Interview

Wir haben mit Bilderbuch Tarot-Karten gelegt und in die Zukunft der Band geblickt

Bilderbuchs neues Album 'Magic Life' wird fiebrig erwartet und der Band sowieso eine rosige Zukunft vorausgesagt. Wir haben zusammen mit Maurice überprüft, was an den Prophezeiungen wirklich dran ist.

von Nina Damsch
15 Februar 2017, 11:49am

Alle Fotos von Jennifer Krause

Seit Bilderbuch mit gelbem Lamborghini, wasserstoffblonden Haaren und Musik wie pastellfarbenes Softeis, das einem langsam die Hände runter schmilzt, die deutschsprachige Popwelt betraten, wurde ihnen eine rosige Zukunft vorausgesagt. Das war vor gut zwei Jahren. Bisher behielten die Propheten Recht. Spätestens seit der letzten Single "Bungalow" des kommenden Albums Magic Life ist wieder in allen Gassen ein Flüstern zu vernehmen, das inzwischen eher zu einem Schreien angeschwollen ist: Bilderbuch sind die große Hoffnung der deutschsprachigen Popmusik.

Wir halten nicht viel von Gerede und Geflüster. Schon gar nicht in irgendwelchen Gassen oder Radaktionsgängen. Also entschlossen wir uns, dem Ganzen auf den Grund zu gehen und mit Sänger Maurice und einem Set Tarot-Karten in die Zukunft der Band – und vielleicht die der deutschen Popwelt – zu blicken. 

Maurice: Ich habe wirklich ein bisschen Angst. Kannst du das denn?

Noisey: Ich habe das auch noch nie gemacht, aber ich habe eine rumänische Großmutter, die sehr spirituell ist. Ich habe also so ein Gefühl, dass mir das liegt. Außerdem hat das Tarot, das wir benutzen, schon Napoleon, Robbespierre und König Louis Philippe die Zukunft vorhergesagt.
Die sind alle tot. Und einige haben kein so gutes Schicksal erlitten. 

Bist du denn abergläubisch? Oder sagen wir lieber spirituell?
Ich bin Musiker! Von daher muss ich spirituell sein! Wenn wir auf die Bühne gehen, sind wir alle Medizinmänner für unsere Generation. Aber so mit Geistern, die in einer Zwischenwelt gefangen sind, kommunizieren? Gä! 

Das wollen wir ja auch gar nicht. Wir wollen ja in die Zukunft der Band, beziehungsweise in die Zukunft eures neuen Albums schauen. Mische also die Karten und lege sie vor dich hin. 

Maurice mischt sehr gewissenhaft die Karten. Es gibt verschiedene Methoden, Tarotkarten zu legen, wie wir in der Gebrauchsanleitung lesen. Wir entscheiden uns für die Schicksalkreuz-Variante, aber im Nachhinein sind wir uns ziemlich sicher, dass eine richtige Wahrsagerin vor Empörung ihre Glaskugel hätte fallen lassen, wenn sie unsere stümperhaften Versuche durch die Selbige beobachtet hätte. Andererseits: Richtet sich denn das Schicksal nach Regeln und Normen? Lässt sich die Zukunft in Excel-Tabellen errechnen? Eben. 

Maurice zieht seine erste Karte . Sie soll angeblich Auskunft über die Vergangenheit geben, die zu der gegenwärtigen Situation geführt hat. 

Die Mäuse. Die offizielle Interpretation sagt: "Die Mäuse kommen etwas sagen, von einem Diebstahl handelt ihr Bericht." Wo hast du gestohlen?
Ich weiß nicht ...

Habt ihr gebitet?
[Entrüstet ausrufend] Naaaa! Das ist ja eine Beichte jetzt und kein Wahrsagen! Nein, es wurde nichts gestohlen, außer vielleicht Muffins im Proberaum. 

Es sagt noch weiter: "Das Verlorene kriegen sie wieder – vielleicht. Vielleicht aber auch nicht." Was meinst du, könnte euch verloren gegangen sein, was ihr jetzt wiedergefunden habt?
Es kann schon sein, dass man sich bei so einer Albumproduktion manchmal ein bisschen vergisst. Das wird einem nach Abschluss erst bewusst. Aber wie eine Maus, die den Faden ja bekanntlich  nicht abbeißt, findet man den Faden zu sich selbst wieder und hat wieder einen klaren Blick. 

Was wäre deine persönliche Interpretation der Mäuse-Karte? 
Also die drei Mäuse auf der Karte symbolisieren ja schon so den Band-Gedanken. So diebische Mäuse, die miteinander Unfug treiben. Aber das war ja die Vergangenheit. Jetzt kommt die Zukunft. Ich ziehe die nächste Karte. [Maurice zieht seine zweite Karte] Oh, eine Wolke. 

