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You Need to Hear This

Tune-Yards ist jetzt richtig hart

Allerdings klingt die ihre Musik dabei fröhlich und glücklich. Genau diesen Gegensatz zwischen Text und Klang will Merrill Garbus erreichen.

von Miles Zornig
05 Mai 2014, 12:00pm

Musik soll Spaß machen. Und Tune-Yards macht Musik, die unglaublich viel Spaß macht. Vielleicht liegt es an der wunderschönen, lauten, durchgeknallten Stimme der Sängerin. Oder es liegt an der äußerst experimentellen Herangehensweise, mit der Tune-Yards das Beste aus Indie-Pop, Lo-Fi und Folk zusammenbringt und dabei sogar noch HipHop- und R&B-Elemente vereint. Oder es liegt daran, dass man beim Hören keine Ahnung hat, wie man die Musik von Tune-Yards definieren soll. Und genau das macht Merrill Garbus' musikalisches Projekt so interessant. Die Mischung aus den verschiedensten Genres in Kombination mit Merrills gewaltiger, abwechslungsreicher Stimme machen es schier unmöglich, wegzuhören.

Nach einer Reise durch Kenia und dem Entschluss, ihrer Karriere als Puppenspielerin an den Nagel zu hängen, beschloss Merrill, ihrer Leidenschaft für Musik zu folgen und unter dem Alias „Tune-Yards“ein paar erste Songs zu produzieren—mit Ukulele, Sample-Gerät und Loop-Pedal, mit der sie verschiedene Sequenzen ihrer Stimme aufnahm. Mittlerweile hat sich dieser Prozess als ihr Markenzeichen für Live-Performances etabliert, bei denen sie früher alleine auf der Bühne stand, heute von ihrem Bassisten und Freund Nate Brenner unterstützt wird. Zwei Alben hat die Musikerin seit 2009 veröffentlicht, Bird-Brains und Whokill, die von Kritikern hochgelobt wurden. Jetzt ist Tune Yards mit dem dritten Album Nikki Nack zurück.

Noisey: Zwischen deinen ersten beiden Alben sind zwei Jahre vergangenen. Auf Nikki Nack mussten Fans drei Jahre warten.
Merrill: Nach der Veröffentlichung von Whokill begann für mich eine lange Tour die erst im Sommer 2012 endete. Die Songs auf Whokill gefielen mir sehr gut und ich hatte in der Zeit nicht die kreative Energie, neue Songs zu schreiben. Nach der Tour habe ich mir ein paar Monate freigenommen und in der Zeit wurde mir klar, dass ich noch nie in einer solchen Situation gesteckt habe: Ich wusste nicht, wie ich mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen soll. Ich fing erst im Januar 2013 an, Songs für Nikki Nack zu schreiben.

Wieso ist dir das so schwer gefallen?
Merrill: Bei Bird-Brains habe ich einfach nur für mich geschrieben, weil ich nie gedacht hätte, dass jemand mein Album hören würde. Mit einem Voice-Recorder meine Stimme aufzunehmen war Anfangs auch nur ein Hobby von mir. Die Musik zu Whokill kam während der Zeit, als ich für Bird-Brains tourte. Die beiden Alben waren eine Reflexion der ersten dreißig Jahre meines Lebens. Danach hatte ich nichts mehr, worüber ich schreiben konnte. Zum ersten Mal stand ich vor der Herausforderung der Welt etwas Neues zu geben. Plötzlich war Musik machen mein Job, plötzlich wartete mein Label auf ein Album und plötzlich fragte ich mich,ob ich als professionelle Musikerin noch genau so gute Musik machen kann, wie wenn ich sie für mich selbst, als Hobby mache. Ein paar Songs auf Nikki Nack handeln auch von dieser Frage.

Hast du eine Antwort auf diese Frage gefunden?
Merrill: Das ist schwer zu sagen. Das wird sich erst herausstellen, sobald die Musik draußen ist und die Menschen irgendwie, irgendwo trifft. Ich bin auf jeden Fall sehr stolz auf die Songs, die auf dem Album zu hören sind und glaube, dass sie zwar komplex sind, hoffe aber, dass Menschen die Lieder über eine bestimmte Zeitspanne öfters hören und dabei immer wieder etwas Neues für sich entdecken können. Das ist besser als ein Album zu hören, das man sofort versteht, das sofort Sinn macht, sobald man es nur einmal gehört hat und es den Hörer bereits nach einer Woche langweilt.

