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Warum es auch diesmal nicht klappen wird, dass du am ersten Festivaltag nüchtern bleibst

Man nimmt es sich immer wieder vor, schafft es aber nie: Am ersten Tag nicht ganz so viel Gas zu geben, wie letztes Jahr.

von Fredi Ferkova
20 Juni 2016, 9:40am

Alle Fotos von der Autorin

Man nimmt es sich immer wieder vor: Am ersten Festivaltag nicht ganz so Gas zu geben. Nicht so wie letztes Jahr. Weil: Man hat dann mehr Energie, man hat mehr Kraft und man kriegt so zumindest ein bisschen was mit. Das Vorhaben erscheint also nicht nur edel, sondern auch überaus reif. Rauschmanagement gehört zu unserem Leben 2.0 mindestens genauso wie Zeitmanagement, Berufsmanagement und Nahrungsmanagement. Und aus der reifen Sicht ist man ja eh länger auf dem Festival und vordergründig ist man doch wegen der Musik da. Zumindest hat man es den Verwandten so erzählt. Aber dieses Vorhaben klappt nicht—es ist quasi unschaffbar und freier Wille in diesem Belangen ist eine Illusion. Ich erkläre euch, welche Faktoren euch davon abhalten. Damit ihr euch für die Zukunft kleinere Ziele setzten könnt. Gern geschehen.

Die zauberhafte Festival-Welt

Der erste Tag des Festivals, ist der erste Tag, an dem du deine Heimat verlässt und das Urlaubsfeeling inne hast. Das Gelände ist noch schön—zumindest nicht komplett zugemüllt. Die Menschen sind noch hübsch und ausgeschlafen und deine Alkoholvorräte noch voll. Wenn du ankommst, dann streifst du den Alltag ab. Du vergisst deine Sorgen und hast "Freunde am Gelände treffen", "Zelt aufbauen" und "Wer spielt heute?" als zentrale Lebensthemen gegen "Warum habe ich am Monatsanfang kein Geld mehr", "Zukunftsängste" und "Beziehungsunfähigkeit" eingetauscht. Das ist im Preis des Festivalstickets inbegriffen und es ist auch der Grund, warum du dir das Festivalticket gekauft hast. Wir wissen es alle.

Dein Gehirn

Ohne positive Bestärkung wäre die Menschheit noch in Waldhöhlen und würde Tiger jagen. Unser Belohnungszentrum ist stark ausgeprägt und seien wir uns ehrlich—die bewusste Hinfahrt und der Zelt-Aufbau sind ungelogen das Produktivste, was du in den nächsten Tagen tun wirst. Dein Unterbewusstsein weiß das. Und es will belohnt werden. Es will eine Belohnung für dein viel zu gestresstes Packen, es will eine Belohnung für die Hinfahrt und vor allem will es eine Belohnung fürs Schlafplatz organisieren. Da es am Festival aber keine Tiger zum Erlegen und Grillen gibt, sehr wohl aber Alkohol, greift man eben zu dem was da ist und das Dopamin fließen lässt.

Deine Freunde

Angenommen, du hast die Reife und belohnst dich nicht automatisch, wenn dein Körper und Geist etwas Produktives schaffen. Einer deiner Freunde wird die Reife nicht haben und sich mit drei Litern Bier belohnen wollen. Nicht nur das: Wie wir das aus Beisln und von diversen menschlichen Zusammenkünften kennen, wird von dir verlangt, mitzumachen. Also verlangt—man wird dich dazu einladen, mitzumachen. Und dann stehst du vor der Wahl: Entweder, du bleibst reif und einsam, entspannst dich ein bisschen und gehst schlafen—oder du eskalierst im Beisein deiner Freunde, guter Musik und mit vollem Motivationslevel. Weil morgen sind deine Freunde im Arsch. Und du stehst morgens vollmotiviert da, während sie versuchen, sich von gestern zu sammeln. Ihr müsst die Entscheidung, nüchtern zu bleiben, also kollektiv treffen und auch zu 100 Prozent dahinter stehen. Und eine Schwachstelle, die alle anderen bricht, gibt es immer. Wenn dir so eine Schwachstelle nicht einfällt, dann bist du diese Schwachstelle. Gratuliere.

Der Alkohol

Wenn man "nüchtern" auf einem Festival sagt, dann meint man eigentlich "nicht komplett bum zu". Man meint nicht wirklich nüchtern-nüchtern. Angeheitert-nüchtern eher. Die Rainbow-Road von Mario Kart ist einfacher als diesen Zustand zu halten. Zu erreichen ist er nicht schwer. Aber ihn zu halten, ist quasi nicht möglich. Und schon gar nicht auf einem Festival, bei dem man in Zugzwang gerät, wenn einfach irgendeine Gruppe anfängt zu grölen. Wenn es für die Droge Alkohol ein perfektes Setting gibt: Festivals sind das perfekte Setting. Und Zeltfeste. Außerdem: Deine Flaschen werden ab jetzt nicht kälter, voller oder wohlschmeckender. Man sollte den Scheiß trinken, bevor er 50 Grad hat und innerhalb der Flasche mehrmals selbst verdunstet, um als ekelhaftes Gesöff wiederzukehren. Außerdem: Du hast heute Nacht noch Geld. Ob dem in zwölf Stunden so ist, steht in den Sternen.

Deine sexuellen Triebe

Wenn du ankommst schaust du noch super aus. Deine Haut glänzt und schimmert, sie ist durchblutet und rosig. Gewaschen wurde sie in einem verfließten Raum mit warmen Wasser. Vielleicht hast du dir ja sogar noch ein Shampoo und ein Duschgel gegönnt—du König. Und so wie dir geht es allen vor Ort: Sie sind die beste Version ihrer selbst und ab jetzt geht es nur noch bergab. Unsere sexuellen Triebe spüren und riechen das. Und sie haben Angst. Sie haben Angst, dass du dich betrinkst und sie erst in zwei Tagen ihre unhygienische time to shine kommt. Deshalb werden sie dir heute verführerisch ins Ohr flüstern, dass heute der beste Tag dafür ist.

Die kollektive Kraft der Eskalation

Es gibt genau einen Tag, an dem die kollektive Kraft der Eskalation wirklich alle Festivalgänger berührt. Ab Tag zwei gibt es schon Leichen, Fast-Leichen und die Übermotivierten, die erst heute ihren ersten Tag haben. Ab da wird es unhomogen. Ab da liegt es an dir und deiner Gruppe, wie fucked up ihr tatsächlich rumwandelt.

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