DJ Marfox rrrasiert alles

Während du im Internet rumdaddelst, wird zwischen Portugal und Angola gerade die globale Clubmusik neu erfunden.
20.5.16

Photography by Marta Pina.

Es war im August 2014, DJ Marfox, mit echtem Namen Marlon Silva, war tausende Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Der portugiesische Produzent spielte in Queens, New York, beim Warm Up der Sommerkonzert-Reihe des Moma PS1. In Europa hatte er sich bereits einen Namen gemacht, er war sich jedoch nicht sicher, wie sein frenetischer Batida—schnelle, afro-portugiesische Elektro-Musik, die aus den migrantischen Vorstädten Lissabons stammt—vom amerikanischen Publikum aufgenommen werden würde. Zu seiner Überraschung musste DJ Marfox feststellen, dass sein Ruf ihm jedoch voraus geeilt war.

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„Die Leute sind zu mir gekommen und haben Sachen gesagt wie: ‚Mann, ich kenne deine Musik, ich habe deine MP3s", sagt er mir, als ich per ruckelnder Skype-Verbindung mit ihm in seiner Wohnung in Quinto do Mocho in Lissabon spreche. Silva, mittlerweile 27, spricht Portugiesisch—unsere Unterhaltung wird von seinem Manager André Ferreira übersetzt—doch die herausragende Persönlichkeit des DJs ist größer als die Sprachbarriere.

Du kannst den Enthusiasmus in seiner Stimme hören, wenn er den Moment beschreibt, in dem er erkennt, dass ihm ein Track gelungen ist: „Ich habe eine Ahnung, wann ein Song direkt funktioniert", sagt er und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. „Es ist ein schönes Gefühl."

Anfang der 2000er sah der junge Silva den Tarraxinha-Act DJ Nervoso bei einer Party auflegen und beschloss, sich selbst am Produzieren von Tracks zu versuchen. „Ich habe zum ersten Mal eine echte Symbiose von Musik und den Leuten auf der Tanzfläche erlebt, eine vollständige Ganzheit und Gemeinschaft", erinnert er sich an Nervosos geschickte Herangehensweise an das perkussionsreiche angolanische Genre. „Wenn ich das nicht beobachtet hätte, wäre ich heute vielleicht nicht hier." Tarraxinha ist eine perkussiv-lastige Variante von Kizomba, einer Art Tanzmusik, die, wie der durch Namen wie Buraka Som Sistema international bekannt gewordene Kuduro, aus Angola stammt.

Silva ist mit elf Geschwistern in Quinta da Vitoria aufgewachsen, einem der ärmsten Viertel in den Außenbezirken Lissabons. Seine Mutter war Konditorin, sein Vater ein apontador, ein Bauarbeiter. Beide waren Einwanderer aus Principe, einer Insel vor der Ostküste Afrikas. Auch wenn die Familie in bescheidenen Verhältnissen lebte, haben seine Eltern ihn bereits in frühen Jahren zur Kreativität ermutigt, so der Produzent. Als Kind hat er seinem Vater und einem älteren Cousin dabei zugesehen, wie sie ein Straßenfest vorbereiteten, auf dem Letzterer dann vor einem Publikum aus Nachbarn und Freunden auflegte und luso-afrikanischen Semba und Kizomba mit westlicher Musik, die zu der Zeit populär war, vermischte. Oft sind konkurrierende Dance-Crews aufgetaucht, je höher die BPM-Zahl desto besser also.

Silva legte sich den Namen DJ Marfox zu—eine Referenz an sein Lieblings-Nintendo-64-Scifi-Shooter-Spiel Star Fox 64—brachte sich FruityLoops bei und tat sich mit den Highschool-Freunden DJ Fofuxo und DJ Pausas zusammen, die zu der Zeit Mixe für die örtliche Tanzgruppe Máquinas do Kuduro machten. Unter dem Namen DJs Do Ghetto fing das Trio an, Partys an verschiedenen Orten der Stadt zu veranstalten, und veröffentlichte 2006 zusammen mit einer Handvoll anderer Künstler aus der Stadt eine selbstbetitelte Compilation. Die meisten hatten einen Arbeiterklasse-Background, verwendeten billige und einfach zugängliche Software und erschufen ihre eigenen, unterschiedlichen Stränge afro-portugiesischer Batida, was sich wortwörtlich zwar als „Beat" übersetzen lässt, aber etwas wie „meine Art von Beats" bedeutet. „Auf derselben Straße hast du vielleicht zwei oder drei unterschiedliche Produzenten und jeder hat seine eigene Identität", erklärt Silva. „Es gefällt ihnen, anders als die anderen zu sein."

