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Summer in Paradise—In den 90ern offenbart Mike Love das wahre Gesicht der Beach Boys

Sonne, ungebrochene Heiterkeit und synthetische Drogen.

von Juliane Liebert
05 Juli 2015, 8:00am

Rockstars mit „Love“ im Nachnamen haben es nicht leicht. Neben der notorisch verabscheuten Courtney ist auch der Unsympath der Beach Boys, Mike Love, eine der am meisten gehassten Figuren der Musikgeschichte. Ihm wird vorgeworfen, Brian Wilson geradezu ins Irrenhaus gebracht zu haben, die ganzen tollen klugen Texte auf „Smile“ ins Dumme geändert zu haben etc. etc. Ihm haben wir zu verdanken, dass aus “Hang on To Your Ego” “I Know There’s An Answer” wurde.

Beach Boys-Fans werfen ihm vor, kaum etwas Nennenswertes geschrieben zu haben. Sein einziger großer Beach Boys Hit ist der, den alle echten Fans hassen: „Kokomo“. Kurz gesagt, er war derjenige, der diesen ganzen intellektuelle Scheiß nicht akzeptierte. Er war der, der eher daran interessiert war, die Girls, Cars and Beach-Schiene zu fahren. Unlängst warf er Brian Wilson und Al Jardine aus den Beach Boys und verklagte Wilson wegen Songwriting Credits (und bekam Recht).

Außerdem gibt es natürlich das bekannte Video seiner völlig verrückten Rede während der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame. Darin beginnt er damit, dass die Beach Boys immer für Harmonie standen, um daraufhin eine zehnminütige Schmährede auf alle anderen Rockstars vom Stapel zu lassen—die teilweise noch dazu im Publikum saßen—was er später damit erklärte, an besagtem Morgen „nicht meditiert zu haben“. Zudem geht er scheinbar nie ohne Baseballcap aus dem Haus.

Und dann gibt es da noch „Summer In Paradise“. Es ist unmöglich, dieses Album ohne Qual zu hören. Es gibt keinen einzigen Moment, der gut ist. Es gibt ein Drifters-Cover. Der weißeste Mensch auf dem Planeten covert die Drifters, und alles klingt wie weichgespülte Loungemucke, die in der Rezeption eines billigen Hotels laufen würde. Natürlich zeichnet Mike Love voll und ganz für dieses Album verantwortlich.

Und doch: Genau das macht dieses Album einzigartig. Es ist so eine Art Idealalbum. Hätte dieses Album eine Band veröffentlicht, die im Ruf steht, Konzeptalben zu produzieren, wäre es wahrscheinlich hochgeachtet.

Nun gilt „Smile“ gemeinhin als das nie vollendete Konzeptalbum der Beach Boys. „Summer in Paradise“, so meinen die meisten, sei hingegen eine hirnlose und zufällige Ansammlung von Songs, die dazu noch Mike Love geschrieben hat. So einfach ist die Sache aber nicht. Auch wegen der fälschlichen Darstellung Loves als Einfaltspinsel, hat es nicht den Stellenwert, den es haben sollte. Das Album ist ganz klar Loves Antwort auf „Smile“. Es ist so konzeptionell, wie es nur geht. Fast jeder Song trägt im Titel irgendetwas, das mit Sommer, Sonne, Heiterkeit zu tun hat. Man schaue sich nur einmal das Cover des Albums an—es spielt ganz klar auf „Nevermind“ an, das im Jahr davor rauskam.

Der Titelsong ist eine Art verklärt-ironischer Beach Boys-Karriererückblick, nach dem man sich erhängen möchte. Es ist eine klare Ablehnung von allem, wofür die Beach Boys naiverweise gehalten werden—ganz genau so, wie das ja eigentlich recht düstere „Smile“—und die Hymne eines künstlichen Sommers.

