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Die Gentrifizierung von Albion. Oder warum die erneute Libertines-Reunion sehr, sehr traurig ist

...und der Traum der Libertines im Hyde Park sterben wird.
5.5.14

Foto von nenuache

Letzte Woche haben die Libertines im Internet Zeit und Ort ihres erneuten Reunion-Konzerts bekanntgegeben. Durch eine Karte vom Hyde Park, eine Hand mit fünf Fingern und ein Bild von Julius Cäsar—dem Namensgeber des Monats Juli. Dieses Vorgehen entspricht dem Geist der Vergangenheit, mit dem einzigen Unterschied, dass kein eilig verfasster Post auf thelibertines.org den etwa hundert Leuten, die zu der Zeit online sind, mitgeteilt hat, in irgendeine schäbige Eck-Kneipe in Bethel Green zu kommen, um die Band live zu sehen, sondern, dass 452.000 Facebooks-Fans gesagt wurde, wo sie Tickets für je 55 Pfund bestellen können.

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Es ist 12 Jahre her, seit die Libertines den Olymp des Indie-Rocks erklommen haben, aber seit dieser Zeit hat sich viel geändert. Die Art von schrammeligem Rock'n'Roll, dessen Speerspitze sie einst darstellten, wird mittlerweile von jedem verspottet, inklusive seinen Schlüsselfiguren. Die Online-Community, die sie damals aus HTML und Klebeband zusammengeschustert haben, wurde von multinationalen Konzernen kopiert und groß gemacht. Musikszenen, die aus lokalen Cliquen oder gleichgesinnten Individuen entstanden, haben ihren Platz heute im Internet, wo sie von großmäuligen Soundcloud-Kommentatoren runtergemacht werden. Oder noch schlimmer: YouTube-Kommentatoren.

Die Ankündigung einer zweiten Reunion und neuen Materials diente als kleine Erinnerung an die irgendwie offensichtliche Tatsache, dass die Libertines heute nicht in der gleichen schwebenden, romantischen Blase existieren können wie 2002.

Das zwingt die Band in eine Kluft zwischen Nostalgie und Realität—sie werden von einer der loyalsten und hungrigsten Fangemeinschaften dieses Jahrhunderts für all die naiven Ideale, für die sie standen, vergöttert, aber gleichzeitig versuchen sie in einer Zeit weiterzumachen, in der diese Ideale unmöglich aufrechtzuerhalten sind. Vielleicht ist der Grund dafür, dass keine Band seither einen ähnlichen Effekt wie die Libertines hatte—die Fans ins Spiel zu bringen und die Grenzen der sozialen Konventionen zu verwischen—da diese Grenzen beinahe verschwunden sind.

(via)

Bands, die sich früh Myspace zugewandt haben—die Arctic Monkeys, Lily Allen und andere—wird viel Bedeutung zugesprochen, aber die Libertines waren eine der ersten und gewiss die erfolgreichste Band, die die neuen sozialen Kräfte des Internets schon weit vorher genutzt hat. Sie waren zu einer Zeit aktiv, als direkte und sehr persönliche Kommunikation mit den Fans online sowohl neu als auch möglich war.

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Ich habe mit Richard Day gesprochen, der regelmäßig in der Web-Community der Band aktiv war und der sich selbst „Super-Fan“ nennt. Er hat die Band während seiner Teenager-Jahre begleitet und wahrscheinlich genug Doherty-Anekdoten, um ihn die nächsten zehn Jahre mit der Drohung des Verkaufs an Boulevardzeitungen zu erpressen. „Pete hat seit 2003 für 10 Pfund Eintritt Konzerte für Fans in seiner Mietwohnung in Whitechapel gespielt“, protestiert Day gegen die Anschuldigungen, dass sein Held in Ungnade gefallen ist. „Man kann behaupten, dass es bei diesen Konzerten nur ums Geld ging—und wahrscheinlich nur um Geld, das dazu verwendet wurde, um ihm und seinen Freunden Crack und Heroin zu finanzieren, aber das war immerhin ehrlich.“

Er erzählt von einem Mal, als Pete und Carl ein Last Minute-Konzert in ihrer Wohnung in der Teesdale Street in Bethnal Green auf der Seite angekündigt haben: „Sie haben das Konzert am Tag vorher im thelibertines.org-Forum angekündigt. Kaum jemand dachte, dass das echt war. Als wir dort ankamen, warteten noch zwei andere Leute um die Ecke und waren sich unsicher, was passieren würde oder ob überhaupt etwas passieren würde—genau wie wir—aber es war definitiv die Wohnung von Pete und Carl, an deren Tür etwas Libertines-mäßiges gesprüht war. Aus einem der Fenster steckte jemand seinen Kopf, es war Pete. Er witzelte, ob wir eine Tasse Zucker hätten. Dann sagte er, dass es in einer Stunde ein Konzert geben würde und verschwand wieder in der Wohnung. Wir waren ungefähr 50 Leute und alle durften in die Wohnung. Wir standen überall, wo Platz war. Auf den Betten, ihren Möbeln.“

