Verbrechen

Alle Details, die den Berliner Münzraub so sonderbar machen

Wie zur Hölle schlägt man eine Panzerglas-Vitrine ein, ohne dass Alarm ausgelöst wird?

von Matern Boeselager
28 März 2017, 1:30pm

Foto: Thomas Wolf | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Foto Bode-Museum: Thomas Wolf | Wikimedia | CC BY-SA 3.0, Foto Münze: Polizei Berlin

Berlin, das war schon immer die Stadt der spektakulären Verbrechen. Da gab es den Kaufhaus-Erpresser Dagobert, der die Republik mit seinem feinfühligen Bombenbau und seinen ausgeklügelten Geldübergaben in Atem hielt. Da gab es die Tunnelbauer unter der Volksbank in Steglitz, deren fast schon übermenschliche Ausdauer und Sorgfalt die Hauptstadt sprachlos machten. Da gab es die Pokerräuber vom Hyatt, die zumindest durch ihre atemberaubende Dreistigkeit beeindruckt haben.

Und dann verschwand in der Nacht auf Montag die "Big Maple Leaf". Die Münze hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern, einen Nennwert von einer Million kanadischer Dollar und einen realen Wert von 3,7 Millionen Euro. Die Sondermünze der kanadischen Münzprägeanstalt zeigt ein Porträt der englischen Königin Elizabeth II. und ist seit 2010 Teil der Sammlung des Bode-Museums in der Hauptstadt.

"Aufgrund seines unerreichten Feingoldstandards von 999,99/1000 schaffte es dieses Rekordstück in das Guinness-Buch der Rekorde", heißt es auf der Internetseite des Bode-Museums.

Dieser Riesen-Münzraub ist sehr, sehr bizarr. Warum? Deshalb:

Die Täter sind offenbar einfach durchs Fenster geklettert

Natürlich ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alles über den Ablauf bekannt, aber so viel scheint festzustehen: Zwischen 3:20 und 3:45 Uhr kletterten der oder die (man geht von mehreren aus, weil die Beute halt 100 Kilo wiegt) Täter von der S-Bahn-Trasse, die zwischen dem Bode- und dem Pergamon-Museum verläuft, auf einen Sockel des Bode-Museums. Da stellten sie eine mitgebrachte Leiter drauf und kletterten drei bis vier Meter zu einem Fenster. Durch das Fenster stiegen sie dann ins Museum ein, wo sie in einem Umkleideraum der Wächter landeten.

Das Bode-Mueum (links) von oben | Bild: Google Earth

Ob das Fenster alarmgesichert war oder nicht, will die Polizei im Moment nicht sagen. Aber offensichtlich ist erstmal gar nichts passiert. Also muss man wohl davon ausgehen, dass niemand es für nötig hielt, ein Fenster zu sichern, das sich drei bis vier Meter über einem Sockel befindet, der wiederum einfach von den Gleisen zu erreichen ist.

Sie sind dann noch durchs Museum gelatscht

Als sie drin waren, "konnten sie sich dann weitgehend frei bewegen", wie der Pressesprecher der Berliner Polizei auf einer Pressekonferenz am Dienstag erklärte. Wie weit, ist nicht ganz klar. Laut Pressesprecher mussten sie nur an die 150 Meter laufen, um bis zu der Goldmünze zu kommen. Laut einem Bericht des Tagesspiegels hätte die sich aber in einem anderen Stockwerk befunden, in das die Einbrecher erstmal hinuntergemusst hätten.

Dann haben sie die Panzerglas-Vitrine eingeschlagen

Spätestens jetzt müsste doch irgendwo irgendein Alarm angegangen sein? Also, wenn man eine autoreifengroße Goldmünze im Wert von 3,7 Millionen Euro in ein Museum stellt, dann denkt man schon daran, die Vitrine mit einem Alarm zu sichern, oder?

Bleibt noch die Frage, mit was die Einbrecher dieses Panzerglas überhaupt eingeschlagen haben. Es muss jedenfalls irgendwas gewesen sein, mit dem man eine Leiter hoch- und durch ein Fenster klettern kann. Die Polizei hat keinen Hinweis gegeben, dass sie irgendein Werkzeug am Tatort gefunden hat, was bedeuten würde, dass die Täter das auch wieder mitgenommen haben.

Warum steht so ein hässliches Gold-Monstrum überhaupt im Museum?

