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In Israel boomt der elektronische Underground

Krieg hier, Partys dort. Der israelische DJ Partok erklärt uns, wie die Kraft der Musik die dortige Szene vor der Resignation schützt.
26.11.14

Foto: Gilad Mazal Shabani Shoofan

Auch wenn die Eindrücke über die elektronische Musikszene der Vereinigten Arabischen Emirate noch ein wenig nachhallen, setzen wir uns für „Interviews of The World" mal wieder in den imaginären Flieger. Und schlappe 2000 Kilometer später finden wir uns auch schon in Israel wieder; einem Land, zu dem wir Deutschen natürlich eine besondere Geschichte haben. Aber die Schuld- und Bußdebatten sollen an dieser Stelle nicht aufgerührt werden. Denn spannender als der Blick in die Vergangenheit ist für uns das Hier und Jetzt. Gerade in der zweitgrößten Stadt Tel Aviv hat sich in den vergangenen Jahren eine prosperierende Szene entwickelt, die auch in der internationalen Wahrnehmung stetig an Bedeutung, aber auch Brisanz zunimmt.

Seit 14 Jahren lebt Avihay Partok in Tel Aviv. Der Vinyl-Liebhaber steht heute nicht nur in mehreren Underground-Clubs der Stadt hinter den Decks, sondern ist selbst Resident von The Block – dem wohl bedeutendsten Club des Landes, der mit einem extra gebauten Soundsystem jedes Wochenende die großen DJs anzieht. Partok kuratiert seine eigenen Club-Nächte, war in den letzten zehn Jahren wichtiger Bestandteil der Gay-Party PAG und bringt an einem Musik-College jungen Talenten das DJing bei. Ach ja, und er liebt Käse. Uns interessierte aber vor allem, was die Szene in Tel Aviv gerade so einzigartig macht. Und wie gehen die Einheimischen eigentlich mit der Kriegssituation um?

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THUMP: Da wir das Thema beim letzten Interview über die Szene der Vereinigten Arabischen Emirate ebenfalls hatten, will ich gleich damit beginnen: Tel Aviv ist als teure Stadt bekannt. Treten dadurch Probleme für die Musikszene auf? Können es sich die Leute zum Beispiel leisten, Platten zu kaufen?
Avihay: Tel Aviv ist in der Tat eine teure Stadt. Und das hat natürlich einen Einfluss auf die Nightlife-Szene und zwingt die Underground-Promoter und Venues dazu, an die Events mit Bedacht und Kreativität heranzugehen. Auf der anderen Seite lieben die Menschen dieser Stadt ihre Partys und die Szene floriert dank der großen Gruppe an Leuten, die es bevorzugen nach anderen Dingen zu gucken, wenn sie ausgehen. Bis vor einem Jahr hatten wir keinen richtigen Plattenladen, bis dann schließlich „Orbach Salon" aufmachte und die leisten wirklich tolle Arbeit. Bevor es sie gab, habe ich meine Platten mehrere Jahre im Internet oder im Ausland gekauft.

Tel Aviv wirkt auf mich wie eine Art einsame Insel in Israel. Korrigiere mich, aber Tel Aviv ist doch so ziemlich die einzige Stadt, wo Homosexuelle toleriert werden, nicht wahr? Würdest du vielleicht sogar so weit gehen und sagen, die elektronische Szene ist gar vorwiegend schwul?
Du liegst richtig, Tel Aviv ist in vielerlei Hinsicht eine Bubble in Israel und der Haupt-Standort für die meiste Kultur. Ich würde nicht sagen, dass Tel Aviv die einzige Stadt ist, wo Homosexuelle in Israel toleriert werden, aber im Vergleich zu den anderen Städten ist sie wirklich sehr, sehr schwul. Aber die Szene ist nicht überwiegend schwul, wir haben von allem etwas.

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In Europa sind Techno und House anerkannter Teil der gesamten Musikkultur. Wie würdest du den Status Quo in Israel oder Tel Aviv beschreiben?
Der gegenwärtige Zustand der elektronischen Szene in Israel kommt der amerikanischen sehr nahe—die meisten Kids wachsen mit EDM und Pop-orientierter Elektronik auf. Und ja, die Trance-Szene ist immer noch ziemlich groß hier. Tel Aviv aber gleicht eher der europäischen Szene mit einem Schwerpunkt auf House & Techno, und der verbreiteten Gewohnheit zu Underground-Partys zu gehen, selbst wenn dort die Art von Musik läuft, die man nicht zu Hause hört.

Wie geht die Regierung eigentlich mit dem Thema Drogen um? Welche Rolle spielen sie in den Clubs und in der Szene im Allgemeinen?
Alle Arten von Drogen sind in Israel verboten. Sie waren aber immer ein Teil der Clubkultur hier, aber ich würde nicht sagen, die Szene hängt von ihnen ab. Es gibt nicht gerade wenige Leute, die sich lediglich von der Musik treiben lassen.

