Was dein beschissener Musikgeschmack über dich aussagt

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Was dein beschissener Musikgeschmack über dich aussagt

Nur weil die Zeiten, in denen man Musik als Lebenseinstellung begriffen hat, vorbei sind, heißt noch lange nicht, dass deine Playlist nichts über dich aussagt.
15 November 2013, 11:00am

Früher war es einfach, Leute nach ihrem Musikgeschmack zu beurteilen. Damals hatte noch alles Rang und Ordnung, ein Genre stand für eine Lebenseinstellung und die Musikrichtungen waren klar kategorisiert. Heutzutage ist alles nur noch eine einzige undurchsichtige Suppe, in der es so viele Überschneidungspunkte gibt, dass es schwer bis unmöglich ist, den Überblick zu behalten. Das bedeutet aber längst nicht, dass sich irgendwer davon abhalten lässt, Leute nach ihrem Musikgeschmack zu beurteilen – wir auch nicht.

Der Techno-Typ, der so viel Spaß hat

Du liebst Techno, du hörst ihn die ganze Zeit, am liebsten auf Open Airs oder in dunklen Clubs. Und Mann, wie sehr es dich erfüllt, zu Techno zu tanzen. Um dieser Erfüllung besser Ausdruck zu verleihen, schließt du die Augen beim Stampfen (Tanzen), nimmst vorher eine Glitzerdusche, knallst dir wahlweise ein paar Tabs rein und suchst dir Accessoires aus, wie einen Schirm, eine Federboa, Hirschgeweihe oder gleich ein ausgestopftes Tier, damit der Ausdruckstanz nicht ganz so monoton im Boden versackt. Aber so richtig abgeschlossen ist dein bahnbrechendes Wochenenderlebnis erst, wenn die Fotos davon bei Facebook gepostet sind. Das Feiern an sich ist nur die halbe Miete. Die Leute fragen sich, was für ein geheimnisvoller Mensch du doch bist, und wundern sich, wie viel Spaß eine einzelne Person überhaupt haben kann. Du hast so viele Freunde, die niemand kennt, auch das kann man auf deinem Facebook-Profil sehen. Alles ist schön geschmückt mit Herzchen und Liebeserklärungen von Leuten, mit denen du erst seit gestern bei Facebook befreundet bist. Ab und an postest du einen YouTube-Link von einem unbekannten Techno-Track, der ganz genau zeigt, wie sehr du dich mit der Musikrichtung auskennst. Jede andere Musikrichtung stinkt dagegen ab, mit Leuten, die so etwas hören, bist du nicht mal befreundet. Warum auch? Sie verstehen dich nicht – so wie du selbst wahrscheinlich auch.

Der Alles-Kenner-Kommentator

Du kennst dich so gut aus mit Musik, du giltst in deinem Freundeskreis als eine wandelnde Musikenzyklopädie. Das liegt aber vor allem daran, dass deine Freunde in erster Linie Formatradio hören und schon beeindruckt sind, wenn du weißt, wer Carl Cox oder The Maccabees sind. Zu deinem Glück gibt es Facebook, YouTube und Co. und du kannst deine Stellung als wandelndes Lexikon für dein Ego online aufrechterhalten. Deine Aufgabe ist es, zu jedem musikbezogenen Thema, das jemand auch nur leicht anreißt, einen Monolog zu schreiben, der die Musik, die Biografie des Künstlers und die Entstehung des Genres detailliert erklärt. Ein wichtiger Punkt ist zudem, dass du fast alles runtermachst und ganz kleine Details"und Eckdaten erwähnst a la !In dem Interview, das er letztens im NME gegeben hat, ..." oder "Das ist nicht neu, das war bereits auf der C-Seite der unveröffentlichten limitierten Edition von 1996 drauf." Es ist dir auch vollkommen egal, ob dich jemand gefragt hat oder ob sich jemand dafür interessiert. Es geht allein darum, dass du es weißt.

