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Auch Götter brauchen Ruhe

Motörheads Lemmy Kilmister musste aus gesundheitlichen Gründen eine Show abbrechen. Verdient Lemmy nach all den Jahren nicht langsam eine Pause?

von Kim Kelly
04 September 2015, 10:00am

„I can't do it”

Diese fünf Wörter wühlten sich vorletzte Nacht wie ein Nachbeben durch die Menge beim Motörhead Gig im Austiner Emo´s in Texas. Anstatt sich wie sonst als gutgeölte, straßenerfahrene Maschine durch das Set zu brüllen, kamen die Heavy Metal-Ikonen nach ein paar Minuten ins Stocken. Lemmy verließ die Bühne während eines Songs—das Video eines Fans zeigt ihn, wie er „I can't do it” sagt—bevor er langsam und schmerzerfüllt mit der Hilfe seines neuerworbenen Gehstocks wegschlurft. Die Menge, kurz benommen, kam schnell wieder zur Fassung und begann zu schreien: Sie feuerten ihn an. Ein Sprechchor ging durch die Veranstaltung—„Wir lieben dich! Wir lieben dich!“—und zeugte von Solidarität und gemeinschaftlicher Unterstützung, die selbst den härtesten Metal-Veteranen zum Weinen bringen konnte. Ein paar Momente später tauchte der 69 Jahre alte Frontmann wieder auf und schnappte sich das Mikrofon: „Ich würde so gerne für euch zu spielen, aber ich kann nicht. Bitte akzeptiert meine Entschuldigung. Nächstes Mal, einverstanden?”

Natürlich waren sie einverstanden. Ein Freund, der da war, erzählte mir, dass die Menge traurig war—er erwähnte schluchzende Fans—aber „sehr verständnisvoll“, und es überrascht mich nicht. Kein Motörhead-Fan—oder Metal-Fan allgemein—hätte dort gestanden, den großen Mann schwanken sehen und dann auf andere Art und Weise reagiert. Das war keine Axl Rose-typische Stimmungsschwankung, keine betrunkene Scott Weiland-Dummheit und kein Billie Joe-Zusammenbruch. Das war ein Mann, der zur Arbeit erschien und realisierte, dass er den Job nicht zu Ende bringen konnte. Abseits der Bühne ist der Gehstock nur eine der vielen Lifestyle-Änderungen, die sein schlechter Gesundheitszustand einfordert. Er hat mit dem Rauchen aufgehört, ist sehr öffentlich von seinem üblichen Jack Daniels zu Rotwein und Wodka gewechselt und auch wenn er seine anderen Aktivitäten nicht diskutiert—es ist ziemlich sicher, dass er sein geliebtes Speed auch aufgegeben hat. All das sind nötige Entscheidungen, auch wenn du dich fragst, wie glücklich er damit ist. Wenn einmal der Spaß aus dem Leben ist, was ist dann der Sinn des Lebens?

Ich habe Motörhead jahrelang geliebt, ihre Musik ist eine Konstante, seit ich angefangen habe, vor 15 Jahren Metal und Punk zu hören. Jedes Mal, wenn ich sie live gesehen habe, war es verdammt geil. Ich habe Tickets für den Auftritt der aktuellen Tour in New York und hoffe unruhig, dass ich diese auch einlösen kann. Die meisten meiner Lieblingsbands können ihre Abstammung direkt über Klassiker wie Overkill, Bombers and Ace Of Spades zurückverfolgen. Ein Interview mit Lemmy bleibt weiterhin eines meiner Karriereziele und ich bin ernsthaft von Bad Magic, ihrem neuen Album, begeistert. Mit all dem im Hinterkopf hoffe ich wirklich, dass es kein nächstes Mal geben wird—nicht weil ich Motörhead nicht liebe, sondern weil ich sie zu sehr liebe, um sie leiden zu sehen.

