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Dieses Knast-Psycho-Experiment entlarvte die dunkelsten Seiten des Menschen

Was passiert, wenn Menschen per Zufallsauswahl zu Wärtern und Häftlingen in einem simulierten Knast erklärt werden?

von Christine Kewitz
24 Juli 2015, 11:38am

Titelbild: Screenshot Youtube Video „The Stanford Prison Experiment“

Letzte Woche kam in den USA ein Film ins Kino, der im Januar bereits auf dem Sundance Filmfestival seine Premiere feierte: The Stanford Prison Experiment. Es handelt sich um einen Thriller, in dem zufällig ausgewählte Menschen als Gefängniswärter Macht über andere zufällig bestimmte Gefangene ausüben dürfen. Der Verlauf des Filmes ist nicht schön, das Spannendste ist jedoch: Es handelt sich hierbei um eine wahre Geschichte.

Im Jahr 1971 führte der Psychologe Philip Zimbardo mit seinen Kollegen Craig Haney und Curtis Banks eben dieses psychologische Experiment an der Stanford Universität durch. Hintergrund des Versuchs war die Erforschung von sozialen Regeln und ihren Auswirkungen auf Rollen, Urteile und soziale Erwartungen in einem künstlich erschaffenen Gefängnisumfeld.

Es war eine Simulationsstudie über die Psychologie der Haft, die lange vor dem geplanten Ende abgebrochen werden musste, weil die Wissenschaftler ihre Objektivität verloren und die Wärter begannen, sadistische Züge auszuleben.


Mittels einer Zeitungsanzeige suchten die Wissenschaftler Teilnehmer für die psychologische Studie über das Leben in Gefangenschaft. Mehr als 70 Anwärter meldeten sich auf die Ausschreibung.

Das Stanford-Experiment beweist, dass Folterer nicht unter psychischen Störungen leiden müssen, sondern dass das soziale Umfeld den Menschen zu Gewalt und Unrecht anspornt.

Letzendlich entschieden sich die Psychologen für 24 Studenten aus der amerikanischen Mittelschicht und unterzogen sie vor Beginn einem Test, welcher ihre psychische und physische Gesundheit bestätigte. Die Teilnehmer bekamen für ihre Teilnahme an dem Versuch 15 Dollar pro Tag. Ihre Aufgabe wurde ihnen per Münzwurf-Entscheidung zugeteilt. Eine Zufallswahl mit fatalen Folgen.

Die Studenten waren nun Gefangene oder Gefängniswärter. Ihre Dasein hatte für die folgenden Tage nichts mehr mit ihrem wohl geordneten Alltagsleben zu tun.

Der Schrecken begann, als die „Verbrecher" an einem schönen Sonntagmorgen von einem Polizeikommando stilecht aus ihrem Wohnhaus abgeführt und zu Gefangenen wurden. Nachbarn waren Zeuge, wie der nette Typ von nebenan plötzlich aus seinem Haus geholt wurde, seine Hände auf den Streifenwagen legen musste und seine Rechte vorgelesen bekam.

Im „Gefängniskomplex" angekommen, wurden die „Kriminellen" den üblichen Identifizierungsmaßnahmen unterzogen, Fingerabdrücke wurden genommen und ihnen dann die Augen verbunden. Ohne Orientierungsmöglichkeit führten die Wärter sie in ihre Zellen, die als realistische Nachbauten im Keller der Psychologischen Fakultät der Stanford Universität installiert worden waren.

Jeweils drei Insassen bekamen einen winzigen dunklen Raum zugewiesen, in dem lediglich ein wenig Platz für drei Schlafpritschen bestand. Für den Gang zur Toilette mussten sie einen Wärter rufen, der den jeweiligen Häftling dann, wiederum mit verbundenen Augen, zum Klo führte.

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Sobald die Verhafteten im Keller-Knast der Uni angekommen waren, wurden sie erst einmal entlaust und bekamen eine schwere Fußkette angelegt. Doch damit nicht genug der Entwürdigung, zusätzlich mussten sich die Insassen einen Nylonstrumpf über den Kopf ziehen und ein Krankenhaushemd als Gefängniskleidung mit einer Nummer vorne und hinten anlegen. Unterwäsche gab es keine.

