Drogen

Fünf Dealer und ein ehemaliger Fußballprofi sollen hinter Chemical Love stecken

Europas ehemals größter Drogenshop soll innerhalb eines Jahres 3,5 Mio. Euro umgesetzt haben. Zwei der Dealer haben begonnen, Geständnisse abzulegen.

von Theresa Locker
12 Oktober 2016, 12:16pm

Drogen von „sehr guter Qualität" aus dem Chemical Love-Depot in Rülzheim. Bild: Staatsanwaltschaft Verden

Insgesamt sechs Personen sollen die Hintermänner des ehemals größten europäischen Online-Drogenshops Chemical Love sein, zwei von ihnen sind „weitgehend geständig". Das berichtet die Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz, die nun Anklage erhoben hat.

Das Geschäft im Netz kann durchaus als ein erfolgreiches bezeichnet werden: Die Staatsanwaltschaft hat seit Mai 2015 insgesamt 2.221 Bestellungen bei Chemical Love festgestellt, bei denen rund 75 Kilo Amphetamin, 3,6 Kilo MDMA, 2.700 LSD-Trips, 12.800 Ecstasypillen, 1,67 Kilo Koks, 300 Gramm Heroin, 2,93 Kilo Hasch und 165 Gramm Meth ihren Besitzer wechselten.

Chemical Love warb für sein Angebot, genau wie sein Vorgänger Shiny Flakes, auf einem Schwarzmarkt-Board, auf dem illegale Dienstleistungen gehandelt werden—bezahlt wurden Bestellungen nur mit der digitalen Währung Bitcoin, zum Teil über Treuhandverfahren des Schwarzmarktes. Die nun vorgelegte Anklage zeigt jedoch, dass Spezialermittler der Zentralen Kriminalinspektion Hannover dennoch erstaunlich viele Informationen über die Geschäfte des Shops aufdecken konnten.

Dem Hauptangeklagten wird vorgeworfen, seit Anfang Mai 2015 über den Chemical Love-Shop Ecstasy und MDMA, Gras ab Juli 2015, Crystal Meth, Kokain, LSD (ab Oktober 2015) und Amphetamin verkauft zu haben. Der 30-jährige mutmaßliche Dealer aus der Nähe von Stuttgart soll mit dem Webshop Chemical Love gemäß aktuellem Umrechnungskurs rund 3,5 Mio. Euro in Bitcoin verdient haben.

Zum Vergleich für's Dealer-Quartett: Der Shiny Flakes-Shop setzte gewichtsmäßig mehr Drogen ab, nämlich gemäß Urteil 914 Kilo; das Gericht stellte zudem fest, dass der Betreiber Maximilian S. insgesamt 4,4 Millionen Euro einnahm—nach Wertverlust sind es noch 3,9 Mio. Euro.

Der Admin und Programmierer der Seite ist nach wie vor auf freiem Fuss: Auf einen KiBa mit Statine von Chemical Love

Allein stemmte er das Geschäft jedoch keinesfalls: Einen Großteil der Drogen kaufte er laut Staatsanwaltschaft von „unbekannten Lieferanten" in Rotterdam und ließ sie von einem weiteren 30-Jährigen aus Pforzheim über die Grenze nach Deutschland fahren. Dieser Chauffeur kümmerte sich auch um die Verpackung und den Versand, vermutlich in dem Lager in einem Wohnhaus in Rülzheim, in dem bei einer Razzia am 14.04. auch ein Teil der bei Chemical Love angebotenen Drogen zusammen mit Verpackungs-Utensilien gefunden wurde.

Bei welchem der beiden 30-Jährigen es sich um den Dealer handelte, der im Netz und auf dem Schwarzmarktboard unter dem Pseudonym z100 als Chef von Chemical Love bekannt wurde, ist noch nicht klar.

Den beiden 30-Jährigen wirft die Staatsanwaltschaft vor, 2015 drei Kilo Gras und 90 Kilo Speed aus den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt und online verkauft zu haben.

Ab Dezember 2015 kam laut Anklage ein dritter, 29-jähriger Akteur dazu. Als Trio sollen sie zwischen Dezember 2015 und März 2016 drei weitere Ausflüge in die Niederlande gemacht haben, von denen sie 60 Kilogramm Speed mitgebracht und verkauft haben sollen.

Doch am 14. April endete das Geschäft abrupt: Mit 45 Kilo Speed im Gepäck aus den Niederlanden kommend, steuerte ein 35-jähriger Kurier (der vierte Angeklagte) das Chemical Love-Drogenlager in Rülzheim an und wurde dort, zusammen mit dem oben genannten Trio, festgenommen. Dabei wurden weitere Drogen „von sehr guter Qualität" aus dem Depot beschlagnahmt, heißt es in der Pressemitteilung der LZC.

Zwar wurden in Rülzheim auch Speichermedien beschlagnahmt, doch noch ist nicht klar, inwieweit die Auswertung zu den Ermittlungsergebnissen beigetragen haben oder ob die Festplatten verschlüsselt waren. Klar ist jedoch, dass der Chemical Love-Shop alle Bestellvorgänge mitgeloggt hat und somit Tausende Kundendaten in Gefahr sind. Sollten die Ermittler Zugang zum Backend des Shops erlangen, dürften—wie im Fall Shiny Flakes bereits geschehen—tausende weitere Verfahren gegen Käufer folgen.

Doch die Anklage richtet sich nicht nur gegen die vier Beschuldigten, sondern auch gegen zwei Männer im Alter von 23 und 61 Jahren. Bei diesen beiden dürfte es sich um den Ex-Fußballprofi Walter Kelsch (ehemals VfB Stuttgart sowie Nationalspieler) und einen Verwandten handeln. Walter Kelsch hat schon länger Probleme mit dem Gesetz, um es höflich auszudrücken; zuletzt soll er seine Freunde mit windigen Immobiliengeschäften um ihre Investitionen betrogen haben.

Anlagebetrug und eine Bauruine: Über den tiefen Fall des Walter Kelsch

Wie sich im Frühjahr herausgestellt hat, soll der Ex-Fußballspieler nun auch noch eine wichtige Rolle bei Europas größtem Online-Drogenshop spielen. Mitte April nahmen Ermittler Walter Kelsch bei einer Razzia in der Wohnung seiner Ex-Frau in Stuttgart-Degerloch fest.

Gemäß der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz soll Kelsch den Hauptangeklagten fünfmal zu Treffen mit Dealern in die Niederlande kutschiert haben. Das habe er seit ihrer Festnahme gestanden, allerdings wollte er nichts von kriminellen Absichten bei diesen Rendezvouses geahnt haben.

In den nächsten Wochen wird der Prozess gegen die sechs Angeklagten am Landgericht Landau beginnen. Ein Termin steht allerdings noch nicht fest.