Kann Hardcore wieder ganz groß werden, wenn sich die Szene für Techno öffnet?

Wir waren beim Konzert der legendären Rotterdam Terror Corps, um zu ergründen, was Gabbers von heute bewegt.

|
21 Februar 2017, 2:03pm

Eine Straße, eine Wand, ein Plakat. Ein lächelnder Skin mit hochgeklappter Sonnenbrille und Totenkopfpulli auf einem Mofa, das lauter Smileys ausstößt. Nicht wenige Leute sind in den letzten Tagen verwundert vor diesem Bild stehen geblieben. "Rotterdam Terror Corps und DJ Skinhead kommen nach Berlin? Ins Astra?" Zwei international bekannte Hardcore-Acts in dem Konzertsaal in Berlin-Friedrichshain in Deutschland, wo für die kommenden Wochen unter anderem Tycho, Tove Lo und Joy Denalane im Kalender stehen? Sind Hardcore und Gabber jetzt wieder massentauglich in Berlin – oder sonst wo?

Angekommen vor Ort erstmal die Feststellung: Die Party findet "nur" im Vorraum, dem Barbereich statt. Der Saal, in dem eben noch Trentemøller mit Band aufgetreten ist, bleibt leer. Outrage und Beagle legen zunächst auf. Viele hier kennen sie noch aus dem Bunker, jenem populären 90er Club im heutigen Kunstbunker in Berlin-Mitte, dessen Hardcore-Floor stilprägend für die Gabber-Szene war. Beagle ist auch Teil der Gabba Nation, deren Patches heute gleich mehrfach im Publikum zu sehen sind. Ein zweiter kleiner Floor bewegt sich mit DJ Schleppscheisse, DJ Devil und Bork zwischen Drum'n'Bass und Trance.

"Hardcore ist einfach ehrlich: dunkle Hallen und Boom Boom." So fasst es Sabrina vom Veranstalter Greyzone zusammen. Normalerweise trifft sich die Szene in Clubs wie dem Void oder M-BIA, etwa bei der Partyreihe "Friedlich Feiern" und wird kaum beachtet vom restlichen elektronischen Zirkus in der Stadt. Manch Gabber beäugt die Veranstaltung deshalb misstrauisch, zumal es im Astra auch zu keinem Zeitpunkt so richtig dunkel wird.

Daran ist allerdings auch unser Filmteam nicht ganz unschuldig. Rotterdam Terror Corps sind heute mit Randy alias LXCPR als MC, statt der bekannten RTSier und R.A.W. am Start. Strobo und Boom Boom kommen dennoch reichlich zum Einsatz als die Band ihren Auftritt beginnt – und jede Menge Luftschlangenspray und einzelne Klamotten, die nach und nach von den Körpern der beiden RTC-Tänzerinnen weichen.

Natahlie, die man noch aus unserer Doku kennt, ist dieses Mal ebenfalls nicht dabei. Für sie tanzt Joyce neben Emmely. Die hat in ihrem Koffer bereits die Outfits für ihre Schicht im Stripclub am nächsten Tag in Rotterdam. Die Performance der beiden gehört ebenso zum typischen Set-up wie die aufpeitschenden Kommandos von Randy und George Ruseler aka DJ Distortions Harddcore-Attacken auf alte und neue Pop-Songs. Die Typen am Rand haben jedenfalls durchweg die Smartphones gezückt, während die Leute vor der Bühne und in der Mitte steil gehen, ihre Ellbogen und Beine um sich werfen.

Zwar gibt es ein paar neue Songs vom im Dezember erschienen RTC-Album Release Your Anger zu hören, ansonsten ist es die gleiche Show wie seit Jahren. Und sie funktioniert. Wobei das Publikum der Niederländer für gewöhnlich größer ist, aber später wird Emmely trotzdem sagen: "Es war verrückt heute."

Und außer dass fast alle Anwesenden weiß sind, sind sie doch sehr unterschiedlich. Da ist Katja aus Berlin, die auch als Miss Nightkat auflegt und demnächst beim 15. Geburtstag der Hardcore-Reihe "Brainfire" spielen wird, bei dem gleichzeitig auch 25 Jahre Gabba Nation feiert. "Hardcore gibt mir die meisten Gefühle, die ich je hatte – positiv wie negativ", findet sie. "Und ich muss keine bestimmte Klamotten anziehen, sondern ich trage das, was ich will." Ihre Haare sind blau, über einem pinken Bustier hat sie eine Corsage mit Blumenmuster angezogen.

