auf die gleiche Schule wie meine Mutter. Gangs beherrschten die Straßen—das waren jedoch andere Gangs als heutzutage, die von organisiertem Verbrechen und Gewaltverbrechen angetrieben werden. Das waren eher Clubs, eine Brüderschaft und sie haben unsere Nachbarschaft und die Kids beschützt, die dort lebten. Die Gang bei uns in der Nachbarschaft hieß Savage Skulls und die hatten 10.000 Mitglieder. Es war eine kleine Armee aus Kindern—größtenteils Teenagern. Ich fühlte mich immer sicher dort und wir konnten uns auf den Straßen bewegen, ohne angefasst zu werden. Wir hatten zusammen die Zeit unseres Lebens. Plötzlich und unerwartet wurde das Viertel aber innerhalb weniger Tage zerstört, als es einen stadtweiten Blackout gab. Für ein paar Nächte gab es kein Licht, Plünderer kamen und nahmen die Läden auseinander. Fordham Road und Grand Concourse, die beiden großen Einkaufsstraßen in meiner Gegend, wurden buchstäblich ausgeweidet. Als alles vorbei war, standen die Leute unter Schock. Die Ladenbesitzer weigerten sich, ihre Läden wieder aufzubauen. Es gab keine Möglichkeiten mehr, Essen oder was auch immer zu kaufen. Die Leute bekamen Angst und fingen an, in Scharen wegzuziehen. Die Bronx wurde eine Geisterstadt. Die Hausbesitzer fingen an, ihre Gebäude niederzubrennen, um Geld von den Versicherungen zu kassieren, und innerhalb eines Jahres war die Bronx bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt. Das war das Ende meiner Zeit in der Bronx. Ich zog einige Jahre später dort weg und kam nie wieder zurück. Es gab nichts, wofür es sich gelohnt hätte, zurückzukommen.

Wo wärst du wohl gelandet, wenn du nicht die Cro-Mags gegründet hättest?
Ich hätte eine andere Band gegründet, auf jeden Fall. Einige der Age Of Quarrel-Songs habe ich geschrieben, bevor ich Harley getroffen habe—„World Peace“, „It’s The Limit“ und „Life Of My Own“. Ich hätte also einfach andere Leute gefunden und die Songs mit ihnen gespielt. Du solltest außerdem nicht vergessen, dass John Joseph, Doug Holland und Harley noch zusammen in einer anderen Band gespielt haben, die nicht so einflussreich wie die Cro-Mags war. Wäre sie das gewesen, hätte es die Cro-Mags vielleicht gar nicht gegeben. Sie hatten diese Band mit dem Namen MOI, was für Mode Of Ignorance stand. MOI war Harleys Skinhead-Traumband und da die Cro-Mags ihm diesen Traum niemals erfüllen würden, versuchte er es auch mit ihnen. MOI formierten sich, als die Cro-Mags in einer Entwicklungsphase waren. Es hätte also auch anders laufen können und es sah zwischendurch so aus, als ob MOI den Cro-Mags vorgezogen werden würde. Sie waren schon eine komplette Band und spielten Shows. Es war Johns erster Versuch, Harley von mir abzukapseln und „etwas ohne Parris [zu] machen“. MOI waren live ganz gut, aber sie hatten nicht das Feuer und vor allem hatten sie keine guten Songs! Sie hatten keinen Einfluss. Es war nur ein Image ohne Substanz und in aller Bescheidenheit, war ich der Joker, der Cro-Mags von MOI unterschied.

