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Wie es es war, in einer Truppe voller Druffis zu spielen

Wenn du deinen Goalgetter auswechseln musst, weil er wieder zu viel Keta genommen hat, und deine Mitspieler in der Halbzeit nur Bier saufen, dann weißt du: Hier spielt der FC Inter Avinit.

von Scott Oliver
04 Januar 2017, 1:40pm

Alle Fotos von Jo Gallagher

Sommer 1998: Zinédine Zidane, Lilian Thuram und Youri Djorkaeff lassen Frankreichs rechten Eiferer Jean-Marie Le Pen so richtig alt aussehen. Warum? Weil sie ihm und allen Front-National-Idioten zeigen, dass Fußball Menschen so gut zusammenbringen kann wie nichts anderes auf der Welt. Ok, vielleicht mit einer Ausnahme: laute Musik und Drogen.

Zur gleichen Zeit irgendwo in Nottingham. Samovar—ein rund zehn Jahre altes Soundsystem-Kollektiv, das vor allem in Hardcore-Techno-Schuppen die Ohren zum Bluten brachte—beschloss, ab sofort Fußball, Drogen und Musik miteinander zu kombinieren. Dafür schickte man kurzerhand eine eigene Mannschaft in die South Notts Sunday Football League. Eine Sonntags-Fußballliga hört sich irgendwie nach verkaterten Jens-Nowotny-Gedenk-Technikern an? Ja, schon, bis auf die Tatsache, dass der Alkohol- und Drogenkonsum ab dem Anpfiff eher zu- als abnahm.

Das Team wurde passenderweise FC Inter Avinit getauft: eine Mischung aus Inter Mailand und dem Liberator-Motto „It's not Intelligent...It's not from Detroit...But it's F****n 'Avin It!" Der Name war auf jeden Fall nicht schlecht gewählt für die Sonntagsmannschaft für Techno-Mucke. Ich weiß nicht, wie viel du bisher mit solchen Leuten zu tun hattest. Aber lass dir gesagt sein, dass Sonntagmorgen zehn Uhr nicht unbedingt ihre physische Peak-Time ist. Obwohl man vielen von ihnen nicht vorwerfen konnte, nicht knallwach gewesen zu sein.

Ich selbst trat dem Team nach rund einem Drittel der Saison bei. Wie der Zufall es wollte, rief mich eines Sonntagmorgens ein Kumpel an und fragte, ob ich Bock hätte mitzuspielen. „Yeah, fuck it. Ich spiele, warum nicht?", lautete meine Antwort. Und so passierte es: Ich spielte in dieser Mannschaft bis zum Ende ihrer Existenz (die genau eine Saison dauerte). Offiziell hatte Inter Avinit 14 Spieler gemeldet, doch irgendwie schafften wir es, im Laufe des Jahres mehr als 50 Mann einzusetzen. Nicht selten schleppten wir irgendwelche—mindestens—besoffenen Typen von irgendwelchen Afterpartys mit und gaben ihnen einen der 14 ursprünglichen Spielernamen, für den Fall, dass sie eine gelbe Karte bekommen würden. (Für gelbe Karten gab es fünf Pfund Strafgeld, für das Aufstellen nicht gemeldeter Spieler 25 Pfund und Punktabzug)

Die „Liga" war bemüht, den Sonntagskicks so viel Würde und Wichtigkeit wie möglich zu verleihen. Darum kam einer ihrer Organisatoren, ein schon älteres Semester, einmal zu uns Spielern rüber und fragte so höflich, wie er konnte: „Ich habe kein großes Problem damit, dass die Zuschauer hier Bier trinken. Aber wenn die Spieler das schon machen müssen, können sie das wenigstens ein bisschen subtiler tun?" Des Weiteren belehrte er uns, dass Sonntagsspiele am ehesten dazu gedacht seien, den Restalkohol von der vergangenen Nacht aus dem Leib zu schwitzen, nicht um sich wieder vollzutanken. Aus diesem Grund fand er auch unsere Halbzeit-Besäufnisse mit unseren Ultras alles andere als prickelnd. „Und könntet ihr dafür sorgen, dass die Hunde nicht auf den Platz laufen?" „Siggi, Diggi, kriegen wir hin."

Das heilige „Inter Avinit"-Trikot. Alle Fotos von Jo Gallagher

Unser Trikot war schwarz-orange-gestreift—ja, wir waren richtige Fußball-Hipster—und verdammt kratzig. Im Sommer hielt es dich warm und im Winter kalt. Dazu kam noch, dass man darin die schlimmsten Jogger-Nippel aller Zeiten bekam. Aber vor allem tat es fast immer eines: es roch gehörig nach Niederlage. Manchmal waren unsere Gegner so überlegen—oder einfach nur nüchtern(er)—dass wir in den ersten 45 Minuten nicht einmal aus der eigenen Hälfte rauskamen. Dann gönnten wir uns gegen den Abwehrstress in der Halbzeitpause erst mal einen Joint. Und in einem Spiel hat uns das THC tatsächlich wachgerüttelt. Nein, wir haben das Spiel nicht umgebogen, nicht mal annähernd, aber wir konnten uns zumindest aus der eigenen Hälfte befreien. Auf die Fresse haben wir trotzdem bekommen, 0:17 oder so. Genau kann ich das aber auch nicht mehr sagen: Seien es die Spielstätten, unsere Gegner, die Ergebnisse oder unsere Random-Mitspieler: Das meiste hat sich zu einem einzigen Nebelschleier verdichtet, genauso wie die feuchtfröhlichen Abende und Nächte vor den Spieltagen.

