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Wirtschaftssimulation: In wenigen Jahren kommt es weltweit zu massivem Aufstand

Eine Simulation von US-Behörden und internationalen Unternehmen zeigte, wie fragil unsere Weltordnung ist, und dass die Essenspreise in wenigen Jahren um bis zu 395% steigen könnten.

von Nafeez Ahmed
30 Juni 2016, 6:45am

Foto: Rob Butler | Flickr | CC BY-ND 2.0

Der staatliche und private Sicherheitssektor der USA bereiten sich anscheinend ausführlicher als bisher bekannt auf die Folgen einer globalen Ernährungskrise vor. Mehrere Studien, die bereits im Dezember 2015 von der CNA Corporation veröffentlicht wurden, über die jedoch bisher kaum berichtet wurde, beschreiben die detailgetreue Simulation einer weltweiten Hungersnot, die von 2020 bis 2030 andauert. So beschreiben es zumindest Berichte der CNA Corporation, einer Non-Profit-Organisation im Bereich der Unternehmensforschung und Operationsplanung, die für die US-Regierung tätig ist und unter anderem die US Navy und das US Marine Corps berät.

Bei dem Simulationsprogramm mit dem Titel „Food Chain Reaction" handelt es sich um ein Desktop-Game, das für die 65 teilnehmenden Vertreter diverser internationaler Institutionen aus den USA, Europa, Afrika, Indien und Brasilien eine Art Trockenübung darstellen sollte.

Das Szenario für die Simulation „Food Chain Reaction" wurde von unterschiedlichen Experten entworfen—unter anderem aus dem US-Außenministerium, von der Weltbank, dem großen Agraunternehmen Cargill sowie weiteren unabhängigen Spezialisten. Durchgeführt wurde die Simulation vom Institut für öffentliche Forschung, eine Unterabteilung der CNA Corporation. Im Auftrag des US-Ministeriums für innere Sicherheit (DHS) und der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe (FEMA) betreibt das Institut in erster Linie Forschungsarbeit und führt Analysen zu innenpolitisch wichtigen Themen durch.

Das „Spiel" fand vom 9. bis zum 10. November 2015 statt und sollte eine glaubwürdige globale Nahrungsmittelkrise simulieren. Ausgelöst wurde die globale Essenskrise in dem Szenario von „schwankenden Lebensmittelpreisen und einer instabilen Lebensmittelversorgung inmitten eines immer stärkeren Bevölkerungswachstums, einer schnellen Urbanisierung, heftiger Wetterereignisse und sozialer Unruhen."

Bild: Wikimedia Commons | Bill Koplitz.

Laut der Simulation waren die globalen Lebensmittelpreise bis 2024 bereits um 395 % angestiegen. Grund dafür waren anhaltende Ernteausfälle in den wichtigsten Produktionsregionen, die größtenteils durch den Klimawandel, rasant ansteigende Ölpreise und unbeholfene politische Reaktionen aus der internationalen Gemeinschaft angetrieben werden.

„Sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer wurden von Störungen beeinträchtigt, die zu politischer und wirtschaftlicher Instabilität führten und in gewissen Bereichen soziale Unruhen verstärkten", heißt es in dem technischen Bericht zu dem Projekt.

In dem Bericht wurde zudem vermerkt, dass die Teams nach der Simulation besonders die bedeutende Rolle „extremer Wetterereignisse" und der „Ernährungsunsicherheit" in verschärften „Fällen erheblicher interner und externer Migration und sozialer Unruhen" betonten, „die in hohem Maße zu dem Konflikt beitrugen."

Nationale Sicherheit

Obwohl dieses Szenario keine Prognose darstellt, liefert das Planspiel durchaus eine realistische Simulation der Rahmenbedingungen, um die Belastbarkeit des nationalen Sicherheitssystems aus der Perspektive der US-Regierung, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft zu testen.

Vier ganz unterschiedliche Organisationen hatten CNA Corp mit dem Projekt beauftragt: Der World Wildlife Fund (WWF), das Center for American Progress, der riesige Lebensmittelkonzern Cargill, der ein Viertel des US-amerikanischen Getreideexports kontrolliert, und der allseits bekannte Süßwaren-Produzent Mars Inc..

