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Braucht Berlin das Lollapalooza?

Die Veranstalter vom Lollapalooza gehen ein Risiko ein, wenn sie nach Berlin expandieren. Aber vielleicht rechnet sich das Experiment.
6.11.14

Eminem beim diesjährigen Lollapalooza in Chicago. Foto © Petya Shalamanova

Eigentlich sollte es ja noch ein bisschen geheim bleiben, aber seit die Kollegen von der Berliner Zeitung gnadenlos rausposaunt haben, dass nächstes Jahr das Lollapalooza nach Berlin kommt, weiß es eh jeder. Insofern ist die Nachricht eigentlich gar keine wirkliche Nachricht mehr.

Interessant ist die ganze Angelegenheit aber auf jeden Fall, auch für einen etwas tieferen Blick. Denn dass ausgerechnet in einem Land, das mit großen Festivals durchaus gut versorgt (wenn nicht gar überversorgt) ist, einfach so aus dem Nichts ein solches Festival aus dem Boden gestampft werden soll, ist gelinde gesagt mutig. Selbst wenn das Berliner Lolla nur einen Bruchteil der Kapazität des Originals in Chicago hätte, wird es auf Anhieb versuchen, das Berlin Festival weit in den Schatten zu stellen. Und das mitten in Berlin, wo viele Bewohner so einer kommerziellen Idee eher negativ gegenüber stehen dürften. Es sei denn, sie kommen über die Liste rein, dann kann man sich das ja mal angucken.

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Dazu noch das Tempelhofer Feld als Veranstaltungslocation—der einzig mögliche Ort, wenn das Festival innerhalb der Stadtgrenzen stattfinden soll, aber zugleich auch ein verdammt schwieriges Terrain. Stichpunkte: Lärmschutz, Anwohnerbeschwerden, Anfahrt, Parken. Und dann erst die Bürger, denen ein ganzes Septemberwochenende ihr geliebter Park weggenommen wird.

Von all dem kann das Berlin Festival ein Lied singen. Und zwar eins mit sehr vielen Strophen. Der Umzug—örtlich vom Flughafen Tempelhof Richtung Arena und zeitlich in den späten Mai—spricht eigentlich für sich.

Aber genau daraus ergeben sich ja auch jede Menge Chancen. Örtlicher Veranstalter des Berliner Lollapalooza wird Melt Booking sein, die seit 2009 eben auch das Berlin Festival machen. Wichtiger, reicher Erfahrungsschatz. Dazu kommt die britische Agentur Festival Republic, die das Reading Festival veranstalten und bis 2011 auch das Glastonbury, und natürlich der berühmte Namensgeber selbst, 1991 vom Jane’s Addiction Frontmann Perry Farrell gegründet und seit 2005 fest als Chicagoer Stadtfestival und als eines der berühmtesten Festivals der USA etabliert.

Farrell steht natürlich dann auch hinter dem Berlin-Move. „Diese Stadt ist einfach so interessant“, erklärt er im Gespräch mit Noisey. „Das Wort interessant ist wirklich das Wort, an das ich zuerst denke, wenn es um diesen Ort geht. Alleine die Tatsachen, dass in Berlin 10.000 Künstler leben und 400 Galerien ihre Kunst ausstellen.“

Das mag auf den ersten Eindruck mehr nach Klischee klingen als nach jemandem, der sich in der deutschen Hauptstadt und ihrer Kulturszene wirklich auskennt, aber vielleicht braucht es diese Mischung aus Naivität, Mut und amerikanischem Positivismus, um solch ein Vorhaben umzusetzen.

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Irgendwie hat Farrell es ja auch in der Heimat geschafft, eines der größten und berühmtesten Festivals zu organisieren, mitten in einer Millionenstadt. In Chicago finden sich an drei Tagen übrigens insgesamt 160.000 Gäste ein, das ist etwa die doppelte Kapazität vom bisherigen größten deutschen Festival, dem Rock am Ring. Das Lolla wird in Berlin aber natürlich kleiner beginnen, vom 12. bis 13. September findet es erstmal nur an zwei Tagen statt und auch wenn Farrell von 100.000 träumt, dürften die örtlichen Veranstalter wohl mit deutlich weniger zufrieden sein. Wie viel Ticketverkäufe angepeilt werden, verrät allerdings niemand, bisher auch nicht die Berliner Zeitung.

