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Wie mit dem Klischee des „hungernden Afrikas” Gentechnik promotet wird

Sheila Jasanoff, eine Professorin an der Harvard-Universität, erklärte bei einer Konferenz, wie sowohl von westlichen als auch von afrikanischen Organisationen das Klischee des hungerleidenden Afrikas ausgenützt wird, um Gentechnik in Afrika...
21.10.15

Das Bild von dem verhungernden afrikanischen Kontinent regt schon lange Spenden an Hilfsgruppen an, aber Sheila Jasanoff, eine Wissenschafts- und Technologieprofessorin der John F. Kennedy School of Government der Harvard-Universität wendet ein, dass diese Darstellungen ausbeuterisch sind. Jasanoff verkündete kürzlich bei der European Food Safety Authority's (EFSA)-Konferenz bei der Expo in Mailand, dass Klischees eines „hungernden Afrikas" dazu verwendet werden, genetisch modifizierte Nahrungsmittel auf dem Kontinent als Allheilmittel zu promoten.

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Ein internationales Netz an Organisationen—darunter auch afrikanische Gruppen—versuchen, oft auch in Zusammenarbeit, die Hungersnot in Afrika zu bekämpfen. Einige dieser Organisationen wie die Bill and Melinda Gates Foundation, die African Agricultural Technology Foundation, Monsanto und weitere schlagen dürreresistente, genmodifizierte Nutzpflanzen als mögliche Lösung auf den Anbau in landwirtschaftlich schwierigen Regionen vor. Hier geht es nicht um eine Dichotomie zwischen „westlichen Organisationen" und „afrikanischen Stimmen", sagt Jasanoff, aber die Darstellung der Problematik kann dazu führen, dass die Lösung des Westens als die beste Vorgehensweise präsentiert wird.

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„Es gibt jedoch ein Bündnis zwischen … US-amerikanischen politischen Entscheidungsträgern und US-amerikanischen Unternehmen und den Wissenschaftlerin, mit denen sie zusammenarbeiten, um Afrika als bedürftiges Land und GVO als Allheilmittel darzustellen", schrieb Jasanoff in einer E-Mail. „Allgemein gesprochen, bekommen die Stimmen, die auf Komplexität hinweisen—in der Ökologie, in den landwirtschaftlichen Methoden, in regionalen Ernährungsunterschieden und -bedürfnissen—im Westen und in Afrika weniger Aufmerksamkeit, als sie verdienen."

Jasanoff argumentiert, dass die Art und Weise, wie man eine Problematik formuliert, die darauffolgenden Maßnahmen beeinflussen kann. Wenn Afrika am Verhungern ist, dann müssen die, die etwas dagegen tun können, die verfügbaren Methoden einsetzen, um gegen das Problem anzukämpfen.

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„Wenn man glaubt, dass die Mission der Wissenschaft ist, ein ganzes Land zu retten, dann kann man so argumentieren, dass das Verweigern dieser Lösung"—in diesem Fall gentechnisch veränderte Nutzpflanzen—„bedeuten würde, einen ganzen Kontinent verhungern zu lassen", sagte Jasanoff bei der EFSA-Konferenz.

Laut der Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen leben in Afrika 220 Millionen unterernährte Menschen, 56 Prozent davon in Ostafrika. Die Lage ist also verheerend. Diese Zahlen verleiten aber auch dazu, die Situation all zu sehr zu vereinfachen. Afrika ist ein vielfältiges Land mit unterschiedlichen Klimata, Kulturen und landwirtschaftlichen Traditionen und es gibt noch weitere potentielle Lösungen für das Problem, bei denen man sich nicht nur auf GVO stützen muss. Wie Jasanoff zu Food Navigator sagte, ist es wichtig, über die genetische Veränderung „in Hinblick auf die Gene, die Pflanzen und ihren Zweck" zu sprechen.

