Interview

Wir haben einen Synästhetiker gefragt, wie ein paar Songs schmecken

James Wannerton ist einer der wenigen Menschen, dessen Gehör- und Geschmackssinn miteinander verbunden sind. Also haben wir ihm Slipknot, Johnny Cash und Smash Mouth vorgespielt.

von Daisy Jones
13 Februar 2017, 4:49pm

Seit ich denken kann, sehe ich Worte in Farben. Diese Farben sind konstant und unveränderlich und eine gleichermaßen intrinsische Eigenschaft des Worts wie das Arrangement der Buchstaben. Das Wort "Kumpel" ist zum Beispiel neongrün. Das Wort "Mist" ist immer hellblau. Das Wort "annehmbar" ist rot wie ein Feuerwehrauto und so weiter.

Ich hatte keine Ahnung davon, dass nicht jeder Sprache so wahrnimmt, bis ich beiläufig mal zu einer Freundin sagte: "Mittwoch ist so dermaßen gelb." Sie sah mich an, als hätte ich gerade angeboten, mein Erstgeborenes zu opfern. Nach einer fieberhaften Google-Recherche entdeckte ich, dass ich eine milde und relativ verbreitete Form von Synästhesie habe – Graphem-Farb-Synästhesie – und keinen unheilbaren Gehirntumor, wie ich kurz befürchtet hatte.

Andere Formen der Synästhesie sind allerdings weitaus seltener. Lexikalisch-gustatorische Synästhesie haben zum Beispiel weniger als 0,2 Prozent der Weltbevölkerung. Bei dieser Form der Synästhesie können Menschen Klänge schmecken. Ingwerplätzchen und gegrilltes Fleisch beim neuen Stormzy-Track oder herrlich-fruchtiger Blaubeerkuchen bei deinem Lieblingssong von Aaliyah, zum Beispiel. Natürlich wollten wir mehr über dieses äußerst seltsame Phänomen wissen, das beinahe einer Superkraft gleichkommt, also haben wir uns an die britische Synästhesie-Vereinigung gewandt. Dort vermittelte man uns an ihr Komitee-Mitglied James Wannerton, der Klänge bis zu einem ziemlich extremen Grad schmecken kann und in der Vergangenheit bereits mit dem Blog musicMagpie zu diesem Phänomen geforscht hatte. Wir haben ihm eine Playlist geschickt, er hat sich die Tracks angehört und uns zu jedem Song den Geschmack verraten.

Dave x J Hus – "Samantha"

Noisey: OK, fangen wir mit diesem Track von Dave und J Hus an.
James Wannerton: Ja, der hatte eine ziemlich starkes Klavier-Intro. Für mich haben Klavierklänge immer den Geschmack und die Konsistenz von Ananasstücken. Meistens sind es die süßen aus der Dose, aber in diesem Fall waren es große, frische Ananasstücke.

Was ist mit dem Text?
Für gewöhnlich mag ich keine Songs mit viel Text, weil mir das zu viele Geschmäcker gibt, aber bei diesem Song wurde der Gesang abgedämpft, also war es nicht zu viel. Was ich vom Gesang bekam, war ein ziemlich starker Geschmack von Garibaldi-Keksen. Ich konnte auch ein wenig Madeira Cake schmecken.

Es war also ein recht süßer Song? Gar nicht unangenehm?
Er war nicht unangenehm. Aber ich sage dir, warum er nicht zu meinen Favoriten gehört: Er war relativ fade. Ich weiß, er hatte Ananasstücke, aber danach war er nicht mehr besonders stark.

The Lemon Twigs – "These Words"

Auf deine Bewertung des Lemon Twigs-Songs bin ich neugierig, weil da so viel passiert.
Ah ja. Lustigerweise – das muss mit der Semantik zu tun haben – schmeckte der nach Zitronensorbet und ein paar Zitronenkernen. Die ganze Sache hatte aber nicht viel Konsistenz oder Substanz. Obwohl ich von den Lyrics Toffee-Eindrücke und ein paar Furchtgummis bekommen habe.

Von dem, was ich bis jetzt gehörte habe, ist bei dir immer alles recht süß.
Bis jetzt ja. Wenn es Text gibt, dann ist es manchmal weniger süß.

Was ist mit meinem Namen? Wie schmecke ich?
Große Stücke Butter. Wenn du mit mir sprichst, ändert es sich etwas und bewegt sich irgendwo zwischen Butter und Margarine. Wenn ich dich treffen würde, würde es sich abhängig von deinem Aussehen ändern, die Basisnote wäre aber immer dieser buttrige Geschmack.

Ich weiß jetzt nicht, was ich davon halten soll.

Piero Piccioni – "Camille 2000"

Was sind deine Gedanken zu diesem Song von Piero Picciono?
Eine Orchestereinleitung ist meistens sehr schön für mich. Ich bekomme ein paar fleischige Geschmäcker, aber für gewöhnlich ist es süß. In diesem Fall ist es etwas abgeschwächt, weil alles gedämpft klingt. Das Stück hat wie ein Weingummi geschmeckt, den du zu lange im Mund hattest. Es hat viel an Geschmack verloren … Aber vielleicht verabschiedet sich auch mein Gehör.

Was passiert, wenn die Beats einsetzen?
Darin waren Erbsen aus der Dose. Das muss der Klang eines Schlagzeugs gewesen sein, der recht blechern war. Auch hier gab es Ananasstücke – allerdings sehr kleine. Irgendwo muss also ein Klavier gewesen sein.

