Die Plage schlafwandlerischer Sexattacken: Ich leide unheilbar an Sexsomnie
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Die Plage schlafwandlerischer Sexattacken: Ich leide unheilbar an Sexsomnie

Ohne dass ich es merke, versuche ich nachts mit meiner Frau Sex zu haben. Sie hat sich inzwischen mit meinem Schlafwandel-Sex arrangiert, aber nicht jede Form der Sexsomnie ist so harmlos wie meine.

Es passierte im Dunkeln, wie immer. Vor ungefĂ€hr drei Jahren habe ich zum ersten Mal von einer fremden Frau getrĂ€umt. Jedes Mal, wenn sie und ich am gleichen Ort waren, ging es sofort zur Sache. Wir tauschten nicht einmal Blicke, geschweige denn Worte aus und doch war die AffĂ€re mehr als ein flĂŒchtiger Traum. Es dauerte nicht lange, und die TrĂ€ume begannen in die RealitĂ€t zu sickern. Bald bemerkte ich, dass die fremde Frau, die mir nachts erschien, eigentlich meine Freundin war, mit der ich wenige Stunden zuvor gemeinsam eingeschlafen war. Mir wurde klar, dass ich an einer seltenen Form schlafwandlerischen Sexzwangs litt.

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Unsere gemeinsamen NĂ€chte erlebte ich wie einen bizarren, mit der Wirklichkeit vermischten feuchten Traum; gerade greifbar genug, um echt zu sein, aber auch so unwirklich, dass sie sich gleichermaßen surreal anfĂŒhlten—wie eine Geschichte aus einer ErzĂ€hlung Haruki Murakamis. Meine Freundin, die inzwischen meine Frau ist, bezeichnete meine nĂ€chtlichen Avancen schon bald nur noch als â€žMitternachts-Sexplage." Doch mein Verhalten hat auch noch einen anderen, weniger zĂ€rtlichen Namen: Sexsomnie.

Schlaf und Sex: Was soll schon schiefgehen?

1984 traf Dr. Colin Shapiro auf eine Frau, die ihn letztlich dazu brachte, den Begriff und die Diagnose der â€žSexsomnie" zu prĂ€gen. Damals arbeitete er als Forscher in einem sĂŒdafrikanischen Schlaflabor. „Nach einem Interview mit einer Journalistin fragte sie mich, ob wir noch etwas Persönliches besprechen könnten."

Die Reporterin berichtete Shapiro von NĂ€chten, in denen ihr Mann davon aufwachte, dass sie im Schlaf masturbierte. Das Paar war damals gerade frisch verheiratet und die unbehandelten Symptome der Sexsomnie belasteten ihre Beziehung, verwirrten die Frau und verunsicherten ihren Mann.

sexsomnisches Verhalten reicht von Stöhnen ĂŒber das Rufen von ObszönitĂ€ten bis hin zu Geschlechtsverkehr.

In den folgenden zwölf Jahren untersuchte Shapiro viele weitere FĂ€lle von Sexsomnie. ZunĂ€chst war auch er von dem PhĂ€nomen erstaunt, doch nach und nach begann der Psychiater ein Muster zu erkennen und schrieb schließlich einen wissenschaftlichen Artikel ĂŒber Sexsomnie. Der erste dieser Fachartikel trug den romantischen Titel „Sexuelles Verhalten im Schlaf—eine neue Form der Parasomnie."

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Als Parasomnie bezeichnet damals wie heute abweichendes nĂ€chtliches Verhalten wie Schlafwandeln, Ängste, LĂ€hmungen und seit kurzem auch Sexsomnie. 2003 veröffentlichten Shapiro und seine Kollegen eine detaillierte Chronik der elf bislang systematisch dokumentierten FĂ€lle unter dem Titel „Sexsomnie—eine neue Parasomnie?"

Das weite Spektrum der Sexsomnie

Einer der aufschlussreichsten Artikel aus der Sexsomnie-Forschung entstammt einer gemeinsamen Studie des Minnesota Regional Sleep Disorder Centers, der University of Minnesota und der Stanford University. Er wurde 2007 veröffentlicht und heißt „Schlaf und Sex: Was soll schon schiefgehen?". Die Studie zeigt nicht nur, wie unterschiedlich die individuellen AusprĂ€gungen von Sexsomnie sein können sondern auch, dass sich die Krankheit typischerweise durch Masturbation ausdrĂŒckt, wobei MĂ€nner dazu neigen, die Person neben sich in ihr sexuelles Verhalten mit einzubeziehen. Eine neuere Studie zeigte nun, dass rund acht Prozent der Patienten eines Torontoer Zentrums fĂŒr Schlafstörungen bereits Sexsomnie erlebt hatten und, dass MĂ€nner hĂ€ufiger betroffen sind als Frauen.