Dieses Konzert fand am 21. März 2003 statt—sechs Monate nach der Veröffentlichung von Up The Bracket und zu einem Zeitpunkt, als die Band sich als Cover-Stars etabliert hatte und langsam zu Indie-Ikonen wurde. Eine ähnliche Veranstaltung wäre heute innerhalb von Minuten auf jeder Musik-Webseite und jedem Twitter-Account zu finden. Sie könnte gar nicht stattfinden. Einzig die Süd-Londoner-Band Palma Violets hat mit ihrem kreativen und provisorisch runtergerockten Laden 180 in letzter Zeit so etwas Ähnliches geschafft. Sie mussten allerdings aufhören, dort Konzerte zu veranstalten, nachdem sie auch nur das kleinste Bisschen Presse bekamen, weil es zu gefährlich und gefragt wurde.

Es ist nicht nur die Beziehung zwischen Band und Fan, die sich mit den Sozialen Netzwerken verändert hat. Die Libertines selbst sind fast nicht wiederzuerkennen. Launische Charaktere und miese Drogen waren natürlich schon immer im Spiel, aber hätte jemand gedacht, dass die Flotte einmal so von ihrem Kurs abkommen würde, wie in den letzten Jahren? Die jugendliche Unschuld, die früher damit verbunden war, dient in den letzten Jahren nur noch zur Verschleierung von Abhängigkeit und Misserfolg. In einem Artikel hieß es in Anlehnung an Oliver Twist, dass Doherty eine schnelle Wandlung „vom Artful Dodger zu Fagin“ vollzogen habe.

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Selbst auf einer kreativen Ebene ist vom ursprünglichen Traum scheinbar nicht viel mehr übrig als ein bizarres Durcheinander an schlecht beratenen „kreativen“ Ausflügen und deprimierenden Anekdoten. Petes unterwürfiges Filmdebüt Confessions of a Child of the Century; Carls Operndebüt in rotem Leder an der Seite von „Tainted Love“-Star Marc Almond; Carls Suche nach Bandmitgliedern per Email; Pete, der eine Tour einen Tag vor Beginn beinahe cancelt, weil es „in einer Band darum geht, Weiber aufzureißen und er jetzt eine Freundin hat“; das eine Mal, als Pete auf einer Party erschien und einen Zylinder voller Katzen trug; das Mal, als Pete einem Journalist erzählt hat, dass er mitten auf einer Straße in Paris aufgewacht ist und mit Honig und Erbsen bedeckt war; das eine Mal, als Pete einen Noisey-Autor in seinem merkwürdigen Laden eingesperrt hat und die zig Male, als Pete Doherty begleitet von seinen verdrogten Freunden spätnachts in Berliner Schmuddelkneipen schlechte Akustikkonzerte gegeben hat. Bis auf die frühen Sachen der Babyshambles und der Dirty Pretty Things—direkt nach der Auflösung der Libertines—scheinen die Entscheidungen der beiden eher etwas zu sein, was die Loyalität der Anhänger auf die Probe stellen soll.

Eine Libertines-Reunion unter all diesen schlechten Vorzeichen gab es bereits 2010, aber die fühlte sich an wie ein gerechter und verspäteter Abschied für eine Band, die zerfiel, bevor sie ihr ursprüngliches Dasein beenden konnte. Eine zweite Reunion stellt allerdings viel größere Probleme für eine Band dar, die nicht aus dieser Zeit stammt.

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Durch zwei Alben der Superlative und mehrere Demos, mehr Persönlichkeit als jede andere Band seither hatte und vielleicht ein wenig durch die Tatsache, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, haben es die Libertines geschafft, dass ihnen eifriges Wohlwollen entgegenkommt, das im Prinzip unauslöschbar ist. Für eine Menge Leute, die sich 2014 in ihren Zwanzigern befinden, wird die Reunion mehr bedeuten, als es die Wiedervereinigung einer anderen Band jemals könnte. Aber können die Libertines es schaffen, ihr Schiff durch das Meer an wehmütigen Gedanken in neue Fahrwasser zu manövrieren? Das scheint ein weiterer Wunschtraum von Pete zu sein.

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