Natürlich wurden MOI dann an den Rand gedrängt, als die Sache mit den Cro-Mags durch die Decke ging. Das war leicht vorherzusehen und war auch der Grund, warum ich nie etwas dagegen hatte, dass Harley mit John MOI machen wollte und mich nie gefragt hatte, ob ich mitmachen wolle. Es war ganz klar, was da vor sich ging; Ich war misstrauisch, aber ich dachte mir, was auch immer passiert, passiert und am Ende passierte alles zu meinen Gunsten. Oder wenigstens dachte ich das. Wären MOI eine bessere Band gewesen, hätten sie wohl weitergemacht und die Cro-Mags wären niemals zu dem geworden, was sie waren, und ich hätte eine andere Band gründen können, die länger Bestand gehabt hätte. Ich hatte diese Chance, aber ich ließ sie sausen. Ironischerweise gab es einen Moment, in dem Harley und ich John und Mackie auf einen Streich ersetzen wollten. Wir jammten mit Roger Miret und Pete Hines, noch lange bevor wir das Demo aufgenommen hatten. Es war eine wirklich tolle Session. Harley und ich unterhielten uns kurz danach und entschieden: „Das ist super, Mackie und John sind draußen.“ Aber dann traf ich mich zusammen mit Pete und Roger auf ein paar Bier. Die beiden hatten sich etwas beratschlagt und sagten mir dann: „Wir wollen nicht bei den Cro-Mags einsteigen. Wir wollen mit dir eine neue Band gründen. Wir wollen nicht mit Harley spielen. Wir haben uns das schon vor dem Jam gedacht, aber als du uns dann den neuen Song („Malfunction“) bei der Session gezeigt hast, haben wir gesehen, wo die Musik wirklich herkommt, und waren uns sicher.“ Ich hatte das nicht kommen sehen. Roger war immer dabei und wusste so, dass ich „World Peace“ und einige der besten Sachen geschrieben hatte. Es machte also Sinn. Menschen, die Harley lang genug kannten, mochten ihn nicht und Roger kannte ihn da schon eine ganze Weile. Ich hatte für meinen Geschmack schon einen Haufen Arbeit in die Cro-Mags gesteckt, also sagte ich zu Roger und Peter, „danke, aber nein danke“ und machte mit Harley weiter. Mackie und John hatten von der ganzen Sache nichts mitbekommen und so machten wir einfach weiter wie gehabt, bis wir endlich die Chance bekamen, sie zu ersetzten.

Bist du noch mit den alten Cro-Mags-Mitgliedern in Kontakt? Was ist aus ihnen geworden?
Ich schreibe mit Doug Holland über Facebook, aber ansonsten habe ich keinen Kontakt zu irgendeinem von ihnen. Der einzige, der mir wirklich was bedeutet hat, war Harley. Ich war mit keinem von ihnen befreundet, abgesehen von Harley und Pete Hines, aber ich habe seit Ewigkeiten nichts von ihm gehört, geschweige denn ihn gesehen. Als John bei uns spielte, hatte ich noch nicht mal seine Telefonnummer.