Trotz der Pionierarbeit von Dr. Shapiro steckt die klinische Erforschung immer noch in den Kinderschuhen. Die Krankheit wurde erst im Mai dieses Jahres offiziell als Schlafstörung klassifiziert und anerkannt. Nach wie vor gibt es zu wenig gesicherte Erkenntnisse ĂŒber das PhĂ€nomen. Allerdings ist bekannt, dass das weite Spektrum des sexsomnischen Verhaltens von nĂ€chtlichem Stöhnen, laut ausgerufenen ObszönitĂ€ten, Sebstbefriedigung, unangemessenem BerĂŒhren der nĂ€chstbesten Person, BeckenstĂ¶ĂŸen oder sogar Geschlechtsverkehr besteht.

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FĂŒr uns wurde es zu einer angenehmen nĂ€chtlichen Ăœberraschung. Doch nicht jeder Fall von Sexsomnie ist so unschuldig.

In meinem Fall Ă€ußerte sich die Krankheit, in dem ich mich wild im Bett herumwĂ€lzte und meine Frau begrabschte. Meistens reagierte sie positiv, obgleich im Halbschlaf, auf meine unbewusste Anmache. Es war eine seltsam erhabene Erfahrung, als ob wir beide dabei andere Menschen wĂ€ren. FĂŒr uns wurde es zu einer angenehmen Überraschung oder zumindest einem Grund zum Lachen. Doch nicht jeder Fall von Sexsomnie ist so unschuldig.

Eine Google-Suche ergab mehr als genug FĂ€lle angeblicher Vergewaltigungen und sexueller BelĂ€stigung so, dass ich sofort beschloss, zum Arzt zu gehen. Denn die Sexsomnie-Symptome sind in meinem Fall nur die Spitze des Eisbergs, da ich außerdem unter Schlafwandel und nĂ€chtlichen AngstschĂŒben leide. Ich kann mittlerweile eine ganze Reihe von Anekdoten aus meinem Schlafzimmer erzĂ€hlen. So habe ich zum Beispiel bei einem meiner letzten NachtspaziergĂ€nge eine Art Bodenturnenden-Überschlag ĂŒber unsere Kommode gemacht. Im Schlaf. Es war höchste Zeit zum Arzt zu gehen, denn wer weiß, was ich sonst noch so alles des NĂ€chtens anstellen könnte.

Harmlose Auslöser

Mein Hausarzt verwies mich an das Weill Center, einem Zentrum fĂŒr Schlafmedizin in Manhattans Upper East Side. Dort traf ich Dr. Arthur J. Spielman, der sich fĂŒr meine Eingangskonsultation ausgiebig Zeit nahm. Ohne Zweifel wĂŒrde er mich zu einer nĂ€chtlichen Schalfuntersuchung in seiner Klinik bitten. Die Frage war nur, welche Störung er untersuchen sollte.

Parasomnien, zu denen auch die Sexsomnie zĂ€hlt, können die unterschiedlichsten Ursachen haben und werden von den verschiedenen Triggern ausgelöst. HĂ€ufig ist der Auslöser ein plötzliches Erwachen aus dem Tiefschlaf. Ein lautes, externes GerĂ€usch und plötzlich ist die Erregung da. In anderen FĂ€llen rĂŒhrt die Sexsomnie von einem medizinischen Leiden wie Schlafapnoe, wobei die Schnarcher dadurch aufwachen, dass ihnen kurzfristig der Atmen stockt. Auch der Konsum von Alkohol, der sowieso die SchlafqualitĂ€t verringert, kann Sexsomnie auslösen.

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Vor dem Hintergrund dieser Vielzahl an Parasomnie-Auslösern und der Tatsache, dass ich gelegentlich schnarche, verordnete mir Dr. Spielman eine SchlafĂŒberwachung in der ich auf Schlafapnoe und Parasomnien, die nicht mit REM-Schlaf in Verbindung stehen (wie z.B. Sexsomnie, klassisches Schlafwandeln und andere nĂ€chtliche Schreckenshandlungen), untersucht werde. Der Arzt zog zusĂ€tzlich auch noch nĂ€chtliche KrĂ€mpfe (als Form von Epilepsie) und REM-Verhaltensstörungen, wie Schlagen und Treten wĂ€hrend des Schlafs, in Betracht. SpĂ€testens jetzt war mir klar, dass mir eine breit angelegte Untersuchung bevorstand.

