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Wien und seine Plattenläden: Recordbag

In unserer Serie stellen wir euch die besten Läden der Stadt mitsamt der Menschen dahinter vor. Heute: Recordbag im sechsten Bezirk.

von Nicole Schöndorfer
08 April 2015, 1:22pm

Alle Fotos: Nicole Schöndorfer

Es braucht in Wahrheit keinen Anlass, um immer wieder einmal über Wiens Plattenläden zu schreiben. Keinen Welttag der Schallplatte (12. August), keinen Record Store Day (18. April), kein großartiges Jubiläum. Platten kann man jeden Tag feiern, Musik sowieso. Deshalb stellen wir euch die besten Läden der Stadt mitsamt den Menschen dahinter vor. Bisher in der Reihe: Rave Up Records und Substance. Dieses Mal: Recordbag in der Kollergerngasse 4.

„Wir hatten zwei Möglichkeiten. Entweder wir kaufen uns eine Dachgeschoßwohnung oder wir machen ein Plattengeschäft auf“, erzählt Andreas Voller lachend von den Anfängen seines 2004 eröffneten Ladens, dem Recordbag im sechsten Bezirk. Seine Frau Sylvia Benedikter und er hatten zuvor im Virgin Megastore in Wien im Marketing beziehungsweise im Einkauf gearbeitet und mussten sich irgendwann nach dessen Schließung entscheiden, was sie denn nun mit sich und ihrem ganzen Musikwissen anstellen sollten. Sie entschieden sich offensichtlich gegen die fancy Dachgeschoßwohnung und für das eigene Geschäft und bereuen das bis heute nicht. „Natürlich muss man Enthusiast sein, um das zu machen“, sagt Andreas. Natürlich.

Einen Plattenladen zu führen, macht einen halt nicht reich, das wissen wir mittlerweile. Das wissen Shorty und Doris vom Rave Up und das wissen Konstantin und Thomas vom Substance. Deshalb macht es aber keiner von ihnen. So naiv ist auch trotz des andauernden Vinyl-Hypes niemand mehr. Es ist die Liebe zur Musik, die Leidenschaft für das nostalgische Format und die Freude daran, sein eigenes Ding durchzuziehen. „Mit diesem hat alles angefangen“, erzählt Andreas und zeigt auf ein ordentlich vollgestelltes Regal in einer hinteren Ecke des Ladens. Mittlerweile sind es einige Regale mehr und neben Platten und CDs gibt es auch jede Menge Merchandise, Mode und Gimmicks. Das Konzept des Ladens sollte etwas Familiäres haben, vom Babystrampler bis zum Poproman alles bieten, das war von Anfang an der Plan. Auf die Frage, ob man diese zusätzlichen Dinge brauche, um einen Plattenladen erhalten zu können, meint Andreas nein, das glaube er nicht. Es würde sich wohl auch schon durch den Vinylverkauf rentieren. Das Wichtigste sei, sich zu spezialisieren und zu positionieren.

Recordbag steht hierbei vor allem für die Genres Indie, Alternative und Singer-Songwriter. „Wir könnten auch mehr Hip Hop oder mehr elektronische Musik führen, aber das würde weder uns, noch den Leuten etwas bringen, da wir uns da einfach nicht so gut auskennen. Das würde alles verwässern“, erklärt Andreas. „Wenn aber jemand kommt und etwas aus diesen Genres sucht, dann verweise ich auf Rave Up und Substance und die machen das wiederum genauso.“

Andreas kommt musikalisch gesehen aus der punkigen Arena-Ecke, hat ein Faible für Chuzpe und ähnliche Wiener Kultbands. Sylvia hingegen ist mit der Linzer Hardcore-Bewegung groß geworden und hat eine ansehnliche David Bowie-Plattensammlung. Britpop von den Smiths bis zu den Sleaford Mods mögen sie beide und österreichische Releases sind sowieso eine Kernkompetenz der beiden. Nicht nur, weil sie auf ihrem eigenen kleinen Label mit Indie-Bands wie Nowhere Train oder Freud zusammenarbeiten, sondern ihnen die heimischen Acts–auch, wenn sie nicht immer ganz hundertprozentig den eigenen musikalischen Vorlieben entsprechen–eben ganz besonders am Herzen liegen.

Man kann sich nicht wirklich vorstellen, nicht fündig zu werden in der Kollergerngasse. Von East India Youth und The Soft Moon über Ernst Molden und Der Nino aus Wien bis zu den Beatles und Morrissey ist alles da. Wobei das Stöbern laut Sylvia heutzutage fast schon ein bisschen zu kurz kommt. „Mir kommt vor, als wären die Kunden heute hektischer als vor zehn Jahren. Wenn sie die eine Platte, die sie suchen, nicht finden, gehen sie wieder und schauen sich nicht mehr stundenlang um“, sagt sie nachdenklich. „Und sie haben oft Kopfhörer auf! Das ist total komisch.“ Vielleicht der allgemeine Zeitgeist, wer weiß.

Obwohl wir in unserer Einleitung dieses Mal bereits zum dritten Mal beteuern, dass es keinen Anlass braucht, um über Wiens Plattenläden zu schreiben, steht dennoch bald der Record Store Day an. Für Sylvia und Andreas ist das ein wichtiger Tag. Statt um 10 Uhr sperrt der Recordbag am 18. April nämlich bereits um 9 Uhr auf, wobei die Leute bereits länger als eine Stunde vorher vor der Türe anstehen, um sich sämtliche limitierte Singles und bunte Special Editions zu krallen. Ganz nebenbei erwähnt Andreas, dass der Record Store Day aber nicht mehr das ist, was er einmal war. Oder zumindest nicht mehr das, wofür er eigentlich 2007 eingeführt wurde – ein Tag, der die lokalen Plattendealer und die Indie-Labels in den Mittelpunkt stellen sollte. Mittlerweile wissen aber auch die Majors, wie lukrativ der dritte Samstag im April jedes Jahr ist und besetzen mit der zwanzigsten Reissue irgendeines Classic Rock Albums sämtliche Presswerke. Ein paar Wochen später erscheinen diese Releases dann ohnehin regulär. Das ist nicht cool. Genauso wenig wie Jack White. Warum steht hier.

Aber gut, es hat halt auch niemand gesagt, dass es einfach wäre, einen Plattenladen zu führen. „Alle unsere Freunde haben uns damals ausgelacht, als wir ihnen davon erzählt haben“, sagt Sylvia, kann sich aber gleichzeitig an keine wirklich negativen Momente seit der Eröffnung erinnern. Man müsse da eben durch. Schöne Momente gab und gibt es dafür unzählige. „Einer der ersten, der mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist, war der, als ein Kunde im Laden telefoniert hat und meinte ‚ich bin im Recordbag’. Er wusste also nicht nur wo er war, offenbar wusste auch der am anderen Ende, was und wo der Recordbag ist. Da hat es mich gerissen“, erzählt Sylvia lachend. Heute, mehr als zehn Jahre später, wissen Wiens Musikliebhaber ganz bestimmt, wo sie sind, wenn sie im Recordbag sind. Immer wieder.

Wenn Nicole nicht gerade in Wiens Plattenläden herumhängt, tut sie das auf Twitter. Folgt ihr hier: @nicole_schoen.

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