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Interviews

Liturgy haben sich mit aller Radikalität aus dem Korsett des Black Metal befreit

Das neue Album von Liturgy ist ein heftig umstrittenes „Meisterwerk“. Sänger Hunt-Hendrix spricht von einer Revolution.
18 Juni 2015, 7:23am

Hunter Hunt-Hendrix hat sich seine Gedanken gemacht, wie eine radikale Soundästhetik aussehen könnte, die sich nicht bloß in maximaler Lautstärke oder Basslastigkeit erschöpft. Das Ergebnis der dreijährigen Forschung heißt The Ark Work und ist das dritte Album von Liturgy, deren Chef jener Amerikaner mit dem blumigen, aber nicht ausgedachten Namen ist. Vom Black Metal haben sich Liturgy verabschiedet; anstatt dessen haben sie sich aufs Glatteis gewagt – auf dem Album spielen Dudelsäcke, gregorianische Choräle, Esoterik, Fanfaren und Opernverweise eine Rolle.

Es gibt sehr wenig erträgliche Dudelsack-basierte Musik, darüber muss man nicht diskutieren. Dass diese Platte trotz Dudelsack-Passagen zu den bisher spannendsten des Jahres gehört, ist ein Phänomen für sich und liegt vermutlich daran, dass die Dudelsäcke nur bedingt nach Dudelsäcken klingen. Genau, wie auch die anderen Instrumente auf dem Album nur bedingt nach den üblicherweise damit konnotierten Sounds klingen. Sie vermischen sich mit digitalen Streichern und Bläsern zu pulsierenden Fanfaren, die eher wie ein Update von Stravinskys „Vorboten des Frühling“ anmuten. Greg Fox drischt auf sein Schlagzeug, als werde er gleich nach seinen Werken gerichtet, als sähe er die Toten schon vor dem Thron stehen. Und Hunt-Hendrix sprechsingt auf eine rätselhaft sakrale Art und Weise, die manche an Schamanismus, andere an’s Johannesevangelium und bestimmt auch schon wen an marsianische Mönche erinnert hat.

Heute spielen Liturgy im Kölner Kellerclub Studio 672. Es ist sehr laut. Eigentlich müsste den Leuten das Blut aus den Ohren spritzen, ihre Köpfe sollten explodieren, doch wo man auch hinschaut—selige Gesichter. „Was für ein Brainfuck“, brüllt mir jemand in die Ohren. In der Tat, vermutlich ist „Brainfuck“ der korrekte wissenschaftliche Terminus für dieses Spektakel. Zeit für ein Gespräch mit Hunter Hunt-Hendrix, den Mann mit dem androgynen Gesicht und den fixen Ideen.

Noisey: The Ark Work ist nicht mehr Black Metal, sondern steht für eine Soundästhetik, die sich nicht groß an Vorbildern aufhält. Die Herangehensweise erinnert an den Krautrock der Siebzigerjahre. Bands wie Can oder Neu! ging es darum, eine neue musikalische Sprache zu finden, die nicht kontaminiert ist, die sich freimacht von allem, was man aus der Rockmusik bis dato kannte.
Hendrix: Ich beschäftige mich sehr stark mit der Frage, inwieweit Innovation musikalisch noch möglich ist. Eigentlich leben wir ja im Zeitalter des technologischen Fortschritts, aber in der aktuellen Rockmusik gibt es sehr viele rückschrittliche Tendenzen. Dabei glaube ich schon, dass man auch mit Gitarre und Schlagzeug noch innovative Musik machen kann, sofern man eine etwas offenere Herangehensweise pflegt. Rap, Orchestermusik und auch moderne Philosophie haben auf unserem Album sicher Spuren hinterlassen. Das sind ja drei Dinge, bei denen kein Mensch Schnittstellen sehen würde. Aber die gibt es, man muss sie bloß erarbeiten, indem man ein bisschen tiefer in die Marterie eindringt.