Klinische Verkabelung

Ein Techniker verkabelte mich fĂŒr die Schlafstudie und legte mir 33 Sensoren an, die alle Formen meines abnormalen Schlafverhaltens ĂŒberwachen sollten. Die Kabel und GerĂ€te mit denen ich verbunden wurde, kamen hauptsĂ€chlich aus dem Bereich der Elektroenzephalographie (EEG) und sollten, ausgehend von meiner HirnaktivitĂ€t, jede Regung meines Körpers messen.

Ich hatte 15 EEG-Elektroden auf meinem Kopf, die meine Hirnströme ĂŒberwachen sollten und anzeigten, in welchem Schlafstadium ich mich gerade befand. Normalerweise werden nur neun Elektroden verwendet, doch zur Untersuchung meiner nĂ€chtlichen Schrecken kamen noch einmal weitere Sensoren hinzu: Auf meine Augen, Arme, Beine und meinen Kiefer, falls ich mit den ZĂ€hnen knirschen sollte. Damit jede der Elektroden auf meinem Kopf auch gut funktionierte, schmierte mir der Techniker schön viel Leitpaste in die Haare.

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Der VollstĂ€ndigkeit halber hatte ich auch noch zwei Elektrokardiogramm-Elektroden (EKG) fĂŒr die Beobachtung meiner Herzfrequent auf meinem Brustkorb, wĂ€hrend zwei AtmungsbĂ€nder um meine Brust anzeigten, wie sehr sich mein Oberkörper auf- und absenkt. Ein wĂ€rmeabhĂ€ngiger Widerstand, in Form von PlastikschlĂ€uchen vor meinem Mund, beobachte außerdem meinen Atem und andere zyklische Rhythmen.

Zum Zum Zum Schlafen verkabelt. Foto vom Autor

Somit war ich bereit fĂŒr den unangenehmsten Teil der Verkabelung: Die P-Flow-KanĂŒle. Das sind Plastikröhrchen zur Hirnvermessung, die diesmal durch meine Nasenlöcher gezogen wurden. Zuerst kitzelte es nur ein wenig, doch schnell entwickelte sich die EinfĂŒhrung dieser KanĂŒle zum scheußlichsten GefĂŒhl der ganzen Prozedur. Abschließend bekam mein rechter Zeigefinder zur Bestimmung des Blutsauerstoffpegels noch einen Fingerpulsoximeter verpasst. Schon zehn Minuten spĂ€ter war ich bereit zum Schlummern.

Parasomnien wie Sexsomnie werden hĂ€ufig durch einen unregelmĂ€ĂŸigen Tiefschlaf ausgelöst. Um also möglichst vergleichbare Voraussetzungen zu meinen erotisch geplagten NĂ€chten zu schaffen, wurde ich im Namen der Forschung um vorherigen Schlafentzug gebeten. Ich verzichtete also in der Nacht vor der Studie auf zwei Stunden meiner wertvollen Nachtruhe, damit mein Schlafrhythmus einen unregelmĂ€ĂŸigen Schlag verpasst bekam. Ich tat also das, was ich immer abends so mache, guckte Fernsehen und las dann bis mir meine Augen zufielen.

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Der sĂŒĂŸe stationĂ€re Schlaf

Das Einschlafen fiel mir zunĂ€chst deutlich leichter als erwartet, aber ich bewegte mich wĂ€hrend der ganzen Nacht enorm viel. Eimal wachte ich auf und merkte wie ich auf mein Bett einschlug. Erst nach einem Moment wurde mir klar, dass ich versuchte das Pulsoximeter von meinem Zeigefinger abzureißen. Als ich vollstĂ€ndig wach war und mich etwas beruhigt hatte, rief ich ĂŒber die Sprechanlage den Techniker. Da ich das ursprĂŒngliche Oximeter anscheinend zerstört hatte, installierte er mir ein neues. Nicht ohne zu betonen, dass er solche Reaktionen extrem selten erlebe. Mit einem eigenartigen GefĂŒhl von Stolz schlief ich wieder ein.

