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Features

Wird LANDR den Tontechniker ersetzen?

Wir gehen einer neuen Technologie auf den Grund, die der größte Fortschritt in der Geschichte der Aufnahmetechnik sein könnte. Und der Tod des Tontechnikers.

von Greg Bouchard
12 August 2014, 8:19am

LANDR ist vielleicht der größte Fortschritt in der Welt des Homerecordings seit der Entwicklung des Mehrspur-Recorders. Seit Jahrzehnten können Künstler zuhause aufnehmen, Spuren übereinander legen, mixen und Musik reproduzieren, aber das Mastern ist immer noch ein Job für ausgebildete Tontechniker, die in teuren Studios arbeiten. Das liegt daran, dass das Mastern—obwohl theoretisch einfach—immer noch ein enorm komplizierter Prozess ist, der ein einwandfreies Gehör erfordert. Und er macht den Unterschied zwischen einer guten Amateuraufnahme und einer professionellen Tonaufnahme aus, die dein Gehör in vollem Umfang beglückt.

Die Erfinder von LANDR, denen wir auch MixGenius zu verdanken haben, behaupten, dass ihre Software diesen Prozess durch einen Algorithmus automatisieren kann, der das menschliche Ohr nachahmt und sich den Geschmäckern und Vorlieben des Nutzers anpasst. Die Software beruht auf Forschung, die an der Queen Mary Universität in London durchgeführt wurde und soll Mastering entmystifizieren und es auf greifbarer, wissenschaftlicher Ebene verständlich machen. Die Ergebnisse sind streng geheim, aber das fertige Produkt kann jeder nutzen, indem er Soundfiles auf die Website von LANDR zieht. Du musst nur ein paar Minuten warten und was heraus kommt, ist eine gemasterte Version deiner Aufnahme.

Eine Menge Künstler sind darauf aufmerksam geworden, nicht zuletzt Max Henry von SUUNS, der LANDR für seine eigenen Arbeiten nutzt. „Ich mache immer kleine Tracks, entweder für mich selbst oder als Auftragsarbeit“, sagt er. „Als die Website online ging, habe ich es für ein paar Songs genutzt und es ist ein wirklich beeindruckendes Feature, fast beängstigend, wie schnell das alles ging. Aber erst als ich auf die mit LANDR gemasterten Tracks ungewöhnlich positive Rückmeldungen von meinen Klienten bekommen habe, war ich komplett überzeugt.“ Die Low-Budget- bzw. DIY-Herangehensweise an seine Arbeit bedeutet in vielen Fällen, dass er entweder mit LANDR mastern kann oder überhaupt nicht. „Da ist es schwer, nein zu sagen.“

Aber LANDR versucht nicht, das Mastern durch Menschenhand komplett zu ersetzen. Auf ihrer offiziellen Website behaupten die Macher, dass sie „den ausbalancierten Feinschliff, der durch die feinen Anpassungen eines erfahrenen Mastering-Technikers erreicht wird, nicht ersetzen wollen“, und fügen hinzu, dass LANDR-Dateien auch als nützliche Referenzhilfe für Techniker dienen können. Auch auf dem nächsten SUUNS-Album wirst du LANDR nicht hören. „Um ehrlich zu sein, ich bin nicht sicher, ob es darum überhaupt geht“, sagt Max, als ich ihn fragte. „Ryan Morey hat beiden unserer Alben so viel Leben eingehaucht und ich kann mir kein SUUNS-Album vorstellen, das auf andere Weise entsteht.“


Was ist dieses mysteriöse Produkt also und wofür sollten Musiker es nutzen? Um diese Fragen zu erörtern, haben wir mit Justin Evans von MixGenius und Thomas Sontag von MixGenius und Turbo Recordings darüber gesprochen, wie sie LANDR entwickelt haben und wie sie es im Studio nutzen.