Das Album wirkt im ganz klassischen Sinne durchkomponiert. Es gibt viele Parts, die in Wechselwirkung zu anderen Songs stehen - zum Beispiel die wiederkehrenden Fanfaren. Andererseits ist Schlagzeuger Greg Fox ein passionierter Improvisator, der sich gerne mal austobt. Stand sich das manchmal im Weg?
Greg und ich kennen uns, seit wir Teenager sind. Seitdem machen wir auch zusammen Musik. Es stimmt schon, das Album ist größtenteils klassisch komponiert worden. Ich habe viel mit Ableton vorgearbeitet, was für mich relatives Neuland war. Manche Schlagzeugparts habe ich auch auf dem Drumcomputer programmiert und Greg hat das dann eben... interpretiert (lacht). Ich glaube, Greg und ich haben über die Jahre unseren eigenen Weg gefunden, das miteinander in Einklang zu bringen. Wie genau das funktioniert, soll ein bisschen unser Geheimnis bleiben. Es ist jedenfalls nicht so, dass alles vornotiert sein muss. Es gibt immer Platz für Improvisation.

Ihr habt es sogar geschafft, den Dudelsack zu rehabilitieren. Ein Instrument, das einem eigentlich nur noch auf folkloristischen Mittelaltermärkten begegnet.
Stimmt, es gibt viele Geschmacklosigkeiten in diesem Bereich. Wir wollten uns möglichst weit von dem Klischee wegbewegen. Gerade bei Metal ist so ein Dudelsack extrem cheesy. Bei uns klingt der Dudelsack aber mehr wie ein Synthesizer, etwas Psychedelisches, das sich nahtlos in das Streicherarrangement einfügt. Ich beschäftige mich sehr viel mit klassischer Musik und wollte etwas, das fesselnd ist, das in sich konsistent ist, aber vielleicht auch den einen oder anderen vor den Kopf stößt. Ich glaube, Musik wird erst dann spannend, wenn du dich aus deiner Komfortzone herausbewegst. Wenn du ein konsistentes, radikales Gesamtkunstwerk schaffst, dann spielt es hinterher keine Rolle mehr, welche Instrumente du benutzt hast. Es muss im Großen und Ganzen Sinn ergeben.

Das Album straft jedenfalls diejenigen Lügen, die behaupten, musikalische Radikalität sei nur noch in der elektronischen Musik möglich.
Das Problem ist ja, dass Radikalität in der elektronischen Musik irgendwann auch an ihre Grenzen stößt. Ich mag die Dinge sehr gerne, die jemand wie Container macht, der Einflüsse aus Noise und Techno miteinander verwebt. Aber in dem Bereich wurde schon sehr viel ausgereizt, so wahnsinnig neu ist das alles nicht mehr. Es gibt immer noch genügend Grenzen, die nicht ausreichend ausgelotet worden sind. Man darf nicht immer nur das Naheliegende tun, sondern muss etwas riskieren. Es gibt viele Leute, die unser neues Album nicht mögen, weil es mit vielem bricht, für das Liturgy bisher standen. Das ist ihr gutes Recht. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie das nächste Album klingen wird. Als wir mit den Arbeiten an The Ark Work fertig waren, dachte ich zuerst: Eigentlich sind wir jetzt an einer Art Endpunkt angelangt. Ich weiß überhaupt nicht, was jetzt noch kommen sollte. Aber das ist natürlich der vollkommen falsche Gedanke. Ich habe mich zuletzt viel mit dem Konzept des Akzelerationismus beschäftigt. Darin geht es ja darum, die Dinge zu beschleunigen, sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was es bereits gibt.

Akzelerationismus ist bisher eher als philosophische Praxis zur Überwindung des Kapitalismus bekannt, weniger als musikalische Strategie.
Ich glaube, dass philosophische Strategien auch über Musik kommunizierbar sind. Die Frage ist ja: Wie bekommt man die Menschen dazu, dass sie mehr wollen? Dass sie sehen, was möglich ist? Wenn sie sehen, dass in der Musik Revolutionen möglich sind, warum dann nicht auch in der realen Welt? Warum kann es dann nicht auch soziale, politische Innovation geben? Wir befinden uns gerade in einem sehr spannenden Zeitalter und ich fände nichts schlimmer, als in so einem Korsett festzustecken und nicht weiter zu können. Nicht vorwärts zu kommen. Dagegen müssen wir ankämpfen.

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