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„Wir sind die vollgesaugten Früchtchen aus deiner E-Bowle”

Das Herrengedeck Moderat ist zurück und klopft für sein neues Album auf Holz. Da kann ja nichts mehr schiefgehen.
10.3.16
Skeptische Früchtchen: Moderat mit Gernot Bronsert, Sascha Ring und Sebastian Szary (v.l.) | Fotos: Vincent Bittner

Moderat hier, Moderat da. Nach dem letzten Album II und der Single „Bad Kingdom" waren sie in aller Munde. Illustre Namen wie Marcel Dettmann und DJ Koze haben Remixe für sie angefertigt. Es gab eine lange Tour, nach der Sascha Ring, Sebastian Szary und Gernot Bronsert nur kurz Pause gemacht haben, um dann ihr neues Album III aufzunehmen. Das erscheint jetzt am 1. April. Entsprechend lustig war man beim Treffen in ihrem Monkeytown-Hauptquartier auflegt. Wir sprachen mit dem Trio über Sozialdemokraten, Holzpaletten, Boy-Bands, Socken und E-Bowle.

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Ok, dann fangen wir mal an…
Sascha: Ich kann mir heute nur ganz kurze Fragen merken. Wenn die länger als zwei Sätze sind, wird es schwierig. Aber, ich seh schon auf deinem Zettel, dass das gut aussieht.

Wir schauen mal. Die erste dürfte einfach sein: Moderat heißt ja „gemäßigt", da denkt man an die Sozialdemokratie. Seid ihr die Sozialdemokraten der elektronischen Musik?
Sascha: Du fängst dir gleich eine. (Alle lachen) Wer möchte denn bitte mit Sozialdemokraten assoziiert werden?
Gernot: Ich möchte eigentlich gar nicht mit Politik in Verbindung gebracht werden. Aus Protest können wir ja CSU sagen. CSU, Bayern? Freistaat? Hallo?
Sascha: Ehrlich gesagt … Da würde ich lieber mit Merkel assoziiert werden.

Bleiben wir bei der Prominenz. Wie habt ihr die Zeit nach dem letzten Album wahrgenommen? Es schien, als wärt ihr rapide bekannt geworden.
Sascha: Ich hatte immer den Eindruck, dass es ein stetiger, langsamer und organischer Wachstumsprozess war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir so einen Hit hatten und … (überlegt) Klar da war „Bad Kingdom", aber das war trotzdem nicht so sprunghaft, dass eine Situation entstanden ist, auf die wir uns auf einmal einstellen mussten. Wir machen das ja auch schon länger, es war für uns logisch.
Szary: Man hat aber schon gemerkt, dass die Leute extrem angestachelt waren, im Vergleich zu dem Album davor. Vom ersten Album bis zu II ist viel Zeit vergangen. Da hat sich ein ziemlich großer Fanblock gegründet. Und vielen von denen haben die einzelnen Komponenten von Moderat, Modeselektor und Apparat, erst später kennengelernt.

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Hat sich eure Herangehensweise an III durch den Erfolg des vorherigen Albums geändert?
Sascha: Mit „Bad Kingdom" ist ein Knoten geplatzt. Und dabei wäre der Song fast gar nicht zu Stande gekommen. Ich hatte die Grundidee dafür angefangen und hab das dann den anderen vorgespielt und gesagt: jetzt aber bitte nicht lachen. Normalerweise bin ich ein großer Kritiker anderer Menschen und auch gegenüber mir selbst, dass ich sowas wegschmeißen würde. Durch den Erfolg bremse ich mich nicht mehr so. Wir waren aber auch noch sehr im Flow von der vorherigen Platte und hatten nicht das Gefühl, damit abgeschlossen zu haben. Wir wollten da weitermachen. Die dritte Platte ist eigentlich das geworden, was die zweite sein sollte.

Sascha: Am interessantesten ist für mich aber Stille, also die Abwesenheit von Geräuschen.