Dubstep

Du hörst Musik eigentlich nur aus einem einzigen Grund: Damit du auf Konzerte gehen und richtig abfeieren kannst. Am liebsten ganz ohne Text, wenn du Lieder mit Lyrics hörst, dann nur damit du auf den Shows mitgrölen kannst. Du hörst sie ständig von vorne bis hinten, bis du den Text einwandfrei kannst. Falls es passiert, dass du dafür zu wenig Zeit bis zu dem Konzert hast, das du selbstverständlich wie eine Party behandelst, schaust du notfalls auch die Lyrics online nach. Dass die Zeit knapp wird, kann auch schnell passieren, schließlich musst du vor den Konzerten noch Neon-Accessoires kaufen, damit du in der Menge der anderen Atzen nicht untergehst. Und dann steht er endlich bevor, der Moment, an dem der Drop kommt. Hände in die Luft und eine für jeden anderen Menschen unerträglich lange Zeit auf ihn warten. Aber du wartest gerne. Wenn du deine Lieblingsmusik anderen Menschen zeigst, unterstreichst du diese Wartezeit gerne mit einem frequentierten "Warte, warte, warte! Gleich kommt's. Warte!" Und wenn deine Freunde sich tatsächlich durchgerungen haben zu warten, weil sie dich anscheinend wirklich gern haben, schreist du "Geil, oder? Schon geil? Oder? Geil!". Gut, dass du überhaupt Freunde hast.

Der Old School-HipHopper

Alle Rapper, die nach dem Jahr 2000 auf den Markt gekommen sind, sind für dich Abschaum. Es ist vollkommen egal, ob sie gut sind oder gar Oldschool-HipHop machen. HipHop war nur damals gut, nur damals real. Heutzutage heulen alle nur rum, sind fake und Teil eines Marketingkonzepts. Du findest es in Ordnung, dass HipHop gerade einen Aufschwung hat, aber du möchtest damit nichts zu tun haben. Stattdessen wirst du für immer und ewig die gleichen alten Rapalben hören, die du schon von Anfang bis Ende auswendig kennst. Wenn dir das irgendwann mal zum Hals raushängt, wirst du dich auf keinen Fall an neuen HipHop herantasten. Die Wahrheit ist nämlich, du hast Angst, dass er dir gefallen könnte und deine ganze Lebensphilosophie umwirft. Lieber hörst du Rock oder Jazz – aber wenn, dann auch nur die alten Sachen.

Der Typ, der denkt, Gitarrenmusik wäre das einzig existierende

Du bist ein echtes Indie-Kid und nie wirklich aus dieser Jugendphase herausgekommen. Elektronische Musik verstehst du nicht, Pop ist dir zu wenig kantig und Hardcore ist für dich Lärm. Du kennst jeden Indiekünstler aus Skandinavien, was wirklich beeindruckend ist, und es stört dich auch nicht, dass sich das meiste davon gleich anhört, die meisten auch gleich aussehen, und du der einzige Mensch auf der Welt bist, der sie auseinanderhalten kann. Falls du eine dieser Bands mal triffst, würdest du sofort mit allen ins Bett springen, selbst mit dem Bassisten. Du gehst abends nicht mehr weg, weil du dafür zu alt bist. Wenn überhaupt gehst du mal wieder in die alte Indiedisko, von der es in jeder Stadt genau ein Exemplar gibt, um dann festzustellen, dass alle Leute zu jung sind und du alt. Davon bist du so gelangweilt, dass dir nicht mal auffällt, dass in der Indiedisko immer noch die exakt gleiche Musik wie vor zehn Jahren gespielt wird, weil der DJ die ganzen neuen Indiebands einfach immer verwechselt und sie deswegen vorsichtshalber gleich ganz weglässt.

Der Instagram-Folk-Fan

Du aalst dich in deiner bescheidenen Waldorf-Erziehung und in der Musik, die sie begleitet hat. Du trägst stets ein Exemplar von For Emma, Forever Ago in einer ausgehöhlten Bibel bei dir. Wenn du einen Tagesausflug in den Wald machst, legst du dir ein schickes Outfit zurecht, damit du ein Foto bei Instagram posten kannst (Wir empfehlen den Filter Rinse, falls du mal neckisch drauf bist Nashville). Du hast dir "Folk" in das Innere deines Augenlids tätowiert. Du isst Banjos. Du hast dir ein Baumhaus im Bart deines besten Freundes gebaut und schreibst darüber in deinem Tagebuch. Diese postest du auch oft auf deiner glutenfreien Facebook-Pinnwand und feierst dann die sieben Likes, die du bekommen hast, denn dein Selbstwertgefühl hängt einzig und allein von der Aufmerksamkeit ab, die du online bekommst.