Slipknot – "Wait and Bleed"

Jetzt etwas ganz anderes: Slipknot.
Dieser Song hat seltsam geschmeckt. Er hatte sehr viel Schokolade – feste, harte Schokolade. Es gab auch braune Brotkrusten, aber nur die Krusten.

Das ergibt wohl irgendwie Sinn. Hat sich der Geschmack während des Songs verändert?
Definitiv. Es gab viel Marzipan, was mit dem Gesang zu tun hatte. Der Text hatte keine Bedeutung für mich, weil der Sänger geschrien hat. Aber ich sage dir, was wirklich komisch war: Ich habe den Geschmack dieser Bonbons gehabt, die ich als Kind gegen Halsschmerzen bekommen habe. Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass der Sänger viel geschrien und damit die Erinnerung hervorgerufen hat. Um ehrlich zu sein, hat das den ganzen Song für mich ruiniert.

Wenn du ein neues Gericht probierst, taucht das dann später in einem Song auf?
Ja, das passiert. Aber manchmal schmecke ich etwas und ich habe keine Ahnung, wo das herkommt oder was es ist. Das sind die wirklich irritierenden Fälle, weil ich dann dasitze und ewig versuche das herauszufinden.

Alice Deejay – "Better Off Alone"

Wie war der Alice Deejay Song?
Den mochte ich! Ich bin in den 80ern und 90ern in Clubs gegangen und das war die Musik, die ich geliebt habe. Diese Art von Musik – und ich meine eher das Intro als den Gesang – ist schön rein und klar; die Überproduktion gibt dem Lied einen leckeren Geschmack. So ein Lied könnte ich den ganzen Tag hören, weil es einfach die beste synästhetische Erfahrung liefert.

Wie hat der Synthesizer am Anfang denn geschmeckt?
Es war alles sehr süß, aber es waren auch Erbsen drin. Vielleicht war das der Beat. Aber vor allem war es, als würde man sich durch eine große Tüte gemischter Süßigkeiten essen: Kaubonbons, Weingummi, Fruchtgummi, gezuckerte Fruchtpastillen ... oooh, herrlich!

Was ist, wenn sie "better off alone" wiederholt?
Da habe ich nur Salat geschmeckt.

Johnny Cash – "Hurt"

Ich bin sehr gespannt, wie Johnny Cash schmeckt ...
Das war eins meiner Lieblingslieder – vor allem wegen des Gitarrenintros. Das klang nach Apfelstückchen. Ein paar davon waren gekocht, andere nicht. Bei Johnny Cash habe ich auch oft diesen Kalkgeschmack, den du beim letzten Schluck aus dem Wasserkocher mitbekommst. Er hat so eine raue Stimme – wahrscheinlich kommt das davon.

Bäh! Hast du etwas anderes aus seiner Stimme geschmeckt?
Ich hatte Apfelstückchen, das Wasserkocher-Kalk – was furchtbar klingt, aber gar nicht so schlimm ist – und dann hatte ich noch Lakritz, Rinderhack und Kartoffeln. Insgesamt war es aber sehr apfelig.

Was für Kartoffeln denn?
Es war Kartoffelpüree und ich frage mich, ob das etwas mit seinem Namen zu tun hat: "Cash" [Kartoffelpüree auf English: "mashed potatoes"]. Es gibt oft eine Verbindung zwischen einem Wort und einem Geschmack. Essen zum Beispiel schmeckt in der Regel nach dem, was es ist. Das Wort "Käse" klingt nach Käse. Es klingt nach einem bestimmten Käse – zwar einer Sorte, die ich nie festmachen konnte, aber es klingt nach Käse.

Stefflon Don & Giggs – "Real Ting Remix"

Wie hat dieser "Real Ting Remix" geschmeckt?
Das war absolut ungenießbar. Es war, wie an einer sehr sauren Mandarine zu lutschen – oder einer Orange. Es war furchtbar! Ich musste es ausmachen. Das war einfach zu viel.

Oh nein! Ich liebe den Song!
Es war auch ein kleiner Schluck Kaffee drin – der einzige Lichtblick. 

Wessen Stimme hat schlimmer geschmeckt? Die von Stefflon Don oder Giggs?
Stefflon Dons. Es war furchtbar. Ich konnte einfach nicht über die saure Mandarine hinwegkommen. Die hat jeden anderen Geschmack überdeckt. Es war widerlich. Das ist auch nicht witzig.

Smash Mouth – "All Star"

Und zu guter Letzt Smash Mouth. Ich hoffe, der hat dir wieder etwas besser geschmeckt.
Das war eine meiner Lieblinge! Danach wollte ich mehr davon. Am Anfang – zumindest in der Version, die du mir gegeben hast – gibt es diesen langen gesprochenen Teil. Der Geschmack dieses Intros hat sich dann durch den Song hindurchgezogen.

Was war das für ein Geschmack? Warum hat es dir so gut gefallen?
Es gab Vollkornkekse, Walnut Whips, viel Sahne und Schokolade – und ein paar Weingummis waren auch dabei. Ich mochte es besonders gerne, weil die ganzen verschiedenen Geschmäcker durch den präzisen Sound sehr schön und klar voneinander abgetrennt waren. Der amerikanische Akzent ist außerdem oftmals sehr deutlich, wodurch die Geschmäcker sehr stark durchkommen.

Vielen Dank, James!

Folge Noisey auf Facebook, Twitter und Instagram.