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Forscher bringen altes Folter-Experiment nach Europa – mit erschreckendem Ergebnis

Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich den Holocaust erklären. 56 Jahre nach dem ersten Test wurde es nun erneut durchgeführt. Die Frage: Würden immer noch genauso viele Menschen andere in den Tod schicken, wenn man es ihnen befiehlt?
16.3.17
Der Film Experimenter von 2015 erzählt die Geschichte des Milgram Experiments | Bild: Lighthouse Film

Wie hättest du als KZ-Aufseher gehandelt? Wenn es nach den Ergebnissen des Milgram Experiments ginge, ist zumindest eine schockierend hohe Zahl an Menschen jederzeit bereit, auf Anweisung tödliche Stromschläge zu verteilen. Wissenschaftler der University of Social Sciences and Humanities haben das Experiment, das vor über fünf Jahrzehnten für große Diskussionen sorgte, jetzt in Polen wiederholt – und sind zu ähnlich bedenklichen Ergebnissen gekommen.

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„Wenn sie von dem Milgram Experiment hören, meint die große Mehrheit der Menschen, dass sie sich selbst niemals so verhalten würde," beschreibt der Sozialpsychologe Tomasz Grzyb die Ausgangssituation der Studie, an der er als Ko-Autor beteiligt war. Aber auch im Jahr 2015 als die Studie erneut durchgeführt wurde, waren Versuchsteilnehmer bereit, wehrlosen Menschen zunehmend stärkere Stromschläge zu verpassen – hinterfragt haben sie die Aufforderungen der Wissenschaftler nicht, wie eine nun veröffentlichte Studie zeigt. In Wahrheit wurden bei dem Experiment allerdings nie echte Schocks verteilt, die Versuchspersonen werden lediglich in dem Glauben gelassen, dass sie den Opfern Schmerzen zufügen.

Das Besondere war diesmal, dass das Experiment erstmals in Europa durchgeführt wurde. Die Wahl fiel dabei nicht ohne Grund auf Polen, wie die Autoren der Studie schreiben: „Die einzigartige Geschichte der Länder in dieser Region machen es für uns besonders interessant, sich anzuschauen, wie gehorsam die Menschen sich gegenüber Autoritäten verhalten." Im Zweiten Weltkrieg wurden in Konzentrationslagern wie Auschwitz oder im nordöstlich von Warschau gelegenen Treblinka Millionen Menschen umgebracht.

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Die erschreckende Bereitschaft der Nazis im Dritten Reich zu töten, war auch der Ausgangspunkt für das ursprüngliche Experiment von Stanley Milgram im Jahr 1961. In den Nürnberger Prozessen gaben nämlich viele Nazis an, lediglich Befehle befolgt zu haben, als würde das ihre Taten irgendwie entschuldigen. Ein damals häufig vorgebrachter Erklärungsversuch, warum gerade die Deutschen zu Massenmördern wurden: Sie seien von ihrer Persönlichkeit eben besonders obrigkeitshörig. Diese Annahme konnte Milgram mit seinem Experiment widerlegen. 65 Prozent der us-amerikanischen Teilnehmer gingen damals bis zur höchsten Stufe und gaben einem anderen Menschen einen vermeintlich tödlichen Elektroschock, nachdem sie der Versuchsleiter mit Worten wie „Sie haben keine andere Wahl als weiterzumachen" oder „Es ist absolut wichtig für das Experiment, dass sie weitermachen" dazu ermuntert hatte.

In der modernen Version in Polen wurde der Test aus ethischen Gründen etwas abgeschwächt. Die zur Verfügung stehenden Stromschläge waren insgesamt weniger stark und nicht tödlich. Trotzdem war das Ergebnis ganz ähnlich wie das von Milgram. „Unsere Studie hat aber erneut bewiesen, dass diese fürchterliche Situation Probanden dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich ablehnen würden," sagte Grzyb.

Teilgenommen haben an der Studie 80 Personen – 40 Männer und 40 Frauen – im Alter von 18 bis 69 Jahren. Ihnen standen zehn Knöpfe mit unterschiedlich starken Stromschlägen zur Verfügung. Ganze 90 Prozent von ihnen waren bereit, bis zur höchsten Stufe zu gehen und damit einen anderen Menschen wegen einer falsch beantworteten Frage mit Elektroschocks zu bestrafen. Neu an dem Versuchsaufbau war zudem die Frage, ob das Geschlecht der Person eine Rolle spielt, die den Schlag bekommen sollte. Obwohl Stromschläge gegenüber Frauen dreimal häufiger abgelehnt wurden als gegenüber Männern, so die Autoren, könne man aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl hier keine allgemeinen Aussagen treffen.

Es scheint, als hätte sich die Gesellschaft nach 50 Jahren mit weitreichender Aufklärung über die Verbrechen im Nationalsozialismus im Grunde nicht geändert. Auch Grzyb stellt nüchtern fest: „Ein halbes Jahrhundert nach Milgrams ursprünglicher Untersuchung von Gehorsam und Autorität ist eine beachtliche Mehrheit immer noch bereit, ein hilfloses Individuum mit Stromschlägen zu verletzen."