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So war es, auf der Wörtherseebühne zu arbeiten

Sex, Drugs and Musical: Man kann nicht sagen, dass es nicht schlimmere Jobs gegeben hat.
15 Juni 2015, 2:47pm

Screenshot via YouTube

1999 wurde der Ort meines ersten Sommerjobs errichtet. Damals wusste ich noch nicht, dass ich dort arbeiten würde, genauso wenig wusste ich, dass die Wörtherseebühne nur eine der vielen Fehlinvestitionen der Hypo Alpe Adria sein würde. Mit elf Jahren war Politik eben nicht so spannend wie die erste Menstruation hervorzubeschwören (wie dumm kann man sein), mit irgendjemandem „zu gehen“ (wie dumm kann man sein) oder die Bravo zu lesen (naja...). Meine Sommer waren recht unbeschwert—abgesehen von einem Pflicht-Praktikum bei einer Schneiderin, die mit mir ständig Spanisch-Lern-CDs angehört hat, habe ich die Ferien ohne Sommerjobs überlebt. Als ich 16 wurde und die Wörtherseebühne nun schon fünf Jahre lang für Diskussionen sorgte, war meine Mutter dann doch der Meinung, das Kind müsse was für die Zukunft lernen. Am besten „etwas Kulturelles“—damals war die Wörtherseebühne ja trotzdem noch ein bisschen hui, heute ganz pfui. Zumindest war Mutter dieser Meinung, nachdem ich einige Tage beleidigt war, weil sie ernsthaft vorgeschlagen hatte, dass ich im Solarium einer Bekannten von ihr arbeiten solle. Liebe Mütter da draußen: Schlagt euren Töchtern niemals vor, in einem Solarium zu arbeiten, nur weil sie nicht an die Sonne gehen. Und auch am besten auch unter keinen anderen Umständen.

An das Vorstellungsgespräch im Bürogebäude, in dem die zuständigen Herrschaften saßen, kann ich mich kaum erinnern. Eigentlich weiß ich nur noch wo es war, ich einen Fragebogen ausfüllen musste und das offensichtlich richtig gemacht hatte. Von Juni bis August war ich dann auf der Wörtherseebühne als Künstlerbetreuerin tätig. Ich war dafür zuständig, dass es ihnen gut ging, dass sie zu essen/zu trinken hatten, naja, und ihnen zur Seite zu stehen.

Foto via Flickr | Wolfgang | CC BY-ND 2.0

An die Details kann ich mich so gut erinnern, wie man sich elf Jahre später eben an Dinge erinnert. Hier der Auszug eines Hirns, das eine Geschichte elf Jahre lang liegen ließ, um sie heute zu erzählen. Wer übrigens jetzt schon der Meinung ist, dass ich die Geschichte auch weiterhin liegen lassen hätte sollen, der kann sich hier ja was anderes zu lesen suchen.

Beim ersten Treffen der damals zukünftigen Mitarbeiter wurden circa zehn Menschen in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Einen waren für die weiblichen Künstler zuständig und wir für die männlichen Künstler. Ich war nicht beleidigt. Welches (16-jährige) Mädchen findet es bitte nicht gut, seine Zeit mit einem Haufen geschminkter Männer in zu engen Hosen zu verbringen? Im Endeffekt sah der typische Arbeitstag so aus: Wenn es geregnet hatte, mussten wir helfen, die Sitze und den Boden der Bühne trocken zu bekommen. Ich hasste es. Als ich diese hässlichen Kunststoffsessel vom Regenwasser befreite, musste ich mir immer vorstellen, wie versnobbte Möchtegern-Kultur-Interessierte bei den lauten Szenen in die Sessel furzten. Klar, für meine Gedanken kann niemand was—ich aber leider auch nicht. Das hab ich mir nicht ausgesucht.

Tschüssi, Wörtherseebühne Foto via Flickr | Wolfgang | CC BY-ND 2.0

Wie dem auch sei. Sonst bestand der Job unter anderem darin, die Künstler mit den Worten „Vietato fumare“ darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihre Stimmen im Backstage nicht mit Zigaretten ruinieren dürfen, sondern dafür nach draußen gehen müssen. Wir haben ihnen Getränke hingestellt und ihre Kostüme gewaschen. Letzteres war genau so ekelhaft, wie ihr es euch vorstellt. Im Endeffekt waren wir für ihre Wünsche zuständig. Aber an das Arbeiten erinnere ich mich gar nicht mehr so genau. Eigentlich war diese Zeit mehr oder weniger eine große Party. Vermutlich würde ich es heute ziemlich öd finden, aber damals war es, nun ja, neu und spannend—was wohl auch daran lag, dass meine Eltern es für richtig befanden, ihr manchmal etwas wahnsinniges Kind doch erst mit not so super sweet sixteen ins Nachtleben zu entlassen.