SpĂ€ter erfuhr ich, dass die Klinik möglicherweise etwas nachgeholfen hatte: Dr. Andrew Westwood, ein Neurologe vom Columbia University Medical Center verriet mir ein Geheimnis (allerdings weiß ich nicht, ob diese Praxis auch am Weill Center angewandt wird): â€žWir warten ab, bis die Testpersonen in einen tiefen Schlaf gefallen sind", erzĂ€hlte mir Westwood. „Durch ein paar gezielte GerĂ€usche ĂŒber die Sprechanlage, versuchen wir dann manchmal solche AnfĂ€lle zu provozieren." Ich konnte nicht feststellen, ob diese Praxis auch regulĂ€r bei Dr. Spielman zur Anwendung kommt (der ĂŒbrigens nicht direkt zitiert werden wollte), doch es könnte eine ErklĂ€rung dafĂŒr sein, warum ich mich am nĂ€chsten Morgen so fertig fĂŒhlte.

„Die meisten Menschen kommen nicht aus eigenem Antrieb in die Schlafklinik", sagte Westwood. „Normalerweise werden sie von besorgten Freunden oder Verwandten geschickt. Manchmal kommen sie auch auf Grund einer Verletzung."

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Manche Leute nehmen an einer Schlafstudie teil, weil sie die Gewissheit brauchen, dass alles in ordnung ist.

Doch gleichzeitig scheinen sich solche Schlafstudien zunehmender Beliebtheit zu erfreuen. „Es kommen aber auch immer wieder Leute, die nicht ĂŒberprĂŒfen wollen was ihnen fehlt, sondern die einfach die Gewissheit brauchen, dass alles in Ordnung ist", erzĂ€hlte Westwood.

Die Muster im Gehirn

Als ich eine Woche spĂ€ter Dr. Spielman zur Besprechung meiner Ergebnisse besuchte, erwarteten mich gute Nachrichten: Ich litt weder unter Schlafapnoe, noch nĂ€chtlichen KrĂ€mpfen und auch keinen REM-Verhaltensstörungen. Die Studie ergab, dass ich nachts mehrere Tiefschlafphasen mit Nicht-REM 3-Schlaf oder N3 durchlebte. WĂ€hrend dieses N3-Tiefschlafs war ich öfter abrupt aufgewacht und hatte dabei einen erhöhten Herzschlag—ein Signal fĂŒr Nicht-REM-Parasomnie. Dr. Spielman war ĂŒberzeugt davon, dass meine Sexsomnie, Schlafwandeln und andere nĂ€chtlichen Ängste auf diese Muster zurĂŒckzufĂŒhren sind.

Als Dr. Spielman meine Akte in seinem Computer schloss, fĂŒgte er als eine seiner Diagnosen „Sexsomnie" hinzu. Vor vier Monaten hĂ€tte er das noch nicht getan, doch die kĂŒrzlich publizierte dritte Neufassung der Internationalen Klassifizierung von Schlafstörungen (ICSD-3) und die eindeutige neurologische Analyse meines Leidens, ließen ihn zu diesem Fazit kommen. „Im Schlaf ist der prĂ€frontale Kortex nahezu ausgeschaltet", erklĂ€rte mir Dr. Michel Cramer Bornemann, leitender Forscher bei Sleep Forensic Associates, einer fĂŒhrenden Expertengruppe medizinischer und juristischer SachverstĂ€ndiger zu Parasomnien:

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„Der prĂ€frontale Cortex ist der Teil des Gehirns, dass deine situationsangemessenen Handlungen steuert. Tief in deinem Gehirn sitzen zentrale Mustergeneratoren, die deine ĂŒberlebenswichtigen Impulse regeln."

Diese ĂŒberlebenswichtigen Verhaltensweisen beinhalten primĂ€re BedĂŒrfnisse wie unseren Kampf- oder Fluchtinstikt, den Essensbedarf und die sexuelle AktivitĂ€t. Reguliert werden diese „Programme" durch elektrische Stromschleifen. Bornemann fĂŒgte jedoch hinzu, dass sich diese zentralen Muster „sehr nah" an jenen Bereichen des Gehirns befinden, die die Schlaf- und Wachphasen kontrollieren.

Foto mit freundlicher Genehmigung vom Autor.

Wenn dein Schlaf also irgendwie gestört wird, zum Beispiel durch ein SchnaubgerĂ€usch des Partners, genĂŒgt ein kleiner elektrischer Schaltfehler aus den neurologischen Zentren, die fĂŒr den Schlaf-Wachzustand verantwortlich sind, um eines der zentralen Krankheitsmuster auszulösen. Eine der Folgen könnte die sexuellen Handlung sein.