Marfoxs vertrackte, zu Hause produzierte Beats, die er bei YouTube und auf mittlerweile vergessenen Filesharing-Seiten wie eMule hochgeladen hat, verschafften ihm genug Anhänger, dass er ununterbrochen Shows und Festivals im ganzen Land und in Europa spielen konnte. Seine Debüt-EP von 2011 mit dem Titel Eu Sei Quem Sou, die er für das junge Lissabonner DIY-Label Principe Discos aufgenommen hat, war ein selbstbewusster Hybrid aus anglo-portugiesischen Stilen sowie House und Techno. Passenderweise lässt sich der Titel als „Ich weiß, wer ich bin" übersetzen. Eine Reihe weiterer Veröffentlichungen folgte, inklusive der explosiven 2014er EP Lucky Punch auf J-Cushs New Yorker Label Lit City Trax sowie Remixe für die Indie-Lieblinge von Animal Collective (Panda Bear) und tUnE-yArDs (mit dem brasilianischen Rap-Trio Pearls Negras).

Auf seiner neuesten Veröffentlichung, Chapa Quente, kehrt Silva nicht nur nach Principe zurück, sondern auch zu der Musik, die den Soundtrack seiner Jugend bildete. Von der kaskadenförmigen Flötenmelodie, die sich durch „2685" zieht, bis zu den hallenden Drums von „Unsound" bezieht die EP ihre Einflüsse aus unzähligen Stilen: Von polyrhythmischem, afrikanischem Kizomba und Kuduro über indische Folk-Musik bis zur Sammlung seines Vaters von westlichen Jazz- und brasilianischen Pop-Platten. Die Vielzahl an Einflüssen geht zurück auf den kulturellen Schmelztiegel, in dem er aufgewachsen ist, und wird durch die metallischen Risse und die Sci-Fi-Dissonanz bereichert, die auf einzigartige Weise nach Marfox klingen—Aufmerksamkeit verlangende Feinheiten, die der Produzent als „Left Hooks" bezeichnet.

„Für mich ist die wichtigste Qualität dieser Musik, dass sie es mir erlaubt, mich bei anderen Klangquellen zu bedienen und einzubeziehen, was ich möchte", sagt er. „Du kannst dich selbst beeinflussen und bei anderen Musiksträngen bedienen, die du für passend hältst. Ich denke, das ist die fantastischste und erstaunlichste Qualität."

In den letzten paar Jahren ist Silva zum inoffiziellen Botschafter einer Szene geworden, die seit fast einem Jahrzehnt im portugiesischen Underground gewachsen ist, aber erst seit Kurzem den weltweiten Durchbruch feiert. Letztes Jahr hat Warp Records die Cargaa-Reihe veröffentlicht („cargaa" ist ein Slang-Begriff für „heiß" oder „hart"), drei Compilations, auf denen eine Reihe vielfältiger, aufstrebender portugiesischer Produzenten vertreten ist, wie Marfoxs Protegé DJ Nigga Fox, dessen Adaption der Silbe „Fox" eine offensichtliche Hommage an Silvas Einfluss ist, der Lissabonner Resident DJ Firmenza, der vor Kurzem in der Londoner Ausgabe des Boiler Room vertreten war, und die in Portugal geborene, 19-jährige Nidia Minaj aus Bordeaux, deren Name eine Hommage an ihren Lieblingsstar des amerikanischen HipHop ist.

Auch wenn Silva begeistert ist, dass Batida außerhalb der Grenzen seines Lissabonner Viertels ein Publikum gefunden hat, besteht er doch darauf, dass sich in Quinto do Mocho wenig verändert hat, dem Viertel mit 5.000 Einwohnern, in dem überwiegend Leute aus der Unterschicht und der Arbeiterklasse zu Hause sind, und das mittlerweile auch sein Zuhause ist. „Die Leute hier scheinen, was das alltägliche Leben angeht, in ihrem eigenen Universum zu leben", sagt er. Diese Isolation wirkt sich auch auf die Künstler Lissabons aus und ist vielleicht der Grund dafür, dass die Musik von Marfox und Co eine Ungeschliffenheit und Abstraktion behalten hat, die sie davor bewahrt, von Außenseitern kopiert zu werden.

„Ich denke, es hat eine politische Seite, da wir über eine Minderheit von Künstlern reden, die wenig Ressourcen haben, aber über die aufgrund der fantastischen Musik, die sie machen, international berichtet wird", sagt Silva. „Das ist Musik, die nur hier entstehen kann."

DJ Marfox spielt heute, am Freitag, 20. Mai, im OHM, Berlin.

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