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Bis zum bitteren Abschmelzen

Im Frühjahr 2015 wird Alex Bellini nach Grönland fliegen, auf einen Eisberg springen und dort leben, bis das Eis abgeschmolzen ist.

von Gian Volpicelli
27 Januar 2014, 5:48pm

Bildausschnitt aus dem Video der Adrift Kampagne von Alex Bellini

Im Frühjahr 2015 wird Alex Bellini nach Grönland fliegen, auf einen Eisberg springen und dort leben, bis das Eis geschmolzen ist. 

Während seine Eisscholle in Richtung Süden ihrem schmelzenden Untergang entgegen treibt, wird er Augenzeuge werden, wie seine temporäre Heimat immer kleiner wird, bis nichts mehr vom Berg da ist und er selbst sich hilflos im Ozean wiederfindet. Alex hofft auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit für das Problem der globalen Erwärmung und seiner Konsequenzen zu generieren. 

Seine Mission soll ein unmissverständliches Sybmbol für den prekären Zustands der menschlichen Spezies auf diesem Planeten sein. Seine persönliche größte Herausforderung dürfte es aber sein, die Zeit totzuschlagen, denn er wird ganze 12 Monate da oben verbringen. Das klingt ziemlich hart, aber Bellini hat eine ziemlich solide Erfolgsbilanz aufzuweisen, wenn es um seltsame Ausdaueraktionen geht.  

Auch wenn Bellini sich heute selbst mit Fug und Recht als „Abenteurer" definieren kann, war sein Leben nicht immer so aufregend. Im Jahr 2001 war er noch ein 20-jähriger Student in Mailand, der eine Banking-Karriere anstrebte. Als die Aussicht auf ein Leben in der Finanzbranche sich konkretisierte, fand er die Vorstellung so scheiße, dass er sich für eine drastische Planänderung entschied: Er machte sich auf nach Marokko, um den Marathon des Sables zu laufen. Das 254-km-Rennen durch die Sahara-Wüste bestritt er praktisch ohne Training. 

Seither steckt Bellini seine Energie in ziemlich krasse Herausforderungen. 2005 begab er sich auf ein sieben Meter langes Ruderboot, um den Atlantischen Ozean zu durchqueren; 2008 ruderte er über den Pazifik (auch wenn er auf den letzten paar Metern ein bisschen Hilfe brauchte); 2011 lief er in 70 Tagen von L.A. nach New York. 

Es ist ihm also gelungen, einem Leben am Schreibtisch zu entkommen, und er hat einen Weg gefunden, sein Leben mit solchen Kunststücken (und nebenbei als Motivationstrainer) zu finanzieren. Die Aktion mit dem Eisberg verspricht eine seiner bisher größten Nummern zu werden. 

Der Trailer über Bellinis Eisbergprojekt. Video via Vimeo/BigRock

Bellini lebt heute in dem kleinen Ort Thame in Oxfordshire in Großbritannien. Ich habe mich mit ihm in Oxford in einem Café getroffen, um über sein nächstes Abenteuer zu sprechen. Am Ende wurde das ganze zu einer Unterhaltung über die Grundlagen unseres Lebens, über das Scheißen in Eimer und über Selbsthypnose. 

Motherboard: Was motiviert dich dazu deine Aktionen durchzuziehen?

Alex Bellini: Als ich beschloss, ein Abenteurer zu werden, habe ich einfach nur versucht, meinen inneren Bewegungsdrang zu befriedigen. Durch meine ganzen Aktionen habe ich gelernt, dass es nicht darum geht, was ich tue, sondern, wie ich mich dabei fühle. Während ich in Bewegung bleibe, kommen mir viel kreativere Gedanken—es ist kein Zufall, dass die großen Denker zur maximalen Klarheit kommen, wenn sie sich bewegen. Die besten Antworten, die ich in meinem Leben gefunden habe, habe ich auf diesem Weg gefunden—nicht während ich nach Antworten gegoogelt habe. 

Und warum läufst du nicht einfach die Hauptstraße hoch und runter? Warum musst du gleich einen Ozean überqueren?