In anderen Worten bedeutet das: Es ereignet sich solch ein Schaltfehler und dein prĂ€frontaler Cortex ist nicht soweit aktiv, um zu verhindern, dass du in deinem Schlaf Dinge tust, die du spĂ€ter bereuen könntest. Das erklĂ€rt auch, warum manche Menschen wĂ€hrend ihres Schlafs essen oder beim Schlafwandeln gewalttĂ€tig werden. Es gibt also scheinbar eine ErklĂ€rung fĂŒr die neurologischen Mechanismen der Sexsomnie. Jetzt muss nur noch eine Behandlungsmethode entschlĂŒsselt werden.

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Der Versuch einer Sexsomnie-Therapie

Dr. Spielman und ich entschieden uns fĂŒr einen Therapieversuch mit Klonopin, einem Benzodiazepin-Beruhigungsmittel, das Stress reduzieren soll und bisher bei der Behandlung von Nicht-REM-Parasomnien wie Sexsomnie eine 70-prozentige Heilungsquote aufwies. Das Medikament aktiviert GammaaminobuttersĂ€ure (GABA), den Neurotransmitter, der in deinem Gehirn fĂŒr die Beruhigung und Entspannung zustĂ€ndig ist. Klonopin hĂ€ngt sich an die GABA-A-Rezeptorseite deines Gehirns und verstĂ€rkt deinen Ruhezustand. Ein höheres Level an Sedierung soll in der Theorie nun bewirken, dass du nachts nicht bei jeder kleinen Ablenkung aus dem Tiefschlaf schreckst und die Sexsomnie somit weniger schnell ausgelöst wird.

Doch auch wenn Klonopin die Leitungen im Hirn verĂ€ndert, so ist immer noch nicht genau bekannt, wo sich die neurologischen Auslöser ereignen. Selbst Neurologen sind sich nicht vollstĂ€ndig sicher ĂŒber die VorgĂ€nge im Gehirn, freuen sich jedoch ĂŒber die positiven Ergebnisse, die mit dem Medikament erreicht werden können. „Klonopin ist einfach ein ziemlich effizientes Breitbandmedikament", sagte Bormann, der abgesehen von therapeutischen Methoden auch auf die Bedeutung des persönlichen Umgangs mit dem Krankheitsfeld verweist:

„Es kommt immer darauf an, wie der Patient selbst und sein Partner mit dem Leiden umgehen. Wenn jemand eher zart besaitet ist, kann es bereits problematisch sein, wenn sich die Sexsomnie nur einmal im Monat ereignet."

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Ich kann froh sein, dass meine Sexsomnie-Episoden eher mild ausfallen. Gleichzeitig ist meine Frau sehr verstĂ€ndnisvoll und akzeptiert meine nĂ€chtlichen Avancen. Andere hingegen bekommen ernsthafte Beziehungsprobleme, die bis zur Scheidung fĂŒhren können. Im schlimmsten Fall kannst du sogar fĂŒr sexuelle BelĂ€stigung angezeigt werden.

FĂŒr einen neurologen gibt es ein ganzes Spektrum an BewusstseinszustĂ€nden. Vor Gericht gibt es jedoch nur bewusst oder unbewusst.

Neben der Medikation kann auch ein verĂ€nderter Lebensstil als PrĂ€vention fĂŒr Sexsomnie dienen. Ein regelmĂ€ĂŸiger Schlafrhythmus, Stressreduktion und vor allem ein eigenes Bett können das Leben sehr erleichtern.

Schlafwandlerische Sexualdelikte

Auch wenn die Sexsomnie nicht mit der PĂ€dophilie verwandt ist, ist es offensichtlich keine gute Entscheidung, wenn Eltern mit diesem Leiden das Bett mit ihren Kindern teilen. Tragischerweise erschließt sich dieser Zusammenhang manchen Menschen erst zu spĂ€t. KĂŒrzlich ereignete sich in Ottawa ein Fall, bei dem ein Vater seine Tochter belĂ€stigte. Wie sich heraus stellte, litt der Mann unter Sexsomnie, hatte jedoch nie eine formelle Diagnose stellen lassen. Jeder Fall ist unterschiedlich und birgt eine andere KomplexitĂ€t, in diesem wurden jedoch sogar zwei Schlafexperten herangezogen—einer von ihnen war Dr. Shapiro—die sich widersprechende EinschĂ€tzungen zur Rolle von Alkohol als Auslöser fĂŒr Sexsomnie abgaben. Ein Urteil wird fĂŒr den 12. November erwartet.

