Charge R343741 ist doppelt auf dem Markt
Hier flog ein jahrelanges Betrugnetz auf, das einen sehr gierigen Pharmahändler sehr reich machte. Bild: Tim Klausing/MOTHERBOARD
Weiß fährt bei einem Umsatz von sechs Millionen Euro nicht nur einen Gewinn von satten drei Millionen Euro ein, wie das BKA erklärt. Er nimmt dabei zumindest in manchen Fällen billigend in Kauf, dass die Medikamente während des Schmuggels wirkungslos werden, weil sie während der Transporte von Südafrika nach Deutschland möglichweise nur unzureichend gekühlt werden.Tatsächlich soll ein Labortest Jahre später ergeben, dass die Wirkstoffkonzentration in den Mitteln, die deutsche HIV-Patienten wie der Delmenhorster Kunde kauften, deutlich geringer ist. Sie liegt aber „noch im Toleranzbereich", erklärt der Ermittler Jürgen Möller aus Lübeck.Auf der Route von Südafrika nach Sylt verzehnfacht sich der Gewinn—und die Medikamente drohen wirkungslos zu werden.
„Hier bereichern sich nicht nur Großhändler mit krimineller Energie, sondern hier werden auch Menschen geschädigt, denen diese Medikamente vorenthalten werden, und das ist besonders verwerflich", sagte der Pharmaexperte Gerd Glaeske von der Uni Bremen dem Radiosender NDRinfo.Motherboard Vor-Ort-Recherche: Bis das SEK kommt—die erste Festnahme eines deutschen Darknet-Waffenhändlers?
Faule Ausreden und windige Komplizen
Ilka Steinhausen und Arne Meyer, zwei Reporter aus dem Investigativressort des NDR, deckten die ganze Sache 2011 für den Radiosender NDRinfo Stück für Stück auf. „Wir haben damals einen Tipp bekommen", sagt Arne Meyer. Ihm gelang es auch, zweimal am Telefon mit dem Sylter Pharmagroßhhändler zu sprechen: „Er war sich keiner Schuld bewusst, als ich mit ihm telefoniert habe", erzählt Meyer. „Er hat die Anschuldigungen recht unwirsch abgetan: Das seien alles völlig haltlose Behauptungen. Ein großes Missverständnis."Um das Geld zu waschen, nutzt Weiß die Tiefkühlfischfirma seiner Frau.
Die Verteidigungsstrategie des allgemeinen Dementis und Fingerzeigen hat auch der Schweizer Leber schon einige Male genutzt. Er musste sich schon mehrfach wegen Medikamentenfälschungen verantworten und gab Medien sogar ausführliche Interviews, in denen er die Zustände seiner Zulieferer beklagte und seine Hände in Unschuld wusch. Dass die vermeintlich bösen Zulieferer gar nicht extistierten, fiel erst später auf. Auch der Hauptangeklagte Weiß ist vor Gericht ein alter Bekannter: Im Dezember 2010 wurde er schon einmal vom Amtsgericht Niebüll verurteilt. Er hatte wirkungslose Blutverdünnungspräparate in Umlauf gebracht und wird vom BKA beschuldigt, Medikamente speziell für Doping bereitgestellt zu haben. Man tut, was man kann.
Bulkware auf dem Weg nach Europa
Der aufwändigste Arbeit auf der Schmuggelroute findet bereits in Südafrika statt: Hier werden die losen Arzneimittel in neue, gefälschte Blister umverpackt, damit sie auf dem deutschen Markt nicht auffallen. Für das sogenannte Umblistern nutzten Weiß und seine Komplizen aller Wahrscheinlichkeit nach Maschinen, die für wenige Tausend Euro über chinesische Marktplätze bestellt werden können, wie uns der Deepweb-Medikamentenhändler OxyWhite berichtet. Das Umblistern der zehntausenden Pillen, die Weiß und seine Komplizen in Säcken schmuggeln, ist dennoch eine mühsame Kleinarbeit, die Wochen in Anspruch genommen haben dürfte.„Vielleicht sitzen wir nur am Rande eines großen Spinnennetzes"
HIV-Patienten warten auf die Ausgabe antiretroviraler Medikamente in Südafrika. Bild: imago
Hersteller wie Glaxo Smith Kline und Boehringer Ingelheim versorgen nämlich nicht nur deutsche AIDS-Patienten, sondern liefern ihre Präparate wie Combivir, Trizivir, Viramune oder Epivir auch nach Südafrika. Dort kosten die lebenswichtigen Medikament nur einen Bruchteil, weil die Käufer oft nicht versichert oder einfach ärmer sind. Diese preisliche Diskrepanz und die undurchsichtigen Lieferketten bei Medikamenten im internationalen Handel nutzte Weiß über mehrere Jahre hinweg aus.Arzneimittel zu fälschen ist lukrativer als Drogen zu verticken.
Geldwäsche mit Tiefkühlfisch
In Deutschland laufen 2011 die Untersuchungen im Falle Weiß derweil weiter: In Lübeck ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen MPA Pharma aus Trittau, die sich mit in Deutschland weiterverkauften Medikamenten aus Südafrika ebenfalls um 300.000 Euro bereichert haben soll, außerdem gegen CC Pharma und . „Es kann sein, dass es ein Spinnennetz gibt und wir nur am Rand sitzen", sagte der Oberstaatsanwalt Dieter Möller in Lübeck. Die Spuren führten 2011 alle nach Sylt. Der Pharmagroßhändler Weiß hatte dort drei eigene Firmen auf der Insel, die alle mit Medikamenten handelten: Die nach seinen Initialen benannte EWS Trading GmbH, die Firma PTC, und die Fisch- und Tiefkühlwarenfirma SAS Handelsgesellschaft seiner Frau, die alle nur einen Steinwurf vom Golfplatz Morsum entfernt lagen.Die graueste Zone des Darknets: Medikamentenhandel in der „Lifestyle-Apotheke"
Eine Blistermaschine, mit der Pillen verpackt werden können. Bild: imago
Geklaut aus Südafrika
Antiretrovirale Medikamente können das HI-Virus zwar nicht heilen, aber zumindest daran hindern, sich schneller zu vermehren. In Südafrika sind 5,8 Millionen Menschen täglich auf HIV-Medikamente angewiesen. Der Anteil der Infizierten liegt bei über 18 Prozent der Bevölkerung. Und trotzdem sterben viele von ihnen einen qualvollen, frühzeitigen Tod, weil sie keinen Zugang oder kein Geld für die Medizin haben oder nicht ausreichend versichert sind.Immer wieder kommt es auch zu Betrugsfällen im Zusammenhang mit HIV-Medikamenten: Zum Beispiel werden Patienten an Kliniken abgewiesen, weil der Vorrat der Medizin angeblich erschöpft sei. Zwei Ecken weiter handeln dann plötzlich Menschen mit genau dem benötigten Medikament. Ebenso ist der Betrug mit HIV-Medikamenten aber auch in Deutschland Alltag: Rund um das Kottbusser Tor in Berlin wird ganz offen mit HIV-Rezepten gehandelt.„Tja, das nennt man einen Deal", seufzt der Staatsanwalt resigniert.
Die Anker-Apotheke im brodelnden Delmenhorst, in der der Kunde den Betrug aufdeckte. Bild: Tim Klausing/MOTHERBOARD