Die „Wärter" hingegen waren mit Sonnenbrillen, Trillerpfeifen und Gummiknüppeln ausgestattet, sie patroullierten vor den Türen und durften die „Gefangenen" so behandeln, wie sie selbst es für richtig hielten. Jegliche Entscheidungsgewalt oblag den Wächtern und ihre Aufgabe bestand darin, für Ruhe und Ordnung im Gefängnis zu sorgen. Im Falle eines Ausbruchs, so wurden sie informiert, würde das Experiment abgebrochen.

Die Wachen wechselten im acht-Stunden-Rhythmus, so dass jeweils drei Wachen und neun Gefangene vor Ort waren. Nachdem sich die Wachen mit ihren neuen Rollen vertraut gemacht hatten (was die Gefangenen durch den radikalen Einstieg in das Experiment ja ohnehin schnell lernen mussten) begannen sie rasch, ihre neue Macht zu demonstrieren: Mit Liegestützen für Ungehorsamkeiten und nächtlichen Zählappellen hielten sie die Gefangenen auf Trab.

Doch bereits nach der zweiten Nacht probten die Häftlinge einen Aufstand, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien—und ab dann ging es bergab. Die Wärter nahmen ihnen die Schlafpritschen und die eh schon spärliche Kleidung weg und spielten ihre Macht mittels verschiedener Maßnahmen aus.

Die Gefangenen durften von nun an ab 22 Uhr beispielsweise nur noch ihre eigenen Eimer in der Zelle für einen Toilettengang nutzen, was dazu führte, dass der simulierte Knast schon bald den unangenehmen Geruch von Kot und Urin verströmte.

Die Häftlinge, welche sich nicht oder nur wenig an dem Aufstand beteiligt hatten, wurden in eine Extra-Zelle mit Kleidung, Pritsche und zusätzlichem Essen verlegt. Nachdem sie nach einem halben Tag wieder zu ihren vorherigen Mit-Insassen zurückgebracht wurden, hielten diese sie für Spitzel. Die Wärter hatten somit die Solidarität unter den Häftlingen zerstört und neue aufrührerische Aktionen im Keim erstickt.

Obwohl das Experiment eigentlich für zwei Wochen angesetzt war, wurde es nach sechs Tagen abgebrochen, weil es aus moralischen Gesichtspunkten nicht länger tragbar war. Einige Gefangene zeigten zu diesem Zeitpunkt extreme Stressreaktionen und selbst die Versuchsleiter begannen ihre objektive Sichtweise auf das psychologische „Abenteuer" zu verlieren. Dazu kam, dass einige Wärter, besonders nachts, wenn sie vermuteten, dass die Kameras abgeschaltet waren, sadistische Züge auslebten. Nach dem Abschluss erlitten einige der Gefangenen emotionale Zusammenbrüche.

Im Stanford-Gefängnis-Experiment ließen sich bestimmte Ereignisse beobachten, die auch aus echten Gefängnissen bekannt sind. Diese entstehen durch Faktoren wie Anonymität, Regeln und Vorschriften, Verantwortung für Übertretungen, Rollenzuweisung oder auch dem Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz. Treten diese Faktoren gesammelt auf, können sie laut Zimbardo eine „mächtige Synthese" bilden.

Gerade als die Folterskandale von Abu Ghraib in den Medien hochkochten, wurde das Stanford-Gefängnis-Experiment als Beleg dafür herangezogen, dass eine Person für ihr unmenschliches Verhalten nicht unter einer psychischen Störung oder perversen Persönlichkeit leiden muss. Viel mehr sind die Bedingungen der sozialen Umwelt für das Verhalten verantwortlich, wie in dem empirischen Stanford-Experiment gezeigt wurde.

Nachdem es in Deutschland bereits mit Das Experiment einen Film mit einigen nicht ganz korrekten Wendungen gab—Zimbardo klagte auf Grund dieser Ungenauigkeiten erfolgreich gegen den Untertitel „beruht auf einer realen Begebenheit"—nimmt sich nun auch Hollywood des umfangreichen Experiments an. Hier ist der dramatische Trailer zu „The Stanford Prison Experiment":

Die Simulation einer Simulation ist in der aktuellen Filmversion etwas zugespitzt, physische Gewalt war im originalen Experiment beispielsweise verboten—dennoch: Auch der wahre Verlauf war keineswegs menschenfreundlich und zeigt auf schockierende Weise, wie sadistisch sich Menschen in von Macht und Ohnmacht bestimmten Situationen verhalten können.

Immerhin: Bei einem Treffen der Originalteilnehmer, ein Jahr nach dem Experiment, wurden keine verbleibenden psychischen Schäden bei den ehemaligen Häftlingen festgestellt.