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Menschenopfer und Bierrituale: Was passierte wirklich im deutschen Stonehenge?

Das berühmteste Ringheiligtum Deutschlands verrät einiges über die Menschen, die vor 4.300 rund um die Elbe siedelten. Die ehemalige Kultstätte in Sachsen-Anhalt wurde jetzt wieder aufgebaut und kann besucht werden.

von Martin Angler
01 Juli 2016, 1:56pm

Das Ringheiligtum von Pömmelte im morgendlichen Nebelgrauen | Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | André Spatzier

Pünktlich zur Sommersonnenwende wurde der wohl wichtigste prähistorische Ritualplatz Deutschlands in Sachsen-Anhalt vor zehn Tagen neu eröffnet—diesmal als großes Freiluftmuseum. Der Zeitpunkt ist deshalb passend, weil die Sommersonnenwende schon eine besondere Bedeutung hatte, als das Kult-Monument in der Jungsteinzeit errichtet wurde.

Denn das Rondell, gelegen in der Nähe der Elbe, dort wo sich heute der kleine Ortsteil Pömmelte-Zackmünde befindet, fungierte in seiner Hochzeit vor 4.300 Jahren als eine Art gigantischer Kalender. Ohne Uhren und Kalender war es für die Menschen von entscheidender Bedeutung, Techniken zur Ordnung der Zeit zu finden, wie der Archäologe André Spatzier gegenüber Motherboard betont. „Hätten die mitteldeutschen Bauern damals an warmen Februartagen Getreide ausgesät und wäre im März aber eine extreme Kältewelle angerollt, hätte das die Ernte für die gesamte Sippschaft zunichte gemacht", erklärt der Forscher der Universität Halle, der die Ausgrabungen in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie leitete. Temperatur als Orientierungspunkt war also keine gute Option. Dafür war der Aufbau der Anlage umso wichtiger. Sieben Ringe aus Palisaden, Erdwällen und Gräben mit einem Durchmesser von 115 Metern bilden das prähistorische Bauwerk. Dazu gibt es zwei Zugänge, durch die zu speziellen, noch aus der keltischen Zeit bekannten Festen die Sonne schien. So wussten die Leute damals, wann welche Jahreszeit anstand, und welche gerade zu Ende ging. Solche Zeitenwenden feierten die Menschen mit Zeremonien und Festen.

„Eines davon war Samhain, heute bekannt als Halloween, ein weiteres das Erntedankfest", sagt Spatzier. Zeremonien fanden aber auch zu anderen Zeitpunkten statt; immer dann, wenn ein Jahreszeitenwechsel bevorstand. Über einen Zeitraum von 250 bis 300 Jahren nutzten verschiedene Kulturen das Ringheiligtum für genau solche Zeremonien. Der innerste Kreis der Ringgrabenanlage war dabei das Allerheiligste.

Selbst die Toten bekamen die Folgen der Zwei-Klassen-Gesellschaft zu spüren.

Dieser Mittelkreis war visuell und akustisch isoliert. „Das war deshalb möglich, weil die Holzpfähle so nahe nebeneinander standen. Diesen Platz war wie eine Theaterbühne oder Arena. War ein Fest-Zeitpunkt gekommen, gingen die Teilnehmer in Prozessionen über die beiden Zugänge in den Mittelkreis und hielten dort ihre Zeremonien ab", sagt Spatzier. Die Forscher gehen davon aus, dass eine sozial höhergestellte Führungselite die Rituale in der Mitte des Kreises abhielt, während das Publikum ringsum saß.

Studenten beim Freilegen eines Hockergrabes im Sommer 2007. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Juraj Lipták

Künstlerische Details der farbig und mit Schnitzereien versehenen Pfostenstellungen. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Valentin Heller

Die Funde in der Ringanlage lassen Rückschlüsse darauf zu, dass die beiden wichtigsten Verwendungszwecke tatsächlich Erntedankfeste und Totenkult-Rituale waren. Das heißt aber nicht, dass das Ringheiligtum ein Friedhof war. Die Totenfunde in der Anlage lassen aber ein paar Thesen über die damalige Gesellschaft zu.

