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Ironische Bilder des KZ-Tourismus: Wie wir uns heutzutage mit der Vergangenheit auseinandersetzen

Fotograf Roger Cremers hält mit seinen Fotos unser sich verschiebendes Verhältnis zu einem Krieg fest, der bereits vor 70 Jahren endete.
28.4.16
Auschwitz, Polen, 2008. Zwei ungarische Touristen in Jogginganzügen besichtigen Auschwitz-Birkenau. Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Roger Cremers

2002 besuchte der niederländische Fotograf Roger Cremers gerade das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz, als er einen amerikanischen Touristen bemerkte, der direkt neben den Verbrennungsöfen stand. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: ‚Lache, das ist ein Befehl.‘ Cremer konnte nicht anders, als das mit seiner Kamera zu dokumentieren, entschied sich aber, das Bild nicht zu veröffentlichen. „So ein Shirt kann man am Königstag in Amsterdam tragen, aber nicht in Auschwitz“, erzählte Cremers The Creators Project. Am 22. April wurde seine neueste Ausstellung World War Two Today im Niederländischen Widerstandsmuseum in Amsterdam eröffnet. Die Ausstellung umfasst einen fotografischen Überblick darüber, wie die Menschen sich heutzutage mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen.

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Cremers begann 2008 damit, Touristen in Auschwitz zu fotografieren. Für seine Fotoreihe erhielt er 2009 den World Press Photo Award, doch seine Bilder sorgten auch für hitzige Diskussionen. „Ich bediene mich der Ironie als Mittel der bildlichen Sprache, und manche Leute finden, dass das im Fall von Auschwitz unpassend ist, obwohl ich selbst glaube, dass Ironie ein Weg sein kann, Dinge zu bewältigen. Zudem projiziere ich die Ironie ja nur auf die Besucher“, erklärt Cremers.“

Die Fotos machen deutlich, wie Massentourismus manchmal auf merkwürdige Weise mit der Vergangenheit kollidiert. Wenn beispielsweise zu viele Touristen nach Auschwitz kommen, werden Busse organisiert, die einen Teil der Menschen zuerst nach Birkenau transportieren. Hat man schon mal gehört, oder? „Es gibt so viele dieser Parallelen“, sagt Cremers.“

Cremers wusste sofort, dass er mit dem Fotografieren von Touristen an Orten wie Auschwitz eine Nische gefunden hatte. „Ich wusste, dass ich etwas Bizzares erschuf, und ich rechnete damit, dass es eine gewisse Kontroverse auslösen würde. Vor allem aber sah ich es als Möglichkeit, an den Kern der Geschichte zu gelangen. Außerdem konnte mich nichts von dem Projekt abhalten.“

Seitdem Cremers  diese Fotoreihe erschaffen hat, sucht er nach weiteren Orten, an denen der Krieg immer noch präsent und spürbar ist. Auf seinen vielen Reisen durch Europa hielt er also die Abenteuer und Erfahrungen von Touristenscharen, Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen sowie von Menschen, die den Krieg spielerisch nachstellen, fest. Für seine Ausstellung wählte er 52 Bilder daraus aus.

Die Fotos sind so faszinierend, weil sie den Paradigmenwechsel bewusst machen, der genau jetzt stattfindet. Der Krieg liegt immer weiter hinter uns zurück, und die Menschen entwickeln neue Wege, sich die Ereignisse der Vergangenheit zu vergegenwärtigen, so dass sie in unsere heutige Gegenwart passen. Und eine Auschwitz-Überlebende, die einer Gruppe amerikanischer Schüler ihre Tätowierung zeigt, gehört ebenso zu diesem Paradigmenwechsel, wie zwei ungarische Männer, die in knallroten Jogginganzügen Auschwitz besuchen.

Die Ironie ist fast greifbar. Denkt einmal an das Foto mit der Reiseleiterin, die mit gehobenem Schirm fast schon marschiert, um ihrer Gruppe den richtigen Weg zu weisen. Oder den Jungen mit dem Totenkopf-T-Shirt, der auf einem Soldatenfriedhof die Grabmäler gefallener deutscher Soldaten putzt. Cremers gibt aber zu, dass ihn viele seiner Motive auch erschaudern lassen. Er war vor Schreck wie zur Salzsäule erstarrt, als er in einem Wald in der Nähe des komplett zerstörten Vernichtungslagers Uckermark plötzlich eine Figur bemerkte, die an einen Baum lehnte. Sie bestand aus Maschendraht und gedenkt  tausenden von namen- und gesichtslosen Frauen, die dort ermordet wurden.

