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Früher war alles schlechter, außer Stefan Raab, der war besser.

Raabs neuer WM-Song ruft Erinnerungen an die guten alten Zeiten wach.

von Julius Wußmann
16 Juni 2014, 9:30am

1994, also vor genau zwanzig Jahren, stürmte Stefan Raabs WM-Song „Böörti Böörti Vogts“ die deutschen Single-Charts. Wie lange das wirklich schon her ist? In dem Jahr gründeten sich Rammstein, Der König der Löwen kam in die Kinos und Kurt Cobain beging Suizid. Ist also verdammt lange her. Böörti schaffte es damals auf Platz vier. Zu Recht. Schon alleine den Titel des funkigen „Rap”-Songs zu lesen, verursacht heute immer noch einen penetranten Ohrwurm. Gerade weil Raabs erster Song geschrieben wurde, ohne auf die Charts zu schielen, ist der Erfolg umso berechtigter.

2014. Es ist wieder mal WM und wieder mal hat sich Raab hinters Mic geklemmt, um einen WM-Song zu schreiben. Ja schon klar, eigentlich sind es drei Songs, aber mal ehrlich, solange Text und Akkorde identisch sind, ist es nur ein Song, der von drei verschiedenen Genres vergewaltigt und dann reglos liegengelassen wurde. Sadistischerweise wurde die Tat noch gefilmt und so müssen wir mit ansehen, wie zuerst bunte Zwerge, dann dreckige Zwerge und schließlich Bräunungscreme-Raab nebst zweier Samba-Tänzerinnen (natürlich sind es Samba-Tänzerinnen, ist ja Brasilien, was anderes haben die ja auch nicht) ihren „Spaß” haben. So richtig gefallen scheint das weder dem Song, noch den Hörern. Momentan steht die Tat auf Platz 82 der deutschen Single-Charts. Ein paar Deppen kaufen eben alles. Allerdings wirklich nur ein paar. Platz 82 bedeutet im Jahr 2014 nicht mehr sehr viel. Raab kann damit lange nicht an alte Erfolge anknüpfen. Vielleicht, weil es ohne Liebe und Kreativität, dafür aber mit umso mehr kommerziellen Kalkül produziert wurde? Entweder du schreibst einen Song und stehst dazu oder du machst eben verschiedene Versionen, um möglichst viele Leute abzuholen. Dass die jeweilige Version sich dann wie halbgare Scheiße anhört, liegt in der Natur der Sache.

Vieles, was Raab einmal ausgemacht hat, ist dieser kalten Berechnung zum Opfer gefallen. Ja, es gibt im deutschen Fernsehen wohl kaum einen größeren Entertainer als ihn. Inzwischen zählen unzählige Formate zum Raab-perium. Egal ob auf der Wok-Bahn, im Hallenbad oder in der Stock-Car-Arena, Promis kämpfen mit Raab um den Sieg. In seiner Millionenshow scheitern Normalsterbliche im Wettstreit mit dem Unsterblichen. Musiker buhlen in seiner Version des ESC um die Stimmen ihrer Fans, Politiker in seiner Polit-Talk-Runde um die Gunst der Zuschauer. Raabs medialer Einfluss ist unbestreitbar. Doch wie geht es bei all dem Trubel eigentlich Raabs Rom, dem Zentrum des Imperiums, TV Total? Die einst so vorbildhafte Late-Night-Show scheint inzwischen nicht viel mehr als eine Werbebühne für sein Medienreich zu sein. Raab schlendert unvorbereitet ins Studio, versucht den Teleprompter abzulesen, drückt ein paar Knöpfe, macht hier und da tendenziell rassistische und homophobe Witzchen, scherzt lustlos mit seinen Studiogästen und rührt immer wieder kräftig die Trommel für’s nächste Event. Jeden Dienstag gesellt sich sein langjähriges Helferlein Elton hinzu, damit endlich wieder Blamieren oder Kassieren mit einem Publikumsgast gespielt werden kann. Ohne eigene Recherche davon auszugehen, dass das chinesische Fernsehen das Quiz so dermaßen genial fand, um es für ihre Landsleute nachzumachen, zeugt schon von erheblicher Arroganz.

Wenn es in der Flut von nervigen WM-Songs etwas nicht gebraucht hat, dann ist das ein Beitrag von Stefan Raab. Was wollte er außer Geld damit erreichen?Selbst das drüfte einigermaßen misslungen sein, denn Platz 82 und die über 1,5 Millionen Klicks seiner drei Videos werden kaum wahnsinnig viel ins Portemonaie gespült haben, nachdem die Produktionskosten abgezogen wurden. Also warum das Ganze? Dachte Raab ernsthaft, dass jemand sagt: „Ist ja eigentlich die gleiche Scheiße wie alles andere, aber weil es von Raab und damit bestimmt total ironisch gemeint ist, kauf ich’s mir, dreh es im Auto ganz laut auf und fahre mit heruntergekurbelten Fenster im Schritttempo durch die Innenstadt.”

Ein schlechter Song bleibt ein schlechter Song, Ironie wertet da nichts auf. Das hat bei Raabs Songs in der Vergangenheit zwar geklappt, den Charterfolgen „Wir kiffen“ und „Gebt das Hanf frei“ können aber immerhin eine politische Message unterstellt werden. Die kritische politische Lage in Brasilien hätte sich angeboten, doch Raab scheint längst zu müde, um wirklich zu provozieren. TV Total langweilt, die Musik nervt und Raab wird weitermachen, bis auch der letzte Zuschauer seiner restlichen Shows vorm Fernseher eingeschlafen ist.

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