​Migmars Kampf gegen die chinesische Besetzung Tibets
Fotos bereitgestellt vom Verein Tibeter Jugend in Europa
News

​Migmars Kampf gegen die chinesische Besetzung Tibets

Die Schweiz-Tibeterin Migmar Dhakyel organisiert von Wädenswil aus den europäischen Widerstand – und setzt sich so für das Schicksal des Heimatlands ihrer Grosseltern ein.
15.12.16

Die Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft führt in Partnerschaft mit VICE die Snapchat-Kampagne "Don't Let Tibet Disappear" durch. Um Teil der Kampagne zu sein, folge viceswitzerland bei Snapchat.

2008 war ein Schlüsseljahr im Leben von Migmar Dhakyel. Als die damals 17-jährige Schülerin über soziale Medien mitbekommt, wie tibetische Proteste gegen die Olympischen Spiele in China von den Einsatzkräften brutal niedergeschlagen werden, beschliesst Dhakyel, für das Heimatland ihrer Grosseltern aktiv zu werden. Sie fängt an, ihre nach der Einschulung verlernte Muttersprache neu zu erlernen und sich im Tibeter Jugendverein Schweiz zu engagieren. Sie leistet Gemeinschaftsarbeit, organisiert Diskussionspanels sowie medienwirksame Protestaktionen, etwa am chinesischen Mondfest in Basel oder vor der chinesischen Botschaft in Bern. Kurze Zeit später sitzt sie im Vorstand des Vereins.

Anzeige

Dhakyels Kredo ist simpel, aber radikal: "Chinas Existenz ist kein Naturgesetz—der Staat wurde von Menschen gemacht, also kann er auch von Menschen zerstört werden." Die junge Frau spricht in einem ruhigen, behutsamen Ton, aber ihre Wortwahl deutet auf eine hartnäckige Entschlossenheit hin.

Hartnäckig und entschlossen: Migmar Dhakyel | Foto: Philippe Stalder

Dialektische Rolle der Schweiz

Seitdem die Volksrepublik China unter Mao Zedong Tibet 1949 annektierte, sah sich die Bevölkerung unter dem Dach der Welt mit einer systematischen Kolonialisierung und Ausbeutung durch das kommunistische Regime konfrontiert. Die Flucht des Dalai Lamas ins indische Exil löste 1959 die erste grosse tibetische Auswanderungswelle aus. Die Schweiz spielte damals für die Exiltibeter eine zentrale Rolle, da sie mit dem Roten Kreuz als erstes europäisches Land tibetische Flüchtlinge aufnahm. Zudem adoptierten reiche Industrielle um den Atel-Manager Charles Aeschimann in den 60er-Jahren in direkter Absprache mit dem Dalai Lama rund 200 tibetische Kinder. Der Dalai Lama erhoffte sich dadurch, die künftige Elite seines Landes in der Schweiz auszubilden. Von den von Schweizern verniedlichend "Tibeterli" genannten Kindern ist allerdings keines zurückgekehrt.

Unmut gegenüber der Schweizer Regierung: Exiltibeter protestieren in Bern gegen den Bundesrat, da dieser den Dalai Lama bei seinem Schweiz Besuch nicht offiziell empfangen wollte. Fotos bereitgestellt vom Verein Tibeter Jugend in Europa

China spielte in der globalen Wirtschaft Anfang der 60er-Jahre noch eine untergeordnete Rolle und so konnte es sich der Westen leisten, mit der Aufnahme von tibetischen Flüchtlingen die humanitäre Karte gegen den kommunistischen Osten auszuspielen. "Leider hat sich die Haltung der Schweiz gegenüber China seither stark verändert", bedauert Dhakyel mit Blick auf das Freihandelsabkommen, das die Schweiz als erstes kontinentaleuropäisches Land mit China 2014 abgeschlossen hat. Im über 1000-seitigen Vertragswerk kommt das Wort Menschenrechte nicht ein einziges Mal vor. Zu gross ist das Gewicht Chinas in der globalen Wirtschaft mittlerweile geworden, als dass es sich die Schweizer Regierung noch herausnehmen könnte, China für die Verletzung von Menschenrechten zu kritisieren, oder es innerhalb eines Handelsabkommens gar an deren Einhaltung zu binden.

Eine geistige Heimat für Exiltibeter

Dabei hatte Dhakyel mit ihren Freunden noch vor der Unterzeichnung gegen das Abkommen demonstriert. Doch Dhakyel lässt sich von solchen Enttäuschungen nicht entmutigen. Auch wenn es momentan aussichtslos scheint, die Lage in Tibet von der Schweiz aus direkt zu verbessern, hält sie an ihrem Vorhaben fest: "Ich bin Realistin. Mir ist bewusst, dass China heute so stark ist wie noch nie und Tibet dem Westen nicht mehr so wichtig ist wie früher. Aber wer weiss, wie die Lage in fünf Jahren ausschaut. Doch was heute möglich ist, muss auch heute schon gemacht werden. Wenn wir nicht einmal das Mögliche tun, haben wir verloren."

