Satellitenbilder lösen das Geheimnis dieser mysteriösen Wüstenlinien

Geheime Alien-Botschaften oder Ausflugsziel für antike Fesselballons – an kreativen Erklärungen für die Nazca-Linien mangelte es nie. Archäologen konnten dem Rätsel nun auf die Spur kommen und Erstaunliches über ein hochentwickeltes Volk zu Tage fördern.

|
05 Juli 2017, 5:00am

Bild: MARTIN BERNETTI | Staff | Getty Images

Die riesigen Bilder werden erst sichtbar, wenn man sie aus luftiger Höhe eines Flugzeugs betrachtet. Daher wurden die Abbilder von Vögeln, Menschen und sogar eines Wals erst in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt, obwohl sie bereits zwischen 1 und 700 n. Chr. in den Wüstenboden eingeritzt wurden. Seit ihrer Entdeckung geben die mysteriösen Linien Wissenschaftlern, Hobbyarchäologen und Verschwörungstheoretikern Rätsel auf. Neue archäologische Erkenntnisse konnten nun jedoch Licht ins Dunkel bringen.

Die sogenannten Nazca-Linien befinden sich in der südlichen Wüstenregion von Peru. Die riesigen Scharrbilder im Boden werden in der Wissenschaft auch als Geoglyphen bezeichnet. Benannt wurden sie nach dem antiken Volk, das in der Region lebte: den Nazca. Insgesamt finden sich in der Region über 300 Bilder, von einfachen Spiralen bis hin zu komplizierten Zeichnungen von Kolibris, Lamas und Blumen. Einige von ihnen haben die Größe von drei Football-Feldern. Ähnlich wie bei einem Labyrinth wird ihre vollständige Form erst aus der Luft sichtbar.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Doch die Geoglyphen entstanden viele Hundert Jahre vor der Erfindung von Flugzeugen und Satelliten. Daher grübelte die Wissenschaft viele Jahrzehnte, warum das Nazca-Volk sie überhaupt geschaffen hatte – wenn sie ihre Werke ja nicht mal in voller Größe bewundern konnten. Einige vorschnelle Hobbyforscher mutmaßten, dass die Bilder als Botschaften an außerirdische Kulturen gedacht waren oder gar als Landebahnen für antike Astronauten fungierten. Aus dem Weltall kann man die Nazca-Linien schließlich wunderbar erkennen. So sind es auch neue Satellitenaufnahmen, die Archäologen nun näher an die Lösung des antiken Rätsels bringen.

Eine der Nazca-Linien. Bild: Diego Delso | WikiMedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die neue Hypothese der Wissenschaftler lautet, dass die Linien in enger Verbindung mit dem wertvollsten Gut in der Wüste stehen: Wasser. "Die Nazca nutzten das unterirdische Wasservorkommen zur Bewässerung, für Aquädukte und für die Landwirtschaft. Mit Hilfe des Wassers konnten sie die Wüste in einen Garten verwandeln", erklärt Rosa Lasaponara vom National Research Council in Rom.

Der Bloop: Ein Schall-Mysterium aus der Meerestiefe, das Forscher zehn Jahre in Atem hielt

Lasaponara ist Co-Autorin einer Studie von 2016, die mit Hilfe von Satellitenbildern die ungewöhnlichen Konstruktionen, die in der Nähe der Nazca-Linien entdeckt wurden, untersuchte: spiralförmige Löcher, die als Puquios bezeichnet werden. Mit Hilfe der Satellitenaufnahmen konnten die Forscher unter die Oberfläche blicken und entdeckten Erstaunliches: Sie stießen auf ein Netzwerk unterirdischer Wasserkanäle, das die Spirallöcher miteinander verbindet. Die Forscher waren auf den Teil eines hochentwickelten, antiken Aquäduktsystems gestoßen. Durch die spiralförmigen Löcher wurde Wind in die unterirdischen Kanäle geleitet, die das Wasser an die Orte brachte, an denen die Nazca es zum Leben brauchten.

Hört euch in der aktuellen Ausgabe unseres englischsprachigen Podcasts Science Solved It weitere Hintergründe zu den Nazca-Linien an:

Diese bahnbrechende Entdeckung bekräftigt eine Theorie, die Wissenschaftler schon seit Langem haben. Sie vermuteten, dass die Nazca-Linien eine zeremonielle Funktion hatten und mit Wasser in Verbindung stehen. Da die spiralförmigen Löcher Teil eines ausgeklügelten Wassersystems waren, liegt es nahe, dass die Nazca die Wasserstellen mit rituellen Zeichnungen kennzeichneten oder die Bilder aus Dankbarkeit für das lebenswichtige Nass in den Boden ritzten.


Ebenfalls auf Motherboard: Zu Besuch im Untergrund-Labor, das nach Dunkler Materie forscht


"Es ist ganz klar, dass die Puquios und die Nazca-Linien die gleiche Bedeutung haben, denn nur mit Wasser konnte man in der Wüste überleben", meint Lasaponara. "Die Nazca-Linien waren ein Weg, um den Göttern für diese Gabe zu danken."

Diese Erklärung überzeugt jedoch nicht jeden. Einige Hobbyarchäologen glauben lieber weiter an eine Kontaktaufnahme mit Aliens oder daran, dass die Nazca antike Heißluftballons entwickelten, um ihre Kunstwerke zu bestaunen. Dylan Thuras, Mitbegründer der Website Atlas Obscura, wundern diese wilden Theorien nicht: "Wenn man die Linien nur aus einem bestimmten Weltverständnis betrachtet, kann man sich schnell verrennen. Es handelt sich um gigantische Bilder, die man nur von oben erkennen kann, daher versucht man, eine Erklärung dafür zu finden", sagt Thuras. Diese Theorien wollen ein antikes Rätsel aus einer modernen Perspektive lösen und nehmen dafür Flugapparate zu Hilfe. "Wenn man die Linien hingegen in Verbindung zu Wasserquellen setzt, wirkt das Ganze nicht mehr so unmöglich."