Gibt es technische Neuheiten, die auf dem Album eingesetzt wurden?
Sascha: Ja, eine Euro-Palette, die wir in „Reminder" einsetzen.
Szary: Eine Einweg-Palette!
Sascha: Ja ok, es ist eine Einweg-Palette. Da haben wir Ärger von unseren Fans bekommen als wir das Foto von der Palette hochgeladen haben und sie fälschlicherweise als Euro-Palette bezeichnet haben. Jedenfalls machen wir das oft, dass wir irgendwo raufhauen und Mikros daneben stellen. Das sind die coolen Momente, in denen es so spielerisch wird.
Szary: Wir sind auch in ein Treppenhaus gegangen und haben auf den Etagen Mikrofone aufgestellt, um einen Hall zu haben. Oder eine wackelnde Heizung vor dem Studioraum, von der Basssequenz im Inneren. Am Ende haben wir es nicht genommen aber so gehen wir an unsere Produktionen ran.
Sascha: Davon haben wir aber dieses Mal recht viel gemacht und deshalb sind wahrscheinlich andere Rhythmen zu Stande gekommen. Bei „Animal Trains" und bei „Reminder" zum Beispiel ist alles analog geklöppelt. Auf Holz oder anderen Sachen. Am Ende haben wir es natürlich noch etwas bearbeitet aber dadurch kommt man zu einem anderen Ergebnis, als würde man das ganze nur am Rechner mit den Sequenzen machen.

Der Gesang steht dieses Mal im Vordergrund. Auf sieben von neun Tracks singt Sascha, das ist deutlich mehr als auf den vorherigen Alben. Wie kam es dazu?
Sascha: Das hängt mit dem bereits angesprochenen Lockermachen zusammen. Dass man nicht immer dem inneren Kritiker zuhört und Sachen ausschließt. Ich hab einfach viel mehr ausprobiert.
Gernot: Haben wir nicht erst gesagt, dass wir eine Platte ohne Gesang machen wollten?
Sascha: Wir haben immer so blöde Ideen und dann wird es das Gegenteil. Wir sind keine Konzeptmenschen. Ich hab halt die ganze Zeit Gesangskizzen gemacht und mich davon treiben lassen.

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David August hat mir mal erzählt, dass er sich Orte ansieht und sich die passende Filmmusik dazu überlegt. Wie ist das bei euch, woher zieht ihr die Inspiration?
Sascha: Bei uns funktioniert viel über Sound. Wir sind ja keine klassischen Musiker, die Notenabfolgen im Kopf haben. Wir haben einfach eine Klangidee und gehen durch die Welt mit offen Ohren und nehmen dann öfter auch Klänge aus dem Alltag mit dem Telefon auf. Wobei wir dann immer wieder genervt sind, wenn der Klang nicht dem entspricht, was man sich vorstellt. (Lacht) Eigentlich ist alles Inspiration. Am interessantesten ist für mich aber Stille, also die Abwesenheit von Geräuschen.

Gibt es denn jetzt nach dem ganzen Erfolg auch immer genug Socken auf eurer Tour? Das steht ja sogar in eurem Technical Rider.
Sascha: Wir haben schon überlegt, das runterzunehmen.
Gernot: Ja, ich bin auch mittlerweile gegen die Socken auf dem Rider.
Szary: Wir hatten aber genug Beispiele, wo wir sie noch gebraucht haben.
Gernot: Ehrlich gesagt, setzen sich meine kompletten Socken zu Hause nur noch aus den Socken vom Rider zusammen. Die Veranstalter wollen sich ja auch immer selbst übertreffen und besorgen dann immer ganz besonders lustige Socken. Deswegen hab ich eigentlich keine normalen Socken mehr. Heute hab ich zum Beispiel Socken aus Australien an, mit Kangaroos drauf. (Zeigt seine Socken)
Sascha: Wir sollten das runternehmen. Am Ende haben wir sonst tolle Socken aber die wichtigen Kabel fehlen.

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(Baulärm vor dem Gebäude von Monkeytown Records)

Gernot: Ich werf' da gleich mal eine Flasche runter.

Flaschen, da sind wir schon bei einem guten Thema. Ihr spritzt ja gerne auf der Bühne rum. Mit Champagner. Wenn euer neues Album ein Getränk wäre, was wäre es?
Szary: Gute Frage.
Gernot: Irgendwat Krasses. (Lacht) Was, das aus dem Replikator rauskommt. Kein Alkohol, eher ein Opiat.
Szary: Es soll ein Getränk sein.