Und so organisierte Dhakyel im Rahmen ihrer Tätigkeit für den Tibeter Jugendverein zahlreiche Treffen, Diskussionsrunden und Demonstrationen. Für junge Tibeter, von jungen Tibetern. "Die Gemeinschaftsarbeit ist unerlässlich, sie schafft eine geistige Heimat für alle Exiltibeter", erklärt Dhakyel. Die Tibetische Gemeinschaft bestehe in der Schweiz aus rund 5.000 Exiltibetern plus rund 1.000 Sans Papiers, schätzt Dhakyel. Zudem sei sie sehr durchmischt. Einige von ihnen könnten noch nicht einmal eine Schweizer Landessprache, andere hätten vielleicht nur eine Grossmutter tibetischer Abstammung. Doch die Treffen bieten allen ein Ventil, durch das man seinen Gefühlen Ausdruck verleihen könne.

Geistige Heimat: Das europäische tibetische Jugendparlament

Für Dhakyel ist es jedoch wichtig, dass aus den Gefühlen Mobilisierung entsteht. "Trauer ist ja schön und gut, aber schlussendlich kommt es darauf an, dass man den Widerstand nicht nur diskutiert, sondern auch umsetzt", so die junge Aktivistin. Erst komme der Austausch und dann die Aktionen. Und schlussendlich zählten auch die kleinen Schritte. "Wenn wir einen Nationalrat dazu bewegen können, sich gegen das Freihandelsabkommen auszusprechen, ist das für uns bereits ein Triumph."

Zudem vernetzt sich die tibetische Gemeinschaft über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus. 2010 wurde das europäische tibetische Jugendparlament gegründet. Neben identitätsstiftenden Diskussionen probt hier die tibetische Exiljugend in Workshops auch den Widerstand, etwa im Sitzblockadentraining, oder bei Demonstrationsübungen.

Moralische Kriegsführung

Seit vier Jahren studiert Dhakyel internationale Beziehungen in Genf. Ein Steinwurf von ihrer Uni entfernt liegt der europäische Hauptsitz der UNO. Seit 2012 leistet sie dort zusammen mit anderen NGOs intensive Lobbyarbeit für die Sache der Tibeter und ist sich sicher, damit einen sensiblen Nerv Chinas zu treffen. "China war früher eher isolationistisch. Heute ist es jedoch sehr darum bemüht, sich auf der internationalen Bühne in Szene zu setzen—es geht China mittlerweile auch um Prestige", analysiert Dhakyel. Jede Kritik der UNO an China sei deshalb eine moralische Attacke.

Und genau dort setzt Dhakyel mit ihrer Lobbyarbeit den Hebel an. Etwa im Universal Periodic Review (UPR), einem UN-Mechanismus, in dem jeder Mitgliedsstaat alle vier bis fünf Jahre bezüglich unterschiedlicher Kriterien—unter anderem auch der Einhaltung von Menschenrechten—von 40 anderen Ländern bewertet und kritisiert wird. Als sich China 2013 der UPR-Auswertung stellen musste, ist es Dhakyel gelungen, die Kritikpunkte zu beeinflussen, indem sie zusammen mit ihren Kollegen die zuständigen Diplomaten zur Situation in Tibet aufgeklärt und sensibilisiert hatte. Schlussendlich erwähnten zehn Länder konkret Tibet im Zusammenhang mit den Menschenrechtsverletzungen Chinas, was für die globale tibetische Bewegung ein grosser Erfolg war.

Chinas Prestige im Visier: Dhakyel (rechts) leistet mit zwei Kollegen Lobbyarbeit an der UNO. Golog Jigme (in der Mitte) wurde verhaftet und gefoltert—aufgrund seiner Mitarbeit an einem Dokumentarfilm.

Doch während in der UNO von einigen chinesischen Diplomaten Lippenbekenntnisse abgelegt werden, schreitet die chinesische Kolonialpolitik in Tibet stetig voran. Als Dhakyels Eltern in den 80er-Jahren als Fabrikarbeiter in die Schweiz kamen, setzte China unter Deng Xiaoping in Tibet noch auf die Open Door Policy. Diese hatte neben der Anziehung ausländischer Investitionen zum Ziel, die Schäden der nach Tibet exportierten Kulturrevolution zu beheben, indem die tibetische Kultur und Sprache von den Chinesen wieder zugelassen und zerstörte Klöster restauriert wurden. Wie Dhakyel betont, hätten die Restaurationsarbeiten jedoch nur an der Fassade stattgefunden, während unter der Oberfläche alles "verrottet" geblieben sei. Doch immerhin hatten die Tibeter einige Freiheiten.

Doch seit 1987 in Lhasa neue Unabhängigkeitsaufstände aufkeimten, China das Kriegsrecht einführte und tausende Tibeter verhaftet wurden oder in der Unauffindbarkeit verschwanden, hat sich die Situation markant verschlechtert. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung waren die Selbstverbrennungen von buddhistischen Mönchen, die nach der Niederschlagung der Proteste gegen die Olympiade 2008 für eine Weile fast schon zur Tagesordnung gehörten. Seit Februar 2009 haben gemäss Amnesty International 143 Menschen auf tibetischem Gebiet diese tödliche Protestform gewählt, allein im vergangenen Jahr 5.