Während seine Bandmitglieder Campbell und Mikkey Dee sich anscheinend ganz gut machen (trotz eines langen, harten Lebens voll mit Rocken und Rollen), sind Lemmys Gesundheitsprobleme seit Jahren ein Bedenkgrund. Die Show in Austin ist nicht der erste Gig, den er dieses Jahr aufgrund seiner Krankheit absagen musste. Erst letzte Woche ging er in Salt Lake City von der Bühne und sagte die Show für den nächsten Abend auf Grund der Belastung durch Höhenunterschiede ab (ebenso wie die San Antonio Show gestern Abend, was, wie die Band selbst sagt, ein Resultat der Höhenunterschiede ist). Im April verließ Motörhead das brasilianische Monster of Rock-Festival nur wenige Stunden vor ihrem Auftritt, mit der späteren Entschuldigung von Lemmy: „Es tut mir wirklich Leid, dass ich die Show verpasst habe. Ich hatte es im Magen und musste mich übergeben. So macht das keinen Spaß. Ich konnte es nicht tun.” Dieser Legende dabei zuzuhören, wie sie sich Schwäche—sogar eine Niederlage—eingesteht, hat die Fans erschüttert, die seit Jahrzehnten die Frage, wer ein Wrestling Match zwischen Lemmy und Gott gewinnen würde mit „Scherzfrage, Lemmy IST Gott!” beantworten.

Lemmy wurde 1945 geboren, mit 16 sah er die Beatles spielen und wirrte durch ein paar lokale Bands sowie durch die ultimative Zerstörung mit Hawkwind, bevor er mit Motörhead 1975 auf Gold stieß. Jetzt schreiben wir das Jahr 2015. Das ist eine verdammt lange Zeit, um etwas zu machen; auch wenn man es mit soviel Leidenschaft, Energie und der simplen Fuck Off-Attitüde von Lemmy macht. Es ist also kein Wunder, dass er verbraucht ist. Ein Teil seines geheimnisvollen Daseins wurzelt tief darin, dass er kein geheimnisvolles Dasein hat. Bei Interviews, auf der Bühne und in seiner eigenen warts’n’all Biographie—die wunderbar und aufrichtig White Line Fever betitelt ist—legt er die Karten offen auf den Tisch; du kannst es aufnehmen, wie du willst, deine Entscheidung interessiert ihn nicht wirklich. Sex, Alkohol, Drogen, Rock’n’Roll, Leder, lange Nächte—das ist, wofür Lemmy immer gestanden hat, absolut ohne Entschuldigung und mit genug Charme, um ihn noch nahbarer wirken zu lassen. Ein verdorbener Volksheld, mit dem du dich tatsächlich hinsetzen und trinken willst. Nach vierzig Jahren, weiß er nicht mehr, wie er sonst sein soll und jetzt, da sein Körper und seine Ärzte fordern, dass er seine Art ändert, scheint er verloren. Die Show in Austin letzte Nacht war schmerzhaft mitanzusehen, denn zum ersten Mal sah er alt aus. Er sah sterblich aus.

Alles, was ich zu Lemmy sagen kann, ist: Hör mir zu, Kumpel. Du schuldest uns nichts mehr. Es gibt nichts mehr, was du irgendjemandem beweisen musst. Du hast uns bereits so viel gegeben und um so wenig gebeten. Alles, was du immer wolltest, war das Leben auf der Straße zu verbringen, jede Nacht auf die Bühne zu gehen, ein paar Melodien zu spielen und danach mit einem Jack Daniels und Koks zu entspannen. Wenn du das nicht mehr tun kannst, ist es an der Zeit aufzuhören. Ich weiß, dass du nicht für immer leben wirst, aber du verdienst es, gut zu leben, solange wir dich noch hier haben. Zieh nach Florida, kauf dir ein Boot, zieh die Stiefel aus, du hast es dir verdient.

Lemmy, wir werden nie aufhören, dich zu lieben, aber es tötet uns, dich sterben zu sehen.

Kim Kelly ist bei Twitter—@grimkim

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