Wie ich von Sex-Chats zum Fremdgehen kam

Eine 22-Jährige erzählt, wie virtuelle Chats bei ihr zum Seitensprung eskalierten.

von Anonym
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03 Mai 2017, 2:43pm

Fotos: Rebecca Rütten

Sechs Jahre war ich mit meinem damaligen Freund zusammen – eine lange Zeit, vor allem, wenn man bereits als Teenager zusammenkommt wie wir. Ob es voraussehbar war, dass sich einer von uns irgendwann langweilt, weiß ich nicht. Bei mir war es auf jeden Fall so. Die sexuelle Routine, die Suche nach Nervenkitzel und das Verlangen nach einer anderen Person – all das überrumpelte mich immer wieder. Meine unkontrollierbare Lust befriedigte ich in unkomplizierten und anonymen Sexchats im Internet – der Beziehung zuliebe. Für mich waren die Sexchats das perfekte Ventil, um Druck abzulassen, ohne mich wie ein untreues Arschloch zu fühlen: ohne Hemmungen vor Fremden masturbieren, ein paar Komplimente abgreifen, super Orgasmen, Chatfenster zu – danke, ciao.

Das mag paradox klingen. Je nachdem, was man als Fremdgehen definiert. Fängt es beim Verschicken von Nacktfotos schon an? Oder beim Austauschen von persönlichen Dingen oder erst bei realen Treffen? Bei mir führte eines zum anderen.


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Ich fand es schon immer aufregend, von Fremden Aufmerksamkeit und Bewunderung für meinen nackten Körper zu bekommen. Wenn sich jemand auf mich einen runterholt, finde ich das geil. Und weil Sexchats meist anonym sind, konnte hier niemand erfahren, dass ich im echten Leben in einer soliden Beziehung steckte – so richtig mit gemeinsamer Wohnung und geteilten Einkaufslisten.

Für mich war es ein Seitensprung light. Intimer als Pornos, weil man ja doch einen Menschen vor sich hat, mit dem man Dinge anstellt, aber eben auch kein echter Sex mit jemand anderem, der einen anfasst, küsst oder gar penetriert.

"Richtiges" Fremdgehen hätte sich für mich wesentlich unmoralischer angefühlt – und wäre auch schwer in den Alltag zu bringen gewesen, in dem mein Freund und ich fast alles vom anderen mitbekamen. Tinder wäre unmöglich gewesen, gemeinsame Bekannte hätten mich entdecken können. Über Instagram Leute anschreiben? Sie hätten all die Pärchenfotos gesehen.

Also begann ich, Sexapps auszuprobieren, eine nach der anderen. So fing es an.

1. Chatroulette

Im Prinzip ist es wie Videotelefonieren mit Skype oder Facetime, nur dass man nicht weiß, wen man zu Gesicht bekommen wird. Doch auch wenn Chatroulette offiziell seriös wirken will: Gefühlt 98% der Chatroulette-User gehen nur online, um ihre Schwänze in die Kamera zu halten. Dort jemanden zu finden, der wahlweise meinen Arsch, meine Brüste oder mich beim Masturbieren sehen will, war nie ein Problem. Vor zwei Jahren fand ich dort erstmals einen virtuellen Sexpartner, mit dem ich zuerst vier Stunden lang Camsex hatte und schließlich auf Skype weiter gechattet habe.

Im Nachhinein hatte ich meine persönliche Grenze wohl schon damals überschritten: Der virtuelle Sexpartner, mit dem ich nun fast täglich schrieb, erzählte mir irgendwann von seinem Alltag, aß seine Pizza vor der Webcam und hielt mich über seinen Beziehungsstatus auf dem Laufenden, als es mit einem Mädchen aus seinem nicht-virtuellen Leben ernst wurde und eine Beziehung daraus entstand. Der Kontakt brach irgendwann ab – meine Beziehungsflaute war auch scheinbar überwunden. Bis ich erneut das inoffizielle Penisportal Chatroulette besuchte. Das machte mittlerweile offenbar selbst eine Flaute durch: Nach zwei mittelmäßigen Versuchen zu kommen, fragte mich ein Pop-up-Fenster unerwartet nach meinen Log-in-Daten und meiner Telefonnummer. No fucking way! Ich verschicke zwar meine Vagina an Fremde, aber mittels Telefonnummer mein Profil bestätigen wollte ich dann doch nicht.

