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Deutschrap positioniert sich endlich gegen die AfD—aber warum schweigen die Szenegrößen?

Wer sich öffentlich gegen die AfD stellt, muss mit Morddrohungen rechnen. Trotzdem gehen Juse Ju, Eko Fresh und sogar MC Smook mit gutem Beispiel voran.
17.3.16

Dieses Land und die AfD, das scheint ein längeres Kapitel zu werden. Deutschland 2016, ein Horrormärchen. Nach den Erfolgen der vergangenen Landtagswahlen, muss man sich wohl oder übel eingehender mit dieser Partei befassen, sie entlarven und offen aufzeigen, welcher Hass hinter der gutbürgerlichen Fassade steckt. Sich wegducken oder die Rechtschreibfehler der verpeilten „Orks aus Sachsen“ zu belächeln, ist langfristig keine Lösung. Vor allem nicht für Menschen, die einen kreativen Anspruch haben. Während dem vermeintlich eher im Niedriglohnsektor angesiedelten Wahlvolk der AfD ziemlich egal scheint, dass die Partei für die es stimmt, unter anderem den Mindestlohn abschaffen und die Hartz4-Sanktionen verschärfen will, haben sich die Künstler in diesem Land offensichtlich etwas mehr mit den Inhalten der Protestpartei beschäftigt. Zumindest einige wenige. Es ist kein Geheimnis, dass es im Rap inzwischen eine Vielzahl an Hörern mit rassistischer und xenophober Haltung gibt. Grund dafür wie so oft: mangelnde Bildung und mangelnde Aufklärung. Umso wichtiger also, dass Rapper gerade ihre jungen Fans ansprechen. Manch einer tut das auch, zum Beispiel MC Smook von der GUDG, mit „Wähl nicht die AfD“.

Was hat denn Rap mit Politik zu tun? So etwas liest man immer wieder. Wir helfen gerne, auch ohne gleich das ganz große Fass „Black Power-Bewegung“ oder „musikalischer Protest gegen soziale Ungerechtigkeit“ aufzumachen. Es geht auch viel einfacher: Die AfD hat nämlich ganz spezielle Wünsche, was die Kulturpolitik betrifft. Laut ihrem Parteiprogramm möchte die rechtspopulistische Partei unter anderem Museen, Orchester und Theater dazu zwingen, einen positiven Bezug zur Heimat zu fördern. Der Schritt zur allgemeinen Kunstkontrolle ist da nur noch symbolisch. Was für Menschen mit mangelnder Geschichtskenntnis vielleicht noch harmlos klingt, liest sich konkret wie folgt: „Der fehlende Mut zur deutschen Leitkultur schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, oder auch, „Die Bühnen sollen stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ Puuuh, zu Befehl, Herr Oberförster. Und jetzt im Gleichschritt Marsch.

Dass die AfD mit dieser Forderung das Grundgesetz, beziehungsweise das Gesetz zur Kunstfreiheit verletzt, ist den pöbelnden Internet-Hetzern und AfD-Fans dabei ziemlich egal. Und vor allem übersehen sie komplett, dass Interkulturalität eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, um Kunst zu schaffen. Rap-Deutschland ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Oder um es mit Ekos Worten zu sagen: „Ekrem Bora, ein Kanacke und stolz Deutsch zu sein.“

Wenn man mal annimmt, dass die AfD tatsächlich irgendwann mal was zu sagen hat und sich nicht vorher (so wie alle rechten Parteien vor ihr) in privaten Machtkämpfen und Skandalen verstrickt, dann dürfte es im Kunstbereich eine Sparte geben, die dem durchschnittlichen Mettwurst-Fan im AfD-Vorstand ganz besonders gegen den Strich geht: Rap. An Beispielen wie etwa Bushido ist regelmäßig zu beobachten, wie unwohl sich die Kartoffeln vom Dienst fühlen, wenn einer dieser Schwarzköpfe aus dem vermeintlichen Prekariat plötzlich eine Villa in Kleinmachnow besitzt und mehr Geld verdient, als der örtliche Sparkassen-Filialleiter. Der Hass entlädt sich kübelweise in den Kommentarspalten, sobald ein Medium auf den Berliner zu sprechen kommt.

Generell darf bezweifelt werden, dass die Kunstform Rap in solchen Kreisen besonders großen Anklang findet—von H.C. Straches kläglichen Sprechgesangsversuchen mal abgesehen. Verständlich also, dass sich im HipHop die Stimmen mehren, die den Rechten und ihrem neuen Parteiorgan entschieden entgegentreten, auch wenn sie noch in der Minderheit sind. Und deshalb sollte man auch den Leuten Respekt zollen, die sich seit Jahren mit rechten Umtrieben befassen, diese klar benennen und damit seit langem allein auf weiter Flur standen. So wie etwa die YouTube-Reihe „Spuck auf Rechts“.

Um es noch mal klar zu machen. Niemand verlangt von euch 24/7 Sookee oder die Antilopen Gang zu hören. Es geht um eine generelle Haltung. Mehrere Prominente, Politiker oder Intellektuelle der A-Liga haben sich inzwischen öffentlich geäußert und positioniert. Egal ob Til „Dreilochstuten“ Schweiger, Iris Berben oder verschiedene erzkatholische Bischöfe—wer sich öffentlich gegen die AfD und ihr krudes Programm stellt, kann bestenfalls mit einem Shitstorm rechnen, meist kommt es zusätzlich noch zu Morddrohungen. Einen Vorteil zieht also kaum jemand aus so einer Aktion. Dennoch tun sie es. Umso überraschender, wenn man dann plötzlich feststellt: Die großen Nummern aus dem Rap-Business fehlen bisher. Entweder aus Unwissen, Desinteresse oder der Angst, die eigene Käuferschicht zu vergraulen, haben sich die Stars der Szene, wie etwa Sido, Kollegah oder auch ein Cro bisher gescheut, ein lautes und klares Statement abzugeben.

Die Zeit der halbseidenen Lippenbekenntnisse ist allerdings vorbei. Gerade eine Kultur, die ursprünglich aus Respekt, Toleranz und Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg bestand, sollte klare Kante zeigen gegen Fremdenhass. Künstler sollten ihre Reichweite zur Aufklärung nutzen, immer und überall. Das ist ihre Aufgabe. Keine Angst, ich setze den Rucksack gleich wieder ab. Apropos Angst. Als abschließende und besonders gelungene Zustandsbeschreibung haben wir Juse Ju ausgewählt. Sein Track „German Angst“ zählt trotz oder gerade wegen seiner sympathischen Lauchigkeit zu dem Besten, was zum Thema AfD/Pegida produziert wurde. Was hat euch bloß so ruiniert?

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