Noisey: Wer hat LANDR entwickelt und wie?
Justin:
Die Ursprünge von LANDR gehen auf eine Reihe an Forschungen zurück, die im Laufe der letzten acht Jahre von einer Forschungsgruppe aus sehr klugen Doktoranden am London Centre for Digital Music (C4DM) der Queen Mary Universität durchgeführt wurden, die dort intelligente Audioverarbeitung untersucht haben. Vor zwei Jahren hat dann ein Technologiezentrum aus Montreal namens TandemLaunch die exklusiven Rechte für diese Forschung bekommen und die Förderung und die Infrastruktur geschaffen, damit wir die Firma mit ihnen gründen können—mit mir und einem der Studenten aus dem Programm. Seitdem haben wir einen brillanten Geschäftsführer, der genug Geld aufgebracht und eine Strategie entwickelt hat, damit wir diese allerneueste Technik zu geschäftlicher Realität werden lassen können.

Was ist so kompliziert am Mastering, verglichen mit den anderen Schritten beim Aufnahmeprozesses?
Justin:
Für das Mastering benötigt man einige wirklich komplizierte Dinge—ein gutes Gehör und die Fähigkeit, die Sachen zu analysieren, die man beheben muss; ein herausragendes Hörumfeld mit sehr teuren Lautsprechern und einen akustisch ausbalancierten Raum, was wirklich wenige Leute haben. Warum? Weil die Form und die Akustik eines Raumes das, was du hörst, beeinflusst, was schnell zu großen Problemen beim Mastern führen kann. Außerdem brauchst du fundierte Kenntnisse der Tontechnik. Die Bedienung des Equipments, das beim Mastering genutzt wird, ist sehr schwer zu erlernen. Dinge wie Mehrfrequenz-Equalizer oder -Kompressoren können viel Schaden anrichten, wenn sie falsch benutzt werden. Es gibt viele Variablen und es ist ernsthafte Wissenschaft, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Hängt das Ganze nicht stark davon ab, ein gutes Gehör zu haben? Wie kann eure Software ein „gutes Gehör“ haben?
Justin:
Die Frage ist, was das „gute Gehör“ macht? Es identifiziert hauptsächlich Frequenz- oder spektrale Probleme oder hilft, zu verstehen, was man für die Art von Song, an dem man arbeitet, für Bearbeitungen vornehmen muss. Glücklicherweise—zumindest für unser Projekt—ist das die Art von Problem, bei dem lernende Automaten, Psychoakustik und digitale Signalverarbeitung wirklich gut sind. Denk an Shazam. Früher brauchtest du jemanden, der in einem Plattenladen arbeitete und ein wandelndes Musiklexikon war, um zu erfahren, um welchen Song es sich handelt oder was der DJ gespielt hat. Jetzt musst du nur noch dein Smartphone hochhalten!

Die Software ist „adaptiv“, aber was bedeutet das? Passt sie sich einer bestimmten Nutzerpräferenz an? An spezifische Projekte?
Justin:
Unser System bekommt im Prinzip von jedem Track, der hochgeladen wird, neue Daten, analysiert diese und lernt daraus. Wenn ich mehr verraten würde, würde ich unsere größten Betriebsgeheimnisse verraten.

Ist das eine Lösung für DIY-Künstler, die sich keinen hochklassigen Mastering-Techniker leisten können? Oder können auch Künstler davon profitieren, die unbegrenzten Zugang zu so etwas haben?
Justin:
Ich denke, es ist eine Lösung für beide. Wir sind immer wieder überrascht, wer dieses Angebot nutzt: Große Plattenlabels; A&R-Leute; DJs, die ihre Live-Sets zusammenstellen; große Künstler, die sofort wissen wollen, wie ihre Songs klingen, wenn sie fertig sind; Hersteller von Audiobooks; Videomacher; Podcaster; Leute, die ihre Samples für das Livespielen sampeln. Es wird sehr viel und auf vielfältige Weise genutzt, die wir nicht erwartet hätten, als wir es entwickelt haben.