Zum ersten Mal schmückt das Wort „Explicit“ein paar deiner Songtittel auf iTunes.
Merrill: Ziemlich cool (lacht), jetzt bin ich richtig hart (lacht). Das hat aber keinen speziellen Grund, falls du darauf hinaus wolltest. Außer, dass ich halt „shit“ und „fuck“ und ein paar andere Schimpfwörter benutze. Whokill hatte aber auch bestimmte Metaphern, die auf ihre eigene Art und Weise auf grausame Dinge hingewiesen haben. Man findet immer mal wieder Blut und Eingeweide in meinen Songs—aber nicht mehr als in der Form von ein paar bösen Wörtern.

Wo wir gerade bei Blut und Eingeweiden sind: Auf deinem letzten Album waren verschiedene Formen von Gewalt ein Thema. Haben solche Themen auch Nikki Nack beeinflusst?
Merrill:
Die Musik auf Nikki Nack hört sich glücklicher an, die Themen sind aber auf jeden Fall dunkler. Ich mag es, meine Musik so zu gestalten, weil ich den Leuten kein hartes Thema mit einem harten Sound vermitteln will. Auf diesem Album gibt es weniger Selbsthass als auf meinen letzten Alben. Ich fange an, zu mir selber sanfter zu sein und mir zu verzeihen.

Wie meinst du das?
Merrill: Ich bin eine Perfektionistin, außerdem erstgeborenes Kind, was bedeutet, dass du immer alles richtig machen musst. Eine 1- tut es nicht, du musst eine 1+ haben. Dann gibt es da auch dieses Schamgefühl, das in der Pubertät kommt. Scham vor deinem Körper. Scham vor dir selbst, Scham vor Wachstum, was mich auch bis zu meiner Reisen nach Kenia verfolgt hat, wo ich mich geschämt habe, als US-Amerikanerin dort zu sein und ich mich für die weltweite Rolle meines Landes geschämt habe. All diese Dinge haben mir einen Grund gegeben, hart zu mir selbst zu sein, oder andersrum: All diese Dinge erschweren es mir, nett zu mir selbst zu sein.

Deine Musik ist sehr laut, aber auf eine wunderschöne Art und Weise.
Merrill: Das stimmt. Auf diesem Album vielleicht sogar noch mehr. Nate, mein Bassist und Freund, hat mir schon seit ich anfing, an Nikki Nack zu arbeiten, gesagt, dass ich viel mehr mit meiner Stimme machen kann, und ich auch mal was anderes probieren sollte, als diesen Ton oder diesen Schrei zu machen. Dadurch habe ich versucht, etwas weniger zu schreien und laut zu sein. Aber im Allgemeinen stimmt es, dass meine Musik etwas Lautes an sich hat.

Bevor du mit der Musik begonnen hast, hast du als Puppenspielerin gearbeitet. Inwiefern hat dir das für deine musikalische Karriere weitergeholfen?
Merrill: Die Leute mit denen ich geabeitet habe, haben uns in Thai Chi-Atmung trainiert, da die Arbeit als Puppenspieler natürlich viel mit Atmung zu tun hat. Sie haben uns auch beigebracht, eine Welt zu erfinden, in der die Puppe sehen konnte, was um sie herum passiert und in der die Puppe wirklich Dinge erleben konnte. Eine fiktive Welt, an die später auch das Publikum glauben sollte. Mit Songs ist das ähnlich. Songs wie „Stop That Man“ oder „Water Fountain“ haben alle ihre eigene Welt, die man betritt, sobald man die Songs hört.

Auf dem Album ist ein Interlude „We Do We Dine On The Tots“ der eine Ode an deine Karriere als Puppenspielerin zu sein scheint.
Merrill: Ich habe den Dialog in einem meiner Notizbücher gefunden, in das ich Dinge geschrieben habe, als ich noch im Puppentheater gearbeitet habe. Es geht weniger um Puppen, sondern mehr um eine Geschichte, die in meinem Kopf herumschwirrt, seitdem ich meine Inszenierung „Fat Kid Opera“ in einem Puppentheater aufgeführt habe. In der Geschichte geht es um eine Mutter, die ihre Kinder an einen Schlachter verkauft. Es ist eine Metapher, die noch immer in meinem Kopf herumschwirrt—dass wir unsere zukünftige Generation, unsere Zukunft, verkaufen.

Erst die Geschichte einer Mutter, die ihre Kinder an einen Schlachter verkauft, dann Videos wie „My Country“, in denen hauptsächlich Kinder zu sehen sind, dann machst du in „Little Tiger“ Anspielungen auf Kinder-Geschichten und auf dem neuen Album hast du einen Song namens „Manchild“. Woher kommt diese Obsession für Kinder?
Merrill: Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ich manchmal Lust habe, mich zurück in meine Kindheit zu versetzen. Es war eine Kindheit, die wirklich wunderbar war, von der ich aber schon mit 9 Jahren überzeugt war, dass sie bereits vorbei sei.