Farrell legt Wert darauf, als Musiker auch was für die Musiker tun. „Zu unseren Festivals kommen 100.000 Leute aus aller Welt. Dass das Lollapalooza nach Berlin kommt, ist also nicht nur eine großartige Nachricht für Promoter, für die Stadt und Musik-Fans, es ist auch eine großartige Nachricht für Musiker.“ Zugleich bringt das natürlich auch Vorteile für ihn selbst. Denn auf die Art kann Farrell Lolla-Pakete booken, er bucht exklusive Headliner, die weltweit nur auf dem Lollapalooza spielen: in Chicago, in Berlin, auf den Ablegern in Chile, Argentinien und Brasilien. Die Musiker spielen Exklusiv-Gigs, werden dementsprechend bezahlt, müssen aber nicht in jeder Region einzeln verhandeln. Und wer sagt, dass Berlin der letzte Schritt ist, in Zukunft gibt es vielleicht noch ein Lollapalooza in Moskau, Peking und Abu Dhabi. Wer weiß.

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Der Festivalmarkt ist weltweit hart umkämpft, es gibt immer weniger Regionen, die nicht komplett erschlossen sind, nach dem Riesentrend seit Mitte der Neunziger, begann zuletzt das große Sterben: Greenville ist gefloppt, Omas Teich tot, das Berlin Festival hat schon ewig Probleme. Was hier gerade abgeht, wird gern als Festivalkrieg beschrieben—Rock am Ring wechselt den Veranstaltungsort, neue Festivals wie das Rockenheim oder die Grüne Hölle wollen sich etablieren, alle kämpfen um die wenigen wirklich großen Bands. Deutschland bietet wenig Wachstumspotenzial. Um hier Fuß zu fassen, braucht man große Namen und zwar exklusiv. Da ist es durchaus von Vorteil, wenn man diverse Festivals auf der ganzen Welt anbietet. Der Schritt nach Berlin ist für die Veranstalter des Lolla ein Risiko, könnte sich aber auszahlen, wenn man am Ende den längeren Atem hat.

Wer nächstes Jahr in Berlin die Bühne betritt, wird noch nicht verraten, erste Namen sollen aber noch im November rauskommen. Auf dem diesjährigen Lollapalooza in Chicago spielten Headliner wie OutKast, Eminem, Skrillex und Kings of Leon. Doch worauf es laut Gründer Farrell wirklch ankommt, sind nicht die Headliner, sondern die zweite Reihe. „Viele Leute können einen Headliner buchen. Die große Herausforderung für Veranstalter ist es, die Bands direkt unter den Headlinern zusammenzustellen,“ sagt er. „Wir haben aus meiner Sicht das beste Booking der Welt, und wir sind die Besten, wenn es darum geht eine Stadt zum Feiern zu bringen und die gesamte Struktur der Stadt dafür zu nutzen, den Leuten ein unvergessliches Wochenende zu bieten.“

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Dabei soll die Musik nur ein Teil des Erlebnisses sein. Ähnlich wie das Berlin Festival, will auch der Berliner Ableger des Lollapalooza die örtlichen Clubs, Bars und Restaurants in das Erlebnis einbeziehen. „In Chicago arbeiten wir zum Beispiel mit lokalen Promotern und Restaurants zusammen und wir handeln Spezialangebote mit Hotels aus. Nach den Festivalgigs geht es in den Clubs weiter. Wer nach Berlin zum Lollapalooza kommt, wird 48 Stunden lang feiern können und dafür haben wir Berlin als die erste europäische Lollapalooza-Location gewählt.“

Infos zum Ticket-Vorverkauf, Acts, etc. bald hier bei Noisey.

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