Lo & Leduc über Freundschaft, Einsamkeit, Karriere, Geld und Religion

Lo & Leduc haben bewiesen, dass erfolgreicher Mundartpop auch mit Inhalt geht. Wir haben sie über fünf Themen auf ihrer neuen Platte sprechen lassen.

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26 März 2017, 4:15pm

Foto: Facebook

Lo & Leduc sind spätestens seit ihrem Überhit "Jung verdammt" einer der ganz grossen Player der schweizerischen Musiklandschaft. Die Single und das gesamte Album Zucker fürs Volk verkauften sich jeweils über 20'000 mal und wurden mit Platin ausgezeichnet. Es folgten Preise an den Swiss Music Awards oder dem Prix Walo. Nun sind die beiden Berner zurück mit ihrem zweiten Long Player. Ingwer und Ewig knüpft inhaltlich, wie auch musikalisch an seinen Vorgänger an. Dem Album kann jetzt schon auf allen Ebenen grosser Erfolg prophezeit werden. Und genau darüber darf man sich als Musik-Fan in der Schweiz freuen. Lo & Leduc sind nicht nur ein Segen für die Mundartrapszene des Landes, zu der sich die Jungs immer noch sehr stark verbunden fühlen, sondern auch innerhalb der gesamten Musiklandschaft ein Lichtblick, der beweist, dass auch Popacts intelligente, facettenreiche Texte schreiben, Haltungen beziehen und damit äusserst erfolgreich sein können.

Der Erfolg von Lo & Leduc baut hauptsächlich auf dem überdurchschnittlichen Talent der beiden Hauptprotagonisten: Lo kann ohne schlechtes Gewissen als einer der vielfältigsten und sprachgewantesten Rapper der schweizerischen Rapgeschichte betitelt werden. Und er ist wohl der stärkste Freestyler, den das Land je gesehen hat. Leduc hingegen ist Leduc: Überdurchschnittliches gesangliches Talent, bemerkenswerte Musikalität und eine variable einsetzbare Stimme, die jedem Song auf dem sie zuhören ist ihren Stempel aufsetzt. Aber der Erfolg liegt auch an der Arbeit des Produzenten Dodo Jud. Er hat es geschafft diese zwei Ausnahmetalente zu verdichten und ihnen ein massentaugliches Gewand zu verpassen.

Trotzdem sind Lo & Leduc vor allem dann spannend, wenn man hinter dieses massentaugliche Gewand schaut. Hinter der glatten Oberfläche von Popsongs verstecken sich meist intelligente Reflexion, subtile Gesellschafts- und Systemkritikoder Gedankengänge, die alles andere als massentauglich sind und vielen Logiken widersprechen, in denen wir leben.

Ich hab mich mit Lo & Leduc nach einem langen Promotag in Dodo's Succes-Club-Studio getroffen und sie mit den ersten fünf Schlagwörtern konfrontiert, die mir nach dem zweimaligen Durchhören des neuen Albums hängengeblieben sind. Ich habe keine Fragen gestellt und wollte auch keine Antworten. Ich habe lediglich einen Begriff in den Raum gestellt und die Jungs reden lassen.

Freundschaft

Lo: Freundschaft ist etwas unfassbar Wichtiges. Sie wird aber oft, manchmal auch von mir, als gegegeben und selbstverständlich angeschaut. Die Zutaten für eine funktionierende Freundschaft sind meiner Meinung nach Ehrlichkeit, Direktheit und Konfliktbereitschaft. Eine ehrliche und aufrichtige Auseinandersetzung mit einem Freund ist viel herausfordernder und schwieriger als mit dem Feind. Dort sind die Fronten und Verhältnisse geklärt. In Freundschaften hingegen musst du mutig sein und sich gegenseitig auf Schwächen ansprechen. Was wiederum ein enormes Potenzial bietet, das einerseits die Freundschaft an sich wächst und das Band zwischen zwei Menschen noch stärker wird, andererseits aber auch zu einem Spiegel für das Individuum selbst wird, der einem Wahrheiten über sich selbst verrät. Ingeborg Bachmann spricht in diesem Zusammenhang von der "Tapferkeit vor dem Freund". Wahre Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass du einem Freund Räume dafür gibst, so zu sein, wie er ist.

