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Nach 150 Jahren sind erstmals wieder Galápagos-Schildkrötenbabys geschlüpft

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von Theresa Locker
20 Januar 2015, 3:43pm

Der Nachwuchs des Jahrhunderts ist da!​ Opa gefällt das. Bild: ​Pixabay | ​Gemeinfrei

​Das Comeback des Jahrhunderts hat keine Falten, sondern Panzer: Die beinahe ausgerottete Riesenschildkröte auf den Galápagosinseln hat sich wieder erholt. „Wir haben im vergangenen Monat zehn winzige, frisch geschlüpfte Sattelschildkröten auf der Insel gefunden", berichteten Tierschützer gegenüber ​Nature in dieser Woche.

Der Entdeckung der in freier Wildbahn ausgebrüteten Baby-Schildkröten auf der Insel Pinzón ist ein ziemlich spektakuläres Ereignis. Eines, das die Insel seit mindestens 150 Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Sie ist noch etwas schüchtern, aber hat ja auch ein paar Jahrhunderte Zeit, um den Vulkan zu erkunden: Eine Baby-Riesenschildkröte auf der Galápagos-Insel Pinzón. Bild: James Gibbs. Mit freundlicher Genehmigung. 

Um diesen Kindergeburtstag zu feiern, hat die ​Galápagos Conservancy eine Live-Webcam eingerichtet, mit der man den Schildkröten zumindest bei Tageslicht entspannt beim gemütlichen Herumkriechen im Halbschatten zugucken kann—ein herzerwärmend beruhigender Anblick.

Verantwortlich für diesen Erfolg ist eine Menge Rattengift und die gute Arbeit der ecuadorianischen Tierschützer seit den 60er Jahren. Denn die Ratten, die als blinde Passagiere mit den Booten von Seglern auf dem 18 Quadratkilometer großen Vulkan angelandet waren, vermehrten sich rasend schnell und fraßen schlichtweg alles—am Liebsten die halb ausgebrüteten Schildkröteneier oder gleich die Küken. So trugen sie ihren Teil dazu bei, dass die riesigen Tiere beinahe komplett ausstarben.

Riesenschildkröten auf der Insel Santa Cruz, Teil der Galapagos-Inseln.​

Die Ältesten der noch lebenden Galápagos-Schildkröten haben wahrscheinlich noch Walfänger und Piraten des 19. Jahrhunderts erlebt, die die Tiere zu Hunderten als Nahrung an Bord nahmen. Durch die permanente Bedrohung durch die eingeschleppten Ratten schätzen Experten, dass auf Pinzón seit Jahrhunderten keine einzige Schildkröte geschlüpft war.

2012 bombardierte also ein Helikopter die Insel mit Abertausenden kleinen blauen Pellets, die Rattengift enthielten. Die aggressive Nager-Ausrottung lief unter dem Codenamen Project Pinzón, was wahrscheinlich einfach cooler klang als „Kill 'em All-Ratten-Genozid".

Gleichzeitig wurde den Schildkröten auf der Insel damals regelmäßig von Rangern ein Kaktus-Snack angeboten, damit sie sich daran gewöhnten und diese Fütterung den überall herumliegenden Rattenködern vorzogen. Zwei Jahre nach dem Beginn der Initiative zeigen sich nun die ersten Erfolge.

Die Tierschützer aus Ecuador und ein Team rund um Dr. James Gibbs von der State University of New York manövrierten sich monatelang auf der Suche nach Schildkröten mit Macheten durch die dornigen Büsche und durchkämmten mit Gaffatape-verstärkten Stiefeln die Vulkanlandschaft. Denn kleine Schildkröten verstecken sich gern zwischen losen Lavaklumpen und sind daher sehr schwierig zu finden.

Wir gehen momentan von 500 Schildkröten aus, dreimal mehr als zur Gründung des Galápagos-Nationalparks 1960.

Jeder gefundenen Schildkröte wird ein GPS-Chip ins Bein implantiert, bevor sie nach einer kleinen Längenmessung weiterkriechen darf. Mittlerweile haben sich die erwachsenen Schildkröten an den Menschenbesuch gewöhnt und versammeln sich neugierig, sobald Zweibeiner auftauchen: „Obwohl wir sie pieksen, aufheben, messen, wiegen und generell belästigen, sammeln wir ja nur Daten", schreibt der Tierschützer Gibbs auf dem ​Blog des Conservatory.

„Am Ende unserer Untersuchung war das Team über 300 Schildkröten begegnet—insgesamt schätzen wir die Population auf weit über 500. Das sind dreimal so viele Schildkröten im Vergleich zu den 100 bis 200 Tieren, die im Galápagos-Nationalpark bei seiner Gründung 1959 gefunden wurden."

Obwohl Gibbs und seine Kollegen ebenfalls intensiv nach Ratten Ausschau hielten, fanden sie keine einzige. „Als Biologe fiel es mir schwer, zu begreifen, dass jetzt wirklich jede einzelne Ratte getötet wurde", schrieb Gibbs. „Aber es scheint tatsächlich geklappt zu haben."

Jetzt besteht die Herausforderung nur noch darin, die Ratten dauerhaft von dem Archipel mit nur 30,000 Einwohnern und 200,000 Besuchern pro Jahr fernzuhalten. Dafür bekommt das Team Unterstützung aus Neuseeland, das sich durch ihre isolierte geographische Lage und das von Aussterben bedrohte Nationaltier, den flugunfähigen Kiwi-Vogel, in den letzten Jahrzehnten als Spezialisten in der großflächigen Ungezieferkontrolle hervorgetan haben: Wer dort ein Possum abknallt und den Pelz zum Tierschutzamt bringt, bekommt ein paar New Zealand-Dollar als Belohnung.

Zuvor hatte sich Ecuador schon von anderen invasiven Spezies auf dem Galápagos-Archipel befreit, in diesem Fall waren die Übeltäter aufdringliche Schweine und Ziegen. Und das Ökosystem schien sich ebenfalls überraschend schnell zu erholen: „Es gab plötzlich wieder mehr Vögel, mehr Pflanzen, mehr Salamander. Wie eine Insel auf der Insel".

Kann wieder ungehindert Schildkrötenkram machen, ohne von Ratten belästigt zu werden: Eine Galapagos-Riesenschildkröte. Bild: ​Wikimedia Commons​Pandanus | ​Gemeinfrei

Bei derart drastischen Maßnahmen ist die Rettung der seltenen Schildkröten daher natürlich weiterhin ein Thema.

Zu einer Ikone für den Tierschutz auf dem Galapágos-Archipel wurde die Riesenschildkröte „​Lonesome George" der Unterart Pinta. Der einsame Georg war 2012 als vermeintlich letzter seiner Art (Chelonoidis nigra ssp. abingdoni) im für eine Schildkröte zarten Alter von ca. 100 Jahren gestorben, nachdem er seit den 1980er Jahren an Übergewicht litt. Mittlerweile befinden sich Lonesome George's Überreste einbalsamiert im Naturkundemuseum in New York. Vor drei Jahren fanden Wissenschaftler 17 Pinta-Schildkröten auf der gleichnamigen Insel des Galápagos-Archipels, deren Gene zum Teil Informationen der Unterart in sich trugen, zu denen auch George gehörte.

Die Entdeckung ging durch die Presse, doch der Schein trügte: Die reinrassige Pinta-Schildkröte sei endgültig ausgestorben, sagte Volker Holmes von WWF Deutschland gegenüber der ​Zeit: Man könne genausogut behaupten, der Auerochse sei nicht ausgestorben, weil ​Teile seines Genmaterials noch im Hausrind nachgewiesen werden könnten.