Inzwischen reden John und ich wieder miteinander. Er hat mich vor zwei Jahren über einen gemeinsamen Freund kontaktiert, den UFC-Ringrichter Doug Crosby, damit wir bei einem Treffen ein paar unserer Differenzen klären können. Wir trafen uns zu dritt in einem Café und John fing umgehend an, sich dafür zu entschuldigen, wie er mich in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit behandelt hatte. Ich war total überrascht und Doug war das auch, sodass er die Entschuldigung zum Anlass nahm, uns beide alleine reden zu lassen. Als John dann mit seiner Entschuldigung die Grundlage für eine positive Atmosphäre gesetzt hatte, legte er mit seinem eigentlichen Grund für das Treffen los. Er wollte, dass ich ihm ein Cro-Mags-Album schreibe. Er sagte: „Die Jungs, mit denen ich spiele, schreiben keine Musik.“ Ich antwortete: „Na ja, selbst wenn sie das täten, wären das keine Cro-Mags-Songs.“ OK, ich sage nicht, dass ich es machen würde, aber falls doch, müssten einige Dinge zuerst geklärt werden. Eins davon wäre, dass die Band miteinbezogen werden müsste und unabhängig gemanagt werden müsste. Außerdem müssten wir alle in gleichem Maße an den Einnahmen beteiligt werden. Das bezieht auch Harley mit ein, obwohl man über die Anteile von Mitgliedern, die nicht aktiv mitmachen, bezüglich Live-Auftritten und Merchverkäufen natürlich noch sprechen müsste. Abgesehen davon wären wir alle gleichrangige Partner (John, Harley und ich). Zweitens würde Harley zwar absolut gar nichts mit den Auftritten zu tun haben, aber trotzdem würde ihm ein ausgehandelter Anteil an den Einnahmen der Shows wie Merchandiseverkäufen zustehen. Das ist nur fair und Fairness ist unsere Grundlage. Wir müssen alle auf gleicher Höhe anfangen. Drittens würde ich eine akzeptable Band zusammenstellen, mit der man zusammenarbeiten kann. Die Bande von Anfängern, die sich immer wieder ändert, bringt es einfach nicht. Außerdem würde ich wollen, dass er auf zwei unveröffentlichten Songs von Revenge singt und wenn das alles gut geht, könnten wir eine Neuveröffentlichung von Revenge bringen, eingesungen von John. Nach dem Release würden wir dann touren und wenn das alles gut geht, dann würde ich in Erwägung ziehen, ein neues Album für John zu schreiben. Zu guter Letzt müsste er auch noch öffentlich und wiederholt beichten, dass er gelogen hat, als er sagte, „Parris hat mich an die Armee verpfiffen.“

Das war alles, was mir spontan einfiel, aber ich sah, dass sich Johns Laune änderte, während ich sprach. Ich konnte die Erkenntnis auf seinem Gesicht sehen. Ihm wurde klar, dass er nicht der Boss war, als wir zusammen Musik gemacht haben. Er hatte sich daran gewöhnt, der Boss zu sein, musste nun aber feststellen, dass er dem König nur den Thron warmgehalten hat. Dies wurde ihm besonders klar, als er, als letzten Versuch mich abzuservieren, sagte: „Parris, ich habe gehofft, dass du, ich und Mackie einfach zusammen in einen Raum gehen können, so wie früher, und ein paar Songs schreiben und sehen was passiert.“ Ich sah ihm direkt in die Augen und sagte: „Ich weiß, dass du deine eigene Version unserer Geschichte so lange erzählt hast, dass du sie mittlerweile tatsächlich glaubst, aber du, ich und Mackie sind nie zusammen in einen Raum gegangen und haben Songs geschrieben. Ich und Harley haben die Musik alleine geschrieben und die Songs fertig mit zur Probe gebracht und Mackie dann gezeigt, wie man sie spielt, dann hast du die Texte zu den Songs geschrieben, zu denen Eric oder Harley noch keine geschrieben hatten. Und wenn ich neue Musik schreiben würde, dann bräuchte ich gute Musiker mit einer guten Einstellung und Mackie wäre nicht dabei! Und wir sollten auch Doug Holland dazu holen.“ Ich konnte sehen, dass er ein bisschen verblüfft war. Ich habe das alles in einem ruhigen, neutralen Ton gesagt, hatte aber wirklich nicht die Absicht, irgendwas davon wirklich zu tun, außer vielleicht den Gesang für die unveröffentlichten Songs neu aufzunehmen, aber ich konnte sehen, dass die Wirklichkeit dieser Situation ein Schock für John war.