Menschliche Skelette finden sich dort zuhauf, alle vor tausenden von Jahren in die Schachtgruben geworfen und zugeschüttet. Dutzende dieser zylindrischen Gruben befinden sich im Erdgraben der Anlage und wurden ins Erdreich eingelassen. Doch die Funde der Pömmelte-Skelette offenbaren selbst im Tod die Folgen einer prähistorischen Zwei-Klassen-Gesellschaft: Bei der ersten Art von Opfern, die Spatziers Team fand, handelt es sich um Kinder, Frauen und Jugendliche, denen Arme und Beine fehlten. Vier der Frauen sind mit Sicherheit gewaltsam gestorben. Zur Todesursache hat Spatzier zwei Thesen: Entweder sind es Menschenopfer oder Opfer eines brutalen kriegerischen Überfalls.

Doch der zweite Typ von Bestattungen gibt den Archäologen ein noch größeres Rätsel auf. Dabei handelt es sich ausschließlich um junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Sie wurden während der Zeremonien in einfache Bauerngräber gelegt. Als die Forscher sie fanden, lagen sie wie schlafend in einer Art Fötus-Stellung mit dem Gesicht in Richtung Osten. Ihre Beine waren angewinkelt, die Arme vor dem Körper verschränkt.

„Wenn es tatsächlich Priester gegeben hat, dann hätten die wahrscheinlich damals keinen Elite-Status gehabt"

Spatzier kann nur spekulieren, was es damit auf sich hat: „Gräber, die innerhalb von Ringgräben liegen, waren in jener Zeit ein klares Zeichen für die gehobene Führungselite. Warum aber wurden die Toten auf diesem besonderen Heiligtum begraben, dafür aber in einfachen Bauerngräbern? Das ist ein Widerspruch."

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es sich um Initiationsriten handelte. In manchen Kulturen stiegen Menschen mittels solcher Riten von einer sozialen Stufe in die nächste auf, verloren dabei aber kurzzeitig alle Privilegien ihres vorherigen Status. Anthropologen nennen dieses Phänomen Liminalität. Auf einen gewaltsamen Tod der jungen Männer deutet in jedem Fall nichts hin. Eine weitere, spekulative These ist, dass es sich um Priester gehandelt haben könnte. „Wenn es tatsächlich Priester gegeben hat, dann hätten die wahrscheinlich damals keinen Elite-Status gehabt", sagt Spatzier.

Ein Luftbild zeigt die Fundstelle in ihrem ursprünglichen Zustand mit deutlich erkennbarem Kreisgraben. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Ralf Schwarz

Studenten während der Ausgrabungen im Sommer 2007. | Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Juraj Lipták

In den Gruben und Erdgräbern haben die Archäologen aber nicht nur Leichen gefunden, sondern auch allerlei Kult-Gegenstände, die zur Ausübung der Rituale benutzt wurden. „Der Großteil davon sind Scherben von Trinkgefäßen wie Keramik-Bechern, Krügen und Tassen", sagt Spatzier. „Daraus schließen wir, dass es sich um Trinkrituale oder Trankopfer gehandelt haben könnte." Diese Libationsgefäße gab man den Toten mit ins Grab. Der Restaurator des Forscher-Teams hat herausgefunden, dass manche davon stärkehaltige Flüssigkeit enthielten—was auf Bier hindeuten könnte. Eindeutig nachweisbar ist diese These aber heute nicht mehr.

Die Gefäße und alle Ritual-Objekte wurden absichtlich zerstört. Stellvertretend pickten die Zeremonienmeister einige dieser Objekte heraus, zerschlugen sie und warfen sie in die Gruben. Damit „entsorgten" sie sie, jedoch nicht im Sinne von Müllentsorgung. Vielmehr durften die sakralen Gegenstände für keine weiteren Riten mehr verwendet werden—das wäre nach den damaligen Regeln ein Tabu gewesen.