Everybody's Darling

Du liebst Musik so sehr, du würdest sogar sagen, dass Musik dein Leben ist. Aus diesem Grund hast du auch einen Notenschlüssel oder eine Vinylplatte auf deinen Arm tätowiert und eine Textzeile aus deinem Lieblingslied auf deinen Rippen. Huch, habe ich Lieblingslied gesagt? Das meinte ich nicht so. Du hast schließlich so viele Lieblingslieder, Lieblingsalben, Lieblingsmusiker, Lieblinglocations, Lieblingsländer und Lieblingslieblinge, du könntest dich nie für einen entscheiden. Montags trägst du den Black-Flag-Pullover, Mittwochs den Irgendeine-belanglose-Indie-Band-Jutebeutel, Freitags den Run-D.M.C.-Sweater und am Wochenende das _Unknown Pleasures_-Shirt. Denn du findest alles gut – wenigstens alles, was auf irgendeinem Blog mal als "das neue Ding" oder "Geheimtipp" oder auch "All Time Classic" bezeichnet wurde. Hauptsache keiner denkt, du wärst uncool.

Der eingefleischte, unkritische Rap-Fan

Du lebst für HipHop, und zwar für jede Art von HipHop. Ob deutsch oder amerikanisch, Gangstarap oder Studentenrap, gut oder schlecht, das ist vollkommen egal. Die oberste Regel lautet: Jede Art von Musik ist schlecht – nur HipHop ist gut, selbst der schlechteste HipHop. Und genau deswegen konsumierst du auch alle HipHop-Medien, die der Markt so zu bieten hat. Da auch hier einfach alles gefeiert wird, egal ob die Texte stumpf, die Beats billig oder die Skills mittelmäßig, kennst du es gar nicht anders und verstehst vielleicht auch nicht, dass es selbst in der allerbesten Musikrichtung der Welt Qualitätsunterschiede gibt. Denn lasse dir gesagt sein, es gibt Unterschiede und du verrätst den HipHop nicht und wirst auf den Mond geschossen, nur weil du den einen neuen Rapper nicht feierst.

Männer, Mitte 30, die immer noch fanatisch über Straight Edge Hardcore diskutieren

Du weigerst dich einzusehen, dass Punk tot ist, und genau deswegen war jede Party-Einladung, die du im letzten Jahrzehnt bekommen hast, auch ein Versehen. Denk mal drüber nach!

Der Mash-Up Dude

Du findest Formatradio scheiße, weil da immer nur das Gleiche läuft. Stattdessen stehst du auf österreichische DJs, die dir alle Hits der letzten Jahrzehnte in sogenannten Mash-Ups zusammenmischen. Hast du dir schon mal überlegt, warum alle deine Freunde immer deinen iPod von der Docking Station reißen? Niemand, wirklich niemand (außer dir) kann es ertragen, wenn Lana del Rey und die Bloodhound Gang gleichzeitig laufen. Allein beim Gedanken daran rollen sich einem die Fußnägel auf. Es gibt einen Grund, weshalb man nie zwei Lieder aus zwei Jahrzehnten, mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und diagonal entgegengesetzten Stimmungen ineinander mischen sollte, und der heißt Harmonie. Dieser kurze Moment der Verwirrung, den du erfährst, wenn du die beiden Lieder nicht mehr auseinander halten kannst, ist nicht witzig, sondern ein Zeichen dafür, dass sich gerade ein paar Gehirnzellen für immer verabschiedet haben, weil sie die Atonalität, in der du lebst, nicht mehr ertragen können.

Die Stadionrock-Hausmutti

Du musst nicht unbedingt schon Mutter sein, um in diese Kategorie reinzupassen. Es reicht schon, wenn du das Radio bis zum Anschlag aufdrehst, wenn ein "cooler" Rocksong kommt. Es reicht sogar, wenn du deinen Musikgeschmack nur mit dem Wort "Rock" beschreibst und darunter Bands wie Nickelback, Thirty Seconds To Mars und Linkin Park einordnest. Manchmal bezeichnest du dich frech als Rockgöre und lachst über alle, die so einen schnulzigen Popkram hören. Das ist dir nicht hart genug, du willst schließlich rocken.

Der Noisey-Redakteur

Selbsterklärend. Siehe auch Facebook-Kommentare unter Artikeln.

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