Muss es nicht unbedingt sein.
Gernot: Dann reines Opium. Es gibt da kein Getränk…
Sascha: Eine E-Bowle!
Gernot: Ja, mit ein bisschen LSD drin. Nur ein bisschen. Für die gute Laune. Nicht, dass es schlimm ist. Das kannst du als Headline nehmen,

Danke, das dachte ich auch grad.
Sascha: Da muss man dann aber mit den Früchten aufpassen, die saugen sich voll.
Gernot: Vielleicht nur die vollgesaugten Früchte aus der E-Bowle.
Sascha: Stimmt, wir haben unsere Musik dieses Mal runterdestilliert, deshalb sind es auch nur neun Tracks. Also sind es nur die Früchte aus der E-Bowl in einem Glas.
Gernot: Aber schick angerichtet.

Gernot: Ich möchte wirklich keinen Apparat-Remix. Der macht so wenig Remixe und das spürt man dann auch, dass der widerwillig gemacht wurde.

Verstehe. Ich hab dann noch eine Frage in eine andere Richtung. Ihr seid drei Typen in einer Band. Seid ihr sowas wie eine moderne Boyband?
Sascha: Wir wurden früher schon Laptop-Boyband genannt, aus Spaß.
Gernot: Jetzt sind wir nur noch eine Herrenrunde.
Szary: Ein Herrengedeck.

Es gibt in Boybands ja normalerweise immer verschiedene Typen…
Gernot: Kann ich dir genau sagen: Ich bin der Bad Street Boy, so der Urban Typ. Sascha ist der Frauenfreak. Szary ist der Geheimnisvolle. Oder nicht geheimnisvoll. Er ist ein besonderer Mensch. (alle Lachen) Er war auch schon ein besonders Kind.
Er war schon immer besonders.

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Aber das ist ja nicht schlimm.
Gernot: Nein überhaupt nicht. Wir helfen ihm ja, wo wir können. (alle lachen)
Szary: Auf dem Schulhof war es der Horror.
Gernot: Ich frag mich immer, was aus diesen Bands geworden ist. New Kids On the Block. Wie hießen die alle noch? Marc Walberg war auch dabei, oder? Der war ja auch Rapper. Und AJ.

Der war bei den Backstreet Boys.
Gernot: Stimmt, ich vermisch die immer. East 17 gab es auch noch.
Sascha: Die waren aber immer die coolere Boyband. Das ist schon richtig Vintage:

N'Sync gab es auch noch. Aber da kennt man eigentlich nur noch Justin Timberlake.
Gernot: Der war da? Stimmt! Caught in the Act darf man auch nicht vergessen.

Kotz in die Ecke haben wir die in der Schule immer genannt.
(alle lachen)
Gernot: Mir ist erst nach Jahren klar geworden, dass caught in the act „beim Ficken erwischt" bedeutet. Mehr nicht.
Sascha: Das ist mir noch nie klar geworden, darüber hab ich nich nie nachgedacht. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
Gernot: Ich denke sehr viel über Boy Bands nach.
Szary: Hast du noch ein paar lustige Fragen?

Ansonsten hab ich nur noch mehr Standardfragen. Von wem würdet ihr euch gerne mal remixen lassen zum Beispiel.
Szary: Ohhhh….
Sascha: Szary und Gernot würden sich gerne von Apparat remixen lassen aber Apparat macht keine Remixe mehr.
Gernot: Echt? Wollen wir uns von Apparat remixen lassen? Ich weiß ja nicht … Aber wir haben ihn schon geremixt. Der schuldet uns noch was, ha!

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Von wem würdet ihr euch nie remixen lassen wollen?
Gernot: Ich möchte wirklich keinen Apparat-Remix. Ich mag seine Musik. Aber der macht so wenig Remixe und das spürt man dann auch, dass der widerwillig gemacht wurde.
Sascha: Ich will keine Namen nennen, aber viele machen es sich einfach bei Remixen und nehmen einfach ein paar Samples hinzu und tauschen die Drums aus und das war es dann.
Gernot: Ich würde eigentlich doch gerne einen Apparat-Remix haben.

Welche Frage könnt ihr mittlerweile gar nicht mehr hören?
Szary: Wie würdet ihr euren Stil beschreiben? Wenn das als erste Frage kommt vor allem …
Gernot: Ich würde mal gerne gefragt werden: Warum? Einfach nur „Warum?"
Sascha: Das ist das eine elementare Frage.

Von meiner Seite war es das. Wollt ihr mich noch was fragen?
Sascha: Ja. Willst du einen Ferrero Rocher mit Kräuterquark? (zeigt auf den Tisch)

Ist das eure Spezialität?
Sascha. Wir haben auch eine abgefahrene Mini-Banane aus Thailand. Falls du Bock darauf hast.

Ich lehne dankend ab.