Wurde Brian Wilson von Mike Love zurückgehalten? Hat Mike Love Brian Wilsons Talent begraben? Oder hat er die Beach Boys nicht vielmehr als ein Gesamtkunstwerk wieder aufleben lassen? (Nachdem er natürlich Brian Wilson ins Irrenhaus gebracht hat). Von Van Dyke Parks und Wilson verlaufen die musikalisch-genealogischen Linien zu Künstlern wie Jim O’Rourke oder Bonnie Prince Billy, zu Songwritern im eigentlichen Sinne dieses Wortes. Zu Menschen also, die sich innerhalb eines Genres bewegen, das hoffnungslos in den Sechzigern und Siebzigern steckengeblieben ist.

Die genealogischen Linien von Mike Love hingegen verlaufen zu—ja, wohin eigentlich? Man betrachte nur einmal das Video zu „Summer Of Love“. Ein weißer alter Mann, der rappt und sich unbeholfen an einem Strand bewegt, der aussieht, als sei es gerade Dezember, mag damals noch lächerlich gewirkt haben. Aber jetzt, in den Zeiten von James Ferraro, muss man sagen: Aus jedem beliebigen Mike Love-Song lassen sich mindestens fünf Vaporwave-Alben rausholen.

„Summer in Paradise“ war eines der ersten Alben, die mit Pro Tools produziert wurden, und nimmt klaren Bezug auf die elektronische Musik der 90er Jahre. Die synthetische Freude, die das Album durchdringt—denkt man da nicht sofort an die synthetische Freude von Happy Hardcore aus Großbritannien? Jaja, es gibt keine Breaks und kein M1-Klavier, aber ansonsten haben wir es hier mit dem Pendant dazu zu tun. Nebenbei bemerkt: Wäre Brian Wilson wirklich das wahre Genie, würde er dann tatsächlich wie ein sterbender Wal im Video zu „Summer Of Love“ herumsitzen und das Ganze über sich ergehen lassen?

Was wissen wir noch über Mike Love? Was wäre gewesen, wenn er nicht gewesen wäre?

Die langweilige Variante: Brian Wilson wäre sowieso in der Klapse gelandet und aus den Beach Boys wäre gar nichts geworden. Die meisten sagen, dass Brian Wilson „Smile“ beendet hätte. Aber „Smile“ ist gerade deswegen so ein großartiges Album, weil es nicht beendet wurde. Es hätte nie den Kultstatus erhalten, den es heute genießt, wenn es beendet worden wäre, das ist seine ontologische Besonderheit. Mike Love hat das Nicht-Sein in die Annalen der Popgeschichte eingeschrieben. Gäbe es ihn nicht, wären die Beach Boys vermutlich tatsächlich so etwas wie die amerikanischen Beatles geworden, und die Indiekids der Neunziger und Nuller hätten niemanden gehabt, zu dem sie aufschauen könnten. Er bildet in der Geschichte der Beach Boys ein organisches Gegengewicht zu dem Teil, der jahrzehntelang von angeblichen Musikkennern vergöttert wurde.

Ich könnte soweit gehen zu sagen: Er ist so etwas wie der Roger Waters der Beach Boys. Aber im Gegensatz zu Waters, dessen Musik immerhin noch irgendeine Substanz hat und damit, wie alles Mittelmaß, vollkommen vernachlässigbar ist, ist Loves Musik so gesichtslos, das sie für ein ganzes kulturelles Phänomen einstehen kann: jenes der sinnentleerten Freude, der Seelenlosigkeit und des Wegwerfcharakters der Musik.

Bedenkt nur: Auf dem Album gibt es einen Song namens „Surfin’“, und einen anderen namens „Still Surfin’“—damit ist alles gesagt. Zu so einer existenziellen Leere wäre jemand wie Van Dyke Parks gar nicht in der Lage. Dazu ist er viel zu sehr Poet im klassischen Sinn des Wortes. Mike Loves Musik ist alles andere als barock, sie ist eher der Tradition des Brutalismus verpflichtet. Deswegen steht in meinem Regal „Summer in Paradise“ direkt neben Current 93s „Nature Unveiled“.

So hat die Tatsache, dass der Name Beach Boys jetzt Mike Love gehört, ihre Berechtigung. Denn das ist, wofür die Beach Boys immer standen: Sonne, ungebrochene Heiterkeit und synthetische Drogen.

Foto: Imago

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