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Wie Neonazis Suppenküchen für ihre Zwecke missbrauchen

In Europa nutzen rechtsextreme Gruppen die Not der Menschen aus, um ihre Botschaft in Tafeln, Suppenküchen oder bei gemeinnützigen Projekten zu verbreiten.

von Alex Swerdloff
23 September 2016, 11:00am

Foto via National Action

Bei Suppenküchen denkt man wahrscheinlich als Erstes an Dinge wie Wohltätigkeit oder an Freiwillige, die an kalten Tagen Bedürftigen eine warme Mahlzeit ausgeben. Aber bei dem, was derzeit in Schottland und dem Rest des Vereinigten Königreiches passiert, könnte man sich wirklich fragen, was wirklich die Absichten von Tafeln und Suppenküchen sind.

Wie mehrere Medien berichten, haben sich in Glasgow eine rechtsextreme englische Neonazigruppe und eine polnische faschistische Organisation zusammengetan und eine Essensausgabe nur für Weiße veranstaltet. Diese ganz klar hasserfüllten Gruppen nutzen wohltätige Aktionen, um ihre Ideologie unters Volk zu bringen. Einige meinen, dass das Teil eines neuen Trends ist: Solche Gruppen versuchen mit Gemeinde- und Wohltätigkeitsarbeit ihre Botschaft zu verbreiten. Manche nennen sie auch „Suppenküchen des Hasses".

Die Neonazigruppe National Action ist eine rechtsextreme britische Jugendgruppe, die Hitler verehrt und sich vor allem an weiße Studenten richtet, die sich benachteiligt und ausgeschlossen fühlen. Sie präsentieren ihre Suppenküchen als Beispiel dafür, wie Weiße Weißen helfen und behaupten auch, dass die Suppenküche „ein Hoffnungsschimmer auf den Straßen von Glasgow ist, damit alle Obdachlosen etwas zum Essen und zum Anziehen haben." National Action hat sich mit der Gruppe Narodowe Odrodzenie Polski (NOP) zusammengeschlossen, die bekannt dafür ist, den Holocaust zu leugnen und immer wieder die Häuser jüdischer Einwohner anzugreifen.

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Nutzen die Neonazis Suppenküchen jetzt zum Anwerben neuer Mitglieder? Kommt es durch solche hassgetriebenen Wohltätigkeitsprojekte dazu, dass Gegner des Sozialstaats weiter Sparmaßnahmen fordern und institutionalisierte Sicherheitsnetze noch weiter kürzen? Oder sind das nur ein paar wenige fremdenfeindliche Radikale, die sich verzweifelt Aufmerksamkeit über die Medien erhaschen wollen?

Wir haben uns mit Rechtsanwalt Aamer Anwar, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat, über die Entwicklungen in Schottland unterhalten: „Diese Leute haben es auf die Schwächsten in unserer Gesellschaft abgesehen. Obdachlosigkeit entsteht nicht dadurch, dass Menschen aus kriegszerrütteten Ländern fliehen müssen und auch nicht durch ethnische Minderheiten. Diese „Herrenrasse"-Typen haben in Schottland nichts zu suchen—ein Blick auf ihre Website verrät ihre wahren Absichten, ihren Rassismus, die Islamophobie und ihren Antisemitismus."

„Sie wollen sich als eine größere Organisation präsentieren, als sie es eigentlich sind", meint Aamer Anwar. „Sie wissen selbst, dass wenn sie solche Events groß ankündigen, sie auf großen Widerstand stoßen werden." Er meint auch, das rassistische Gruppen nicht das erste Mal Obdachlose als Zielgruppe auswählen: „Solche Taktiken der Rechten sind natürlich nichts Neues, aber gleichzeitig darf man auch nicht vergessen, dass zu Zeiten des Nationalsozialismus auch Obdachlose in den Konzentrationslagern umgebracht wurden."