Übrigens hat John mir damals gesagt: „Also wenn wir das nicht machen, dann höre ich in zwei Monaten auf als Cro-Mags aufzutreten und begrabe das Ganze.“ Das war vor zwei Jahren und er hat immer noch nicht aufgehört, mit irgendwelchen Leuten Konzerte zu spielen, die gerade Zeit haben, bei den Cro-Mags mitzumachen, geschweige denn neue Musik gemacht. Ich sagte auch: „Ich muss das loswerden: Ich hasse, was du mit dem Namen Cro-Mags anstellst, aber die Wahrheit ist, dass Harley dir das alles ermöglicht hat, indem er ein Arschloch war und mich weggedrängt hat und ich habe kein Interesse an den Cro-Mags, ob mit oder ohne Harley. Ich persönlich verstehe deine Position und dass du mit Musik auftreten willst, auf die du stolz bist, aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass du es nicht machst. Das musste ich einfach loswerden.“

Alles in allem fühlte es sich gut an, sich mit John zusammenzusetzen, wenn auch nur, um die ganze Feindschaft zu beenden. Wir haben viel erreicht und wenn wir uns sehen, geben wir uns die Hände und lächeln. Also warum sollten wir nicht zivilisiert miteinander umgehen? Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit, auf die wir beide stolz sind, und wir sollten den anderen an diesen Stolz erinnern. Aber natürlich habe ich ein paar Monate, nachdem wir uns getroffen haben, ein Interview gesehen, in dem John sagte: „Ich habe mit Parris gesprochen und er hat endlich zugegeben, dass ich und Mackie Gründungsmitglieder waren und das Recht haben, Age of Quarrel live zu spielen.“ Natürlich habe ich das nie gesagt und ich würde das nie sagen, aus dem einfachen Grund, dass es nicht stimmt. Das hat mich also ziemlich aufgeregt, aber nicht wirklich überrascht.

Würdest du seine Autobiografie, Evolution of a Cro-magnon, verfilmen, wenn John dich fragen würde? (lacht)
Witzig, aber die habe ich natürlich nicht gelesen. Ich bin passionierter Leser, aber ich könnte mir nicht vorstellen, ein Buch eines Autors zu lesen, der selbst noch nie ein Buch gelesen hat.

Die Cro-Mags sind in The Beat aufgetreten, einem Film von 1988. Ist das eine gute Erinnerung?
Lustig, dass du den The Beat-Filmdreh als etwas potentiell Gutes erwähnst. Harley hat sich den ganzen Tag wie ein Arschloch aufgeführt, der Regisseur hat sich verärgert vom Set verpisst. Es war typisch Harley, dass er eine eigentlich gute Sache zunichte gemacht hat.

Was hältst du von Johns New York-Straßentouren? Ich habe gelesen, dass sogar Gregg Ginn dachte, das wäre erfunden.
Diese Straßenführungen, die John macht, sind einfach traurig. Erbärmlich. Außerdem ist das ein typisches JJ Sellout-Verhalten. Ihm ist nichts heilig. Aber hauptsächlich ist es traurig.

Lebst du noch in New York? Was kommt als nächstes?
Ich lebe in Brooklyn und arbeite als Kameramann für Werbespots, das Fernsehen und Filme. New York ist eine sterbende und wieder auferstehende Stadt. Im Moment ist sie tot und ihre Leiche wird von Außenstehenden zertrampelt. Sie hat überhaupt keine Ähnlichkeit mehr zu dem lebhaften Ort, der sie mal war, aber ich habe die Hoffnung, dass sie wieder aufersteht, so wie sie es zuvor getan hat und dass ich da sein werde, wenn sie es tut. Ich schreibe auch seit drei Jahren Musik und forme geduldig wieder eine Band. Sie heißt BLOOD4PANDA. Wir machen heavy Gitarrenrock. Ein wenig von meiner Vergangenheit, vermischt mit viel von meiner Gegenwart. Aber es gibt wirklich nicht viel darüber zu sagen, bevor wir nicht live spielen. Ich finde überall Inspiration und da ich mich verändert habe, soll meine Musik das Gleiche tun. Ich schätze das, was ich gemacht habe, sehr, aber ich habe kein Interesse, das fortzuführen. Ich habe das Gefühl, dass die Cro-Mags schon lange tot sind.


Rod Glacial mag ‚Best Wishes’ am liebsten. Er ist bei Twitter: @FluoGlacial

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