Leduc: Tiefe Freundschaften gehen weit über den effektiven Kontakt zweier Personen hinaus. Du kannst dich aus den Augen verlieren, ohne dass dieses Fundament grundsätzlich erschüttert wird. Spannend erscheint mir, dass Begriffe wie "mein Freund" und "meine Freundin" gleich mit einer Liebesbeziehung assoziiert werden. Eine funktionierende Paarbeziehung wird in seinem Kern wohl stets von einer tiefen Freundschaft zwischen zwei Menschen getragen. Und auch die Freundschaft ist in meinen Augen eine Art von Liebe. Was bedeutet: Liebe und Freundschaft sind sehr nahe beieinander, schliessen sich keineswegs aus und müssen auch nicht in einer vorgegebenen Abfolge aufeinander bauen. Das Verliebtsein kann ja aus heiterem Himmel einschlagen. Ohne Vorwarnung, ohne rationale Gründe. Aber aus diesem anfänglichen Zauber muss für eine funktionierende Paarbeziehung in jedem Fall auch eine Freundschaft wachsen.

Einsamkeit

Leduc: Wir kommen und gehen alleine. Dazwischen haben viele Menschen Mühe, alleine zu sein. Dabei bist du dir vor allem dann am nächsten, wenn du einsam bist. Aber das ist leichter gesagt als gelebt. Obwohl ich gerne auch mal alleine bin, fürchte ich mich vor einer anhaltenden Einsamkeit, vor allem jene im Alter. Als ich vor einigen Jahren für sechs Monate alleine herumgereist bin, war das für mich eine sehr wichtige und schöne Erfahrung. Es gab während dieser Reise Tage, an denen ich am Abend vor dem ins Bett gehen festgestellt habe, dass ich an diesem Tag kein einziges Wort gesprochen hatte.

Lo: Für mich ist Einsamkeit ein sehr wichtiges Schlagwort. Um zu erklären, warum das so ist, muss ich ein wenig ausholen und es klingt zunächst sehr pessimistisch, aber mich persönlich macht diese Erkenntnis, die natürlich eine alte ist und nicht von mir stammt, sehr glücklich: Das Universum, die Welt und die menschliche Existenz haben keinen höheren Sinn. Und wenn es einen gibt, werden wir nie in der Lage sein, ihn auch nur ansatzweise zu begreifen. Diese Sinnleere macht sehr einsam. Gleichzeitig ist diese Einsamkeit die grösstmögliche Freiheit: Der Einzige, der der eigenen Existenz einen Sinn geben kann, bist du selbst. Das ist dann eben doch ein sehr befreiender und lebensbejahender Gedanke. Die Frage nach dem Sinn des Lebens muss aus dir selbst beantwortet werden. Sie liegt nicht ausserhalb von dir – das ist herausfordernd und schön.

Beruf & Karriere

Leduc: Vor allem in einem Land wie der Schweiz haben Beruf, Karriere und Laufbahn in der Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Wenn du jemandem auf der Strasse begegnest, den du eine Zeit lang nicht gesehen hast, kommt ziemlich schnell die Frage danach, was man denn im Moment so mache. Wir setzen beide einen grossen Teil unserer Zeit ein, um Musik zu machen. Es ist ja inzwischen auch unsere Arbeit. Ich stelle fest, dass gerade junge Leute gewaltig viel Druck verspüren, den Erwartungen des Marktes gerecht zu werden. Anstatt möglichst viele verschiedene Erfahrungen zu sammeln, wird bereits früh zielgerichtet am CV gefeilt. Reisen erscheinen erst als Sprachaufenthalte legitim. Auch wenn man solche Entwicklungen kritisch reflektiert, ist man selber nicht davor gefeit. Bei mir tauchen manchmal schon auch Gedanken auf, die mir die Frage stellen, was ich machen würde, wenn es denn mit der Musik nicht mehr so laufen sollte.