Von Chatroulette im Stich gelassen und unter maximalem Hormoneinfluss stehend recherchierte ich nach weiteren Möglichkeiten für schnellen, anonymen und virtuellen Sex.

2. Zufalls Chat

Die Zufalls-Chat-App versprach genau, wonach ich suchte: Bastel dir einen Usernamen, gib dein Geschlecht an und stürze dich ohne Angabe von Telefonnummer, E-Mail-Adresse oder Beziehungsstatus in die schmutzigen Teile des Internets. Im Gegensatz zu Chatroulette gab es Bilder und Videochat erst, nachdem du mit deinem zufälligen Chatpartner einige Textnachrichten ausgetauscht hast – den Sex und die Dickpics musst du dir hier sozusagen ersmalltalken.
Die Zufalls-Chat-App wirft dich wahllos in ein Chatfenster, in dem Menschen mit Usernamen wie "hornymale18" oder "21inchdick" dich fragen, ob du eine Frau und volljährig bist. Genau wie bei Chatroulette hatte ich das Gefühl, als weibliche Userin einer Minderheit anzugehören – die Typen, die mich als "seltene Spezies" oder "Einhorn" bezeichneten, sollten mir Recht geben (es sei denn, "Einhorn" ist ein mir unbekanntes sexuelles Codewort).

Die Zufalls-Chat-App entpuppte sich als wahre Goldgrube für mein ungestilltes Verlangen nach Aufmerksamkeit und halbwegs öffentlichen Sexshows. Natürlich weiß ich, aus welcher Motivation heraus sowas entsteht. Ich kenne auch die Vorurteile von bierbäuchigen, wichsenden Mittfünfzigern, denen nur beim Gedanke an junge Einhörner wie mir einer abgeht. Für mich hat es in dem Moment aber funktioniert – und meine Sexchatpartner waren mir ja ohnehin egal. Unliebsame Menschen konnte ich schnell ausfiltern. Gab es mit einem Kerl wiederum besonders guten Onlinesex, tauschten wir unsere Snapchat-Nutzernamen aus.

So geschah es auch mit dem Mann, für den ich mein ideelles Treue-Gelübde, das ich so krampfhaft für meinen Freund aufrechtzuerhalten versuchte, dann letztendlich brechen sollte. Nach einem phänomenalen Camsex-Abend, den jeder von uns mit dem Smartphone in der einen und den Genitalien in der anderen Hand verbrachte, verabredeten wir uns für eine spätere Wiederholung auf Snapchat.

3. Snapchat

Bislang hatte ich Snapchat, neben alltäglichen Nachrichten an Freunde und Familie, nur für flüchtige Nacktbild-Nummern mit Kumpels genutzt. Dass die Snaps direkt wieder verschwinden, vermittelte ein wohliges Gefühl der Sicherheit – und erweiterte die Spannung um eine weitere Ebene, weil ich auf Snapchat nicht nur Muschi-Fotos, sondern auch Selfies von mir verschicken konnte. Ein großer Schritt für das Vertrauen in meinen Chatpartner, ein dramatischer Rückschritt in meinem Plan, meinen Freund nicht zu betrügen. Mein Sexchat-Partner hatte nun ein Gesicht zu meinem Körper.

Mein Zufalls-Chat-Liebhaber und ich fingen zwischen den Sexsnaps schnell an, echte Gespräche zu führen. Von allgemeinen Informationen über Alter, Herkunft und unsere wirklichen Namen erweiterten wir das Smalltalk-Repertoire schon in der ersten gemeinsamen Nacht auf tiefgehendere Interessen, Arbeitsalltage und schlussendlich auch die Tatsache, dass ich in einer Beziehung steckte. Ich fing erstmals an, mit meinem Gewissen zu hadern. Das lag vor allem daran, dass ich nun nachts aufstand, um mich im Badezimmer heimlich mit Camsex zu vergnügen. Aber auch die persönlichere Beziehung, die sich da gerade mit einem Fremden entwickelte, machte mir – wenn auch nur selten – Bauchschmerzen. Andererseits fiel es meinem damaligen Freund kaum auf, wie viel Zeit ich am Handy verbrachte. Ich redete mir ein, dass mein Arschloch-Verhalten irgendwie doch gerechtfertigt war. Außerdem passierte ja alles nach wie vor online. Noch.