Fremd im eigenen Land

Heute stellt vor allem die stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit ein grosses Problem für die Tibeter dar. Die Region ist übersät mit Checkpoints, für deren Überquerung eine Unmenge an Formularen nötig ist. Eine Ausreise nach Indien oder Nepal ist für die meisten Tibeter unmöglich geworden. "Das Reception Center für tibetische Flüchtlinge in Dharamsala war praktisch leer, als ich es 2014 besucht hatte", erinnert sich Dhakyel.

Unterdessen breitet sich der chinesische Staat in Tibet immer weiter aus, er hat die Tibeter in ihrem eigenen Land entfremdet. Behörden, Formulare, Schulen, Arbeit—die chinesische Sprache durchdringt praktisch alle öffentlichen Lebensbereiche der Tibeter. Dadurch hätten die Tibeter schlechtere Bildungschancen, sie würden in ihrem eigenen Land marginalisiert, konstatiert Dhakyel.

No More Bloody Games: Der Verein Tibeter Jugend in Europa protestiert gegen die Kandidatur Pekings für die Olympischen Winterspiele 2022 vor einem Hotel in Lausanne.

Doch der Zwang zur Assimilation wirke kontraproduktiv. "Je mehr die Leute unterdrückt werden, umso mehr berufen sie sich auf ihre ursprüngliche Identität", hält Dhakyel fest. Zudem macht die Technologisierung auch vor dem tibetischen Hinterland nicht Halt. Selbst Nomaden, die weder lesen noch schreiben können, wissen mittlerweile, wie man per WeChat eine Voice-Mail verschicken kann. Durch die vereinfachte Vernetzbarkeit entsteht in Tibet momentan eine neue Kultur des Widerstandes, in Form von Grassroots-Projekten. Zum Beispiel vereinbaren die Leute, nur noch Tibetisch miteinander zu sprechen. Jedes Mal, wenn jemand ein chinesisches Wort sagt, muss er eine kleine Busse in einen Pot zahlen, mit dem anschliessend Tibetisch-Wörterbücher gekauft und verteilt werden.

Kritik an der eigenen Bewegung

Doch die neuen Chancen täuschen Dhakyel nicht über die Herausforderungen der Bewegung hinweg. Eines der Hauptprobleme sieht Dhakyel in der Auffassung der Gallionsfigur der Tibeter selbst: dem Dalai Lama. Der aktuelle Dalai Lama XIV hat der Bewegung viel geholfen, indem er sie der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht hat und weltweit zu einer Symbolfigur für den friedlichen Widerstand geworden ist.

Doch der Dalai Lama als historische Institution, stand lange Zeit auch für ein politisches und religiöses Herrschaftssystem, das in Tibet während Jahrhunderten feudal über die lokale Bevölkerung regiert hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte zwar eine soziale und politische Modernisierung ein, diese wurde jedoch von der chinesischen Besetzung unterbrochen. "Der aktuelle Dalai Lama XIV hat aus dem Exil heraus versucht, die tibetische Gesellschaft zu demokratisieren, was ihm jedoch nicht gelang", bedauert Dhakyel.

Gallionsfigur der Tibeter: Der Dalai Lama XIV bei einem Besuch in Genf

Denn ein gesellschaftspolitischer Wandel könne nicht von aussen herbeigeführt werden. So sind der Hörigkeitsglaube und antidemokratische Dynamiken auch heute noch ein Problem in der tibetischen Widerstandsbewegung. "Wenn Loyalität das oberste Gebot ist und du nur nach oben schaust, dann mangelt es dir an kritischem Denken, dann wirst du regressiv."

In dieser Denkblockade sieht Dhakyel den Grund, weshalb die Widerstandsbewegung ineffizienter ist, als sie sein könnte. "Wir brauchen nicht nur Leute, die vor der Botschaft 'Free Tibet' schreien, sondern auch Leute, die mitdenken. Dieses Defizit kommt auch von der abergläubischen Mentalität der Tibeter selber."

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Nichtsdestotrotz bleibt Dhakyel optimistisch. China werde nicht 100 Jahre in dieser Form weiterexistieren können. Es gebe immer viele kleine Faktoren, die in ihrer Gesamtheit dazu führen könnten, dass ein Imperium früher oder später zusammenbricht. Dhakyel konzentriert sich auf den einen Faktor, den sie beeinflussen kann: "Wir schwächen permanent den chinesischen Staat. Es kostet China viel, das Militär in Tibet stationiert zu haben und auch der diplomatische Reputationsschaden kommt dem Imperium langfristig teuer zu stehen." Den Rest werde die Zeit regeln.

Dhakyel ist sich auf jeden Fall sicher, dass sie die Unabhängigkeit Tibets noch erleben wird. Dann könnte sie vielleicht endlich einmal in das Heimatland ihrer Grosseltern reisen—ein Wunsch, der Dhakyel aufgrund der restriktiven Visabestimmungen der chinesischen Botschaft gegenüber Exiltibetern bis heute verwehrt geblieben ist.

Philippe auf Twitter.
VICE Schweiz auf Facebook und Twitter.