Schauen wir uns Goldenen Reis an, eine durch Gentechnik mit Nährstoffen angereicherte Reissorte, die nicht ganz unumstritten ist. Goldener Reis enthält viel Vitamin A—aufgrund von Vitamin-A-Mangel erblinden jedes Jahr zwischen 250.000 und 500.000 Kinder, die Hälfte davon stirbt innerhalb der ersten 12 Monate. Goldener Reis könnte also Wunder wirken, aber vor den potentiellen Folgen der weiten Verbreitung wurde gewarnt.

„Ein Produkt wie Goldener Reis, das entworfen wurde, um die Grenze zwischen Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel zu überschreiten, könnte die Ernährungsvielfalt und die Verwendung regionaler Hauptnutzpflanzen verringern, wenn es in großem Rahmen eingeführt wird", schrieb Jasanoff. „Das hätte die Auswirkung, dass es die Essgewohnheiten der Menschen von ihrer regionalen Umwelt und ihren landwirtschaftlichen Traditionen entfernt, mit möglicherweise negativen Folgen für die Biodiversität und die Nachhaltigkeit."

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Vielleicht eine der bemerkenswertesten außenstehenden Organisationen, die GVOs in Afrika fördern will, ist die Bill and Melinda Gates Foundation. Sie sieht hochproduktive, dürreresistente Nutzpflanzen als die Lösung für die Hungersnot in Afrika in den kommenden Jahren, wenn der Klimawandel und eine wachsende Bevölkerung noch mehr Herausforderungen bringen. Im jährlichen Brief der Organisation schreiben Bill und Melinda Gates, dass eine höhere Produktivität Bauern ermöglichen würde, eine größere Vielfalt an Nutzpflanzen anzubauen und ihren Überschuss für Dinge wie Gemüse, Eier, Milch oder Fleisch zu verkaufen.

Einer dieser Samen, um die es oft geht, ist DroughtTEGO, ein dürreresistenter Maissamen, der im Mittelpunkt einer Kampagne mit dem Namen Water Efficient Maize for Africa (WEMA) steht und aus einer Partnerschaft zwischen der Bill and Melinda Gates Foundation, der African Agricultural Technology Foundation, USAID, Monsanto und drei weiteren westlichen und afrikanischen Gruppen hervorgegangen ist. Die Gates Foundation merkt an, dass der durchschnittliche Ertrag pro Acker Mais in Afrika bei 30 Scheffel liegt, in den USA etwa bei dem Fünffachen. DroughtTEGO wurde von Unternehmen Monsanto entwickelt, das die Samen lizenzfrei an afrikanische Samenunternehmen weitergegeben hat. Mit Nutzpflanzen wie DroughtTEGO und verbesserten Landwirtschaftsmethoden hofft die Gates Foundation, die Produktivität in ganz Afrika um 50 Prozent zu erhöhen. Ein von Monsanto produziertes Video erzählt die Geschichte einer Bäuerin in Kenia und ihres Erfolgs mit dem Anbau von DroughtTEGO.

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Wenn man mit so einer Entscheidung konfrontiert wird, kann es für einen Bauern, der sein gesamtes Leben finanziell an der Überlebensgrenze bestritten hat, schwierig sein, nein zu sagen, sagt Jasanoff, auch wenn die Biodiversität und die ökologische Widerstandsfähigkeit darunter leiden. Für viele Bauern sind die Vorteile einer gentechnisch veränderten Pflanze—höherer Ertrag, Widerstandsfähigkeit gegen Dürre und Insekten—zu viele, um es sich entgehen zu lassen.

„Wenn man Menschen aus anderen technologischen und kulturellen Kontexten helfen möchte, ist es wichtig, das sogenannte Mr.-Everest-Syndrom zu vermeiden: Wir machen es, weil es da ist", schrieb Jasanoff. „Es ist enorm wichtig, anzufangen nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen zu fragen und sie zu verstehen, und die Ideen der regionalen Bevölkerungen für Veränderungen, von denen sie am meisten profitieren würden, anzunehmen."

„Anders gesagt, die Universalmethode ist meistens keine gute Grundlage für die öffentliche Politik, am allerwenigsten in der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion. Trotzdem passiert das oft, wenn westliche Lösungen exportiert werden, um ein nicht-westliches Problem zu lösen."