Nicht nur gebechert wurde auf den Pömmelter Zeremonien, sondern anscheinend auch ordentlich gespachtelt. Die Ausgrabungen förderten eine Unzahl an Tierknochen zutage; 90 Prozent davon gehörten einst Rindern. Die Knochen weisen deutliche Schnitt- und Hackspuren auf. Spatzier vermutet, dass es sich dabei um Überreste von Festmahlen handelt.

Und noch mehr Speisen gab es in den Schachtgruben zu entdecken. Mahlsteine von horizontalen Schiebemühlen deuten darauf hin, dass auf manchen der Zeremonien rituell Korn gemahlen wurde. Auch diese Mahlsteine sind zerstört und liegen nunmehr als Bruchstücke in den Erdlöchern. „Und wann mahlt man Korn im Rahmen eines Rituals?" stellt Spatzier während unseres Interviews eine rhetorische Frage in bester Archäolgen-Manier. „Genau—bei einem Erntedankfest." Damit schließt sich der Kreis zum ersten Verwendungszweck als überdimensionalen Kalender, der unter anderem aufgrund dieser Funde nachweisbar ist.

Manche der ausgegrabenen Gruben sind übrigens heute leer. Hier vermuten die Archäologen, dass Nahrungsmittel wie Obst und Korn (das Getreide, nicht das Getränk) darin gelegen haben könnte. Dunkle Verfärbungen der Erde zeigen, dass in manchen Gruben außerdem runde Gefäße aus Naturfasern, vielleicht mit Essen gefüllte Körbe, standen.

Das rekonstruierte Ringheiligtum vom Aussichtsturm aus gesehen. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Norma Literski-HenkelBild

Eine künstlerische Rekonstruktion einer hölzernen Stelenreihe im südlichen Innenbereich, die sich an bekannten steinernen Vorbildern des 3. Jahrtausends v. Chr. orientiert. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Valentin Heller

Nach den Zeremonien wurden die Schachtgruben mit Erde und Schutt zugeschüttet. Das Wissen darüber, wo genau die Gruben liegen, wurde durch Kulturen wie die Schnurkeramik-, die Glockenbecher- und die Aunjetitzer Kultur im Laufe der Jahrhunderte überliefert. So wurde die Anlage von der Jungsteinzeit bis in die frühe Bronzezeit hinein genutzt. Als letztes deponierten die frühen Bewohner Sachsen-Anhalts in der Bronzeit menschliche Schädel und Beile aus Stein in einigen der Gruben im Erdgraben.

Wen die ganze Anordnung jetzt an Stonehenge erinnert, der liegt damit goldrichtig. „Stonehenges ringförmige Anordnung entspricht genau dem Muster, das wir auch in Pömmelte nachweisen konnten. Die beiden Stätten hatten offenbar eine ähnliche Verwendung, da steckt der gleiche Gedanke dahinter," sagt Spatzier. Doch warum ist Stonehenge im Vergleich zu Pömmelte heute weltweit bekannt und genießt auch in der Öffentlichkeit noch heute einen gewissen Kultstatus? Spatzier führt dies vor allem darauf zurück, dass die Stätte nie wirklich verschwunden war—die Steine lagen oder standen immer sichtbar in der Landschaft. In Pömmelte war das anders. Bis vor zehn Tagen.

Denn im neu eröffneten Ringheiligtum wurden die Holzpfähle für die Touristen erst wieder aufgebaut. Anders als in Stonehenge hat das Ringheiligtum Pömmelte die Stein-Ausbauphase nie erreicht: Die Sachsen-Anhalter haben nach etwa 300 Jahren die Anlage einfach wieder vollständig abgebaut—weswegen die Forscher übrigens auch nie Pfähle und größere Reste fanden. Warum? Eine Frage, die bisher noch niemand beantworten konnte.

Chef-Archäologe Spatzier aber bleibt dran. Er glaubt, dass die archäologischen und anthropologischen Erkenntnisse aus Pömmelte helfen könnten, ähnliche Bauwerke wie Stonehenge in Zukunft besser zu verstehen. Ein gemeinsames Projekt mit den Stonehenge-Kollegen? Das sei absolut vorstellbar.