Gib uns doch mal bitte einen Einblick über die Club-Situation in Tel Aviv! Bist du glücklich mit dem Portfolio, vermisst du vielleicht etwas Bestimmtes und gibt es Underground-Tendenzen in anderen Städten wie Jerusalem oder Haifa?
In Tel Aviv florieren die Dinge gerade, es gibt es leidenschaftliche und elaborierte Crowds und viele talentierte DJs und Producer. Clubmäßig haben wir tolle Venues und ich glaube in den letzten Jahren hat die Stadt mehr internationale Gäste auf den Partys gehabt, als jemals zuvor. Jerusalem ist immer noch eine sehr kleine Szene, die früher mal stark Techno-interessiert war – eine der Residents von The Block, Anna von der Pacotek-Crew, war ein großer Teil der dortigen Szene. Andere Städte in Israel haben nicht wirklich irgendwelche Underground-Tendenzen und wenn doch, dann verheimlichen sie das ziemlich gut.

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The Block und The Squat sind beide im selben Gebäude, nicht wahr? Für mich scheint es so, als könne man das mit dem Berghain und der Panorama Bar vergleichen. Wenn nicht, wo liegen die größten Unterschiede?
The Block und The Squat sind die beiden großen Floors von The Block—es gibt auch noch einen kleineren: The Lounge. Sie alle haben einen anderen Charakter und unterscheiden sich auch im Sound-Design. The Block ist eher der warme, wohlige Big Room mit einem atemberaubenden 3D-Sound, der dich umwickelt und in Sachen DJ-Crowd-Kommunikation viel direkter ist. The Squat ist mehr der dreckig-dunkle Warehouse-ähnliche Floor mit pochendem Bass und zupackenden Kicks, wo du dich verlieren kannst. In letzter Zeit ist das mein Lieblingsraum geworden. Manchmal gibt es Techno auf dem einen Floor und Disco auf dem anderen, oder andersherum. Wir probieren viel und spielen gerne damit, deswegen würde ich das nicht mit dem Berghain oder der Panorama Bar vergleichen.

Ich habe mich trotzdem gefragt, ob Berlin nicht eine Art Vorbild oder Muster für Tel Aviv ist. Erst kürzlich habe ich Party-Flyer gesehen, die mich stark an die Fyler vom Berghain erinnert haben.
Berlin war in den letzten Jahren ein kultureller Magnet für Menschen aus der ganzen Welt und für vielerlei Aspekte, darunter natürlich auch die Clubkultur, Underground Dance Music und die Ästhetik im Allgemeinen. Tel Aviv will gar nicht Berlin sein. Es ist eine Stadt mit vielen Charakteren und einer Einzigartigkeit, und für sein junges Alter hat sie viele Veränderungen in- und außerhalb der Nightlife-Szene durchgemacht. Auf der einen Seite spielt Berlin definitiv eine große Rolle in der jüngeren Evolution und die Verbindung zwischen den beiden Städten fühlt sich tatsächlich tiefergehender an. Es ist ein faszinierendes Phänomen durch die gemeinsame Geschichte, die einige vielleicht als Grund für die inoffizielle Verbindung zwischen den jüngeren Generationen betrachten – aber aus welchem Grund auch immer, die Beziehung ist definitiv lebendiger als jemals zuvor.

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Vor Kurzem fragte mich ein Freund, wie ihr solch eine vitale und florierende Szene aufbauen konntet, während im Land eigentlich Krieg herrscht. Was würdest du ihm antworten?
Ich würde deinem Freund sagen, dass er uns besuchen sollte. Ich lade ihn dann auf ein Bier ein, denn das wäre wirklich ein sehr langes Gespräch. Wenn du in einer bestimmten Realität lebst, dann erfährst du auch ihre Komplexität. Ich vermute, der Impuls zu leben, existiert selbst in den dunkelsten Plätzen und Zeiten der gewalttätigen Menschheitsgeschichte. Ein Teil dieser Leidenschaft für das Leben ist für das Erschaffen von Kunst und Musik da, genauso wie ihr Konsum. Ich kann nicht die Stimme eines jeden Clubbers in Israel sein, aber ich kann sagen, dass die Clubszene, die mich umgibt, von Menschen und Künstlern kompromittiert wird, die gegen die aktuellen Entwicklungen in Israel sind. Einige sind auch politische und/oder soziale Aktivisten. Keine Clubszene zu haben oder den Kunst-Konsum einzustellen wird keine Lösung der politischen Situation sein. Ganz im Gegenteil. Als letzten Sommer die Dinge eskalierten, war die Musik und die Party-Community ehrlich gesagt unser Weg dieses Land nicht aufzugeben. Es ist immer noch ein ziemliches junges Land mit endlosen Konflikten.

Zum Schluss würde ich auch von dir gerne erfahren, welcher Track dich seit Jahren bei den Gigs begleitet?

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