4. Kik

Auf Snapchat schickten wir also konstant Fotos und kurze Videos hin und her, die nach zweimaligem Anschauen verschwunden sein sollten. Mir war die Vergänglichkeit des Sex egal, ich hatte ja die Aufmerksamkeit, die ich wollte. Er sah das anders. Damit er die Videos speichern und immer wieder abspielen konnte, sollte ich mir den Messenger Kik downloaden: Damit sich einer von uns auf den anderen einen runterholen konnte, wenn dieser mit dem Real Life beschäftigt war. Mein fester Sexchat-Partner und ich vertrauten uns also inzwischen genug, um die Unverbindlichkeit von Snapchat und Zufalls-Chat-App hinter uns zu lassen: Meine private Porno-Sammlung erstreckte sich von Selbstbefriedigungsclips über Ganzkörperaufnahmen bis hin zu Videos, auf denen ich erst mit Fick-mich-Blick in die Kamera schaue, um das Handy anschließend in einem langsamen Schwenk zurück zwischen meine Beine gleiten zu lassen. Als Versicherung hatte ich seine Videos in meiner Handy-Mediathek gespeichert: Solltest du versuchen, mein Leben zu ruinieren, ruiniere ich deins.
Der Videoaustausch wechselte sich in den ersten Tagen mit freundlichen Konversationen über Kurznachrichten ab – meistens mehrere Stunden lang, bis wir irgendwann Telefonate führten, abwechselnd Videotelefonsex und persönliche Gespräche hatten. Und uns entschlossen, dass wir uns zu einem Treffen verabreden würden.

5. Echter Sex

Dass ich meinen Freund mittlerweile richtig betrog, stand außer Frage. Meine Grenze hatte ich durch den häufigen Kontakt und das langsame Aufkommen von Gefühlen längst überschritten. Die wiederholte Verabredung zum Telefonsex, das Interesse für die fremde Person, die Planung des Treffens – ich war das untreue Arschloch geworden, das ich mit dem Sexchat eigentlich in den Tiefen meines Arschloch-Unterbewusstseins festketten wollte.

Die Situation katapultierte mich unerwartet in ein Dilemma zwischen Vorfreude und Gewissensbissen. Einerseits war der Online-Sex nur ein Katalysator, mit dem ich irgendwie die kaputte Beziehung retten wollte: virtuell ficken, Genugtuung erleben und zurück ins Pärchenleben. Andererseits war ich aber offensichtlich genau dort auf jemanden gestoßen, den ich auch abseits von wilder Kamera-Masturbation gut fand – als Person, ohne Penisfotos.

Ich traf mich also wenige Wochen später mit meinem virtuellen Sexpartner. Doch vorher trennte ich mich von meinem Freund: Ich sagte ihm, dass ich mit der Beziehung nicht mehr glücklich war, mich langweilte und ein neues Kapitel öffnen wollte. Das verstand er zwar nicht, es war aber immer noch weniger schmerzhaft als die Wahrheit: Ich habe Gefühle für einen Fremden aus dem Internet und muss in dieser überfordernden Situation erstmal alleine sein. Mit etwas Abstand eine gute Entscheidung. Wäre die Beziehung intakt gewesen, hätte es nie so weit kommen können, dass ich, ohne nachzudenken, für einen Fremden, den ich auf einer Zufalls-Chat-App kennengelernt habe, Gefühle entwickle. Das Treffen war überraschend gut und entgegen aller Erwartungen, die die Art unseres Kennenlernens mit sich brachten, auch nicht peinlich. Und das lag nicht einmal daran, dass wir uns sechs Wochen lang für den echten Sex auf diversen Sex-Apps heiß gemacht hatten: Der Sex war grandios, das Warten hatte sich gelohnt – und noch dazu verstanden wir uns im echten Leben genau so gut wie zuvor auf Snapchat.

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