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Open Airs in der Einheitsfalle

Nur einige Monate, nachdem die Open Airs so richtig durchstartet sind, bin ich schon wieder genervt. Liegt es an mir oder am Konzept?
9.7.15

Foto via Flickr | Addam Wiggins | CC BY 2.0

Wer diesen Satz hier liest, an dem ist entweder ein Trend vorbeigegangen, er hat noch immer nicht genug oder er ist mutig: Es gibt Wörter (läuft), Künstler (Kanye West), Kleidungstücke (Crocs), die von einer breiten Masse bis zu einem Höhe- bzw. Wendepunkt verwendet (und gehört) wurden. Dieser Wendepunkt ist ein trauriger Ort, an dem schon viele Opfer von Strömungen begraben liegen, die unter dem Gewicht, das die Gesellschaft ihnen gegeben hat, zerbrochen sind. Bis zur Selbstzerstörung gehypt. Tickende Trends, die an ihrer eigenen Großartigkeit scheitern. Denkt nur an The Strokes, an Bubble Tea, Ray Ban, Berlin, Goji Beeren oder Manchester United. Ryan Gosling. Dazu fallen mir zwei Wörter ein: Überdruss und Desinteresse. Ähnlich wie bei Leuten, die einen übermäßigen Cannabiskonsum verfolgen, kommt es bei mir bei Überhypung—so nenne ich das jetzt einfach mal—zu einer Art Amotivationssyndrom. Nur mit dem Unterschied, dass zu dem fehlenden Interesse auch eine Augenumdrehung hinzukommt. Das heißt, das Thema wird ganz unabsichtlich ausgeblendet, ich sehe darüber hinweg, aber nicht ohne einen kurzen Moment „nicht schon wieder“.

Foto via Flickr | m.a.r.c. | CC BY-SA 2.0

So auch bei Open Airs. Damit ich nicht bei altklugen Menschen anstoße (Erfahrungswerte): Mit OAs spreche ich hier keine Open Air Konzerte in der Arena an oder die eine Bühne vom Popfest. Sondern die Open Airs mit seichter elektronischer Musik, Seifenblasen und Sonne aus dem Arsch. Hier werde ich mal kurz einen Bogen spannen müssen, um Platz für falsche Anschuldigungen zu minimieren. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen öffentlichen Raum und den Open Airs, wie wir sie kennen. Denn, wenn ich sage, dass mir letztere zu viel sind, dann kann man mir mit Recht entgegen halten, dass ich auch gegen die Nutzung öffentlichen Raumes bin. Was vollkommener Blödsinn ist. Für eine funktionierende Stadt sind öffentliche Räume was für uns eine intakte Psyche ist. Für Familien, die sich keine große Wohnung leisten können, die sich auch sonst nicht viel leisten können, sind sie Wohnzimmer und das Café gleichzeitig. Gestresste Menschen können ihren beschissenen Job für ein paar Stunden zur Seite legen und andere widerum können dort Tanzen. Und das ist auch gut so.

Wenn ich den letzten oder vorletzten Sommer hernehme, fällt sofort auf, dass die Situation weitaus entspannter war—was nicht heißt, dass sie per se besser war. Sie war entspannter. Hier und da ist man am späten Nachmittag bis zu einer Endstation gefahren, ist durch die Hitze zu noch unbekannten Orten gegangen und hatte dort eine schöne Zeit. Mit dem dann doch extremen Boom ist das ein bisschen anders. Ende April gab es die ersten Anzeichen, dass sich Open Airs heuer ordentlich durchsetzen werden. Das hat sich bis jetzt auch bewahrheitet. Das Konzept des Open Airs hat sich durchgesetzt, wurde über- und vor allem angenommen. Anfangs hat das, glaube ich, bis auf Wenige so gut wie jeden gefreut. Hey, plötzlich ist eine Auswahl da. Es wurde zum Sommer des TBA, der Sommer des „Interested in Going“. Man hat gesehen, dass es funktioniert, eine Chance gewittert. Danke, Facebook-Algorithmus. Ohne einen „Maybe“-Button gerät man unter Zugzwang. Aber das tut auch niemandem weh. Denn, wenn es so weit ist, kann man sich ja immer noch entscheiden, ob man tatsächlich teilnimmt oder nicht. Aber deshalb passiert es, dass bei „Austrians biggest secret Poolparty“ locker flockige 17K zusagen. Aber die Veranstalter haben es beispielsweise ganz „geschickt“ gemacht: Ab 1.000 Zusagen wurde die Musikrichtung verraten, ab 2.000 der Eintrittspreis ab 16.000 der Ort etc. Ob sich damit nicht ins eigene Fleisch geschnitten wird ist fraglich. Open Airs in Wien ist immer noch ein Thema, aber langsam gehen die Teilnehmerzahlen wieder nach unten—bis auf Ausnahmen hat sich die Situation verhältnismäßig beruhigt.