Dr. Bormann zufolge handeln die meisten kriminellen FĂ€lle, in denen mutmaßliche Sexsomnie eine Rolle spielt, von den VerhĂ€ltnissen zwischen Eltern und ihren Kindern. Er und seine Kollegen der Sleep Forensics Associates waren die erste Gruppe, die ihre Expertise ĂŒber Schlafstörungen fĂŒr die KlĂ€rung juristischer FĂ€lle anboten.

Als Hauptforscher der Sleep Forensics Associates hat Bornemann bereits ĂŒber 300 schlafbezogene kriminelle FĂ€lle untersucht. 40 Prozent davon beinhalteten sexuelle BelĂ€stigungen. Werden nun die Nebeneffekte von Ambian (einem gĂ€ngigen Schlafmittel) mit einbezogen, steigt die Zahl noch einmal enorm an. Bornemann analysiert die Schlafforensik der TĂ€ter und wie Sexsomnie bei dem Delikt eine Rolle gespielt haben könnte. Mit seinen Gutachten hilft er auch den Geschworenen bei der Entscheidungsfindung. In jedem Gerichtsfall gibt es zwei wichtige Komponenten, die fĂŒr die Verurteilung bedacht werden mĂŒssen: Mens Rea, der lateinische Begriff fĂŒr die Motivation und die bewusste Absicht hinter dem Vergehen, sowie Actus Res, was sich auf die physischen Aktionen bezieht, die stattgefunden haben.

Die juristische Verteidigung von TĂ€tern, die unter Sexsomie leiden, basiert meist darauf, dass der TĂ€ter auf Grund des fehlenden Bewusstseins weder die Motivation noch die Absicht hatte, die Straftat zu begehen. In diesem entscheidenden Punkt unterscheiden sich Rechtsprechung und Wissenschaft, und die Justiz agiert oft genug mit einer gewissen Skepsis gegenĂŒber neuurologischen Urteilen:

„Juristisch gesehen ist Bewusstsein eine Dichotomie: Entweder bist du vollstĂ€ndig bewusst oder du bist bewusstlos.", sagte Bornemann. „Das ist das Gleiche wie mit dem Schlaf. Entweder schlĂ€fst du oder du bist wach. Entweder das eine oder das andere. In der Neurowissenschaft wissen wir jedoch, dass es ein ganzes Spektrum an BewusstseinszustĂ€nden gibt. Doch vor Gericht gibt es fĂŒr solche EinschĂ€tzungen keine Rechtsgrundlage."

Die kĂŒrzlich vorgenommene ErgĂ€nzung in der ICSD-3, die Sexomnia als einen offiziellen Parasomnie-Zustand beschreibt, markiert somit auch einen wichtigen Schritt nach vorne fĂŒr die rechtlichen Auseinandersetzungen mit dieser Störung. Bevor es diese Klassifikation gab, erzĂ€hlt Bormann, konnte die komplette Verteidigungsstrategie dadurch zerstört werden, das der Richter das Leiden als „MĂ€rchen" abtat.

Diese Entwicklung ist nicht nur ein Fortschritt dahingehend, wie Sexsomnia in juristischen FĂ€llen behandelt wird, sondern sie wird auch das allgemeine Bewusstsein zu diesem Thema voranbringen. Mit der Anwendung elektronischer ÜberwachungsgerĂ€te und der daraus folgenden Sammlung medizinischer Daten, sollte sich in absehbarer Zeit ein besseres VerstĂ€ndnis fĂŒr das unerforschte Leiden der Sexsomnie entwickeln.

Auch wenn es sich hierbei um hoffnungsvolle Schritte handelt, wird die Erforschung der Sexsomnie noch ein langer Prozess sein. Ich selbst hatte seit meiner Übernachtungsstudie zum GlĂŒck nur einen einzigen nĂ€chtlichen Anfall. Auch eine Klonopin-Therapie wird leider stets nur eine Behandlung der Symptome sein und keine Erlösung von meinem Leid. UnabhĂ€ngig davon, was der Medizin in Zukunft fĂŒr erhellende Erkenntnisse zur Sexsomnia gelingen—wenn ich nachts das Licht ausschalte, werde ich wohl immer mit einer gewissen Angst vor der Dunkelheit meiner Bettruhe einschlafen.