Das Leben ist wie ein Pendel: Je größer deine Ambitionen, dein Einsatz und die Schwierigkeiten, die du auf dich nehmen willst, desto größer wird am Ende deine Belohnung ausfallen. Auf der Hauptstraße entlang laufen bringt das Pendel wohl kaum in Bewegung. Aber auf dem Ozean zu sein, verstärkt alles und verleiht dem Pendel ordentlich Schwung. 

Ich verstehe. Kannst du mir erklären, wie du es geschafft hast, dein Dasein als Abenteurer zu einem Beruf zu machen? 

Du musst erst mal „Beruf" definieren. Meiner Meinung nach ist ein Job etwas, von dem man leben kann. Ich kann davon leben, ein Abenteurer zu sein, weil es ein paar Sponsoren gibt, die in meine Abenteuer investieren. Viele Firmen unterstützen mich, weil sie mich als Markenbotschafter haben, der die Unternehmenswerte klar und deutlich vermittelt. 

Bellini am Ende von seinem Atlantik-Projekt, 2006. Bild mit freundlicher Genehmigung von Alex Bellini.

Wie wählst du deine Sponsoren aus? 

Als ich anfing, habe ich niemanden ausgesucht. Bettler können nicht wählerisch sein: Ich habe jedem zugesagt, der sich mir anbot. Die Dinge haben sich aber geändert und nun müssen meine Sponsoren bestimmten fundamentalen, ethischen Kriterien entsprechen. Zum Beispiel soll mein neuestes Projekt zum Leben auf dem Eisberg ein öffentliches Bewusstsein über den Klimawandel wecken, weswegen der Sponsor also kein Unternehmen sein kann, das den Planeten rücksichtslos verschmutzt. Wir haben die Sponsoren noch nicht ausgesucht, aber ganz offensichtlich wird Nachhaltigkeit ein nicht verhandelbarer Faktor sein. 

Genau, der Eisberg. Erklär mal, was du vorhast. 

Im Frühling 2015 werde ich auf einen Eisberg in Grönland steigen, mit ungefähr 300 Kilo dehydrierten Lebensmittel, elektronischen Geräten und einer Überlebenskapsel. Überlebenskapseln sind eine Art schwimmende Kevlar-Untertasse mit vier Metern im Durchmesser, die als Rettungsbote auf Ölplattformen verwendet werden. Ich werde in der Kapsel auf dem Eisberg leben, bis er schmilzt—das passiert meist innerhalb einer Zeit von acht bis zwölf Monaten. Dann werde ich auf dem Atlantischen Ozean treiben, in meiner Kapsel, bis ich an Land gespült werde. 

Wie suchst du dir den Eisberg aus?

Aufgrund der Abmessungen und Form. Der Eisberg wird tafelförmig und flach sein und ungefähr einen Durchmesser von 60 mal 20 Metern haben. 

Wie kamst du auf die Idee, auf einem Eisberg zu leben?

Mein Ziel ist die Berichterstattung und die wissenschaftliche Untersuchung von der Lebensspanne eines gesamten Eisbergs. Ich will beweisen, wie sehr sich das Schmelzen von Eisbergen in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat. Es geht aber auch um die Metapher: Das Abenteuer von einem Mann, der auf einem Eisberg treibt, wird den Zustand der Menschheit auf einem gefährdeten Planeten symbolisieren. 

Aber meine Reise wird auch eine Gelegenheit sein, neue Technologien auszuprobieren. Ich denke da besonders an Kommunikationstechnologien, die ich benutzen werde, um mit meiner Familie und meinem Team zu kommunizieren, aber auch Energietechnologien. Zum Beispiel wird meine technische Ausrüstung von einer Rudermaschine angetrieben, die Muskelenergie in Elektrizität umwandelt. 

Foto von Jonathan Shkurko

Wo wir von der technischen Ausrüstung sprechen, gibt es in der Überlebenskapsel eine Toilette? 