Das ist jetzt nicht so relevant für die Rekonstruktion des Verbrechens, aber mal ehrlich: Warum steht im Bode-Museum überhaupt eine riesige Goldmünze mit dem Bild der Queen? Denn einen besonderen kulturellen Wert kann das Ding ja nun nicht haben. Es sieht aus wie eine dieser hässlichen Fünf-Euro-Memorial-Münzen aus der Fernsehwerbung, nur eben in viel zu groß. Es wirkt fast, als hätte dieses Monstrum aus purem Gold da nur gestanden, um Einbrecher zu provozieren. Was aber auch nicht sein kann, weil man es ja dann besser gesichert hätte.

Wenn ein Alarm ausgelöst wurde, haben die Wachmänner ewig gebraucht, um zu reagieren

Wir sind jetzt nämlich an dem Punkt angekommen, wo die Einbrecher die Monster-Münze aus ihrer Vitrine befreit und offenbar auf eine Schubkarre (Wie bitte?) geladen haben, um sie dann quer durchs Museum wieder zurück zu dem Fenster zu transportieren – möglicherweise auch in eine andere Etage. Wie sie nun auch noch eine Schubkarre ins Museum bekommen haben, hat der Polizeisprecher leider nicht erklärt. Man kann sich aber vorstellen, dass das bei einem hundert Kilo schweren Autoreifen aus Gold sogar mit Schubkarre eine gewisse Zeit gedauert hat. Der Polizeisprecher gibt selbst zu, dass das selbst zu zweit ziemlich schwer zu machen sei. Aber trotzdem schafften sie es, ohne von irgendeinem Wachmann aufgehalten zu werden, und kletterten offenbar durch dasselbe Fenster wieder aus dem Museum – jetzt halt mit ihrem Werkzeug und der Münze.

Dann haben sie das Ding noch mit einer Schubkarre die Gleise entlang geschleppt

Funktioniert hat es irgendwie, sodass die Einbrecher jetzt mit der Münze wieder zurück auf die Gleise gelangten, wo sie ihre Beute noch etwa 100 Meter nach Norden transportieren mussten. Der erste Zug, hat der Tagesspiegel nachgeschaut, fährt da erst wieder um 4:15 Uhr entlang. Das heißt, sie hatten mindestens eine halbe Stunde Zeit für den Weg. Dann haben sie sich offenbar in den Monbijou-Park abgeseilt (immer noch mit einer hundert Kilo schweren Münze) und sind dort wahrscheinlich in einen Fluchtwagen gestiegen. Ungefähr um dieselbe Uhrzeit, also um 4 Uhr morgens, fällt endlich jemandem im Museum auf, dass jemand eingebrochen ist – und alarmiert die Polizei.

Jetzt gibt es einfach gar keine Spur mehr von ihnen

Die Polizei hat schon deutlich gemacht, dass sie kaum Hoffnung hat, die Diebe zu erwischen. Wenn nicht gerade morgen jemand versucht, seine Drinks im Soho House mit einer autoreifengroßen Goldmünze zu bezahlen, stehen die Chancen ziemlich schlecht. Die Münze kann nämlich jeder einfach in seinem Keller einschmelzen. Dazu braucht es offenbar nicht viel mehr als einen herkömmlichen Schweißbrenner. "Das muss man sich ein bisschen wie beim Bleigießen vorstellen", erklärte ein Polizeisprecher der Berliner Morgenpost

Weil das Gold so rein ist, kann man das Gold auch stückweise offenbar fast zum Börsenwert verkaufen – also 37.000 Euro pro Kilo.

Der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, hat sich mittlerweile auch zu Wort gemeldet. "Wir sind schockiert, dass die Einbrecher unserer Sicherheitssysteme überwunden haben, mit denen wir seit vielen Jahren unsere Objekte erfolgreich schützen", heißt es in seinem Statement. "Die Täter sind mit großer Gewalt vorgegangen und wir sind froh, dass kein Personenschaden entstanden ist." 

Aber ganz ehrlich: Von "großer Gewalt" könnte man vielleicht sprechen, wenn die Typen mit einem Bulldozer durch den Haupteingang gefahren wären. So wie es aussieht, war aber alles, was sie gebraucht haben, um die "Sicherheitssysteme" zu überwinden: eine Leiter, ein Hammer und eine Schubkarre. 

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