Ausgehend von der durchgeführten Simulation kam es vergangene Woche auf Initiative des Center for American Progress zu einer Diskussionsrunde. An der Debatte mit dem Titel „Auswirkungen des Klimawandels und der Ernährungssicherheit auf die nationale Sicherheit" hervorgegangen nahm unter anderem Nancy Stetson teil, die als Sonderbeauftragte für globale Ernährungssicherheit für das US-Außenministeriums arbeitet.

Vom Ernteausfall zum Systemausfall

Die Simulation beginnt im Jahr 2020 mit einer einigermaßen gesunden Weltwirtschaft und Ölpreisen, die auf 75 US-Dollar pro Barrel angestiegen sind. Auch die Lebensmittelpreise steigen aufgrund von „wetterbedingten Störungen in der Agrarproduktion", die Süd- und Südostasien, Australien und Nordamerika betreffen, stetig an. Der weltweite Pflanzenanbau bleibt um ein Prozent hinter den Erwartungen zurück, was wiederum zu Bestandsminderungen und einem weiteren Preisanstieg führt.

„Teilweise wird diese positive Entwicklung durch unerwartet hohe Spenden aus aller Welt an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bedingt."

Die Situation spitzt sich nach 2023 deutlich zu, nachdem es in China, Russland und der Ukraine zu schweren Dürren und Hitzewellen gekommen ist. Gleichzeitig schnellen die Ölpreise auf 100 US-Dollar pro Barrel hoch.

Bis 2024 ziehen die Hitzwellen und Dürren dann über die Europäische Union, Russland und die Ukraine, lassen aber in den restlichen Regionen nach. Dadurch steigen die Lebensmittelpreise auf unglaubliche „395 Prozent des langjährigen Mittels", und die weltweite Konjunktur wird stark geschwächt.

2027 klingen diese Umstände dann langsam ab, aber nur, weil die Nachfrage durch einen Konjunktureinbruch deutlich gesunken ist, während hohe Preise die Lebensmittelproduktion ankurbeln. Ein vorläufiges Ende der wetterbedingten Störungen ermöglicht es zudem, die Essensvorräte wieder aufzufüllen, und die Preise sinken allmählich wieder.

Das Spiel endet schließlich mit einem optimistischen Szenario, in dem die Lebensmittelpreise von 395 wieder auf 141 Prozent des langjährigen Mittels fallen und die Weltwirtschaft sich erholt.

Bild: Flickr | Alex Morse.

Teilweise wird diese Entwicklung durch unerwartet hohe Spenden aus aller Welt an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bedingt, durch die „die Welt gut gerüstet ist, um die Katastrophe in den Gegenden zu bewältigen, die von humanitären Organisationen erreicht werden können."

Das klingt vielleicht etwas merkwürdig, doch tatsächlich hat es in der Geschichte bereits noch skurrilere Ereignissen gegeben. Eine massive Spendenaktion ist aber sicherlich nicht die Lösung, die man von einem ausgewählten, internationalen Experten-Team für eine Krise solchen Ausmaßes erwartet.

In anderen Simulationen hingegen, die sich mit einer weltweiten Nahrungsmittelkrise auseinander gesetzt haben—wie zum Beispiel dieses komplexe Modell, das von dem Institut für globale Nachhaltigkeit von der Anglia Ruskin University entwickelt wurde—wurde vorausgesagt, dass aktuelle Entwicklungen zu einem massenhaften Zusammenbruch der industriellen Zivilisation führen könnten.

Die Tatsache, dass die Simulation auch von Cargill und Mars gesponsert wurde, erklärt vielleicht, warum in dem Projekt nicht auf die tief verwurzelten Probleme der vorherrschenden industriellen Nahrungsmittelbranche eingegangen wurde. Hoffen wir, dass der größte Geldgeber der CNA Corporation—die US-amerikanische Regierung—nicht einfach in aller Ruhe auf eine klimabedingte Nahrungsmittelkrise warten wird. Dann nämlich würde der FEMA nichts weiter übrig bleiben, als zu drastischen Notfallmaßnahmen zu greifen, um inmitten von Hunger und Wut die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

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