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Popkultur

Was ist eigentlich von den Jamba-Klingeltönen übrig geblieben?

Die Firma wurde zwar verkauft, aber es gibt neue Stars im Jamba-Universum, die genauso nervig sind wie der Crazy Frog.

von Fabian Herriger
15 Dezember 2016, 1:51pm

Crazy Frog, Hase Schnuffel, Sweetie und das tanzende lila Nilpferd—Jamba-Klingeltöne sind Relikte aus einer Zeit, in der wir Strasssteine auf unser Nokia-Handy klebten und uns mittags von Oliver Geissens Talkshow-Gästen die Welt erklären ließen.

Mitte der 2000er hielt ich, damals noch Schüler, mein erstes Handy in der Hand. Auf meinem Motorola V550, das definitiv der heiße Scheiß war, spielte ich meinen Kumpels auf dem Schulhof neue Klingeltöne vor—so wie meinen Lieblingston, den kleinen Nils, der bei Anruf verkündete: "Oh Mann ey, das stinkt in deiner Hose. Du hast grad gepupst. Bitte hol mich raus!". Grandios.

Auch wenn ich persönlich nie eine SMS mit "Jamba vier" an "fünfmal die Drei" geschickt habe, waren die Jamba-Klingeltöne doch überall—auf Handys, im Fernsehen, in Gesprächen. Denn der Klingelton war damals, was die Handyhülle heute ist: ein Ausdruck der Persönlichkeit und die einzige Möglichkeit, sich von den anderen zu unterscheiden.

Heutzutage vibriert mein Smartphone still und heimlich, wie Milliarden andere auch. Ich zucke zusammen, wenn bei House of Cards ein Handy vibriert, weil ich denke, es ist meins. Und wenn doch mal der vorinstallierte Marimba-Standardton eines iPhones in der U-Bahn erklingt, verdrehen die Mitmenschen direkt die Augen—Klingeltöne sind Lärmbelästigung. Das war mal anders.

Der Aufstieg der Klingeltöne

Die Firmengeschichte von Jamba erzählt von Aufstieg und Fall, von Gewinnern und Verlierern. Zu den Gewinnern gehören eindeutig die drei Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander. Vor der Gründung von Jamba hatten die drei schon mit Alando ein Vermögen gemacht. 1999 kopierten sie die Idee von eBay und brachten Alando als deutsches Internetauktionshaus ins Rennen. Nur zwei Monate nach der Gründung kaufte eBay das Unternehmen für 43 Millionen Dollar.

Im Jahr 2000, als DJ Ötzi die Charts mit "Hey Baby" stürmte, gründeten die Samwer-Brüder, die heute mit Rocket Internet und Zalando an der Börse sind, ihren nächsten großen Coup: Jamba.

Das war die Zeit, als Handys noch monoton piepsten. Jamba bot Klingeltöne und Handyspiele an und hatte nur neun Monate nach der Gründung schon eine Million registrierte Nutzer. Irgendwann konnten Handys dann polyphone Töne spielen und hoben so den Vorhang für Sweetie, den Crazy Frog und Co. Jamba wurde schnell zum Marktführer der "Klingeltonanbieter"—und überschwemmte das Fernsehen mit unvergesslicher Werbung.

Das Küken Sweety lief in Jambas besten Jahren bis zu 150 Mal am Tag auf MTV und machte bis zu 40 Prozent von dessen Werbeeinnahmen aus. Und es war immer wieder dieselbe Leier: ein komisches, animiertes Tier, das entweder mit ätzender Stimme ein "süßes" Lied trällerte oder zu trashigen Beats tanzte—und das solange und so oft, bis es sich in die Köpfe der Minderjährigen eingebrannt hatte.

Die Samwer-Brüder verkauften ihre Klingeltöne damals "nur für kurze Zeit im Monatsabo". Dadurch schlossen etliche Minderjährige die 5-Euro-Sparabos per SMS ab, oft ahnungslos, und wunderten sich später, dass ihre Prepaid-Karten schon wieder leer waren.

Der Fall der Klingeltöne

Die Brüder stiegen wieder zur richtigen Zeit aus. Ein amerikanisches Unternehmen zahlte ihnen 2004 stolze 223 Millionen Euro. Jamba sollte noch ein paar Mal den Besitzer wechseln—und hat sogar bis heute überlebt. Es gehört zu Freenet. Die Firma wollte sich VICE gegenüber aber nicht zum Geschäft äußern.

Jamba scheint sich keine Mühe zu geben, up to date zu sein. Neben Apps und Spielen setzt man vor allem auf die alten Kracher: Im Abo gibt es den Klingelton "I Like To Muh Muh" des neuen Szene-Stars, der Kuh "La Vaca Loca", oder "Funvideos" wie "Der weltdümmste Surfer", was in Zeiten von YouTube völlig überflüssig wirkt. Am besten finde ich aber die SMS-Dienste wie den "Baby Name Generator", der unentschlossenen Eltern einen Namen für ihr Kind vorschlägt.

Das Geschäft mit den Klingeltönen läuft aber nicht mehr. 2005 fragte sich der Spiegel: "Dürfen Handy-Hasser darauf hoffen, dass auf die Kakophonie-Welle schon bald eine Mode der absoluten Stille folgt?" Die Antwort wäre "ja" gewesen. Die Deutschen gaben 2004 noch 183 Millionen Euro für Klingeltöne aus. Dann wurde es immer weniger: 2007 nur 52 Millionen, 2010 sogar nur noch 19 Millionen.

Das haben wir unter anderem auch dem iPhone zu verdanken. Als es 2007 auf den Markt kam, stürzte es nicht nur Nokia, sondern auch die Klingeltonanbieter. Für Apples schlichtes Design war der Crazy Frog schlicht zu crazy. Auf dem iPhone konnte man sich neue Klingeltöne nur über iTunes kaufen oder selbst mit dem Ringtone-Maker gestalten.

Aber hey, Jamba gibt es trotzdem noch! Nostalgiker können sich sogar ein Sparabo gönnen. Das "Jamba TopTon Abo" kostet 4,99 Euro pro Woche (!) und bietet dir zwei Klingeltöne und drei "Funvideos" zum Download an. Zwar ist die Frage, wer sich wirklich noch Klingeltöne kauft, aber offensichtlich ist Jamba nicht totzukriegen.

Vielleicht folgt ja auf die Mode der absoluten Stille wieder Jamba? Tatsächlich klicken die Menschen seit Anfang 2016 plötzlich wieder wie verrückt auf das YouTube-Video des Crazy Frogs. An manchen Tagen schauen sich laut YouTube-Zugifffsstatistiken mehr als 1,2Millionen Menschenden blauen Frosch mit den schlechten Zähnen und dem kleinen Schniepel an, insgesamt hat das Video über 290 Millionen Views. Na dann, let's do the Crazy Frog!

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Thumbnail-Foto aus dem YouTube-Video Crazy Frog - Axel F von CrazyFrogVEVO

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