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Die lange Reise der Petersburger GPS-Exkremente

Öko-Aktivisten haben mit selbst entwickelten Trackern den Weg ihres Abwassers durch die Kanalisation bis in das majestätische Zentrum von Sankt Petersburg nachgezeichnet.

von Sabrina Fuss
19 November 2014, 6:00am

Bild: Screenshot der Trackingspuren von Koprotravel.info

Die Stadt Nowoje Dewjatkino entstand in den 1980er Jahren im unmittelbaren Umland von Sankt Petersburg. Obwohl sie inzwischen 10.000 Einwohner zählt, gibt es zumindest für die 28 hochgeschossigen Wohnblöcke des Ortes bis heute keine funktionierende Reinigungsanlage, die dafür sorgen würde, dass ihr Abwasser in eine gründliche Säuberungsanlage geleitet wird. Lokale Öko-Aktivisten haben nun mit einfachen, selbstentwickelten GPS-Trackern bewiesen, dass viele ihrer Hausabflüsse und Fäkalien letztlich einfach im Fluss Ochta landen und so an den lokalen Grünanlagen entlangschwimmen.

Einige Anwohner, wie die Ökologin Jewgenija Dolgowa, konnten in Echtzeit verfolgt, wie ihre Abwässer ins Zentrum von Petersburg, unmittelbar vorbei am altehrwürdigen Hermitage und hinein in Newabucht und Ostsee schwimmen. Dolgowa und ein kleines Team lokaler Entwickler und Programmier hatten durch ihre Toilette der Kloake einige GPS-Tracker mit auf den Weg gegeben und sich die unschöne Route auf einer live aktualisierten Karte anzeigen lassen.

Jewgenija Dolgowa präsentiert die kleinen Tracking-Kugeln in einem Video zur Aktion der Aktivisten. Screenshot via YouTube.

Seit über zwei Wochen melden die kleinen Tracking-Geräte bis heute jede Stunde ihre Position an eine Yandex-Map (das russische Google-Maps-Äquivalent), die das Team auch auf seiner Webseite präsentiert. Bereits nach zehn Tagen hatten es fünf der Kloake-Tracker in die Newabucht vor Petersburg geschafft, während fünf der mit SIM-Karten ausgestatteten Positionsanzeiger leider verloren gingen.

Screenshot von der Karte der Aktivisten. Stand der Abwasser-Tracker 18.11.2014; 22:00. (via Koprotravel.info)

Bei den GPS-Trackern handelt es sich um speziell angefertigte Modelle aus China. Die Geräte hatten die Öko-Aktivisten zu einem günstigen Preis als Testmodelle geliefert bekommen, in dem sie behaupten, schon bald eine größere Bestellung aufzugeben. Anschließend verpackten die Petersburger die kleinen Tracker in vakuumverschlossene Plastikhüllen, tauchten sie in eine Mischung aus feuchtem Dreck, Salz und Teig, damit die kleinen Messgeräte auch stilecht durch die Kanalisation schwimmen, und warfen sie in die Toilette.

Selbstverständlich haben die Aktivisten von ihrer Protest-Aktion auch noch ein Video gedreht, um ihrer Forderung nach einer verbesserten Kanalisationstechnologie Nachdruck zu verleihen. Darin schickt die Ökologin nicht nur die Tracker auf die Reise, sondern präsentiert auch die unterschiedlichen Farbtöne der lokalen Abwasserflüsse:

Mit ihrer Aktion wollen die Aktivisten auf die Situation in Nowoje Dewjatkino aufmerksam machen und die Installation eines funktionierenden Abwasserleit- und Reinigungssystems voranbringen. Trotz angeblich bereits bewilligter Gelder kommen die Behörden von Nowoje Dewjatkino hier nämlich scheinbar seit 20 Jahren nicht wirklich in die Pötte.

Inzwischen haben auch einige Fernsehsender, wie der russische Channel 5, über die Aktion berichtet und in ihrem Video einen Korrespondenten neben Dolgowa an dem Abwasserfluss platziert. Dort erklärt die Öko-Aktivistin in einer überzeugenden Kombination aus wissenschaftlichen Erläuterungen und stilechter Poesie russischer Sprache:

„Du hörst hier zwar noch die ein oder andere Ente quaken, aber die Behörden wollen wohl noch so lange warten, bis auch der letzte Frosch gestorben ist."

Seit einigen Tagen sickert die Aktion nun auch weltweit durch die sozialen Netzwerke. Inzwischen kann sich Dolgowa laut eigenen Angaben vor Interview-Anfragen kaum retten. Längst haben auch weitere russische Fernsehsender über die Aktion berichtet—leider mit weniger knallharter Vor-Ort-Berichterstattung, dafür jedoch mit einem stark symbol-bebilderten Telefoninterview:

Screenshot: NTV

Gegenüber Channel 5 wollten die Behörden keine konkrete Stellungnahme zur Verbesserung der Situation abgeben, versprachen jedoch allgemein, die geforderten Wasserfilter bis zum Jahr 2017 einzubauen. Unterdessen versicherte eine Sprecherin der Petersburger Wasserkanäle gegenüber dem Blog tJournal, der die Ergebnisse bereits früh publiziert hat, dass immerhin das Trinkwasser aus den Petersburger Wasserhähnen in jedem Falle zahlreiche Filter durchlaufe.

Mittlerweile schlägt den Aktivisten auch einiger Gegenwind entgegen und ihre Webseite wurde in den vergangenen Tagen Opfer mehrerer Hacker-Angriffe. Dennoch wollen sie als nächste Aktion unmittelbar vor dem Wahrzeichen von Petersburg einen feierlichen Flashmob abhalten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen: Im Newa-Fluß vor der herrschaftlichen Peter-Paul-Festung wollen die Aktivisten gleichzeitig ihr Geschäft verrichten, Geschirr spülen und Wäsche waschen.

Auch diese Aktion dürfte wieder ein voller Erfolg werden—zumindest wenn die Umweltschützer erneut einen so viel versprechenden Call to Action bieten, wie bei ihren GPS-Trackern. Das Video zu den Fäkalien-Verfolgern endet mit einer freudigen Einladung an alle Zuschauer: „Wir verfolgen die Tracker gemeinsam mit unseren Freunden und wir wetten auf den weiteren Verlauf ihrer Reise. Bieten Sie mit! Viel Erfolg beim Wetten." Dolgowa und ihre Kollegen wissen in jedem Falle, wie man mit GPS-Daten Spaß haben kann.