Obwohl ich mit Sicherheit sagen kann, dass wir in mindestens drei oder vier Spielen zweistellig untergegangen sind. Wir waren gewissermaßen das San Marino, das Andorra, das Liechtenstein von Nottinghams Sonntagsspielen. Andererseits kann man wohl kaum behaupten, dass selbige Mannschaften in ihrer Halbzeitpause Wife-Beater gesoffen hätten oder in die Spiele mit 18 Stunden Schlaf gegangen wären— zusammenaddiert, versteht sich. Dass wir so viele Gegentore bekamen, grenzte angesichts unserer taktischen Ausrichtung fast an ein Wunder. Für gewöhnlich wählten wir nämlich die altbewährte 10-0-0-Formation.

Die Pleitenserie ging auch im Winter munter weiter. In einem Spiel schienen wir endlich die Kurve zu kriegen. Irgendjemand hatte über drei Ecken—und zwei Afterpartys—irgendeinen Typen mitgeschleppt, der tatsächlich ein bisschen was von Fußball verstand. Schnell führten wir mit 2:0 und konnten unser Glück kaum fassen. Doch der neu entdeckte Goalgetter entpuppte sich noch in der ersten Halbzeit als äußerst fleißiger Keta-Konsument. Denn auf einmal begann er, in der Hälfte des Gegners—und Safety first immer im Abseits—rumzustolpern. Wir mussten den wankenden Helden leider auswechseln. Und verloren am Ende noch deutlich.

Als die ersten Singvögel den Frühling ankündigten, waren wir noch immer ohne Punkte. Wir verloren zwar mittlerweile nicht mehr ganz so deutlich, aber am Ende zählt eben nur Zählbares. Als die Saison eigentlich schon beendet sein sollte, hatten wir noch zwei Nachholspiele offen. Ein Spiel mussten wir leider in letzter Minute absagen, weil gleich vier Jungs von uns auf dem Weg zum Spiel von der Polizei hopsgenommen wurden. Stichwort: Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und so. Die Nachholtermine für unsere letzten beiden Spiele fielen auf einen Mittwoch und einen Sonntag. Wie ihr euch vorstellen könnt, war unsere Mannschaft unter der Woche deutlich fitter (wenn auch nicht so „wach" wie nach einer guten Feiernacht). Und so kamen auch wir noch zu unserem Fußballwunder.

Gespielt wurde in unserem Heimstadion, den 70.000 Personen fassenden Forest Fields Recreation Ground. In der Parkanlage warteten schon zahlreiche Fans auf ihre Mannschaft, auf uns, die Jungs vom FC Inter Avinit. Unsere Fans, das waren—neben zahlreichen Kötern—biersaufende Anarchisten, allesschluckende Hippies, fahrendes Volk und auch ein paar Menschenseelen mit richtigen Jobs. Selbst Leute, die sich nicht für Fußball interessierten, tauchten auf—und fast immer in Gesellschaft irgendeiner verbotenen Substanz.

Unser Gegner war eine Ansammlung an Büroknechten und Kneipengängern, die uns halb amüsiert, halb abfällig musterten. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und so geschah es, dass diese Snobs uns nicht davon abhalten konnten, unseren ersten Punkt der Saison zu entführen. Ein 0:0-Unentschieden!

Nach unserer beeindruckenden Serie von einem Spiel ohne Niederlage ritten wir verständlicherweise auf einer gehörigen Euphoriewelle und gingen mit breiter Brust in das letzte Saisonspiel. Der Gegner—das weiß ich noch, Freunde!—hieß West Bridgford Albion. Warum ich das noch weiß? Weil wir gewonnen haben, weil wir verdammt nochmal gewonnen haben!

Leider kann ich euch keine ausgefeilte Analyse zu dem Tor, geschweige denn zu dem Spiel geben. Ich weiß nur noch, wie Dauerdruffi Allan plötzlich zu einem theatralischen Jubellauf ansetzte, verfolgt von seinen zehn Mitspielern, den rund 40 Fans und ihren zahlreiche Hunden. Am Ende schmückte den Park eine genauso imposante wie stinkende Jubeltraube. Was für ein brillante Art und Weise, die Saison zu beenden, die einzige Saison in der Geschichte des FC Inter Avinit.