Lo: Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, bis ich Musik als meine Arbeit angesehen habe. Das liegt wohl im Kern der Sache: Auch wir haben begonnen während der Schulzeit als Freizeitbeschäftigung und aus Spass Musik zu machen. Auch als wir mit der ganzen Sache erfolgreich wurden, hatte ich oft Mühe damit, das Ganze als meine Arbeit zu betrachten. Das hat nicht nur mit selbst zu tun, sondern auch mit dem Mindset, wie wir als Gesellschaft Berufe werten. Im Kern geht es sogar darum, wie wir Begriffe, wie eben zum Beispiel Beruf, aber auch Arbeit definieren. Ich bin froh, dass mit Ideen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen derartige Begriffe diskutiert werden und diese vielleicht in naher Zukunft auch anders interpretiert werden.

Geld

Leduc: Wir haben auf dem neuen Album im Song "Liber" versucht, die Parallelen zwischen den Systemen Geld und Religion aufzuzeigen. Es ist sehr spannend zu sehen, dass es nur schon sprachlich so viele Gemeinsamkeiten gibt: Schuldner und Schuld, Glaube und Gläubiger, betteln und beten, klingen nicht nur ähnlich, sondern haben, jedenfalls ganz sicher bei den ersten zwei Beispielen, dieselbe etymologische Wurzel. Und das ist kein Zufall.

Lo: Geld ist ein soziales Konstrukt und in dieser Welt, wie wir Menschen sie aufgebaut haben, eine Notwendigkeit. Je mehr Menschen daran glauben, desto mehr Macht hat das Geld. Dasselbe gilt ja auch für die Religion. Nur wurden und werden die Antworten, die wir von den Religionen erhalten, hier immer stärker hinterfragt und teilweise über Bord geworfen. Beim Geld sind wir diesbezüglich noch an einem ganz anderen Punkt. Es ist gut, sich immer wieder bewusst zu machen, dass all diese Dinge imaginär und daher veränderlich sind.

Heimatliebe

Leduc: Heimatliebe ist in der Schweiz sehr negativ konnotiert. Dieser Begriff wird halt einfach komplett vom rechten politischen Spektrum für sich beansprucht und vereinnahmt. Und darum herrscht auf der anderen Seite so etwas wie die Aversion vor der Folklore. Dies ist insofern schade, als es beispielsweise durchaus subversive Volkslieder gibt, auf die man sich berufen könnte: Zeugnisse von Unterdrückung, von Aufständen der geringen Leute. Leider hat sich eine gewisse Heimattümelei breit gemacht, weshalb es wichtig ist, Volksmusik, Ländler und Schlager voneinander zu trennen. Was heute als „typisch schweizerisch" gilt, Loblieder über Berge mit angehängtem Jodel, ist meist nicht mehr als 150 Jahre alt. Doch selbst ein Naturjodel sollte nicht einer politischen Ausrichtung überlassen werden. Dazu klingt er schlicht zu mächtig.

Lo: Für mich funktioniert der Begriff der Heimat vor allem auf einer sozialen Ebene. Als ich im vergangenen Jahr für eine Weile im Ausland war, ist mir das in dieser Form klar geworden. Ich habe während dieser Zeit nämlich nur zwei Dinge wirklich vermisst: Schnee und meine Familie. Ich stellte mit Überraschung fest, dass es dieses starke Band zwischen mir und meiner Familie wirklich gibt und dass ich sie innigst vermisse. Darum habe ich dann halt auch ein bisschen die Schweiz vermisst, weil das der Ort ist, an dem sich ein grosser Teil meiner Familie befindet. Ein Ort, an dem gemeinsame Erinnerungen existieren und unser Leben stattfindet. Aber an einen fixen Ort – ohne diese soziale Komponente – könnte ich den Begriff der Heimat nicht festmachen.


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