"Die schwarze Seite der Wolken. Ein beunruhigender Anblick. Aber wo das Blaue durchscheint, ist das Leben voller Glück". 
Ja, wir haben bei dem Album auf jeden Fall die dunkle Seite der Wolken gesehen. Allein schon, weil wir uns wortwörtlich in einen Keller eingeschlossen haben und da recht wenig Tageslicht reinkam. 

Was sind so Wolken-Momente bei der Albumproduktion gewesen?
Für mich immer, wenn es Ideen nicht schaffen, obwohl sie großartig wären. Man muss eben Kompromisse machen. Aber mir wird gesagt, ich würde meine Ideen ganz gut verkaufen, also gewinnen die dann meistens, obwohl sie nicht unbedingt die besseren sind – sagen böse Zungen.

Und wann klart für dich der Himmel auf? Wenn das Album dann fertig ist, während der Promophase oder erst auf Tour? 
Es ist da genau wie immer im Leben: Das, was du nicht hast, das reizt dich am meisten. Bist du auf Tour, denkst du dir: "Boah, wir müssen wieder ins Studio, Songs schreiben". Schreibst du Songs, willst du einen Gig spielen oder denkst schon daran, wie ein Video aussehen könnte. Ich mag wirklich alles gerne, aber ich glaube, so eine gewisse Ungeduld rührt mich immer um. 

Meinst du, diese Ungeduld ist das, was deine Wolke antreibt?
Es ist nicht sehr romantisch, aber in mir ist so ein gewisser Competition-Gedanke. Nicht, dass ich will, dass andere schlechter sind als ich. Es geht mir da um mich. Ich will immer alles so machen, dass es mich anturnt. Ob das jetzt Tischtennis ist oder ein Album machen. Also dieser Gedanke ist, glaube ich, der Wind, der meine Wolke über den Himmel jagt. 

[Maurice zieht seine dritte Karte]

Das Haus. Der Spruch sagt: "Dieses Haus hier spricht von Wohlstand und glücklich sein. Aber urteilt, Freunde, nicht zu schnell vor dem falschen Schein." Ich würde jetzt aber sagen, dass dieses Haus natürlich eindeutig für "Bungalow" steht. 
So isses! "Bungalow" war schon Poker für uns, weil wir wussten, dass es der Hit ist, wir ihn aber bewusst erst als viertes veröffentlicht haben. Wenn "Bungalow" also unsere Zukunft ist, dann sagt das ja vielleicht, dass man auch mal Risiken eingehen muss. 

Euch war von Anfang an klar, dass "Bungalow" ein Hit ist? Merkt man sowas schon beim Aufnehmen? 
Ja. Da war der Beat, die Orgel und dieser Loop und wir dachten uns, das könnte jetzt Rihanna sein, aber auch Thomas Anders im Fernsehgarten. Irgendwas müssen wir jetzt damit anfangen. Aber wenn wir es hinkriegen, dann war uns schon klar, dass das etwas sein wird, was den Leuten mehrheitlich gefallen wird. 

Zum Beispiel hatten wir recht schnell diesen Teil "Du rufst mich an, du rufst mich an". Das war schon sehr hitty. Den Refrain hat es auch schon ewig gegeben, nur die Wörter noch nicht. Beim Solo war es dann notwendig, das Instrumentale irgendwie zu brechen. Es ist so: Wenn du einen Pophit hast, zerstöre ihn. Brich ihn. Mach ihn strange. Kill your Darlings. Dann wird aus einem Mark Forster-Song ein fucking Hit. 

Ich mag den "Akku"-Teil am liebsten. 
Ich auch! [Es werden High-Fives gegeben] Der ist super. Das ist mir auch so wichtig. Dass du schaffst, deutschsprachige Musik so weit von ihrem eigenen Klischee, nämlich dass sie hart klingt, zu entfernen und sie einen gewissen Rhythmus kriegt, den die deutsche Sprache sehr selten hat. 

Warum gelingt das euch so gut und der deutschen Poplandschaft so gar nicht? 
Weil wir uns erstens Mühe geben und ganz blöd gesagt: Die meisten Menschen haben keinen Geschmack. Wieso sollten also die meisten Musiker welchen haben? Nur weil man Musiker ist, hat man noch lange keinen Geschmack. Das fängt beim Artwork an, geht zum Song bis hin zum Musikvideo. Wie entscheidest du dich an diesen Punkten? Wir treffen auch nicht immer zu 100 Prozent die richtige Entscheidung, aber wir haben schon diese eigene Qualitätskontrolle und es ist wichtig, sich nie einfach zufrieden zu geben. Geschmack und Arbeit, darauf kommt es an. 

Zurück zur Karte. Wenn Bilderbuch ein Haus wäre, was für eins wärt ihr?
[Verträumt] Eine Finca! So ein italienisches Landhaus. Aber ich glaube, das ist Wunschdenken. Vermutlich wären wir so ein Museum mit ganz vielen komischen Ecken und Metall, wo überall Licht reinkommt, wo man es nicht erwartet. So ein Hundertwasser-Haus! 

