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Das Schicksal von Frauen, die von Frauen missbraucht wurden

Unsere Gesellschaft neigt dazu, Vergewaltigungen und Missbrauch nach heterosexuellen Normen zu definieren—mit einem männlichen Täter und einem weiblichen Opfer. Frauen, die von Frauen missbraucht wurden, fällt es dadurch oft noch schwerer, über ihre...

von Caroline Catlin
19 Mai 2016, 5:00am

Photo via Jenna Carver

Als Cassandra Perry wach wurde, fand sie sich umringt von Leuten, die komplett weggetreten zu sein schienen. Sie hatte Angst, auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben, also bahnte sich sich auf Zehenspitzen den Weg durch die schlafenden Körper auf der Suche nach ihren Sachen und stahl ein Paar Flip-Flops, da ihre Schuhe unauffindbar waren. Das Letzte, woran sie sich von der letzten Nacht erinnern konnte, war ein Mann, der sagte, dass er sich nicht weiter um Kondome kümmern würde und die Hände einer Frau, die Perrys Beine spreizten. In dieser Nacht hatten zwei Menschen nicht einvernehmlichen Sex mit Perry. Die Gefahr, von einem Mann missbraucht zu werden, war Perry bekannt, aber von einer Frau missbraucht zu werden, war eine komplett neue, entsetzliche Vorstellung für sie.

Maria*, die im Alter von vier Jahren von einem älteren Mädchen belästigt wurde, ging es genauso. Auch Sophie*, die in einer gewalttätigen Beziehung zum Sex gezwungen wurde und Emma*, die von zwei Frauen missbraucht wurde, bevor sie 23 war, kennen dieses Gefühl. Ihre Geschichten stellen eine weitestgehend undokumentierte Kategorie von Opfererfahrungen dar—Erfahrungen, über die viele nicht sprechen, über die nicht berichtet wird oder die von den Menschen in ihrer Umgebung angezweifelt werden. Sie sind die weiblichen Opfer weiblicher Gewalttäter—Opfer von Sexualdelikten, die viele nicht für möglich halten.

Während die statistisch erfassten Daten im Allgemeinen stark variieren, berichtet die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nach einer Umfrage aus dem Jahr 2014 davon, dass 33 Prozent der in Europa lebenden Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben. 22 Prozent der Frauen berichteten von körperlicher und/oder sexueller Gewalt in der Partnerschaft. Aber wie gehen Frauen mit Übergriffen um, die nicht dem gewohnten Bild von sexuellem Missbrauch entsprechen?

Jennifer Marsh, Vizepräsidentin der Opferbetreuung Rape Abuse and Incest National Network (RAINN) sagt, dass sie im Rahmen ihrer Telefonseelsorge für Opfer sexueller Gewalt regelmäßig Fälle haben, bei denen Frauen vom Missbrauch durch Frauen berichten—auch, wenn das nicht so häufig vorkommt, wie Fälle von Missbrauch durch männliche Täter. „Es ist ein sehr geschlechtsspezifisches Verbrechen", sagt Marsh während unseres Telefonats. „Die Täter werden oft als Männer kategorisiert."

Aus diesem Grund werden die Mitarbeiter des RAINN so geschult, dass sie keine Schlüsse auf das Geschlecht des Täters ziehen, wenn sie einen Anruf beantworten. „Bei unserer Hotline verwenden wir in den entsprechenden Fällen geschlechtsneutrale Pronomen", sagt Marsh und fügt an, dass sie nicht glaubt, das dieses Vorgehen der Regel entspricht, wenn man über sexuellen Missbrauch spricht. „Meist verwenden Leute weibliche Pronomen, wenn sie über Opfer sprechen und männliche Pronomen, wenn sie über Täter sprechen. Das ist etwas, das wir definitiv sehr entschlossen versuchen, zu vermeiden."

Es gibt genauso Frauen wie Männer, die ein Problem mit Macht und Kontrolle in Beziehungen haben.

Der Entschluss von RAINN, gender-neutrale Pronomen zu verwenden, entstand aus dem Wunsch heraus, allen Opfern Hilfe anbieten zu können. „Es gibt nichts Befremdlicheres [als das falsche Pronomen] für Opfer zu verwenden, die nicht in eine Schublade passen", sagt Marsh. „Sie fühlen sich bereits ziemlich allein und haben das Gefühl, niemand würde verstehen und sie wären sie die einzigen, denen so etwas passiert ist. Wenn die Leute, die ihnen eigentlich helfen sollten, solche geschlechtsspezifischen Annahmen tätigen, kann es sein, dass sich das Opfer in seinen negativen Gefühlen bestärkt fühlt."

