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Safer Clubbing

Was jetzt passieren muss, damit es in Clubs und auf Festivals keine Vergewaltigungen mehr gibt

Nein heißt Nein allein ist nicht genug: Das Sexualstrafrecht wurde verschärft. Doch bedeutet das auch mehr Schutz beim Feiern?

von Thomas Vorreyer
08 Juli 2016, 3:20pm

Das Sexualstrafrecht wurde verschärft, wie werden nun auch Clubs und Festivals sicherer? Foto: imago/Florian Schuh.

Gestern hat der Deutsche Bundestag eine Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen. Nein heißt Nein—und das wird jetzt auch im Gesetz so festgehalten. Vergewaltiger können sich nicht mehr entlastend auf vermeintlich uneindeutige oder teilnahmslose Reaktionen ihrer Opfer berufen. Ein echter Fortschritt. Und auch Grapschen, Busen anfassen und andere Formen körperlicher Übergriffe gelten nicht mehr als beiläufige Kavaliersdelikte. Sie sind jetzt Straftatbestände. Carola Reimann, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, sagte während der Debatte: „Übergriffe finden oft dort statt, wo sich das ganz normale Leben abspielt: in der U-Bahn, in den Clubs oder auf Festivals. Grapschen ist kein Flirten. Das muss jetzt auch der Letzte begriffen haben."

Werden damit auch Festivals und Clubs sicherer für alle?

„Wir erwarten von der geplanten Reform des Sexualstrafrechts eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter", sagt Tobias Langenbach, Pressereferent beim WEISSEN RING, einem Hilfsverband für Opfer von Verbrechen. „Die Reform ist ein Signal und eine Warnung an Männer—durchaus auch in Clubs oder auf Festivals—, dass es so nicht geht."

Doch Orte des Nachtlebens sind eine besondere Situation: Sie sind laut, unübersichtlich und die Stimmung ist gelöst. Du trinkst, nimmst vielleicht auch Drogen. Das gleiche gilt für deine Freund*innen. Populär gewordenen Substanzen GHB und GBL sind im Umlauf. Sie werden als KO-Tropfen eingesetzt, den Opfern unbemerkt in die Getränke gemischt oder als giftige Mischung unwissenden Opfern angeboten.

Seit einigen Jahren versuchen Veranstalter und Veranstalterinnen aber, die Sicherheit der Besucher(innen) gezielt zu erhöhen: Clubs wie das IfZ in Leipzig oder das ://about blank beraten und entwickeln in festen Strukturen wie etwa AG eigene Safer-Clubbing-Konzepte, auf einem US-amerikanischen Festival wurde in diesem Monat ein Campingplatz nur für Frauen eingeführt.

Was kann also getan werden, um die Sicherheit noch weiter zu erhöhen?

Besucher müssen sich im Notfall an das Personal wenden können.

Schon allein überall im Club oder auf dem Gelände angebrachte, klar sichtbare Schilder, die darauf hinweisen, dass du dich jederzeit an Türsteherinnen, Barkeeper & Co wenden kannst, wenn dir etwas auffällt oder dir selbst widerfährt, fördern eine bewusste Atmosphäre. Gleichzeitig schreckt sie auch mögliche Täter ab. Das Personal muss darüber hinaus für die unterschiedlichen Gefahren sensibilisiert und geschult werden. Klar, niemand kann jederzeit alle Getränke und Personen an einer Theke im Auge behalten, dennoch gilt es, möglichst wachsam zu bleiben.

Toiletten sollten öfters kontrolliert werden.

Die Klos sind ein nicht einsehbarer und zudem abschließbarer Raum, in dem sich Täter in Sicherheit wiegen. Oft ist es auch hier noch sehr laut, niemand bekommt etwas mit, zumindest nicht, wenn er teilnahmslos vorne am Eingang sitzt und Geld kassiert und Lollis verteilt. An Letzterem ist nichts verkehrt, dennoch hilft es, wenn zusätzlich Leute, wie beispielsweise im Berliner KitKat, dauerhaft oder zumindest in regelmäßigen Abständen kontrollieren, wer in welchem Zustand mit wem auf die Toilette geht und dort wie lange bleibt.

Was ist mit schärferen Kontrollen nach GHB/GBL an der Tür?

Man wird wohl nie verhindern können, dass diese Drogen oder andere KO-Tropfen in die Clubs gelangen, das funktioniert schon jetzt selbst in jenen Adressen nicht, die bereits sehr streng kontrollieren. Und die überwiegende Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer setzt sie ja auch lediglich für den eigenen Rausch ein. Dennoch könnte das Türpersonal eindringlicher auf das in den meisten Clubs ohnehin geltende Hausverbot der Droge hinweisen.

