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Popkultur

Diese vier Fotografen überdenken den herkömmlichen Rahmen der Fotografie

Fotos müssen nicht immer rechteckig und zweidimensional sein. Diese Werke brechen mit den gängigen Konventionen traditioneller Fotografie.
18.7.14
Letha Wilson, Hug Grand Tetons (2011)

1822 machte der Franzose Nicéphore Niépce mit der von ihm erfundenen Methode der Heliographie das erste dauerhafte Foto. Seitdem hat die Fotografie unzählige Entwicklungen und Innovationen durchgemacht und trotzdem ihre omnipräsente Form behalten. Von digitalen Bilderrahmen bis zu Drucken von Nanobildern ist das Format des Mediums auf 90-Grad-Winkel und gerade Kanten beschränkt geblieben. Auch das sonst gerne mal von der Norm abweichende Internet konnte daran nichts ändern. Konsum und Verbreitung von Bildern spielt sich noch immer oft innerhalb leichter Variationen des rechteckigen, zwei-dimensionalen Formats ab.

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Die Malerei, ein anderes Medium, das sich generell im rechteckigen Format manifestiert, hat sich bereits vor Jahrzehnten aus seinen quadratischen Fesseln befreit. Man denke nur an Richard Tuttles achteckige Red Canvas oder Robert Rauschenbergs Fusionen aus Gemälde und Skulptur, die er als Combines beschreibt. Auch die Filmkunst hat sich dank technologischer Innovationen von rechteckigen Bildschirmen auf neue Plattformen bewegt, wie das Projection Mapping eindrucksvoll beweist.

Also, liebe Fotografie, warum hinkst du so hinterher?

Wie sich herausstellt, haben einige der besten zeitgenössischen Bildermacher mit den traditionellen Methoden der Fotografie experimentiert und an der Wand hängende Rahmen, rechte Winkel und Zwei-Dimensionalität vermieden. Wir stellen vier von ihnen vor.

Kate Steciw

Kate Steciw aus New York scheint dazu vorherbestimmt zu sein, so viele fotografische Konventionen wie möglich zu brechen. Sie „hängt“ ihre Werke auf den Boden, montiert sie in schiefe Ecken und zwängt sie in asymmetrische, zackige Rahmen. Steciw sei „interessiert daran, eine Fotografie aus dem 2D-Modus in 3D oder gar 4D-Räume zu bewegen."

Steciws Arbeit dreht sich im Kern um den Konsum von Bildern und wie er sich zur Kommerzialisierung der Fotografie verhält. Ihre häufige Nutzung von kommerzialisierten Archivbildern ist ein Versuch, die Beziehung zwischen Konsument und Bildkonsum zu verstehen. In Steciws Augen sind „Bilder die häufigste Form, wie wir auf Objekte unserer Begierde stoßen.“ Die neue und ungewöhnliche Art, ihre Arbeiten zu präsentieren, verändert die bisherige Erfahrung des Betrachters mit traditioneller und vertrauter Fotografie.

Rug Portal

Myung Keun Koh

Myung Keun Koh ist ein Bildhauer aus Südkorea mit Abschlüssen an der Seoul National University und dem New Yorker Pratt Institute. Durch seinen nicht-fotografischen Hintergrund bietet er eine einzigartige Perspektive mit seinen Werken, in denen sich Architektur, Fotografie und Bildhauerei vermischen.

Seine drei-dimensionalen Boxen verfügen über eine Körperlichkeit, die von normalen Galeriedrucken nicht erreicht wird. Keun Koh reizt dieses Potenzial voll aus, um Objekten wie menschlichen Körpern oder Gebäuden im wahrsten Sinne des Wortes mehr Tiefe zu verleihen.

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Vor dem Hintergrund, dass Fotografie sowieso schon Gegenstände aus dem echten Leben in zweidimensionale Bilder presst, besitzt die Rückkehr dieser Bilder ins 3D-Format einen einzigartigen Verzerrungseffekt. Kohs Bilder basieren sowohl auf der Zweidimensionalität von Fotos als auch der ihnen innewohnenden Dreidimensionalität des echten Lebens. Sie existieren in einer komplett unvertrauten Existenzebene.

Letha Wilson 

Ghost Of A Tree

Letha Wilson ist eine weitere Künstlerin, die mit fotografischen Skulpturen arbeitet. Doch ihre Werke unterscheiden sich komplett von denen Keun Kohs. Die New Yorkerin bettet Galeriepfeiler in riesige, wellenförmige Fotografien aus ihrer Reihe Landmarks and Monuments. Dabei werden manche Bilder teilweise von den Pfeilern selbst verzerrt, während andere die Sichtbarkeit der Pfeiler verschleiern.