Von den Produktionen ist mir nur eine wirklich in Erinnerung geblieben. Tosca, in der Musicalversion von einem Typen, der Lucio Dalla hieß. Ich werde ich euch die Details ersparen, es reicht, dass mir bis heute noch das Echo von „Amore Disperato“ in den Hirnwindungen rumschießt wie ein Ping Pong-Ball. Irgendwie war alles sexuell geladen. Zwischen Mädchen und Mädchen, zwischen Mädchen und Jungs, zwischen Jungs und Jungs. Vielleicht bilde ich mir das auch nur im Nachhinein ein, aber es gibt Dinge, die ich mir nicht einbilde. Einer dieser Darsteller war irgendwie ein „cooler Onkeltyp“, was tatsächlich cooler war als es klingt und der mich oft Siouxsie genannt hatte, weil ich ihn an Siouxsie Sioux erinnerte. Fand ich damals natürlich großartig. Dann gab es die anderen Darsteller, die ich eigentlich alle mochte. Und dann gab es diesen einen Darsteller, der damals Mitte Dreißig war. Er hatte was mit irgendeiner, die im Organisationsteam war. Das Problem: Er sah aus wie ein schöner Junkie, ist mit seiner Gitarre immer wieder draußen hinter der Bühne und dem Backstage am See gesessen, hat gekifft und hatte—als Italiener—einen britischen Akzent.

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Was soll ich sagen. Ich war unsterblich verliebt. Verliebt wie es nur Menschen in diesem Alter sind. Irgendwann hat er dann wohl kapiert, dass dieses Mädchen, das ihn ständig angrinst, als wäre er die Lösung aller Probleme, amouröse Gefühle für ihn hat. Er nahm mich vor einer Vorstellung zur Seite. Wir standen ganz knapp am Wasser, die Sonne ging unter und Kitsch war an Kitsch nicht mehr zu übertreffen. Irgendwann meinte er dann „You know, you´re too young. I can't do that, even if I wanted to.“ Man hat mein Herz bis Sicko brechen gehört. Ich stammelte irgendwas in die Richtung, dass Alter nur eine Zahl ist und dachte, dass das überzeugend genug sein musste.

War es auch. Irgendwann erreichte mich auf meinem alten Nokia dann eine Nachricht, deren Inhalt in etwa folgender war: „Parking Area in front of the Wörtherseebühne. 11:00 pm.“ Auf meiner viel zu lauten, goldenen Puch Maxi—die den liebevollen Namen „Slackerbitch“, benannt nach einem Song von Placebo, hatte—lärmte ich durch die Nacht Richtung Parkplatz. Er hatte ein Mietauto und die Situation hätte nicht schrecklicher sein können: Ich setzte mich neben ihn, wir hörten beschissene Musik, schmusten. Irgendwann meinte er, dass es wohl klüger wäre, wenn wir uns auf die Hinterbank begeben. Nun, der Wortwechsel davor, war nicht wenig peinlicher, als der Akt selbst.

Er: „Are you taking the pill?“

Was jetzt folgt, ist die bescheuertste Antwort, die man jemandem geben kann, mit dem man schlafen möchte. So etwas passiert, wenn man jung und aufgeregt und denkt, dass man eine Frage nur mit einer Gegenfrage beantworten kann.

Ich: „Yes. Do you have AIDS?“

Es ist tatsächlich so passiert. Man muss so aufpassen im Leben. Nun, trotz meiner Aussage, deren Dummheit nach obenhin keine Grenzen hat, dauerte der fragwürdige Spaß heiße 30 Sekunden. OK, vielleicht eine Minute, aber mehr war es definitiv nicht. Das ganze „passierte“ kurz vor den letzten Vorstellungen von Tosca: amore disperato, wie sich die Neuinterpretation nannte. Am Tag vor der letzten Vorstellung war der Typ dann der Meinung, dass sich auch bei uns noch ein letzter Akt ausgehen würde. Das tat es sich auch in den fünf Minuten, die er zwischen seinen Auftritten Zeit hatte. Auf der Damentoilette des Backstage. Danach war mein Gesicht und meine Kleidung voll mit Bühnen-Schminke. Ich sah aus, als hätte ich in Selbstbräuner gebadet—oder doch im Solarium gearbeitet und dabei alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Am letzten Abend sind dann ein paar Leute, die an der Produktion beteiligt waren, in eine superweirde Dorfdisco in Krumpendorf gefahren. Meine Freundin und Kollegin und ich hatten irgendwie zu viel getrunken und sind mit zwei 1,50 Meter großen Bühnenarbeitern in deren Apartment gegangen, haben dort klugerweise auch noch ziemlich viel gekifft and other things und irgendwann wollten sie mit uns rummachen. Es war ungefähr vier Uhr morgens, wir waren super wasted und haben so schnell es uns möglich war die Flucht ergriffen. Wir haben einen gefühlten Tag zurück in die Stadt gebraucht und den Kater werde ich bis heute nicht vergessen.

Alles in allem war es (trotzdem) eine schöne Erfahrung auf der Wörtherseebühne zu arbeiten. Es ist tatsächlich beschissen, dass die Zeit Teil eines Skandals ist, der Kärnten finanziell nun auf Eis gelegt hat. Wie ihr bestimmt wisst, ist die Wörtherseebühne Vergangenheit und nur noch ein paar Bretter erinnern an eine viel diskutierte Bühne. Und das ist auch gut so.

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