Für viele Frauen, die Opfer sexueller Übergriffe durch Frauen wurden, ist es unmöglich, über ihre Erfahrung zu sprechen, da es keine Berichte über vergleichbare Geschichten gibt. Liza* ist heute 48. Mit 11 Jahren wurde sie von ihrer Cousine belästigt. Wie wohl viele von uns, wurde auch sie nicht über gleichgeschlechtlichen Missbrauch aufgeklärt. „Ich wusste nicht einmal, dass das möglich ist", sagt Liza in einem Telefoninterview, das sie von sich zuhause aus in Wisconsin führt. „Ich hatte einfach keine Worte dafür. Das passte nicht zu dem, was ich kannte."

Alles, was Liza über sexuellen Missbrauch wusste, war, dass die Täter stark, fremd und männlich sein mussten—nicht jung, vertraut und weiblich. Der Missbrauch, den sie erlebt hat, entsprach nicht dem, was nach ihrem Wissen „normal" und „glaubhaft" war. Aufgrund der mangelnden Aufklärung und weil es weder Beispiele noch spezielle Unterstützung für diese Form des Traumas gab, konnte Liza ihre Erfahrung einfach nicht zuordnen. Sie war sich selbst überlassen—eine Erfahrung, die letztendlich unwiderrufliche Auswirkungen auf ihr Leben hatte.

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Hinsichtlich der Auswirkungen bringt die Erfahrung, als Frau von einer Frau missbraucht zu werden, eine Reihe „besonderer Hürden" mit sich, sagt Laura Palumbo, Pressesprecherin des US-amerikanischen National Sexual Violence Resource Center (NSVRC). „Wenn wir darüber sprechen, dass Opfer [von heterosexuellem Missbrauch] das Erlebte überwinden, dann ist das Wissen darüber, dass es andere Opfer gibt, die das Erlebte überwunden haben, ein wichtiger Faktor." Frauen, die Opfer sexueller Gewalt durch eine Frau wurden, sagt Palumbo, verfügen jedoch meist nicht über entsprechendes Wissen und kennen keine ähnlichen Erfahrungen. Laut Palumbo „haben Opfer nicht-heterosexuellen Missbrauchs oft weder Zugang zu Geschichten, in denen andere davon berichten, wie sie das Erlebte verkraftet haben, noch bekommen sie die Anerkennung der Öffentlichkeit oder einen Raum, in dem ihre Erfahrungen Gehör finden."

Die Leute gehen davon aus, dass zwei Frauen ganz selbstverständlich liebevoll und fürsorglich und sensibel miteinander umgehen.

Angela Esquivel ist eine Vergewaltigungskrisenberaterin und Gründerin des As One Project, einer Organisation zur Unterstützung von Opfern. Sie stimmt dem zu: „Die Leute gehen davon aus, dass zwei Frauen ganz selbstverständlich liebevoll und fürsorglich und sensibel und so weiter miteinander umgehen", stellt sie anhand von Beobachtungen, die sie ihm Rahmen ihrer Arbeit gemacht hat, fest. „aber das ist nicht der Fall."

Sie erklärt, dass Macht und Autorität nicht mit einem bestimmten Geschlecht verbunden sind. „Es gibt genauso Frauen wie Männer, die ein Problem mit Macht und Kontrolle in Beziehungen haben", erklärt sie und sagt weiter, dass „gleichgeschlechtliche Paare nicht immun gegen die Machtgefälle und den Machtmissbrauch wären, die es innerhalb von Beziehungen gibt."

Daten des US-amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC)scheinen diese Beobachtungen zu bestätigen und—laut der Organisation As One Project—besteht für lesbische und bisexuelle Frauen ein höheres Risiko, innerhalb einer intimen Beziehung Opfer von Gewalt zu werden. Vierundvierzig Prozent aller lesbischen Frauen und 61 Prozent aller bisexuellen Frauen—im Gegensatz zu 35 Prozent aller heterosexueller Frauen—machen im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit Missbrauch, physischer Gewalt und/oder Stalking durch einen Intimpartner.