Nein, dafür werde ich einen Eimer benutzen. Es ist schon witzig, es dauerte eine Weile, bis ich feststellte, dass ein Eimer sich dafür am besten eignet. Als ich den Atlantik überquerte, versuchte ich zuerst, von der Bootskante zu scheißen. Das Problem dabei war, dass bei starkem Seegang die ganze Scheiße wieder zurück ins Boot geworfen wurde. Deshalb fing ich an, in einen Eimer zu scheißen, und das klappte super. Später habe ich sogar festgestellt, dass Scheiße ein großartiger Köder für Fische ist: Jedes Mal, wenn ich den Eimer leerte, kamen ganze Horden von Fischen, und es war einfacher, sie zu fangen. 

Interessant, aber lass uns wieder über den Eisberg reden. Was wirst du den ganzen Tag machen? 

Das wird eine besondere Herausforderung, da es dieses Mal keine großartigen körperlichen Anstrengungen geben wird. Die Aufgaben wird tatsächlich darin bestehen auszuharren (und das bei einer Temperatur von -20 Grad). Ich nehme mir was zu lesen mit, natürlich. Meine Frau und ich haben uns beide für ein Fernstudium an der Open University angemeldet. Wir werden also „zusammen" über das Internet Psychologie studieren. 

… Psychologie?

Ich interessiere mich für die Ursachen der menschliche Verhaltensweisen und für Hypnose. Ich schreibe gerade an einer wissenschaftlichen Arbeit über Sporthypnose. 

Was ist das denn? 

Jeder Athlet, der außergewöhnliche Ergebnisse erzielen will, muss unbewusste psychische Blockaden überwinden, die seine Leistung behindern. Ich lerne, wie ich Athleten dabei helfen kann, diese Blockaden zu überwinden, unter anderem durch Hypnose. Ich meine nicht die Show-Hypnose, sondern eine bestimmte Art von Meditation, die Menschen dabei hilft, ihre Energien besser zu nutzen.

Kannst du dich selber hypnotisieren? Wirst du dich auf dem Eisberg hypnotisieren?

Natürlich werde ich das machen. Ich habe mich selber schon etliche Male hypnotisiert. Zum Beispiel bei meinem Lauf von Los Angeles nach New York, da war ich in hypnotischer Trance. 

Ist das nicht gefährlich? Ich meine, ein LKW hätte dich ziemlich einfach umfahren können, während du in Trance warst? 

Das stimmt. Die Möglichkeit von Unfällen, oder dass du einfach in die falsche Richtung läufst, ist definitiv gegeben. Und deswegen habe ich versucht, jemanden dabei zu haben, der mit mir läuft, um solche Dinge zu verhindern. 

Wie funktioniert „Selbst-Hypnose"?

Es gibt zwei Wege. Der erste ist, dass sich dein Geist auf einen Rhythmus konzentrieren muss: Einige indigene Völker kommen in kollektive Trance, wenn sie Schlagzeug spielen und tanzen. Die zweite Technik ist die „Mono-Idee": Du konzentrierst deinen Geist auf einen einzigen Gedanken, bis du in Trance bist und du wirst schnell beeinflussbar sein. Wenn du in diesem Stadium bist, kannst du dir selber die richtigen Anweisungen geben und kannst gute Ergebnisse erzielen. 

Wir haben über den Klimawandel gesprochen und nun reden wir über Hypnose… Eine letzte Frage: Die großen Abenteuer der Vergangenheit haben einige wichtige geografische Entdeckungen erzielt. Was glaubst du, wirst du bei deinem Abenteuer entdecken? 

Offensichtlich habe ich keine geografischen Entdeckungen gemacht. Die heutigen Abenteuer machen eher persönliche Entdeckungen. Zum Beispiel habe ich entdeckt, dass ich einige Dinge nicht beeinflussen kann: Wenn du auf See bist, kannst du keine Zeit damit verschwenden zu versuchen, sie zu kontrollieren, denn damit bringst du nur dein Leben in Gefahr. 

Ich habe außerdem festgestellt, dass es für mich zu schwierig ist, etwas zu tun, dass ich nicht mag. Und schließlich habe ich festgestellt, was ich gerne mache. Das ist keine kleine Entdeckung: Heute sind die Menschen zwar frei, aber sie erlauben es sich selber nicht, glücklich zu sein.