Generell ist allerdings auch wichtig, dass das Personal besser versteht, wie diese Tropfen wirken. Das zeigt der Fall von Paula* (27), der im letzten Monat in einem Berliner Club ein mutmaßlich mit GHB versetzter Drink angeboten wurde. Der Täter begrapschte sie später auf der Tanzfläche. Als er sie zu würgen begann, schritten Paula Freunde ein, nahmen sie zur Seite und brachten den Mann zu den Türstehern. Als diese sie fragen, was passiert sei, sagte Paula: „Gar nichts". Sie konnte sich schließlich an nichts erinnern, war vollkommen verwirrt und stand noch unter dem Einfluss der Substanz. Der Täter wurde ohne Identifizierung laufen gelassen.

Freunde sollten aufmerksam sein, können die Situation aber nicht immer erkennen.

Generell ist der beste Schutz, wenn man gegenseitig aufeinander aufpasst. Dazu rät auch der WEISSE RING, so Tobias Langenbach: „Wer sich unter vielen Menschen in der Gruppe bewegt, ist im Zweifel sicherer unterwegs. Denn Vertrauenspersonen können aufeinander aufpassen. Wichtig ist dann eine offene Kommunikation: Geht es dem anderen gut? Fühlt er sich wohl? Wird er bedrängt und braucht Hilfe? Personen, die aufeinander Acht geben, können brenzlige Situationen leichter zusammen erkennen und entschärfen."

Das war auch bei Paula der Fall, allerdings war es sowohl für sie als auch ihre Freunde schwer, die Wirkung der Tropfen zu erkennen: „Ich war ganz klar wesensverändert und das ist meiner Gruppe deutlich aufgefallen. Aber das Problem ist, dass man durch die Wirkung der Substanz vollkommen einverstanden mit der Situation wirkt. Du spürst kein Unbehagen. Alle Übergriffe scheinen in Ordnung, fühlen sich nicht übergriffig an ..." Deshalb ging auch zunächst niemand dazwischen, als der Täter sie angrapschte. „Danach allerdings, wenn du dich an nichts mehr erinnern kannst und dir deine Freund*innen erzählen müssen, was passiert ist, wenn dir klar wird, wie viel Grenzüberschreitungen du vermeintlich ,zugelassen' hast, fühlst du dich benutzt und beschämt."

Und dieses Danach kann sich oft ebenfalls so schmerzhaft wie die eigentliche Tat anfühlen.

Der Polizei, Krankenhäusern und Arztpraxen fehlen erschreckenderweise korrekte Informationen zu Vergewaltigungen mit KO-Tropfen.

Paula ging noch am selben Tag ins Krankenhaus und wandte sich zudem am nächsten Morgen an die Polizei. Jedoch: „Weder im Krankenhaus, noch bei der Polizei wusste man, wie lange GHB tatsächlich nachgewiesen werden kann." Ein anderer Arzt offenbarte ihr tags darauf ebenfalls, „dass auch er es nicht genau sagen könnte." Paula erlebte die Mitarbeiter von Krankenhaus und Polizei zwar nicht als unfreundlich oder unemphatisch, aber doch als inkompetent: „Immer wieder wird nur wiederholt, dass die Substanz sehr schnell vom Körper abgebaut und der Nachweis nur in Speziallaboren gemacht werden könne. Auf Faktenwissen bezog sich bei diesen Auskünften jedoch niemand." Dass die Proben für die Speziallabore aber nur im Krankenhaus entnommen werden können, wurde Paula erst zu spät gesagt. Tatsächlich ist GHB im Blut noch bis zu sechs Stunden und im Urin sogar elf Stunden nach dem (ungewollten) Konsum nachweisbar. In Paulas Fall hätte die Zeit ausgereicht, wäre sie gut informiert worden.

Auch ein verschärftes Sexualstrafrecht, so wie es nun demnächst in Kraft tritt, hätte ihr unter diesen Zuständen keinen Schutz geboten. Es ist also noch allerhand zu tun.

Eine(r) ist nie schuld: das Opfer!

So oder so: „Es gibt keinen absolut sicheren und hundertprozentigen Schutz vor Straftaten. Dies muss leider auch so deutlich gesagt werden", meint Tobias Langenbach. Wichtig ist aber, dass Opfer jede Form von Hilfe angeboten werden muss; durch die Polizei, durch den Freundeskreis, durch Stellen wie den WEISSEN RING. „Was hier zählt, ist die Perspektive des Opfers." Er oder sie entscheidet, welcher Schritte es bedarf. Und, auch das kann nicht oft genug betont werden:

„Opfer sind nie selbst mit schuld an dem, was ihnen an Gewalt widerfährt! Es ist der Täter, der ohne Rücksicht ins Leben der Opfer eingreift und es massiv beeinträchtigt. Er ist es, der dafür in der Verantwortung steht und zur Rechenschaft gezogen werden muss! Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke."

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Die Polizei erreichst du unter 110. Der WEISSE RING (weisser-ring.de, 116 006), das Krisen- und Beratungszentrum LARA (www.lara-berlin.de, 030 216 88 88) und das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (www.hilfetelefon.de, 08000 116 016) helfen dir und informieren dich jederzeit und anonym.

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