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Und obwohl die Teilnehmerzahlen—bis auf Ausnahmen—nicht mehr ausarten, sind sie immer noch hoch und Open Airs werden nachwievor zuhauf veranstaltet. Das hat auch durchaus seine Berechtigung. Wien ist nicht mehr im Tiefschlaf, ein leichtes Zucken hat man auch schon überboten, man ist langsam aufgestanden. Aber geht Wien in die richtige Richtung? Ein Überangebot des gleichen Konzepts soll der richtige Weg sein? Was machen die Leute aus dem öffentlichen Raum? Wird er von ein paar semiprofessionellen Veranstaltern eingenommen? Ich habe ja das Gefühl, dass die secret location nicht sacred ist, sondern Prestige. Das TBA ist der Lockvogel, und es funktioniert. Aber dieser Klick-Zirkus nimmt den Grundgedanken des Open Airs und der Leute, die sich dafür eingesetzt haben. Diese Masse an den immer gleichartigen Events, nimmt ihnen vor allem auch eines: den Wert. Welchen Wert hat eine Idee, sobald ihr Konzept hundertmal kopiert wird? Anfangs kann das gut gehen, aber irgendwann ist hier der eingangs erwähnte Wendepunkt da.

Man will die zwei Wörter „Open Air“ nicht mehr zehn Mal am Tag auf seine Timeline gespült bekommen. Verzeiht, ich will das nicht. Mir persönlich ist das einfach zu viel des eigentlich Guten. Beispiel: Gestern Abend habe ich aus dem Fenster geschaut und war—wie die Meisten—beeindruckt von dem argen Himmel. Eine halbe Stunde später habe ich auf Instagram und Facebook gesehen. Wie bei euch allen, waren beide Feeds pink wie das Arschloch eines Einhorns. Ein einsames Roxette-Konzert-Foto hat den Zuckerwattenstream unterbrochen. Beim ersten Foto dachte ich mir noch nichts dabei, nach dem zwanzigsten (keine Übertreibung) war ich einfach nur angepisst. Heute ist der Sonnenuntergang von den Meisten eh schon wieder vergessen. Das ist schade. Der Sonnenuntergang ist übrigens ein sehr harmloser Vergleich. Denkt nur an die Amokfahrt in Graz oder das in den französischen Alpen abgestürzten Germanwings-Flugzeug. An Charlie Hebdo. Anfangs werden diese Themen so intensiv aufgegriffen, dass die eigentliche Nachricht an Wert verliert. Dass wir eine gernige Aufmerksamkeitsspanne haben, ist nicht abstreitbar. Wir wollen nicht Hundert Mal das Gleiche. Schlimme Nachrichten werden so zu etwas, bei dem sich mancher denkt „Nicht schon wieder. Es reicht.“

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Ich möchte das Überangebot der Open Airs keineswegs mit dramatischen Unglücken vergleichen, ich hoffe, das ist jedem klar. Was ich aber möchte, ist den roten Faden unserer Wahrnehmung aufzuzeigen. Es ist der falsche Weg eine gute Sache zu überstrapazieren. Es ist auch der falsche Weg, eine schlechte Sache zu überstrapazieren. Es wäre etwas Anderes, wenn das wirklich gute Konzept der Open Airs hergenommen wird und mit ihm gespielt wird. Ja, es gibt Open Air-Yoga etc., aber das ist nicht die Abwechslung, von der ich spreche.

Foto via Flickr | Ben Seidelman | CC BY 2.0

Was die unter-freien-Himmel-Partys voneinander trennt, ist der Name des Events. Und selbst der unterscheidet sich oft nur durch ein Wort. Überall liegen Seifenblasen und Konfetti in der Luft, Liebe, Blumen im Haar, gib mir einen Strick und schieß mich tot. Und bei jedem OA weißt du, welche Musik dich erwartet. Diese seichte Elektronik (Techno!), die irgendwo zwischen Paul Kalkbrenner und Klangkarussel liegt. Halbhansel, die sich unter dem Jahr mit Clubs versuchen, die nicht ziehen, haben am Open Air-Boom ihre Chance gesehen. Wie gesagt, dagegen spricht eigentlich nichts. Es ist lediglich schade, dass es das ewig Gleiche ist—und genau das nimmt ihnen, wie bereits erwähnt, den Wert.

Diese Events haben so viel Potential. Warum gibt es nicht mehr Jazz-Open Airs? Mehr Funk, mehr Soul? Mehr Diversität im musikalischen als auch veranstalterischen Sinne? Die Unterschiede sind im Nuancen-Bereich. Hier vegane Burger, dort Tattoos zum Aufkleben. Is that it? Wenn wir schon die Möglichkeit haben, den öffentlichen Raum zu nutzen, warum gibt man sich mit dem immer ähnlichen zufrieden, anstatt auch mal innovativ zu sein und so zu verhindern, dass wir durch ein Überangebot das Interesse verlieren? Diese Fragen gebe ich an euch weiter. Macht was draus.

Isabella ist auf Twitter: @isaykah

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