THE LOOKING GLASS ISSUE

Auf der Atomkriegsuhr ist es kurz vor 12

Laut Experten sind wir so nah an der globalen Katastrophe wie seit über 60 Jahren nicht.

von Livia Albeck-Ripka
14 Juni 2017, 2:30am

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Im Juni 1947 veröffentlichten amerikanische Wissenschaftler ein Bild: eine Uhr, deren Zeiger auf sieben vor Mitternacht standen. Sie gehörten zu den Entwicklern der ersten Atomwaffe der USA und warnten: "Im Kriegsfall würden ab jetzt Atombomben eingesetzt. Das wäre das sichere Ende unserer Zivilisation."

Zwei Jahre zuvor hatten diese ehemaligen Physiker des Manhattan-Projekts das Bulletin of the Atomic Scientists gegründet. Die Publikation und Organisation hatte sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit über die drohende Katastrophe zu informieren und Einfluss auf die Atompolitik zu nehmen. Ab 1947 drehte sie zu diesem Zweck auch jährlich an der Atomkriegsuhr, die verdeutlichen soll, wie nah wir dem Untergang sind.

Am 26. Januar 2017, sechs Tage nach Donald Trumps Amtsantritt, verschob das Bulletin die Zeiger auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht. Das ist der geringste Abstand, seitdem die Atomkriegsuhr 1953 auf 23:58 Uhr stand, weil die USA und die UdSSR die ersten menschheitsgefährdenden Wasserstoffbomben testeten. Aktuell reagiert das Bulletin laut New York Times auf die fortdauernde Gefahr eines Atomkriegs und den Klimawandel – gepaart mit einem Präsidenten, "der Fortschritte an beiden Fronten verhindern will". Die letzten zwei Jahre stand die Uhr noch auf drei vor zwölf; die Forscher schätzten während dieser Zeit die "Wahrscheinlichkeit der globalen Katastrophe" als "sehr hoch" ein.

"Natürlich rechnen wir nicht wissenschaftlich aus, dass es jetzt X Uhr ist", erklärt der Chefredakteur des Bulletin, John Mecklin. "Aber dahinter stecken ausgesprochen genaue Studien." Der Wissenschafts- und Sicherheitsausschuss des Bulletin, zu dem neben Klima- und Atomforschern auch Politikexperten gehören, trifft sich jedes Jahr, um die Zeit festzulegen. Laut Mecklin richtet er sich nach "existenziellen Risikofaktoren", die zur "Auslöschung der Menschheit oder der gegenwärtigen Zivilisation" führen könnten.


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2017 hängt das Überleben der Menschheit vor allem von zwei Dingen ab: der Verhinderung eines Atomkriegs und der Bekämpfung des Klimawandels. Trump hat wissenschaftliche Belege für das Ansteigen der Erdtemperatur als chinesische Lüge bezeichnet (was er im Wahlkampf als "Witz" zurücknahm). Er hat den ehemaligen ExxonMobil-CEO Rex Tillerson zum Außenminister und den Klimaskeptiker Scott Pruitt zum Chef der Umweltschutzbehörde ernannt. Pruitt hat als Attorney General von Oklahoma 14-mal gegen die Auflagen eben dieser Behörde geklagt und unterhält enge Beziehungen zum fossilen Energiesektor. Trump hat zudem begonnen, Obamas Maßnahmen zum Wasser- und Klimaschutz rückgängig zu machen, wie etwa ein Verbot für Bergbaufirmen, ihre Abfälle in Gewässern zu entsorgen. Es ist sein erklärtes Ziel, "unnütze Vorschriften abzuschaffen, die nur der Wirtschaft schaden". Selbst mit einem kompetenten Präsidenten ist es sehr schwer, eine gute Atom- und Klimaschutzpolitik zu entwickeln: Das angereicherte Uran, das für Atomkraftwerke nötig ist, erhöht das Risiko der Waffenentwicklung. Durch den Klimawandel entstehende globale Konflikte erhöhen wiederum das nukleare Risiko. Wie der ehemalige leitende Redakteur des Bulletin, Eugene Rabinowitch, 1947 schrieb: "Die Notwendigkeit einer faktischen, realistischen Grundlage politischer Entscheidungen rechtfertigt die Einmischung von Wissenschaftlern in die nationale und internationale Politik."

Trump handelt bekanntlich lieber auf Grundlage "alternativer Fakten", wie seine Beraterin Kellyanne Conway dazu sagt. Laut Washington Post hatte er es bis Anfang März bereits auf 194 "falsche oder irreführende Behauptungen" gebracht. Um das öffentliche Vertrauen in Experten zu schwächen, braucht es nur Zweifel, keine Fakten. Der Kampf gegen die Vernunft rückt uns also 30 Sekunden näher an den Untergang – aber kann uns dieses Sinnbild retten?

Denn natürlich ist die Atomkriegsuhr nur eine Metapher. Doch Metaphern haben Macht. Laut Mecklin haben dieses Jahr bereits mehr als 10.000 Publikationen über die Verschiebung der Zeiger berichtet. Daniel Kevles, emeritierter Yale-Professor für Geschichte, erklärt: "Die Zeigerposition hat solchen Einfluss, weil die Uhr von Forschern des Manhattan-Projekts entwickelt wurde, die sich nach dem Krieg für eine zivile und internationale Kontrolle der Atomtechnologien einsetzten." Diese Gruppe "hat in den USA die Funktion einer Art säkularer Gewissenswächter", fügt Kevles hinzu.

Dennoch war die Uhr, die auf dem ersten Titel des Bulletin erschien, zunächst nicht so wörtlich gemeint. Ihre Gestalterin, Martyl Langsdorf – Ehefrau des Manhattan-Projekt-Mitglieds Alexander Langsdorf – hatte sie auf ausgerechnet sieben vor zwölf gestellt, "weil es gut aussah". Kunst kann laut Langsdorf "die Fähigkeit des menschlichen Geistes nutzen, ein Ganzes auch ohne Kenntnis all seiner Teile zu erfassen". 1959 schrieb sie im Bulletin: "Künstler schaffen neue Arten zu fühlen, Wissenschaftler neue Arten zu denken – beide schließen einander aber nicht aus."

"Ich lebe schon mein ganzes Leben mit der Uhr", so Kevles, "und jedes Mal, wenn sie vorgestellt wird, bekomme ich Gänsehaut."

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