Was die Aufnahmeseite angeht, wie hast du (Thomas) LANDR in deine Arbeit im Studio eingebaut?
Thomas:
Wir nutzen es andauernd. Manchmal anstatt eines professionellen Studio-Masterings, aber meistens anstatt eines eigenen Mastering-Prozesses. In beiden Fällen spart uns das Zeit und Geld—zwei Ressourcen, die bei einem Indielabel immer knapp sind. Wir nutzen es, um Liveaufnahmen von DJ-Sets zu mastern, um Vinyl-Rips zu verbessern oder zu verfeinern und es im Club zu spielen, um Demos und neuen Songs, die wir testen oder teilen wollen, schnell einen Schliff zu verpassen. Aber was am beeindruckendsten ist, ist, dass wir es auch das erste Mal bei einer echten und kommerziellen Veröffentlichung nutzen. Wir haben es ausgiebig mit der Arbeit von einem der besten Studios im Geschäft verglichen und LANDR musste den Vergleich wirklich nicht scheuen, in manchen Fällen klang es sogar besser als die Arbeit von angesehenen Mastering-Technikern. Es ist großartig, wie gut es wirklich ist und es wird nur noch besser.

Mastering ist ein bekanntermaßen schwieriger und ungewisser Schritt im Aufnahmeprozess—wie verändert LANDR das?
Thomas:
Selbst im Zeitalter der DIY-Musikproduktionen, in dem ein Jugendlicher mit Laptop im Prinzip das machen kann, wofür man früher Millionen Dollar teure Studios brauchte, ist Mastering ein immer noch auf ungewöhnliche Weise ausgelagerter Arbeitsschritt. Es gibt großartige Werkzeuge fürs Selbst-Mastern, aber für Amateure hat das große Tücken. Ohne einen perfekt klingenden Raum und ein geschultes Ohr versauen sich die Leute damit schnell ihre Mixe. Für Musiker ohne Plattenvertrag ist das Buchen eines Mastering-Studios eine große Investition und ein verwirrender Prozess (nicht jeder Techniker ist für jede Art von Musik der richtige). Für kleine Labels mit kleinen Auflagen ist das ein hoher Kostenfaktor. LANDR macht den Prozess kinderleicht, hilft, dass aufstrebende Künstler und Labels leichter im Geschäft mitmischen können und zeigt ihnen, was Mastering ihrer Musik verleihen kann.

Welche Vorteile hat es für dich gegenüber einem menschlichen Mastering-Techniker?
Thomas:
Erstens: Es wird nie müde. Zweitens: Es reduziert die Kosten dramatisch. Das Ergebnis ist, dass LANDR es möglich macht, lange Liveaufnahmen, DJ-Sets und unfertiges Material zu mastern, das Produzenten uns vielleicht als Demos schicken oder in einem Club testen wollen, bevor sie sich auf eine finale Version festlegen. Die Idee ist, dass dieser schwer zu fassende, mysteriöse Prozess jetzt ein direkt zugängliches Werkzeug im Arbeitsablauf ist, das sowohl emotional befriedigend als auch außerordentlich praktisch ist.

Wenn man etwas Einblick in die Firma bekommt, die Hingabe und Intelligenz des Teams an Entwicklern und Technikern, die involviert sind, und die Ausgereiftheit der lernenden Maschine hinter LANDR sieht, bekommt man definitiv das Gefühl, dass MixGenius dieses Angebot zu etwas wirklich Revolutionärem macht. Wenn wir an das Versprechen künstlicher Intelligenz glauben, dann scheint es logisch zu sein, dass Technologien wie LANDR der Weg in die Zukunft sind, nicht nur aufgrund von Erschwinglichkeit und Nutzen, sondern letztendlich auch wegen der Qualität. Magnetische Spulen, Elektronenröhren und Bandspulen klingen toll, aber sind diese alten Technologien wirklich der Weg nach vorn? Ist die Vergangenheit zu fördern wirklich der Weg in eine strahlende Zukunft?

Greg Buchard ist Journalist aus Toronto. Er ist bei Twitter.

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