Auch Cremers  Besuch der Ausgrabungsstätte des Lagers Sobibor sorgte bei ihm für Gänsehaut. „2011 begannen Archäologen mit der Suche nach den Fundamenten des Lagers. Ich durfte keine Fotos machen, aber einer der Mitarbeiter zeigte mir, was er ausgegraben hatte. Ehe ich mich versah, hielt ich ein kleines Plastikbeutelchen mit Eheringen mit eingravierten, niederländischen Namen in meiner Hand. Ich hielt wortwörtlich ein Stück Geschichte fest, das 70 Jahre lang vergraben gewesen war. Es war unglaublich traurig und überwältigend.“

Mittlerweile überrascht Cremers das unverschämte Verhalten so mancher Touristen nicht mehr. Zum Beispiel das von Männern, die in Auschwitz öffentlich urinieren. Leider konnte er diesen Anblick noch nicht ablichten. „Ich schaffe es nicht. Ich arbeite nur mit einer Analogkamera, ich kann also nur gute Bilder schießen, wenn das Motiv etwa drei Meter von mir entfernt ist. Sie müssten also sehr viel getrunken haben, damit ich es schaffe, nah genug an sie heran zu kommen. Ich habe ein geringeres Problem damit, wenn Leute gegen den Bunker von Hitler pinkeln. Da macht sich dann zwar immernoch jemand über die Geschichte lustig, aber es ist etwas ganz anderes.“

„Ich besitze eine alte Rolleiflex Kamera, die schon fast antik aussieht. Deswegen betrachten mich die meisten Leute nicht als Bedrohung. Ich kann ihnen sehr nahe kommen, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen.“ Trotzdem hat es bereits eine Situation gegeben, in der Cremers vor einer Gruppe Neonazis flüchten musste. „Bei einer Kranzniederlegung in einer kleinen Kirche in Österreich waren da diese alten Veteranen, denen damals im Krieg ‚Unrecht‘ getan wurde. Sie wurden von einer Gruppe junger Männer mit Glatzen, Bomberjacken und schwarzen Springerstiefeln begleitet. Ihnen gefiel es gar nicht, dass ich auch da war. Sie spürten, dass ich nicht dazugehörte. Wie aus dem Nichts drückte einer von ihnen mich auf einmal gegen die Wand, und die anderen umzingelten mich. Sie wollten mich zusammenschlagen. Ich hatte wirklich große Angst.“

Es gelang Cremers, in einem Pressewagen zu flüchten, und die Neonazis jagten dem Auto noch eine Weile hinterher. „Wir mussten alles einfach in den Wagen schmeißen und schnellstens verschwinden.“ Trotz der Angst bedauert Cremers, dass er es nicht schaffte, ein Foto von ihnen zu machen. „Ich möchte festhalten, wie der Zweite Weltkrieg heute noch immer präsent ist, und die Neonazis sind auch ein Teil davon.“

Cremers fotografiert ebenso gerne Leute, die verschiedene Kriegsszenen nachstellen. „Wir befinden uns momentan an einem komischen Zeitpunkt. Einerseits fühlt sich der Krieg noch frisch an, da einige der Menschen, die ihn überlebt haben, noch unter uns sind. Andererseits liegt er schon so weit zurück, dass er nachgestellt werden kann. Auch diese Tatsache verdeutlicht den Paradigmenwechsel. Wenn Kinder Ritter spielen, stört sich niemand daran. Und wenn sich jemand gerne als Napoleon verkleidet, wird sich niemand davon angegriffen fühlen. Vielleicht werden die Menschen in 150 Jahren auf diese Weise auch auf den Zweiten Weltkrieg zurückblicken.“

Eben-Emael, Belgien, 2010. Eine Gruppe stellt den Fall des Forts Eben-Emael 1940 nach.

Auschwitz, Polen 2008. Zwei jüdische Männer besuchen Auschwitz.

Die Ausstellung World War Two Today ist noch bis zum 15. September 2016 im Niederländischen Widerstandsmuseum in Amsterdam zu sehen.
Auf seiner Webseite erfahrt ihr mehr über Roger Cremers und seine Arbeit.

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst auf The Creators Project Netherlands.