Ein anderer Gast hat hingegen den "perfekten" Look, als wäre er direkt einem der ikonischen Gabber-YouTube-Klassiker entsprungen: gelber, flauschiger Pulli, schwarz-weiße Trainingshose, weiße Socken drüber und bunte Sneaker. Allerdings ist er hier nur zu Besuch: "Ich komme eher aus der Techno-Szene, das ist heute mal ein kleiner Ausflug." Im Berghain, wo er meistens ist, sagt er, "tragen alle Schwarz und sind vor allem Kunstleute oder Hipster, hier sind mehr Ostberliner und Brandenburger, das hatte ich so auch erwartet."

In Berlin wird man sonst nach Coolness rausgefiltert, es geht gar nicht mehr um die Musik. Das Gefühl ist scheiße.

Genau zu dieser Diskrepanz macht sich Willem schon länger Gedanken. Er ist halber Holländer, aus der Region von Aachen, und produziert hier in Berlin als RhinOzerOz selbst Hardcore. Mit einem musikbeladenen Bollerwagen kapert er auch gerne mal die S-Bahn, um die Leute wieder mit Hardcore vertraut zu machen: "Berlin ist sehr technogeprägt, deshalb ist Hardcore hier nicht so groß wie in den Niederlanden, in Italien und im Ruhrpott. Aber die Lage in der Stadt ist auch so katastrophal, weil alle Touristen in die coolen Clubs wollen und dann drei Stunden vor dem Berghain anstehen. Hier wird man nach Coolness rausgefiltert, es geht gar nicht mehr um die Musik. Das Gefühl (des Abgewiesenwerdens) ist scheiße. Die Eintrittspreise sind hoch. Die fetten Raves von früher fehlen."

Hardcore könnte darauf eine Antwort geben, würde sich die Szene musikalisch mehr dem Techno öffnen. So wie früher, in den 90ern, als Techno- und Hardcore-Acts noch öfter nacheinander auflegten. Und dann würden die Berliner Gabber für Großveranstaltungen á la Defqon, Thunderdome und Syndicate vielleicht nicht mehr so oft rumreisen müssen.

Einer, der das bestätigen kann, ist Dominik. Er ist bereits auf Hardcore umgestiegen – allerdings vom Metal. Vor einem halben Jahr kam er aus Stuttgart nach Berlin, der Abend heute ist die erste lokale Hardcore-Veranstaltung, die er gesehen hat. "Beim Metal konnte man nicht so gut feiern. Ich bin Rollstuhlfahrer und immer dabei. Tanzen verbindet Menschen, man lernt einander kennen. Ich feiere die Ekstase."

Und dann treffen wir noch einen weiteren Niederländer: Baron ist mit seiner Bandpartner Mimi da. "Die Leute in Berlin tanzen meistens nicht so gerne oder viel. Hardcore könnte sie wachrütteln", meint Baron. Das Event heute hätte er hier nicht erwartet, aber seit einem Jahr bemerke er, wie wieder mehr und mehr Leute über Gabber und Hardcore sprechen." Schließlich sei heutige Musik viel zu langsam und nicht aggressiv genug. "Hardcore ist ein verdammter Schlag in deine Fresse, man!", pflichtet ihm Mimi bei.

Baron glaubt allerdings nicht, dass Hardcore es wieder in den Mainstream schaffen wird, aber er sieht ein Schlupfloch: "Die hohen BPM oder einzelne Sounds könnten allerdings erneut massentauglich werden."

Gibt es also ein Hardcore Revival?

"Das Revival begann 1993 und dauert bis heute an", sagt mir George von RTC, nachdem er gerade als DJ Distortion noch allein etwas aufgelegt hat und DJ Skinhead im Hintergrund ein ziemlich fades, spannungsarmes Set hinlegt, dass viele irritiert zurücklässt. Alle vier Jahre werde George wieder und wieder die selbe Frage gestellt. "Aber Hardcore war nie weg. Die Kids werden immer wieder Bock auf diese unkommerzielle Form von Musik haben. Sie gibt dir etwas, was dir andere Musik nicht geben kann."

Um uns herum sitzen Randy, Emmely und Joyce. "Hardcore will never die!" rufen sie nacheinander durch den Raum. Dann müssen sie jetzt aber wirklich mal endlich zum Taxi. Die Party läuft derweil mit viel Platz auf der Tanzfläche weiter.

Wie sagte es Willem vorhin noch gleich? "Gabber ben je niet voor even, Gabber ben je voor het leven."  Gabber bist du nicht mal eben, Gabber bist du dein ganzes Leben.

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP erschienen.

**

Folgt Noisey bei Facebook, Instagram und Twitter.