An welchem Schritt der Fertigstellung dieses Bilderbuch-Hauses sind wir jetzt? Schließlich steht die Karte ja für eure Zukunft. Steht erst der Grundriss oder suchen wir schon Armaturen für die Badezimmer aus?
Vermutlich sind wir gerade mit dem ersten Stock fertig und beginnen mit dem Stiegenhaus. Damit es nach oben gehen kann. 

[Maurice zieht die nächste Karte: Die Sense. Schockschwere Not.]

Boah, die Sense! 

Im Büchlein steht: Gefahr, Bruch, das plötzliche Ende. [Betretene Stille, entsetzte Blicke werden ausgetauscht]. 
Naja. OK. 

Wann kommt also das Soloalbum?
Was für eine grausame Vorhersage. Hier, ich ziehe liebe die nächste Karte: der Mond. 

Du hast ja auch einen kleinen Mond als Ohrring.
Naaa, das ist ein Porsche. Den habe ich von meiner Oma im Kindergarten bekommen. Den habe ich als Vierjähriger schon getragen, mit sehr langen Haaren. Alle dachten wohl, ich bin ein Mädel.

Ich kannte das früher, dass es sehr wichtig war, auf welcher Seite Jungs den Ohrring haben. 
Ja, ob man schwul ist oder nicht. Ich weiß es aber auch nicht. Meine Sexualität ist mir selbst nicht bewusst anscheinend. Vielleicht bin ich schwul? Fragen wir doch mal die Karten! 

Was sagt denn der Mond dazu?

"Sie sind sich ihrer Sexualität nicht bewusst" [lacht]. Nein, er sagt: "Wenn der freundliche Mond vom Nahen auf Sie herab scheint, dann meldet er eine schöne Laufbahn. Ruhm und Ehre erwartet Sie." Yeah! Scheiß auf die Sense! 

Kannst du überhaupt noch mehr Ruhm und Ehre verkraften? 
Natürlich! 

Wonach sehnst du dich dann in der Zukunft? Welttour? Vogue-Cover? Ein Cameo-Auftritt von Kate Moss im nächsten Video?
Na, solche Dinge sind es nicht. Ich denke da eher an Sachen wie neue Dinge auf Alben ausprobieren, Artwork, solche Dinge. Unser Booklet ist zum Beispiel ein Seidentuch und da stehen die Texte drauf. Das ist so fancy und so geil. Das sind Dinge, die mich längerfristig catchen. Wenn du dich vom Erfolg abhängig machst, im Sinne von "größer werden", "des noch und des noch", dann läufst du Gefahr, dass du in die Sense läufst. 

Wofür hat Magic Life Ruhm und Ehre verdient?
Man sagt ja immer, es ist sehr schwer ein neues Album zu machen, wenn man ein sehr erfolgreiches Album hatte. Deswegen war es sehr wichtig, dieses Album für uns zu machen. Es gibt schon viele Songs auf Magic Life, die sehr poppig sind und bewusst sagen: Wir können Pop, wenn wir wollen. Wir können rein theoretisch so lang dieses Spiel spielen, bis wir zehn Popsongs wie "Bungalow" haben. Aber ich glaube, wir haben uns trotzdem die Freiheit rausgenommen, gewisse Türen zu öffnen, was unseren eigenen persönlichen Zustand und Gefühle angeht. Was die Leute wiederum damit machen, können wir eh nicht steuern.

[Plötzlich klopft es an der Tür. Alle Köpfe drehen sich, doch keiner tritt ein. Misstrauische Blicke werden ausgetauscht.] 

Oh Gott, die Sense. Das letzte Bilderbuch-Interview, bevor doch die Sense mich holen kam. 

'Magic Life' erscheint am 17. 02 und kann unter anderem hier gekauft werden. Außerdem wird natürlich wieder getourt. Wer also das Magic Life hautnah erleben möchte, kann das hier tun: 

26.03.2017 – Zürich, X-Tra
27.03.2017 - Offenbach, Capitol
28.03.2017 - Köln, Palladium
29.03.2017 - Berlin, Columbiahalle
30.03.2017 - München, Zenith
31.03.2017 - Leipzig, Haus Auensee
02.04.2017 - Stuttgart, Im Wizemann
03.04.2017 - Hamburg, Docks (SOLD OUT)
04.04.2017 - Hamburg, Docks
05.05.2017 – Graz, Kasematten (SOLD OUT)
06.05.2017 – Graz, Kasematten
17.05.2017 – Wien, Arena Open Air (SOLD OUT)
18.05.2017 – Wien, Arena Open Air (SOLD OUT)
19.05.2017 – Wien, Arena Open Air
26.08.2017 – Linz, Tabakfabrik Open Air

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