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Auch Dr. John Pollard von der Cambridge University—sein Spezialgebiet sind faschistische und neo-faschistische Bewegungen—meint, dass die Strategie „nichts Neues für faschistische oder Neonazi-Organisationen ist." Er verweist auf Hitlers Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, das bedürftige Familien unterstützte—die hessische NPD hat mit ihrer „Deutschen Winterhilfe" 2007 eine ähnliche Aktion gestartet—, und auf die CasaPound Italia, die Suppenküchen und Tafeln organisiert. Auch die Goldene Morgenröte in Griechenland hat Essen verteilt, natürlich „nur für Griechen", selbst nachdem die Verwaltung es ausdrücklich verboten hatte.

Dr. Aaron Winter, Dozent für Kriminologie an der University of East London, sagte MUNCHIES, dass die Tafeln in Großbritannien „ein hart umkämpftes Gebiet sind", denn „seit der Koalition [zwischen Tories und Liberal Democrats]gibt es immer mehr davon und die Elite bzw. die reichen Konservativen haben oft gesagt, dass das nur deshalb sei, weil die Menschen wissen, dass sie dort kostenloses Essen bekommen—die Wirtschaftskrise und die Sparmaßnahmen haben sie bei diesem Urteil außen vor gelassen. Andere wiederum sagen, dass es deshalb so viele Tafeln gibt, weil Immigranten kommen und unsere Sozialleistungen abgreifen."

National Action versucht nun, weiße britische Brexit-Befürworter, die sich benachteiligt fühlen unddie Multikulturalismus für ihre Probleme verantwortlich machen, zu mobilisieren. Tafeln und Suppenküchen sind da eine gute Taktik, um aus dem Unmut der Bevölkerung Profit zu schlagen.

Allerdings kann man nicht vorschnell sagen, dass diese „Suppenküchen des Hasses" ein neuer „Trend" in der britischen Neonazi-Community sind, warnt Nick Ryan, ein Sprecher von Hope Not Hate. Hope Not Hate ist eine britische Organisation, die Gruppen öffentlich bloßstellen und untergraben will, die Hass und Intoleranz predigen.

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Er erzählte uns, dass die Berichte über „Tafeln mit Rassentrennung" in England Teil einer „PR-Masche sind, wobei nur wenig darauf hindeutet, dass es ein größerer Trend ist." Wie Hope Not Hate herausgefunden hat, ist National Action eine Splittergruppe der British National Party (BNP) bzw. ihrer Jugendorganisation (die sich mittlerweile Resistance nennt), nachdem diese politisch abgestiegen ist und es zu ideologischen Verwerfungen kam. Die zwar kleine Gruppe nutzt die Medien, um ihre Ideologie zu verbreiten und bedient sich dabei der Suppenküchen.Die Recherchen von Hope Not Hate deuten darauf hin, dass diese Gruppe sehr genau weiß, wie sie die Medien manipuliert und sich selbst als größer und effizienter präsentiert, als sie es in Wirklichkeit vielleicht ist.

National Action kommentierte die Aktion folgendermaßen gegenüber uns: „Heuchlerische Politiker haben uns einen Haufen Dreck hinterlassen, wir glauben nicht, dass das Problem vom politischen System gelöst werden kann. […] Darum geht es uns als Nationalsozialisten; die NSDAP hat den Arbeitslosen während der Weltwirtschaftskrise geholfen, das inspiriert uns."

In Glasgow sind nicht alle so besorgt über die National Action, wie die Medien. Ein Sprecher einer Glasgower Obdachlosenorganisation sagte zu uns: „Glasgow verdankt seine Weisheit und seinen Humor den Arbeiterwurzeln und dass wir immer wieder der Armut entkommen sind. Aber wir wissen auch, dass viele genau damit immer noch zu kämpfen haben. […] Aber Glasgow wird niemals Menschen tolerieren, die denken, sie seien besser als andere. Oder Idioten. Deshalb wünschen wir diesen Gruppen bei ihrem Plan, neue Anhänger zu finden, viel Glück. Wahrscheinlich werden sie es brauchen."

Auf jeden Fall geht es der National Action nicht allein um Wohltätigkeit. Jeder Teller Suppe kommt mit einer Prise Hass.

Interviews in diesem Artikel wurden aus Platz- und Verständnisgründen redigiert.