Jedoch können die weiblichen Opfer gleichgeschlechtlichen Missbrauchs jegliche sexuelle Orientierung haben und diese Zahlen geben keine Auskunft über weitere offene Fragen wie: Wie viele heterosexuelle Frauen werden von anderen Frauen missbraucht? Wie viele Frauen werden Opfer eines einmaligen Übergriffs? Und wie viele Frauen erleben Formen des Missbrauchs, die aus dem „normalen" Rahmen fallen?

„Als Anwältin habe ich unzählige Geschichten von Frauen und Mädchen gehört, die von Frauen missbraucht wurden—von Vergewaltigungen über sexuellem Missbrauch in frühester Kindheit bis hin zu Menschenhändlerinnen und Anwerberinnen, die junge Frauen für den Profit ausnutzen", sagt Brooke Axtell, Pressesprecherin und Opferberaterin von Allies Against Slavery und Gründerin von Survivor Healing and Empowerment.

Axtell sagt, dass es für Täterinnen weniger wahrscheinlich ist, als legitime Gefahr erkannt zu werden. Dies sei, sagt sie weiter, das Resultat unserer gesetzlichen und kulturellen Definition von Missbrauch. Das Ergebnis ist, dass die Häufigkeit und der Einfluss nicht-heterosexuellen Missbrauchs—wie Axtell sagt—„künstlich gemindert" wurde. Dabei betont sie, dass „der sexuelle Missbrauch von Frauen durch Frauen nicht weniger gewalttätig ist." Tatsächlich, sagt sie, „ist [diese Form des Missbrauchs] sogar noch verstörender und verwirrender, weil es nicht unserer traditionellen sozialen Definition dessen, was sexuellen Missbrauch ausmacht, entspricht."

Existierende Statistiken lassen auch Frauen außer Acht, die den Entschluss gefasst haben, nicht über ihre Erfahrung sprechen zu wollen. Laut einer Studie des US-amerikanischen Strafstatistikbüros wurden innerhalb von acht Jahren, von 1992 bis 2000, nur 34 Prozent der Fälle von versuchtem Missbrauch, 36 Prozent der Fälle von begangenem Missbrauch und 26 Prozent der sexuellen Übergriffe gemeldet. Die Gründe, die dazu führen, dass Fälle nicht gemeldet werden, sind vielfältig. Sophie, ein Opfer gleichgeschlechtlichen Missbrauchs, entschied sich dazu, es nicht zu melden, weil sie Angst hatte, dass ihre Erfahrung ein schlechtes Licht auf die homosexuelle und transsexuelle Szene werfen könnte—eine weitere „besondere Hürde", der Frauen, die von Frauen missbraucht wurden, gegenüberstehen.

Sophie wurde von einer Transfrau missbraucht und hatte Bedenken, über ihr Erlebnis zu sprechen, weil sie befürchtete, dass der Fokus am Ende mehr auf der Identität des Täters als auf dem Missbrauch an sich liegen könnte. „Ich habe mir wirklich Gedanken über Transphobie gemacht und über Leute, die transphob reagieren könnten—was mir ganz und gar nicht geholfen hätte", sagt Sophie. Also schwieg sie über den Missbrauch, anstatt anderen davon zu erzählen. Es ist von Haus aus schwer, anderen Menschen von einem erlebten Missbrauch zu erzählen; Wenn man sich zusätzlich Gedanken um den Ruf einer gesellschaftlichen Randgruppemachen muss, stellt dies ein weiteres Hindernis dar, das es noch schwieriger macht, sich die Unterstützung zu suchen, die man infolge eines solchen traumatischen Erlebnisses benötigt.

Aber könnte der Verarbeitungsprozess nach einem sexuellen Missbrauch auch durch irgendetwas weniger qualvoll gemacht werden? Als ich Cassandra Perry gefragt habe, was ihr geholfen hätte, sagte sie, dass das Problem, den Missbrauch zu benennen und diesen wiederum zu verarbeiten, auf ein viel größeres Problem im Zentrum dieses Diskurs zurückzuführen ist: „Bevor wir nicht unseren Wortschatz erweitert haben, um über solche Erlebnisse zu sprechen und besser beschreiben zu können, was uns passiert ist und was anderen passiert ist, werden wir auch nicht verstehen können, was da draußen vor sich geht."


*Namen wurden geändert.