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Der Tag der Abkühlung—Popfest, Tag 3

Alle sind ein bisschen durch. Aber auch der dritte Tag Popfest macht Spaß.

von Mario Graf
26 Juli 2015, 9:33am

Alle Fotos: Sebastian Rossböck

Am dritten Tag des Popfests herrscht schon fast eine gewisse Schlechtwetter-Euphorie unter dem Publikum. Wer schon die Berichte der ersten beiden Tage meiner Kollegen gelesen hat—oder selbst schon auf dem Popfest war—kann sich vorstellen, wie sehr ich auf eine Abkühlung gehofft habe.

No Home For Johnny eröffnen mit einer anspruchsvollen Jazz/Soul/Rap-Fusion. Sie erinnern mich ein bisschen an Morcheeba und an die typischen Superfly-Radio-Bands—nur dass ich nach 15 Minuten noch immer zuhören wollte. Die geschätzten 200 Besucher nicken leicht mit. Ein paar davon—zum Glück nur bewegliche Leute—machen schlangenartige Tanzbewegungen. Sängerin Ray will aber deutlich mehr rausholen und fordert die Zuschauer immer wieder auf, bisschen mehr Party zu machen. Bei dem niedrigen Alkoholspiegel läuft der Versuch allerdings schief. Aus mir holt sie auch nur ein leichtes Nicken raus. Ab und zu gibt es seichte Pop-Töne, gefolgt von Jazz und sogar coole Scats. Zwischen den Songs gibt Sängerin Ray ein paar Lebensweisheiten von sich, worüber ich um die frühe Uhrzeit sogar noch etwas nachdenken kann. No Home For Johnny sind so eine Band, die bei fast jeder Veranstaltung auftreten könnte ohne Hate zu kassieren, aber auch ohne groß im Gedächtnis zu bleiben.

Nach der Show gibts 30 Minuten Pause. In der Karlskirche ist jetzt Messe. Zufällig bin ich aber nicht in Kirchenstimmung. Statt meine Sünden abzubüsen chill ich mit einem Bier im Resselpark und warte auf den nächsten Act.

Dem Jazz-Jam folgt Eloui & Ensemble. Die Sängerin kommt mit einem Streichquartett und einem Dauergrinser auf die Bühne. Ihre Songs sind ziemlich melancholisch und ruhig. Leider bin ich aber überhaupt nicht in der Stimmung für sowas. Genial sind auf jeden Fall die Trip Hop-Beats im Hintergrund. Ein paar Songs erinnern mich an frühe Portishead—echt cool. Doch für mich fehlt immer ein gewisser Höhepunkt. Sie geht nie ganz aus sich heraus und bleibt immmer in ihrer comfort zone. Meine Aufmerksamkeit lässt während des Sets immer wieder etwas nach. Ich denke es ist wieder mal Zeit mit meinem Kollegen anzustoßen. Ab der Hälfte der Show kommen plötzlich Bläser hinzu. Eloui verlässt dankend die Bühne. Mal sehen was auf dem Red Bull Brandwagon so abgeht.


Uma steht ganze alleine auf der Stage und ist nur mit einem Macbook und Midi-Controller ausgerüstet. Ich steh auf solche Gigs. Wenn Künstler alleine performen, hat das einfach was. Wobei ich aber eigentlich immer dachte, dass Uma ein Duo wären. Aber es gibt dafür sicher eine Erklärung. Ihre Songs bestehen aus schrägen Synthies und dröhnenden Bässen. Das Konzept rundet sie mit ihrem zarten und schüchternem Gesang ab—leider nicht immer ganz in tune. Es ist voll spannend ihr beim Komponieren zuzusehen. Mich beeindruckt vor allem, wie sie ihre Beats konzentriert mithilfe von Loops aus ihren Geräten quetscht und dabei alle möglichen Knöpfe drückt. Sie covert sogar den Klassiker der Pixies „Where Is My Mind“ und gibt dem Song einen genialen CHVRCHES-Charme. Ihr Aufritt gefiel mir bis dahin eindeutig am besten. Ehrlich gesagt hätte ich sie aber viel lieber gegen Mitternacht im Brut gesehen. Da wäre die Stimmung genau richtig gewesen.

Kaum ist Uma zu Ende, hört man schon Clara Luzia auf der anderen Bühne. Ihre Band besteht aus zwei weiteren Mädels und einem Bassist mit einer Village People-Polizeimütze. Sehr modisch. Fast jeder beginnt mitzusingen. Claras Stimme ist hoch und schrill, was ich irgendwie cool finde. In meinem Zustand ist aber auch einfach alles nur mehr cool. Ja, ich bin schon ziemlich dicht. Bei dem Wetter spüre ich jeden Schluck Bier. Clara Luzia spielt nach einigen Nummern tolle—ich will nicht wieder „cool“ sagen— Versionen von Pet Shop Boys „It’s A Sin“ und Lana Del Reys „West Coast“. Irgendwie nehme ich nur noch violetten Rauch wahr. Ich denke es ist wieder an der Zeit kurz das Weite zu suchen um etwas auszunüchtern.

Gleich neben dem Basketballpatz chill ich mich zu einer Gruppe aus Spanien, die sich für ein paar Tage Wien ansehen möchten. Sie sind etwas verwundert, dass alle Shows am Popfest gratis sind. Ich unterhalte mich auch mit einem Bosnier, der meinem Kollegen und mir patriotischen Bosnien-Rock am Handy zeigt. Kein Kommentar. Auf jeden Fall entscheiden wir uns den mobilen Bierverkäufern noch einige Dosen "16er Blech" abzunehmen—man darf nicht immer so anspruchsvoll sein—während Clara Luzia weiterhin ihr Ding abzieht. Mir kommt vor, als würde sie schon seit einer Ewigkeit spielen. Ich hänge son lange dort rum, dass ich Fijuka halb verpasse.

Wir machen uns auf den Weg zu Kurt Razelli. Es kühlt immer mehr ab. Das nimmt uns die Furcht, dass das Brut wieder einen auf Sauna macht. Ich kann mich erinnern, dass ich dort das heißeste Konzert meines Lebens erlebte. Wortwörtlich. Es ist—wie zu erwarten—knallvoll. Da wir leider nicht die Klügsten sind und nicht wussten, dass man kein Dosenbier ins Brut mitnehmen darf, müssen wir diese noch schnell vernichten. Schön langsam werde ich immer dichter und dichterer. Kurt Razelli kommt mit einer creepy Arnold Schwarzenegger Maske auf die Bühne und geht voll ab. Er komponiert Tracks mithilfe aufgenommener TV-Momente aus Österreich. Da findet man alles Mögliche. Von den typischen ATV-Proleten bis hin zu Politik-Geschwafel ist alles dabei. Ich kann einfach nicht aufhören zu lachen. Was gibt es lustigeres als ein Wiener-Prolo-Remix? Einige Leute machen einen verwirrten Eindruck. Wahrscheinlich hatten sie keine Ahnung, was Kurt Razelli für Sachen macht. Zugegeben: Es ist weird.

Der dritte Tag des Popfests endet für mich mit reichlich Regen. Ich schaff es leider nicht mehr, mir Crack Ignaz, Wandl oder Mile Me Deaf anzuschauen. Laut meinen Kollegen waren aber alle drei sehr, sehr super. Das Line Up fand ich echt cool und sehr abwechslungsreich. Aber vielleicht sag ich das nur, weil diese Schlechtwetter-Euphorie aus mir spricht. Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Acts auch unter der prallenden Sonne cool fände. Der Sonntag soll ebenfalls für einen kühlen Kopf sorgen.

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