Für andere Arbeiten hat Wilson die konventionellen Pfade der Fotografie auf einfache, aber clevere Art und Weise verlassen. In Punch the Sky zum Beispiel schneidet sie die Bilder buchstäblich in Stücke und trennt sie voneinander ab. Andere Installation zeigen Bilder mit nach innen gefalteten Kanten, die andere Materialien des Drucks wie Mulltücher oder Zement enthüllen. Die sperrige Präsentation der Werke und das unkonventionelle Material konterkarieren die Erwartungen, was Fotografie ist. Die Frage, was hinter der ersten Schicht eines Bildes liegt, bleibt dem Betrachter dauerhaft im Kopf.

In einigen Fällen faltet Wilson ihre Drucke einfach. Eine simple Geste, die die ihnen innewohnende Zerbrechlichkeit der Bilder in Relation zu ihren Pendants der echten Welt setzt. Die Art der Präsentation mokiert sich dabei über die Kultur der Bildverehrung, in der Bilder oft begehrenswerter sind als die Realität.

Bei all dem bleiben Landschaften Wilsons beständiges Motiv. Eine Entscheidung, die sie getroffen hat, „da einem Genre [Landschaftsfotografie] gleichermaßen mit Ehrfurcht und Skeptik begegnet wird.“

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Trotz des Übergewichts fotografischer Bilder in ihrer Arbeit, antwortete Wilson auf die Frage von Hyperallergic, ob sie sich selbst als Fotografin betrachtet:

„Ich benutze Fotografie. Ich betrachte mich auf gewisse Art als Amteur-Fotografin. Als Student an der Syracuse [Universität], wo ich Farb- und Schwarz-Weiß-Druck gelernt habe, war Malerei mein Hauptfach. Ich habe immer Fotografie in meiner Arbeit genutzt. Sogar in der Malerei habe ich Kollagen gemacht und Fotokopien meines Zuhauses in Colorado benutzt.“

Aude Pariset

FX Tridacna (2011)

Die französische Künstlerin Aude Pariset scheint ein Faible für das Meer zu haben. Sie druckt Fotografien auf Objekte wie Windsegel, Strandliegen oder zu Muschelschalen geformtem Reispapier.

Trotz der thematischen Ähnlichkeiten, was ihre Form angeht, variieren die Werke Parisets inhaltlich von Projekt zu Projekt sehr stark. Für ihre Serie len jyan zum Beispiel, zu der die Reispapier-Muscheln gehören, verwendete sie abstrakte digitale Bilder des ehemaligen Medienkollektivs Paint FX als Ausgangsmaterial. Etwas Organisches (das Reispapier) imitiert einen anderen Teil der Natur (die Muschelschalen) und wird dann mit unglaublich künstlerischen digitalen Bildern überdruckt–ein bizarres Zwischenspiel aus Prozessen und Gegenständlichkeit. Anders als unsere gewohnten Smartphone- oder Computer-Bildschirme „wird die Außenseite der Muschel als Schnittstelle für die Anzeige der digitalen Dateien verwendet“, erklärt Pariset.

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Anstelle von Web freundlichen JPEGs verwendete die Künstlerin für die bedruckten Windsegel aus A BōAt[] A Promise „echte“ Fotografien pharmazeutischer Firmenzentralen. Diese Kombination erscheint vielleicht weniger seltsam, wenn man bedenkt, wie verbreitet der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten ist. Windsegeln auf der einen Hand ist eine gesellschaftlich akzeptierte Freizeitaktivität, während „Pillenschmeißen“ auf der anderen Seite ein Tabu und eine gefährliche Art von Spaß darstellt. Die zwei Dinge werden in Parisets Arbeiten eins.

Neben verschiedenen internationalen Ausstellungen hat Pariset gemeinsam mit Letha Wilson und Kate Steciw an der Gruppenausstellung 2-D Pushers in der Galerie Toomer Labzda teilgenommen.

Aude Pariset, Hosted As Seen On Screen: Relags Travel Chair (2012)

Als Botschafter der neuen Möglichkeiten innerhalb der Fotografie schaffen diese Künstler die Grundlagen für neue künstlerische Entwicklungen. Die Fotografie hat bereits einen massiven Sprung von Analog nach Digital gemacht. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis mehr Künstler diesem Quartett hier folgen, um Rahmen und Format von Fotos weiterzuentwickeln.