Wieso denn das?
Merrill: Wir sind viel umgezogen, daher kam immer der Gedanke, „Ich werde nie wieder das Zuhause aus meiner Kindheit wiederhaben“. Den Gedanken hatte ich bereits mit 7 Jahren. Mit 9 Jahren war hatte meine Familie eine schwere Zeit. Ich hatte eine kleine Schwester, die mit mir zur Schule ging und um die ich mich kümmern musste. Wahrscheinlich ist es typisch, dass Erstgeborene das Gefühl bekommen, sie seien erwachsen, bevor sie erwachsen sind. Also ist das vielleicht ein Grund, warum Kinder für mich so wichtig sind. Außerdem habe ich großen Respekt vor ihnen und glaube, dass sie eine sehr ausgeklügelte Intelligenz haben, die wir als Erwachsene oft nicht anerkennen wollen.

Hast du denn das Gefühl, etwas in deiner Kindheit verpasst zu haben?
Merrill: Ohne zu freudianisch rüberzukommen: Ja, ich denke dass das einer der Gründe dafür ist. Obwohl ich nicht wirklich etwas verpasst habe. Ich hatte eine wundervolle Kindheit. Aber ich vermisse diese Zeit.

Du hast es eben selber gesagt: Du bist unglaublich viel gereist, hast viele Ecken gesehen, warst in Kenia. Warum war Reisen so wichtig für dich?
Merrill:
Ich bin in einer Stadt voller wohlhabender Menschen aufgewachsen, die ziemlich langweilig und unkultiviert waren. Da gab’s nur Country Clubs und Tennis, Dinge, die meine Familie überhaupt nicht interessierten. Ich dachte damals einfach, viel mehr mit meinem Leben anfangen zu müssen, als in dieser Stadt zu bleiben. Die Kenia-Sache hat viel mit meinem Onkel und meiner Tante zu tun, die beide in Kenia waren als ich zehn war, und durch die ich damals schon wusste, dass ich auch dorthin möchte. Also habe ich Swahili gelernt. Lernen ist für mich einfach unglaublich aufregend. Sobald ich etwas über Menschen und Kulturen lerne, bekomme ich automatisch Inspiration. Ich habe schon gehört, dass Nic Nacs ein Snack hier ist (lacht). Ich liebe es, solche Details über die Orte zu hören, in denen ich mich aufhalte. So lerne ich.

Hatte deine Kenia-Reise denn den größten Einfluss auf deine musikalische Karriere?
Merrill: Dass sie einen musikalischen Einfluss hatte, glaub ich nicht, denn Musik-inspiriert war ich schon in sehr, sehr jungen Jahren. Aber meine Reise nach Kenia hatte viele andere Einflüsse auf mich. Es war eine harte Zeit, in der ich viel über mich selbst gelernt habe. Es war die härteste Zeit meines Lebens. Ich habe gelernt was Angst ist, wie es sich anfühlt, dem Tod nahe zu sein.

Hört sich ganz schön heftig an.
Merrill: Ich musst Malariamittel nehmen, ein Medikament über das vor Kurzem herausgefunden wurde, dass es zu Selbstmord führen kann. Ich dachte wirklich jeden Tag, ich würde sterben. Das lag aber an dem Medikament, nicht an meiner seelischen Verfassung. Dazu war ich in meinen 20ern sehr depressiv. Ich würde zwar niemals sagen, dass ich selbstmordgefährdet war, aber es gab Momente, in denen ich mich fragte, was mein Leben wert ist und was ich aus meinem Leben machen soll.

Manche Leute sagen von dir, dass du ein politischer Künstler bist. Trifft das zu?
Merrill: Ich soll angeblich in irgendeinem Artikel mal gesagt haben, dass ich kein politische motivierter Künstler sein oder als solcher abgestempelt werden möchte. Das habe ich aber so nicht gemeint. Ich meinte eher, dass ich verhindern möchte, Menschen davon zu überzeugen, an die Dinge zu glauben, an die ich glaube. Ich möchte keinem meine Sicht der Dinge einprägen. Aber wenn es politisch ist, in seiner Musik über sozio-politische oder wirtschafltiche Probleme zu sprechen, dann bin ich wahrscheinlich schon ein politischer Künstler. Aber sprechen wir nicht alle miteinder über diese Dinge?

Nikki Nack ist bei 4D erschienen. Bestellt es bei bei iTunes oder Amazon.

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